Deshalb

verließ ich die Smiths Freunde

 

 

 

 

 

 

 

Umstände in der Gemeinde Drøbak 1989 - 90, die zum Bruch der Familie Ole J. Kristiansen mit den Smiths Freunden führten

Von Magne Kristiansen

1997

VORWORT

Dies ist die Geschichte davon, warum ich, meine Eltern und meine 11 Geschwister uns von der Sekte "Smiths Freunde" oder der "Gemeinde", wie sie sich selbst zu nennen pflegt, verabschiedeten. Im Laufe eines Jahres war die Veränderung für eine große und solide Familie vollendet. Von hochgeachteten Mitarbeitern waren wir zu von jedem wahren "Smithfreund" als Aussätzige und Unerwünschte Betrachteten geworden.

Sehr früh im Verlauf ahnte ich, daß dies historische Ausmaße annehmen könnte. So begann ich, nach jedem Ereignis Tagebuchaufzeichnungen zu machen. Ich wollte diese unfaßbare Geschichte, in der wir nun mitten drinnen gelandet waren, festhalten.

Aber die Geschichte wurde weit dramatischer, als ich es erwartet hatte, und es bedurfte einiger Zeit, bevor ich es wagte, meine Aufzeichnungen wieder hervorzuholen. Und dies geschah nach ausdrücklicher Aufforderung, besonders von Jan Oord, der näher sehen wollte, was eigentlich geschehen war.

Es war sehr anstrengend, meine Aufzeichnungen, Erinnerungen und gefühlsbeladenen Erlebnisse zu bearbeiten und in Worte zu formen. Es war eine starke Aufgabe, sich von Neuem hineinzuleben. Aber ich bin froh, daß ich es getan habe. Es ist gut, dies draußen und nun auf Papier zu haben.

"Smiths Freunde" sind eine eigene Gesellschaft, die gut von der übrigen Welt abgeschirmt ist, mit ganz eigenen Auffassungen und Begriffen und nicht zuletzt mit ihrer eigenen Terminologie. Um das Schreiben allgemeinverständlicher zu machen, wurden im Verhältnis zur ursprünglichen Fassung bestimmte sprachliche Justierungen vorgenommen. Eine Anzahl von Besonderheiten sind jedoch nicht zu umgehen.

Der Hauptzweck dieses Schreibens ist es, das, was geschehen ist, von meinem Standpunkt aus verständlich zu machen. Während des Schreibens habe ich Wert darauf gelegt, ehrlich und korrekt zu sein. Ich habe versucht, lose Gerüchte und Annahmen auszuschließen. Bei Zweifeln wurden Ereignisse und Aussprüche mit anderen Zuhörern überprüft.

HINTERGRUND

Ich bin Nummer sieben von zwölf Geschwistern. Eine solide Familie, "mitten in die Gemeinde" gut eingefügt. Mit Mutter und Vater, die sich gewissenhaft und treu um uns kümmerten und uns lehrten, gute Menschen zu werden, und die nicht zuletzt sich darum sorgten, uns den rechten Glauben und die rechte Lehre mitzugeben.

Und die rechte Lehre war die von Johan Oskar Smith, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Offenbarungen erhielt. Denn er erklärte die Bibel nicht so, wie es andere taten und tun, sondern glaubte und handelte gerade so, wie es in er Bibel stand.

Mutter und Vater stützten sich auf zwei Dinge, die Kinder und die Gemeinde. Das ging auf das Gleiche hinaus. Für diese gaben sie alles. Vater reiste die Lande auf und ab und evangelisierte, während Mutter die Kinder aufzog. Ab und zu reiste auch die ganze Familie gemeinsam. Das Haus war offen. Es gab viele, die hereinkamen und bis lang in die Nacht hinein Gemeinschaft pflegten. Vater war der Initiator und Antreiber, wenn es galt, für die Gemeinde Ausflugsstätten, Räumlichkeiten usw. zu beschaffen. Wir wurden gelehrt, Geld und Einsatz für die Gemeinde zu opfern. Das war ganzherzige Zustimmung.

Uns wurde Vertrauen in die Gemeinde eingeimpft. Doch war Vater teilweise gemeinsam mit den Ältesten umhergereist und kannte sie persönlich. Er verhehlte nicht, daß, wenn sie auch große Diener Gottes waren, sie doch auch Menschen waren. Er stimmte nicht immer allem zu, was gesagt und getan wurde.

ICH SELBST

Für mich gab es keine Wahl. Es gab nur die Gemeinde. Auf diese wollte ich setzen, so lange es mir möglich war.

Es währte nicht lange. Mir war elend zumute. Unfrei und schwach auf jede Weise. Ich weinte und betete und versuchte, so gut ich konnte, nach der Vorschrift zu leben: Höre auf zu sündigen, dann bist du mit der Sünde fertig. Es war hoffnungslos. Ich tröstete mich damit, daß es mit der Zeit wohl besser würde, wenn ich nur nicht aufgäbe. Der Zusammenhalt und der Trost bei den Versammlungen hielten das Ganze auf irgend eine Weise aufrecht, aber ich fühlte, daß ich nicht weiterkam.

Die Jahre vergingen, und ich begann, an den Versammlungen teilzunehmen. Das half nicht sehr. Es war ein Ekel mit diesem inneren Elend. Nach außen hin war alles in Ordnung.

Ich las in meiner Bibel, ich las in den Schriften der Gemeinde. Doch blieb mein Herz trocken und leer. Es fehlte mir die Heilsgewißheit. Gott war streng und Jesus war fremd. Natürlich deshalb, weil ich so hoffnungslos sündig war. Ich mußte mich ändern! Aber ich schaffte es nicht. So mußte ich also eifrig und geschäftig sein, Kampfgeist und Not erfahren! Das verschwand jedoch so schnell wie es kam.

Dann fand ich ein altes fleckiges Buch, "Das Gebet", von Mme Guyon. Mutter sagte, es sei gut. Es war ein merkwürdiges Buch. So anders. Man sollte die Worte von Mme Guyon genießen, die Süße aus ihnen heraussaugen. Gott war gut. Er möchte mich gerne erfüllen, nicht durch meine Anstrengungen, sondern durch meine Ruhe. Statt gegen die Versuchungen zu kämpfen sollte ich in Gottes liebenden Armen ruhen.

Ich wagte nicht richtig, dies zu glauben. Das war so fremd. Ich legte das Buch weg.

Aber die Botschaft des Buches arbeitete in der Tiefe des Herzens. Es lag eine seltsame Verlockung darin. Einige Jahre später fiel es mir wieder in die Hände. (Ich war etwa 24 Jahre alt). Da war es, als ob sich mir eine neue Welt öffnete. Ich wurde mit einer solchen Seligkeit und einem solchen inneren Frieden erfüllt, wie ich sie noch nie erfahren hatte. Mein chaotisches Innere wich einer wunderbaren Harmonie. Jedes Kapitel war ein Erlebnis. Gottes Geist offenbarte mir die Wahrheiten des Buches auf eine wunderbar klare Weise. Strahlend klar stand mir vor Augen, daß all mein Streben, recht zu leben, mich nur hinderte. Gott stand bereit zu seinem Handeln an mir, wenn ich ihn nur an mich heranließe! Ich mußte vertrauensvoll und hoffnungsvoll alle meine Dinge, ja mein ganzes Dasein, in seine wunderbaren liebevollen Arme legen.

Dies wolle ich verkünden! Ah, wie gut das werden sollte! Denk an alle niedergedrückten, mutlosen Seelen. Die sich plagen und streben und sich vor Gott fürchten! Hier war ja die Lösung!

Aber das war nicht so leicht. Diese herrliche Botschaft wurde nicht besonders gut aufgenommen. Ich war verwundert. Ich wurde verzweifelt. Ich wurde zornig.

Ich sprach darüber auch außerhalb der Treffen. Einige zuckten die Schultern. Ja, es gibt ja viele verzweifelte und niedergedrückte Seelen, aber ..... Einige fürchteten , dies sei "fremde Lehre". Sie zogen sich zurück. Aber einige ganz Junge waren richtig einig. Es gäbe allzuviel gesetzliche Verkündigung. Es entwickelte sich mit diesen nach und nach eine große Offenheit und nahe Freundschaft.

Ich versuchte, mit Vater über diese etwas vernachlässigte Seite der Verkündigung zu sprechen. Aber er gebot Einhalt, als er fühlte, dies gehe über die etablierte Verkündigung hinaus. Er fürchtete, dies könnte in einer falschen Spur enden. So hielt er mir eine lange Predigt, bevor ich erklärt hatte, was ich meinte. Dies wiederholte sich, und zum Schluß gab ich auf. Mein Vater war jedoch mehr Anhänger dieses positiven Gottesbildes als die meisten anderen. Er hatte mit Jungen und Älteren auf der ganzen Welt Kontakt. Sehr viele waren mutlos und niedergebeugt. Es lag ihm immer am Herzen, solchen zu helfen.

Insgesamt fühlte ich, daß die meisten für die Botschaft des "Gebets" keinen Sinn hatten. Nein, hier galt es, sich zum Gehorsam gegenüber Gott zu ermannen, und damit basta. Hingabe und Übergabe an Gott waren völlig unbekannte Begriffe.

Ich fühle mich einsam in meinem Glauben. Auch bei den großen Konferenzen. Nur ausnahmsweise wurde das innere Gebetsleben betont. Ich litt darunter und wunderte mich. Ich brauchte selbst Einfluß in dieser Richtung. Aber es gab nur "du sollst und du mußt und die Religiösen wollen nicht". Diese hoffnungslose Tretmühle , die zur Niederlage verurteilt war. Nein, das hatte ich mehr als genug ausprobiert. Ich sah es an mir selbst und ich sah es an anderen, dieser Weg führte nicht vorwärts!

Nach und nach wurde es gleichsam eine Gewohnheit. Ich war etwas anders, sprach etwas anders und beruhigte mich damit.

DIE GEMEINDE DRØBAK

Wir liebten unsere Gemeinde. Etwas stolz auf sie waren wir auch. Guter Zusammenhalt, gute Freunde, selbstgebaute Lokale und Ausflugsstätten. Und das meiste ging in Frieden und Verträglichkeit vor sich.

Unsere Familie hatte eine starke Position. Vater war der Leiter. Mein ältester Bruder Johnny war Leiter der Musik und der Sonntagsschule. Ein anderer Bruder, Åge, war Jugendleiter. Ich selbst leitete die Jugendmusik. Es waren nicht viele Positionen übrig.

Bei den Treffen ging das meiste in friedlichen Formen vor sich. Zwar hatten wir etwas verschiedene Ansichten. Einer glaubte an die Freude, einer an die Barmherzigkeit, einer an den Eifer, einer an die Brüder, einer an den Willen und einer an den Tod. Ich selbst glaubte mehr und mehr an das "Gebet". Doch konnten wir damit leben und im großen gesehen freuten wir uns über die Treffen.

Zwei junge Männer hatten eine herausragende Rolle in der folgenden Geschichte und bedürfen einer näheren Vorstellung, Thorleif Baltzersen und Samuel Zina.

Thorleif und ich sind gleichaltrig und sind beide in Drøbak aufgewachsen. In den Kindheits- und Jugendjahren teilten wir vieles miteinander. Ich habe aus dieser Zeit viele gute Erinnerungen. Nach und nach wurden wir "Brüder" und teilten noch mehr miteinander. Jugendtreffen, Touren, freiwilligen Arbeitseinsatz usw. Wir sprachen miteinander über die Jugendlichen, über Probleme, über Mutlosigkeit und Glaube.

Nun kam ich mit Mme Guyon und voller Hingabe. Schluß mit aller Gesetzlichkéit und ergreife Gottes Liebe als Antrieb. Thorleif fürchtete sich etwas davor. Er war ziemlich gesetzlich aufgezogen worden, mit einem unbegrenzten Vertrauen auf die "Brüder". Gewiß gab es zu viel Mutlosigkeit und allzu wenig Glauben und Begeisterung, aber dennoch. Er wagte es nicht, sich dafür zu öffnen. Es entstand niemals ein ordentliches Gespräch darüber. Er wurde gleichsam stumm. Ich wurde etwas unsicher. Etwas zornig auch. Provozierte etwas. Setzte die Dinge auf die Spitze.

Thorleif las niemals etwas anderes als die Schriften der Gemeinde (ich glaube, er liest auch dort nicht viel). Wenn ich ein seltenes Mal etwas anderes las, das ich aufbauend fand, erzählte ich ihm gerne davon. Außerdem hatte er göttliches Vertrauen auf die "Brüder". Für mich befanden sich diese entschieden mehr auf der Erde, und erhielt ich eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, so ergriff ich sie gerne. Etwas neckend und vielleicht unklug, auf jeden Fall nicht sehr taktisch. Er öffnete sich dieser Tendenz entschieden nicht mehr.

Bald heiratete ich Thorleifs Schwester. Dies führte dazu, daß wir mehr gemeinsam hatten, aber über das "Gebet" und Mme Guyon kamen wir niemals zu einer tieferen Einigkeit.

Samuel Zina kam aus Afrika. Er kam im Erwachsenenalter zufällig zur Gemeinde. 1985 ließ er sich in Drøbak nieder. Als Mohammed Zina. (Er nahm später den Namen Samuel an). Sein arabischer Hintergrund gab ihm selbstverständlich ein besonderes Gepräge in unserem heimischen Milieu, aber er war ein charmanter Kerl. So charmant, daß er sich ziemlich schnell verlobte. Wir verlobten uns in der Tat fast gleichzeitig mit jeweils einer von Thorleifs Schwestern.

Samuel mochte meine Verkündigung nicht besonders. Sie war zu religiös. Aber er hatte einen offenen Sinn und es war viel einfacher, mit ihm zu sprechen, als mit Thorleif. So sprach ich eines Tages ausführlicher über meinen Glauben. Über Gott, der mit seiner Liebe ins Herz hinein sollte. Uns gewinnen, uns ergreifen, uns antreiben. Schluß mit diesem Soll und Muß. Nicht zuletzt sprach ich über das "Gebet" und Mme Guyon.

Samuel wurde mächtig ergriffen. Nun verstand er, was ich eigentlich meinte. Er vertraute mir an, daß er bei den Treffen bewußt gegen mich gearbeitet hatte Aber er hatte mich mißverstanden. Ja, das war die Lösung. Er erzählte, wie er selbst gestrauchelt war. War mit anderen Brüdern zusammengekommen und sie hatten sich gegenseitig zu Kampf und Streit begeistert; zurück zum Alltag war es gleich trocken und mit Mißerfolg gekrönt. Das wurde kein inneres Leben, das wurde nicht Gott.

Er lieht sich das "Gebet". Nach einiger Zeit mußte ich ihn selbst bitten, es zurückzugeben. Er war von dem Buch begeistert, aber es gab da vieles, was er nicht verstand. Könnten wir nicht einen Studienkreis gründen? Einmal, als ich mit einigen anderen bei ihm daheim eingeladen war, erhielt ich den ganzen Abend zur Verfügung, um die herrliche Botschaft des "Gebets" zu erklären. Es war Samuels Vorschlag, auf den ich nur widerwillig einging.

Wir waren in dieser Zeit viel beisammen. Sprachen miteinander über vieles und waren richtig einig. Die Gemeinde hatte sich wohl zuviel aufgehalst in ihrem Kampf gegen die Religiosität. Gottes Liebe und das innere Leben wurden vernachlässigt. Jugendliche, die ihren Fuß nie außerhalb der Gemeinde gesetzt hatten, faßten dies falsch auf. Sie landeten weit draußen im gesetzlichen Graben. Wir wußten, daß es schwierig war, dies zu verkünden, da es schnell als religiöser Schnick-Schnack abgestempelt würde. Aber wir sollten es versuchen!

Samuel hatte etwas Kontakt mit Bratlie. Aber er meinte, es lohne sich nicht, Bratlie da mit hineinzuziehen. Er war ja alt und würde es sofort mit Religiosität assoziieren. Ich stimmte dem zu. Daß Bratlie gegen die Religiosität einen formidablen Einsatz geleistet hatte, war klar, aber nun war es bald an der Zeit, zum inneren Gebetsleben überzugehen.

Nach einigen Monaten verlor Samuel die Begeisterung. Ob er müde war oder ob auf ihn von anderer Seite eingewirkt wurde, weiß ich nicht. Ich versuchte vorsichtig, einen neuen Funken zu zünden und hoffte, es würde sich wenden, aber das geschah nicht. Eher das Gegenteil

ES GLIMMT

JULI 89

Wir sind auf der Sommerkonferenz in Holland. Ich glaube, es ist das 22. Mal, daß Vater eingeladen wurde. Mehrere der Kinder sind mit, um den VW-Bus aufzufüllen.

Sie legen hier Wert auf Vater. Er versteht sich auf die Holländer und paßt gut zu diesem ausdrucksvollen Volk. Ja, er leistet immer etwas Außerordentliches in Holland.

Da taucht ein Bruder aus Norwegen auf, mit dem ich ins Gespräch komme. Ein junger Mann, der mir besonders auffiel. Mehrmal hat er für die Liebe und das Vaterherz Gottes mit Einfachheit und Innerlichkeit, die mich gewundert haben, Zeugnis abgelegt. Ich sage ihm das und schnell ist das Gespräch im Gang. Wir sind darüber einig, daß es allzu wenige ergriffene Herzen gibt. Man ist sich nicht klar über Gottes väterliche Fürsorglichkeit. So sprechen wir über Johs. Muller, Mme Guyon und alte "Verborgene Schätze". Mehrere von diesen schrieben mit einer Innerlichkeit und Hingabe, die heutzutage Mangelware ist. Ich werde besonders bezüglich Mme Guyon eifrig.

"Ja, aber sie war da etwas von sich eingenommen", sagt der Bruder und lächelt neckend.

Es hat mich immer gewundert, daß über gottesfürchtige Personen außerhalb der Gemeinde so leichtfertig gesprochen werden kann, während über die Ältesten der "Gemeinde" mit größter Heiligkeit gesprochen werden muß. Wenn er nun später warm über J.O. Smith und sein Buch "Seele und Geist" von 1927 spricht, möchte ich einen neuen Anlauf nehmen.

"Ja, ich habe es selbst gelesen, aber es schien mir nun, als sei da viel Stroh darinnen".

Das Wort war kaum glücklich gewählt. Was ich mit Stroh meinte, war, daß es etwa gleich schwer zu verdauen sei. Ich las nämlich "Seele und Geist" als 20-Jähriger und hatte etwas Probleme mit der Erklärung. Daß der Bruder mich dahingehend verstand, daß es den Wert von Stroh habe, kann ich wohl im Nachhinein verstehen. Nichtsdestoweniger war es ein großes Mißverständnis.

Es wird ein richtig offenherziges Gespräch, in dem wir mehr über die Hingabe der Alten reden. "Es erzeugt eine Sehnsucht im Herzen", sage ich und denke besonders an das "Gebet". "Eine innere Sehnsucht nach Gott. Aber lies heute die Verborgenen Schätze, das ist ja strohtrocken! Eine reiner Job, da durchzukommen! Da muß doch etwas sein, das fehlt!" Der Bruder ist nicht ganz uneins. Er hat selbst einiges mit Bratlie besprochen. Es gibt viele trockene Gegenstände, gibt er zu. Aber er hat auch lebendigmachende Gespräche erlebt, die bewirken, daß er zu Bratlie Vertrauen hat.

Der Bruder lacht darüber, daß ich geradeaus meine Meinung sage. "Das ist gut, so soll es sein. Aber du darfst nicht so zu jedem Beliebigen sprechen. Ich vertrage das gut, aber nicht alle tun das."

Ich freue mich über das Gespräch und benütze die Gelegenheit, um andere Dinge zu erwähnen, die ich auf dem Herzen habe. Bei einem bestimmten Thema hält er inne: " Da gibt es etwas, worüber du dir klar sein mußt, denn da kann man sich leicht irren". Ich möchte, daß er es erklärt, aber es scheint ihm, das sei da und dort etwas schwierig. "Du mußt du mir schreiben", sage ich und gebe ihm die Anschrift.

AUGUST 89

Den ersten Vorgeschmack, daß etwas im Gären ist, erhalte ich jetzt. Thorleif und ich sind mit den Familien bei Samuel eingeladen. Später am Abend stellt uns Samuel eine Frage: Sollte Gott allein mich retten oder gibt es da eine Zusammenarbeit?

Ich antworte natürlich, "Gott allein" und versuche, dies zu begründen. Thorleif ist kopfschüttelnd uneins. Nein, ich muß selbst mithelfen. Das Gespräch stockt jedoch bald. Wir sind meilenweit voneinander entfernt. Samuel versucht zu vermitteln. Er möchte einen Ausweg finden.

Ich selbst versuche, es etwas leichter zu nehmen. Mache einen Witz. Aber Thorleif ist entschieden nicht zu Witzen aufgelegt. Es sieht aus, als ob er es schlecht aufnehmen würde.

Er ist nun entschiedener, gleichsam etwas hart. Wir sind in eine ungute Situation hineingeraten.

MONTAG 28/8

Samuel kommt zu Besuch. Am Wochenende war die ganze Familie verreist in Verbindung mit dem 40. Hochzeitstag der Eltern.

Samuel erzählt von Haslum, wo sich die ganze Gemeinde an den Sonntagen versammelt. Da hatte Thorleif die Gelegenheit benützt, während wir abwesend waren, und hatte mit verschiedenen Leuten ein wenig über die Verkündigung gesprochen, die ich vertrat. Einige waren sicher mit ihm einig gewesen.

Es ist ja etwas seltsam, wenn man so etwas hört, das einen selbst betrifft, und ich wundere mich darüber, was dies bedeuten soll.

Wir sprechen wieder über die Sache Gottes und meine Angelegenheit. Er wirkt aufrichtig suchend und zuhörend, aber es scheint mir, es sei etwas hoffnungslos. Ich habe dies ja hunderte Male früher gesagt, er wurde auch von diesen Dingen mächtig ergriffen. Und nun sind wir wieder am Anfang.

Wir müssen einen Ausweg finden, sagt er. Es gibt ja deutlich tiefe Meinungsverschiedenheiten. Ja, das weiß ich nur allzu gut. Was wäre mit einem Brüdertreffen darüber mit eingeladenen Brüdern, schlägt er vor. Ich habe überhaupt keine Lust dazu. Ich mag keine Aufregung über mich und das Meine, und zuinnerst ahne ich wohl, daß es wenige Brüder sind, zu denen ich in diesem Zusammenhang volles Vertrauen habe. Ein Brüdertreffen nur aus Drøbak? Da wäre es wohl leichter, frei und offen zu sprechen, aber ich bin über den Vorschlag nicht begeistert.

Ich verstehe, daß Samuel es als wichtig ansieht, darin Klarheit für sich selbst zu finden. Er hat teilweise Kontakt mit Thorleif.

MITTWOCH 30/8

Kåre Smith taucht unvermutet beim Treffen auf. Ganz zufällig, sagt er später. Er predigt mit kräftiger Stimme und starken Worten. Was eigentlich das Thema ist, ist schwer zu sagen. Er reitet etwas darauf herum, daß man seinen Wegbegleitern gehorchen soll. Er gibt jemanden, der sagt, man solle seinem eigenen Gewissen folgen. Finde es selbst heraus. Das ist nur Unsinn! Das Stimmvolumen wird noch zwei Stufen lauter. Nein, wir haben Brüder. Denen sollen wir gehorchen!

Ich bin darin uneinig. Zutiefst uneinig. Diese Art von Aussagen strapazieren mein Vertrauen zu den Brüdern sehr.

Eine meiner Schwestern geht mitten unter der Predigt weinend hinaus. Von solchen Donnerpredigten hat sie genug. Das geschieht natürlich nicht unbeachtet.

Thorleif lobt Kåres Predigt hoch in den Himmel: "Wir in Drøbak sind allzu patriotisch. Kräfte von außerhalb tun uns sehr gut." Er sagt auch, früher hätte es mehr Schwung gegeben. "Da predigte Ola (Vater) mit Eifer. Das brauchen wir heute dringend."

Eigentlich eine ziemlich auffällige Aussage. Was natürlich auch Kåre bemerkt. Einige Tage später fährt Thorleif zu einem Treffen nach Oslo und der Kontakt mit Kåre ist hergestellt.

DIENSTAG 12/9

Kåre Smith besucht Samuel Zina. Kåre beteuert später, daß dies nur als ein freundschaftlicher Besuch gedacht war. Thorleif und mehrere andere aus Drøbak sind auch eingeladen. Vater erhält am gleichen Nachmittag Bescheid über die Versammlung. Einem der Eingeladenen scheint es doch schwerwiegend zu sein, daß dies völlig hinter seinem Rücken vor sich gehen sollte.

Vater ist etwas schockiert und besucht mich am Abend. Er will näher untersuchen, was ich eigentlich vertrete. Wir sprechen miteinander und ich fühle, daß wir endlich tief und offenherzig auf Dinge stoßen, die ich schon lange gefühlt hatte. Über mein Licht, meine Überzeugung, meine Sicht von der heutigen Verkündigung der Gemeinde und meine Sicht von ihm. Über mangelnden Glauben und mangelndes Vertrauen und mangelnde Übergabe an Gott. Über den großen Schatz, das innere Leben, das von ihm oder von anderen kaum verkündet wird. Ich versuche, so offen und ehrlich wie möglich zu sein. Hernach fühle ich mich außerordentlich erleichtert. Die Luft ist gereinigt.

Der Besuch bei Samuel wird in Wirklichkeit ein Treffen, das die Verhältnisse in Drøbak angeht. Der Zweck scheint klar genug zu sein. Hier werden die Truppen (nur auserwählte) zum Aufruhr gesammelt. Kåre Smith hängt sich an. Mit saftigen Glossen und lauter Stimme bläst er Leben in den Kampfgeist. Mangel an Respekt und Gehorsam gegenüber den Ältestenbrüdern wird zu einer überdimensionalen Sünde, welche die meisten Anwesenden veranlaßt, sich wie Schuljungen zu schämen. Das Schuldgefühl und der Ernst weckt den Eifer (und schwächt die Urteilskraft). Nun soll der Wahnsinn beginnen.

MITTWOCH 13/9

Treffen. Es wird über unser Inneres gesprochen, das mit einem Lager verglichen wird. Da gibt es einige Unflätigkeiten, die man ausmerzen muß. Mir scheint (wie gewöhnlich), der Glaube an den eigenen Einsatz sei übertrieben im Verhältnis zu Gottes Einsatz. Ich spreche über mein persönliches Vertrauen und glaube daran, daß Gott mein Inneres reinigen soll. Ich kann ihm diese Aufgabe getrost überlassen. Ja, wir selbst sind eigentlich ganz untauglich dafür. Schnell beachten wir das, von dem wir glauben, es sei schön, unsere guten Seiten. Aber Gott reinigt alles. Wir sind völlig vom Bösen durchsäuert! Nichts ist in Gottes Augen brauchbar!

FREITAG 15/9

Mutter und Vater kommen zu Besuch. Vater hatte ein Erlebnis mit Gott. Es hebt ihn fast vom Stuhl. Ganz ergriffen! Bittet um Vergebung, weint und erzählt. Gott hat seine Ansicht völlig geklärt. Gottes gute Absicht und vollkommene Leitung in allen Dingen ist sonnenklar geworden. Hier kann man sich vollständig in Gottes liebende Arme übergeben. Vergiß die Sorgen. Vergiß den Mißmut. Gott ist es ja, der lenkt! Auf wunderbare Weise ist Vaters Herz voll von Liebe zu allen. Oh, wenn wir allen helfen könnten! Allen, die sich plagen, allen Mißmutigen, allen Niedergebeugten.

Es ist ein reines Erlebnis, Vater zu sehen und zu hören. Nun soll die ganze Welt erlöst werden. Ich freue mich mit, bin aber nicht so ganz optimistisch. Es ist nicht sicher, daß dies sehr gut aufgenommen wird. Aber Vater will auf diesem Ohr nicht hören. Er hat dazu eine Menge Bibelverse und Schriften zu Verfügung! Und am Wochenende soll er zur Konferenz nach Tinn-Austbygd und freut sich über den Gedanken über das, was er zu verkünden hat.

SAMSTAG/SONNTAG 16-17/9

Familienbesuch in Brevik (Schwiegerfamilie). Ich fühle zweifellos der "Sache", wie wir sie nun nennen, auf den Zahn. Wir versuchen, darum herumzukommen, aber plötzlich ist die Diskussion in vollem Gang. Einer der Anwesenden berichtet von der Versammlung bei Samuel. Dort wurde etwas aus dem Buch "Ein glückliches Leben" von H.P. Smith gelesen. Dies hatte Kåre Smith schnell weggefegt mit "nur religiöses Geschwätz"

Ich bin maßlos erstaunt. Dies ist ein sehr gutes Buch, das den Weg zu einem sieghaften Leben beschreibt und die Schwierigkeiten, auf die die Seele dabei stoßen kann. Soviel ich weiß, wird das Buch in der Gemeinde teilweise benützt. Hat sich Kåre wirklich mit der Botschaft des Buches beschäftigt? Wenn nicht, wie kann er da so ein niederschmetterndes Urteil fällen? Große Worte und bombensichere Aussagen imponieren mir in solchen Zusammenhängen wenig.

Ich versuche zu erklären, was ich meine mit "das Leben übergeben", einzusehen, daß man es nicht selbst vermag, und die Erlösung Gott zu überlassen. Das ist keineswegs das selbe, wie wenn man gleichgültig ist. Nein, das Trachten nach dem Himmel und nach Reinheit findet sich tief im Herzen, aber selbst vermag man das nicht zu erreichen. Der einzige Ausweg besteht darin, daß Gott sich um das Ganze annimmt. Gott ist eine lebendige Wirklichkeit, die es nicht unterläßt, den zu leiten, der seine Zuversicht auf ihn setzt. Dadurch kann man sich in seiner Elendigkeit freuen. Viele mißverstehen das, sage ich.

Da mache ich sehr schnell eine neue Erfahrung. Das Gespräch wird kummervoll.. Man schließt sich völlig ab. Das Treffen bei Samuel hat deutlich Eindruck erweckt. Ich erreiche überhaupt nichts. Man macht nicht einmal einen Versuch, mich zu verstehen.

Abends sind wir beim Treffen in Brevik. Es beginnt damit, daß man sich in die verschiedenen Tugenden einübt. Die Predigt paßt meiner Meinung nach eher in den Humanethischen Verband. Sie appelliert nur an des Menschen eigene Charakterstärke. Gott wird überhaupt ausgelassen.

Wir werden aufgefordert zu sprechen. Bruder Åge spricht über die Früchte des Geistes. Es ist der Geist, der Früchte bringt. Ich sage nichts.

Sowohl Åges Rede als auch meine Nicht-Rede werden beachtet. Wir hören später davon.

MITTWOCH 20/9

Vater war am Wochenende in Tinn-Austbygd gewesen und hat sein neues Licht verkündet. An der Basis war die Aufnahme klaglos! Er beginnt nun das Treffen im selben Geist. Erzählt über sein Erlebnis. Über Gottes vollkommene Leitung.

Aber hier fühlt er eine Wand, eine Mauer des Widerstandes. Es geht etwas stotternd, aber er bleibt dabei. Erwähnt auch meine Predigt von der Vorwoche darüber, daß Gott das Herz reinigen sollte. Erzählt, daß er selbst etwas erstaunt war, aber das ist ja völlig richtig. Liest Joh 15,1 und weiter. Liest auch ein Stück vom Zahnarzt Aksel Smith darüber, daß die Heiligung ein Geschenk ist. Hier wendet er sich an Samuel Zina, der bei einem früheren Treffen Zeugnis darüber gab, daß die Heiligung gerade kein Geschenk sei! Aber hier steht ja, daß sie ein Geschenk ist, sagt Vater. Samuel antwortet darauf, er hab nur aus einer Predigt von Bratlie zitiert.

Und damit stehen Vater und die ganze Versammlung plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, daß A. Smith und Bratlie in diesem grundsätzlichen Punkt völlig verschiedener Meinung sind! Dies wundert mich eigentlich nicht, ja ich freue mich fast über diese Entdeckung. Aber was nun? Wer wagte es, dieses feuerrote Garn in die Hand zu nehmen und es weiterzuspinnen? Wird sich da nicht die ganze Gemeinde schnellstens auflösen?

Vater tut, was die meisten tun würden. Er liest schnell weiter.

Er wendet sich auch besonders an jene, die sich im Hintergrund zu halten pflegen. Wenn doch alle erlöst werden, an dieser Herrlichkeit teilnehmen könnten!

Einigen scheint, die Predigt sei erlösend gut, und wir hören einige Wortmeldungen von solchen, die schon lange nichts gesagt haben. Nun sind sie ergriffen und begeistert!

DONNERSTAG 21/9

Nicht alle sind von Vaters Erlösungspredigt begeistert. Die "Widerstandsbewegung", die sich nach und nach ganz klar abzuzeichnen begann, reagiert sehr stark. Sie versammeln sich nun zur Beratung. Kåre Smith ist längst informiert.

FREITAG 22/9

Vater und Johnny (der älteste Bruder) sind zum Brüdertreffen einberufen. Vier Brüder aus der Widerstandsbewegung sollen nun Vater an die Wand stellen. Einige wollen noch Brüder von auswärts beiziehen, aber die Ältesten meinen, dies wäre zu drastisch. Johnny ist als Vaters Unterstützer dabei.

Die Stimmung ist etwas düster und keiner will beginnen Vater weiß nicht richtig, worum es sich handelt, und deutet an, sie seien es ja gewesen, die das Treffen einberufen hätten .... Er erhält eine kurze Erklärung, worüber gesprochen werden soll, worauf er eine Gebetsstunde vorschlägt.

"Es war, als ob man sie ins Gesicht geschlagen hätte", sagte Johnny nachher. Gebet zu Gott paßte wohl nicht hierher! Es wurde dann auch eine ziemlich mechanische Gebetsstunde.

Aber dann geht es los. Knallige Eröffnung durch Vaters eigenen Bruder, Ansgar. Denn ein Vater verteidigt seine Kinder, bekommt er zu hören. Besonders mich. Und meine Verkündigung ist einseitig Wenn die Rede davon ist, im Fleisch zu leiden, bleibe ich stumm.

"Aber das kann wohl vielleicht ein Mißverständnis sein", versucht Vater. Er wird barsch abgefertigt. "Hier ist nicht die Rede von Mißverständnissen".

So geht es Schlag für Schlag darum, was falsch ist und was von Schwert und klarer Rede und bei den Jugendtreffen fehlt, wo weit mehr von Kampf und Streit gegen die Sünde die Rede sein sollte. Arve nennt mehrere Bankverschleißer namentlich, solche, an die sich Vater ständig mit Trost und Ermunterung zu größerer Aktivität hinwendet. Wozu soll das gut sein? Es wird ja doch nichts Vernünftiges aus ihnen! Sie wurden nur jahrelang mitgeschleppt!

Vater ist völlig geschockt. Versteht absolut nichts! Hier wird er regelrecht geschunden. Und das von seinen Freunden! Er erkennt sie überhaupt nicht wieder. Sie fragen nicht, sie hören nicht, sie schlagen nur. Auch Johnny ist ganz ermattet, aber er versteht etwas mehr. Er war vielleicht informiert über die Untergrundaktivität, die bereits im Gang war, und verstand ausgezeichnet, daß Vaters Predigt vom Mittwoch Streit hervorrufen werde. Besonders, als Vater den Beitrag von A. Smith las, krümmte er sich. Sollte er Vater aufhalten? Als er außerdem Samuel Zina zurechtwies, war alle Hoffnung vergebens. Hier verfaßte Vater seine eigene Absetzung, dachte er. Wenn er hier gefragt wird, sagt er, es schien ihm unklug, daß Vater den Beitrag las.

Aber Vater wußte wenig über die Spannung, die bereits entstanden war, und verstand nicht, daß er mit seiner Predigt Öl ins Feuer goß. Er war nur mit seinem neuen Licht beschäftigt. Die Beschuldigung, es sei eine Verteidigungspredigt für mich gewesen, betrachtet er als völlig unberechtigt.

Es wird wenig über Heiligung als ein Geschenk gesprochen. Das sei eigentlich nicht das, worüber A. Smith geschrieben habe, meinen einige. "Aber alles ist ja ein Geschenk", sagt Vater. "Was hast du, was du nicht bekommen hast?" Nun sprechen sie nicht mehr darüber.

SAMSTAG 23/9

Ich mache einen Besuch in Skogstad bei Mutter und Vater. Vater ist völlig platt. Erzählt ein wenig über gestern. Wir sind ziemlich erregt. Was geschieht eigentlich? Es gibt eine Reihe von Gerüchten. Besonders über mich und meine Aussprüche. Es gibt deutlich eine ziemlich hektische Aktivität.

Dann ist freiwilliger Arbeitseinsatz auf Haslum. Apfelernte. Ich fühle eine ekelhafte und beklemmende Stimmung. Was verbirgt sich hinter den vorsichtig lächelnden Gesichtern? Können die nicht zu mir kommen und aussprechen, was die zusammenbrauen?

Abends ist Jugendtreffen. Ich sehe zu meiner Freude einen lieben Freund von mir hinten im Saal. Er hat sich von unserer Gemeinschaft ein wenig entfernt. Ist müde geworden. Ab und zu besucht er mich, worauf ich ihn nötige, zu den Treffen zu kommen.

Der erste Prediger spricht von Kampf und Streit und Feuer und Schwefel. Ja, hier riecht es nach Brand. Der Ton ist wenig einladend, und ich mag das nicht. Gerade jetzt, wo mein Freund endlich gekommen ist. Aber ich bin stumm. Möchte am liebsten vermeiden, etwas zu sagen. Aber wir sind ja nicht so viele. Und auch Thorleif schweigt. Wartet er auf etwas?

Nun, so muß ich es so stehen lassen. Das sagen, was ich auf dem Herzen habe. Ich muß das. Das ist eine Glaubenssache. Auch wenn ich weiß, das es Reaktionen geben wird.

Ich spreche über himmlische Erlebnisse. Das ist es, was wir brauchen! Wie Paulus. Er hatte eine Erscheinung. Jesus hielt ihn auf und sprach zu ihm. Nachher war er ein anderer. Ohne himmlische Erlebnisse, ohne inneres Fühlen mit Gott wird es schwer und träge.

Nun kommt Thorleif. Nun ist er flink. Und die Botschaft ist klar. Willst du nicht leiden und streiten, wird niemals etwas Ordentliches aus dir! Hart und brutal. Ich fühle mich aus der Bahn geworfen. Beginne zu verstehen, daß dies ernst ist. Die Worte, der Tonfall, die schräge Sicherheit. Da liegt etwas Eiskaltes und Ungemütliches darin. Bisher hatte ich geglaubt, dieser Unsinn würde sich bald aufklären. Sie mißverstehen mich ja völlig. Außerdem sind ja die Gerüchte reine und klare Lügen. Aber dieser eiskalte Schauer von einem Bruder und Kameraden versetzt mich wirklich in Schrecken.

Nach dem Treffen besuche ich Åge. Vater war früher am Tage dort gewesen und sie hatten ein langes Gespräch. Åge erzählt, wie Vater nach und nach von der gestrigen Überfahrung erlöst wurde. Zum Schluß pries er Gott für diese Brüder. Es war ein Erlebnis, dies zu sehen.

Åge hatte mehrere Dinge gehört, die über mich und meine Predigt gesagt worden waren. Ich sei ja völlig einseitig und spreche nie über Kreuz und Leiden. Auch ganz Junge reden davon, daß ich mich mit falscher Lehre beschäftige.

Das ist wieder eine kalte Dusche. Ich bin zum Sündenbock und Übeltäter geworden und muß entfernt werden. Das ist hart. Auch diese ganz Jungen, die ich so innig gern habe!

Ich schlafe in dieser Nacht schlecht. Ich werde zerbrochen. Meine Visionen, das herrliche erlösende Licht zu dieser Schar von Jugendlichen zu bringen, die es benötigen, werden kurz und klein geschlagen. Alles ist bloß dumm! Alle meine guten Absichten völlig mißverstanden! Ich bin unerwünscht! Mein Herz ist zerbrochen. Ich gehe ins Bad und schluchze und weine wie ein Kind.

SONNTAG 24/9

Ich stehe zeitig auf und mache einen langen Spaziergang. Das hilft. Ich komme heim und schlage Mme Guyons Selbstbiographie auf. Lese davon, Gott übergeben zu leben. Jetzt im Göttlichen leben. Keine Pläne. Keine Begierde. Laß Gott alles lenken. Ganz übergeben an sein Wirken!

Darin erkenne ich einen gesegneten Frieden. Gott steht ja hinter dem Ganzen. Er muß alle Fäden in seiner Hand halten. Meine Pläne betreffend meine Handlungen sind voll von törichtem Eigenleben. Sie werden immer Gottes Plänen im Wege stehen!

Ich gelange zu eine tieferen Übergabe, und das ist gut.

Ich glaube, ich kann nun aufhören, nun besonders viel bei den Treffen zu sagen. Auf jeden Fall mehr auf Gottes Wirken hören. Vielleicht eher Gespräche? Es sind wohl nicht alle, die sich dieser Botschaft verschlossen haben. Die Elenden gibt es ja immer. Wer sie wirklich kennt, kommt zu kurz.

FREITAG 29/9

Åge ist bei Thorleif eingeladen. Auch Samuel ist da.

Sie versuchen, ihn von der Irrlehre in meiner Verkündigung zu überzeugen. Servieren eine Reihe von Anklagen gegen mich, aber auch gegen Mutter und Vater. Sie haben recht und schlecht nichts Gutes über uns zu sagen!

Thorleif hat eine Offenbarung erhalten, wirkliches Licht auf dem Weg, sagt er. Aber er ist düster. Trüb im Sinn. Merkwürdiges Licht!

Åge hört, daß sie mißverstehen. "Aber hört ihr wirklich, was Magne sagt? Bein letzten Treffen zum Beispiel?" Nein, sie können nichts davon wiedergeben. So hört zu, sagt er. Ihr irrt euch!

Er ermahnt sie inständig zu Gelassenheit. "Denkt an die Folgen! Legt das Ganze vor Gott hin!" Aber eine solche Vorgangsweise wirkt noch sonderbar fremd auf sie. Nein, das müssen die Brüder in Ordnung bringen.

Das Gespräch macht auf Åge einen starken Eindruck. So dunkel, so negativ! In der Nacht ist er in arger Not, und am Morgen fällt ihm plötzlich ein Wort ein, das völlig paßt:

Anklagegeist?

Das ist es, was sich hereingedrängt hat und diese wahnwitzige Raserei verursacht!

SAMSTAG 30/9

Åge besucht mich und erzählt vom vergangenen Abend. Er ist in großer Not wegen Thorleif.

Ich gehe nach Skogstad. Hier ist volle Erweckung. Bibeln und Schriften überall. Einige haben Licht über Gottes Liebe als Antrieb erhalten. Sie vergessen zu essen. Es ist ein wahres Erlebnis, dies zu sehen. Kåre (der Bruder) hält einen Vortrag über die Galater, gebührlich kommentiert von den übrigen. Das Gesetz und das Evangelium, Sklaverei und Freiheit werden klar beleuchtet.

Auch Astrid kommt. Sie ist völlig neu geworden! Hat den Glauben an den Weinstock und die Reben erhalten! Da ist sie eingefügt. Da ist es sicher. Da ist es Kraft. Es ist eine Freude, dies zu sehen!

Nun, wenn dies nicht von Gott ist, so weiß ich nicht. Abends kommen sie zu uns, und die Bibelstunde wird fortgesetzt. Es liegt ein sonderbarer Geist der Offenbarung über uns.

Wir sprechen auch über die Angelegenheit. Was in aller Welt kann das sein? Was ist hinter diesem Wahnwitz verborgen? Naja, das wird sich noch aufklären. Sie müssen ja sehen, was dieses Licht bringt. Es gibt auch einige außerhalb der Familie, die mächtig ergriffen sind. Jahrelange Bankverschleißer legen Zeugnis ab und sind begeistert.

SONNTAG 1/10

Wir sind zu einem Bruder eingeladen, der wohl Thorleif mehr glaubt als mir. Etwas angespannt, aber wir reden im großen und ganzen über Wetter und Wind. Etwas ermüdend im Verhältnis zum Erweckungsgeist des gestrigen Tages, aber es ist hoffnungslos, darüber tu sprechen, wovon mein Herz ergriffen ist. Ich merke jedoch nichts Böses zwischen uns.

FREITAG 6/10

Marit, Samuels Frau, ruft an, Sie hat Gerüchte gehört, daß etwas Schlimmes zwischen Samuel und mir sein sollte, deshalb wollten sie uns gerne besuchen. Ich war ja selbst etwas erstaunt, aber nahm dies als eine freudige Bestätigung unserer Freundschaft.

Samuel hat nach und nach bei den Versammlungen eine klare Richtung eingeschlagen: Wir sollen uns selbst erlösen. Er verkündet dies so bombastisch und plump, daß ich nicht weiß, ob ich ihn ganz ernst nehmen soll. Unter normalen Umständen würden die meisten auf eine solche "erlöse dich selbst"-Verkündigung negativ reagiert haben. Aber die Umstände sind weit vom Normalen entfernt. Nun, da es darum geht, sich von meiner Verkündigung zu distanzieren, ist das meiste zulässig.

Aber nun fasse ich von Neuem Hoffnung, wir könnten wieder zu der guten Gemeinschaft zurückfinden.

Ich merke jedoch schnell, daß er nicht derselbe ist wie früher. Das Zuhörende, Suchende ist weg. Er redet auf mich ein und ist aufdringlich. Wir müssen den Weg durch das Fleisch gehen, bereit sein zu leiden, es gibt keinen leichteren Weg.

Ich fühle mich zutiefst uneinig. Er serviert mir nichts anderes als das Gesetz. Dort gibt es keine Salbung. Die evangelische Erlösung ist völlig weg. Ich erzähle ihm das, aber er fährt auf der gleichen Tour weiter. Wir müssen uns an das halten, was vom Beginn an galt, mit Smith. Man kann nicht mit einem neuen Licht kommen. Er ist so überzeugt geworden, er hat neues Licht erhalten. Kennt die Gemeinschaft mit den Brüdern von anderen Orten. Er ist wohl neulich bei Kåre Smith gewesen, zusammen mit Svein Ellefsen und einigen anderen.

Ich kann jedoch selbst mit bestem Willen in diesem seinem neuen Licht keine Form von Seligkeit entdecken. Er ist flackernd, unruhig und hartnäckig eigensinnig. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß Gottes Licht eine Fülle von Frieden und Sicherheit samt Liebe zu meinen Mitmenschen mit sich bringt. Ich gewinne recht und schlecht kein Vertrauen dazu.

Aber ich schweige. Höre mir den Irrsinn an. Bin etwas überrascht darüber, wie er sich verändert hat. Er ist so gewalttätig. Es hat keinen Sinn, etwas zu sagen. Sollen wir mit solchen Fragen weiterkommen, so ist auf jeden Fall das erste Gebot Freundschaft, Friede und Verträglichkeit.

Nun glaubt er sicher, ich fange an, überzeugt zu sein. "Ja, nun hast du etwas, worüber du nachdenken kannst?", sagt er nahezu triumphierend.

Da mache ich einen Fehler. Die Schande wird zu groß. Ich zerspringe recht und schlecht. Fühle, daß es falsch ist, aber kann mich nicht zurückhalten. Spreche es klar aus, daß ich an meinem Licht festhalte. Ich weiß, woher ich es habe und was es mir gebracht hat. Und ich sehe auf jeden Fall keinen Grund, meine Sicht abhängig davon zu ändern, was er vorbringt. Das ist im großen und ganzen nur dummes Zeug!

Die Stimmung wird zweifellos gereizt.

Aber er fährt fort. Spricht davon, seinen Wegbegleitern zu gehorchen. Da nehme ich die Verborgenen Schätze von 1927 zur Hand und lese Aslaksens "Wegbegleitung". Daß man immer Wegbegleitung in seinem eigenen Herzen versuchen soll und daher seinem eigenen Gewissen folgen muß. Man kann sich nie ganz auf den Wegbegleiter verlassen. Eine Schrift, welche die Verkündigung des blinden Gehorsams gegenüber den Brüdern, die in letzter Zeit florierte, völlig zerbricht.

Das war ein deutlich überraschender Zug. Er zögert endlich, lächelt etwas schief und sucht nach einer Erklärung: "Ja, aber ich kann ja die Wegbegleitung versuchen, die Aslaksen empfiehlt, und finden, daß ich ihr nicht folgen kann" Ich bin milde gesagt erschöpft darüber, wie verrückt die Argumentation werden kann.

Aber du kannst ja nicht zu Bratlie fliegen, um Wegbegleitung für alles zu erhalten, was du dir vornimmst!" Das Ziel muß ja sein, seine eigenen persönlichen Verbindungen zu Gott, der Quelle aller Weisheit, aufzubauen. Dann kann er zum Wegbegleiter werden!

An einem Punkt des Gespräches halte ich inne. Ich möchte möglichst nichts sagen, was als Kritik an der Gemeinde aufgefaßt werden könnte. Aber er nötigt mich, fortzusetzen. Dies ist ja nur ein vertrauliches Gespräch, sagt er. Früher waren wir darüber einig, daß wir in solchen Gesprächen Dinge stärker sagen dürfen, als wir sie meinen, sie zuspitzen, Ausbrüche machen, um klarzumachen, was wir meinen. Wir haben in der Tat eine Art Absprache darüber, daß wir solche Aussagen nicht so ernst nehmen. So setze ich meine Rede fort.

Aber diesmal hätte ich vorsichtig sein sollen. Das merke ich später.

Ich lese Hebr 10, 19-20, über innerhalb des Vorhanges in Gemeinschaft mit Gott zu leben. Durch Jesu Sühneblut, die Vergebung meiner Sünden, kann ich mich freimütig als von Gott gerechtfertigt betrachten. Da springt er plötzlich auf. "Warte, ich werde die endgültige Antwort finden", sagt er und stürzt zum Telefon. Zuerst ruft er Bratlie an, erhält aber keine Antwort. Dann ruft er Kåre Smith an und kommt mit einer langen und hoffnungslosen Erklärung zurück, die keinen Zusammenhang ergibt. Über Jesu Blut und Abels Blut und unser Blut. Und erst, wenn wir uns den ganzen Weg durch den Vorhang durchgekämpft haben, der unser Fleisch ist, können wir uns ausrechnen, daß wir etwas von Gott sehen. Das kann ja etwas lange dauern.

Mir scheint, der ganze Vorgang ist unwirklich, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber ich habe nun auf jeden Fall genug Unsinn serviert bekommen und bin in meinem Urteil über diese wahnwitzige Erklärung nicht gnädig.

Zum Schluß lese ich ihm aus den Briefen von J. O. Smith, Seite 55, über die volle Selbstaufgabe vor. Wenn etwas getan werden soll, so muß Gott dies selbst bewirken und selbst Kraft geben. Daß wir nicht vermögen, wie ein Christ zu leben.

Dies macht auf ihn Eindruck. Er wird endlich stumm. Daß Smith so etwas geschrieben hat, war für ihn neu. Hm, das muß ich näher untersuchen, sagt er, wo steht das? Ich antworte, in Smiths Briefen, worauf er seine Frau fragt: "Haben wir dieses Buch?"

Ich gaffe. Kommt her und predigt mir, ich solle mich an das halten, was von Anfang an war, und hat nicht einmal Smiths Briefe! Wie dumm das werden kann!

Ja, die haben wir, sagt die Frau.

Denn es gibt hier auch einige Frauen, die nur teilweise am Gespräch teilnehmen und nicht genau wissen, wie sie das handhaben sollen.

Im Laufe des Abends besieht sich Samuel mein Bücherregal. Er nimmt sich Buch für Buch vor und wirkt sehr überprüfend. Ich werde vom Gedanken getroffen: Ist das Spionage? Aber ich schiebe das von mir. Er ist trotz allem mein Freund, auch wenn wir uns im Augenblick wahrhaftig in einem Konflikt befinden.

Bevor wir uns trennen, versuche ich, das Ganze auf ein etwas anständigeres Niveau herunterzuholen. Ich ermahne Samuel, es etwas netter aufzufassen, zumindest bei den Treffen. Es sind heilige Dinge, an denen er rührt. Hört er nicht, daß eine Erweckung im Gange ist? Aber er antwortet mit einem Grinsen: "Warte nur, wir kommen stärker zurück. Wir haben ja erst begonnen!"

SAMSTAG 7/10

Musikfest bei Frank und Karin. Vater ist hier. Dagegen nicht Thorleif oder Samuel. Damit kommt es zu Predigten und Gesang, Wonne und Freude ohne diese destruktiven Elemente. Mehrere sind von Gott auf eine ganz neue Weise ergriffen.

-

Während des Herbstes gibt es einige Ereignisse, die kommentiert werden müssen. Die Zeitpunkte sind unsicher.

Von den Treffen werden Kassettenaufnahmen gemacht. Zuerst ist es Samuel, der sich unten in den Bankreihen mit einem Kassettenrecorder und teilweise sichtbarem Mikrophon einrichtet. Nach und nach tritt er mehr ans Licht, mit dem Mikrophon vorne. Auch bei den Jugendtreffen. Weder Vater noch Åge werden gefragt. Wir ahnen nicht, wozu diese etwas ungewöhnliche Erfindung dienen soll, aber es heißt, diese Aufnahmen seien sehr wichtig. Wer soll sie erhalten? Wer kümmert sich darum? Es ist etwas Ekliges und Überwachungsartiges bei dem Ganzen. Es trägt nicht gerade dazu bei, die Spannung zu mindern.

Ich warte auf einen Brief von unserem Freund von der Konferenz in Holland. Habe "Seele und Geist" nochmals gelesen, und es scheint mir, es sei sehr gut und inhaltsreich. Ich bereue etwas meine unpräzisen Aussagen und möchte ihm das sagen. Wenn er mir nur schriebe, dann hätte ich seine Anschrift.

Aber er schreibt nicht. Die Wochen werden zu Monaten, und dann bekomme ich eines Tages dies zu hören: Er hat Bratlie über meine haarsträubenden Aussagen berichtet.. Ich solle gesagt haben, was J.O. Smith geschrieben habe, sei nur "Stroh und Halm". Ja, das war ja keine Kleinigkeit! Verstand er mich wirklich so?

Gut, im nachhinein sehe ich ein, daß das Wort unglücklich gewählt war. Was ich hineinlegte, war, es sei schwer, sich hindurchzubeißen. Aber er mißverstand mich in dem Sinn, es sei nur Stroh. Gut, wenn ich auch relativ frei dachte, so könnte mir nie eine solche Beurteilung von J. O. Smiths Schriften einfallen. Ich hatte ein grundsolides Zutrauen zu diesem Mann.

Ich bin über die Vorgangsweise des Bruders sehr verwundert. Wir waren da unten ziemlich einig. Wenn er später auf etwas reagierte, warum nahm er nicht mit mir Verbindung auf? Oder verstand er mit der Zeit, daß der Wind dabei war, gegen mich zu blasen, und benützte die Gelegenheit, auf den Zug aufzuspringen? Ich fühle mich etwas schwach.

Und ich höre auf zu warten. Den Bruder jetzt zu kontaktieren, um das Mißverständnis aufzuklären, hat kaum einen Zweck. Außerdem sehe ich es nicht als meine Sache an, mich selbst zu verteidigen.

Nichtsdestoweniger scheint es mir, es sei eine ziemlich ernste Sache, daß unwahre Gerüchte über einzelne Menschen derart blühen Und dies in Regie der Ältesten. Wie kann man so etwas tun, ohne mir Gelegenheit zu geben, mich zu erklären?

Strohhalme sind übrigens sehr fruchtbar, und bald sollte ich ziemlich viele Schriften der Gemeinde als Heu und Stroh beurteilt haben.

VOLLES FEUER

SONNTAG 8/10

Herbstkonferenz auf Brunstad.

Auf der Fähre von Moss nach Horten sehe ich Kåre Smith im Gespräch mit einigen Brüdern aus Drøbak. Als ob etwas Wichtiges im Gange wäre.

Ich sitze bei der Musik. Also Orchesterplatz.

Bratlie bittet einige, nach vorne zu kommen und zu verkünden, was unsere himmlische Berufung sei. Einige gute Beiträge. Auch Thorleif und Samuel legen Zeugnis ab. Eigentlich ganz ungewöhnlich.

Thorleif: bereit sein, den Weg zu gehen. Der Ton ist leidend und krampfartig.

Samuel: Hebr 10, 19-20. Es ist nicht so einfach, seine Auslegung zu verstehen, aber sie ähnelt unweigerlich der "endgültigen Antwort" von Kåre Smith.

Dann bittet Bratlie drei beliebige Schwestern, nach vorne zu kommen und das Lied zu singen: "Bilde mich und benütze mich, mein Erlöser". Dieses hat er ja als "Hurenlied" abgestempelt. Hat er sich vergessen? Oder wollte er eigentlich ein anderes Lied? Ich verstehe das nicht.

Die Antwort kommt schnell. Nach dem Lied beeilt sich Bratlie. Das Lied wird niedergemacht. Wer wird hier ermahnt? Ja, Gott! Schönes Lied? Hurenlied! Keine Ermahnung!

Und Bratlie donnert weiter. Fort mit aller Religiosität und allem Ungehorsam, der sich einschleicht! Betont sehr, daß es ja Gehorsam und Leiden geben muß. Erlebnisse und ausgelassene Liebespredigten reichen nicht! Plötzlich fordert er Vater auf, eine Predigt zu halten, die er vor langer Zeit gehalten hat. Über mit Tränen säen und mit Freuden ernten.

Vater tritt bleich und beklemmt nach vorne. Er riecht die Lunte. Er spricht darüber, mit Tränen zu säen, in Verbindung mit Kindern.

Bratlie setzt mit dieser Schriftstelle fort. Es muß in allen Verhältnissen des Lebens Not und Weinen geben. Der Ton ist scharf und ironisch.

Langsam beginne ich zu verstehen, wem das gilt. Ich erkenne es an den Ausdrücken. Ich erkenne es am Ton. Es richtet sich gegen mich! Ich wage kaum aufzuschauen. Völlig überrumpelt! Schachmatt!

Langsam werde ich zornig. Bratlie hat völlig mißverstanden! Habe ich jemals gegen Gehorsam und Leiden gepredigt? Nie! Aber ich erkenne das Mißverständnis von Samuel wieder.

Samuel, ja! Langsam geht mir dieser schreckliche Gedanke auf. Mein Freund! Dieser freundschaftliche Besuch! So war das nur Betrug! Um mir eins auszuwischen! Unsere vertraulichen Gespräche. Nun erhalte ich sie vom Rednerpult auf Brunstad aus ins Gesicht geschleudert. Ja, nun erinnere ich mich daran, er erwähnte ja, daß er gestern zu Bratlie gehen sollte! Da sollte er also über mich berichten! Hinter meinem Rücken! Ich bin zutiefst verletzt! Was für ein Betrug! Nicht in meiner wildesten Phantasie hätte ich so etwas glauben können!

In der Pause gibt es etwas Aufregung in der Familie. Vater ist völlig aufgelöst. Es ist merkwürdig, wie ein Verbrecher umherzuschleichen. Fühle, daß mich alle schief ansehen. Ich treffe Samuel. Er lächelt etwas unsicher und fragt, ob ich nicht zu verstehen beginne. Ja, sicher, nun beginne ich tatsächlich eine Menge zu begreifen. Aber es gelingt mir nicht, ein einziges Wort zu sagen.

Dann ist Treffen Nr. 2. Es fällt mir auf, daß die erste Gebetsrunde abstirbt. Es wird ganz still. Niemand ergreift das Wort. Merkwürdig!

Der Treffen verläuft ebenso. Bratlie meldet sich wieder zu Wort. Kåre Smith legt voll drauf. Wir müssen den Wächtern auf der Mauer danken, die das Ganze rein halten. Neues Licht ergreifen und eigenes Leben mit Gott?. Nein, wir müssen uns an die Brüder halten. Svein Ellefsen donnert los. Gehorcht euren Wegbegleitern! Nicht jeder Beliebige kann in Gemeinschaft mit Gott leben und direkt etwas von ihm bekommen. Nein, nur die "Brüder". Müssen uns an das halten, was von Anfang an war. Auch einige andere Brüder, die gemeinsam mit Samuel bei Kåre Smith waren, feuern los. Ich erkenne das alles wieder. Das ist Samuels Meinung von mir. Alle, die etwas von der "Angelegenheit" gehört haben, stehen in voller Größe auf und säbeln nieder. So unbarmherzig. So hart. So gefühllos. Und sie ahnen nicht, wovon sie reden. Keiner hat sich wirklich mit der Angelegenheit befaßt! Was für eine Vorgangsweise! Ungeheuer!

Es ist arg, hier zu sitzen. Bei der Musik, gerade gegenüber der ganzen Versammlung. Unglaublich arg. Sie schlagen und schlagen! Massive Angriffe. Alles Menschen. Der ganze Saal ist gegen mich gewandt. Ich sinke und sinke.

Aber ich kämpfe. Sie sollen mich nicht zerbrechen! Niemals! Ich weiß, daß ich unschuldig bin!

Wir fahren geschockt nach Hause. Das bleibt eine Erinnerung fürs Leben. Wir wurden wie widerspenstige, grobe Schurken behandelt. Wir sind es nicht. Wir sind nur arme Menschen und wir sind überhaupt nicht tollkühn. Doch zuinnerst in meinem Herzen, Gott gegenüber, bin ich sicher. Nicht eine Sekunde zweifle ich daran, daß dies eine Narretei und ein vollständiger Fehlschluß ist. Aber wie soll es weitergehen? Sollte nicht irgend ein Verantwortlicher damit beginnen, die Angelegenheit bald zu untersuchen? Oder werden wir einmal mit Brüdern zusammentreffen, die auf positive und freundschaftliche Weise sich mit den Verhältnissen befassen?

Die Familie hält nun dicht zusammen, wie eine Schafherde in der Winterkälte. Verzweifelt, zornig, trösten wir uns mit der Leitung durch Gott. Wir sind ja begnadet. Aber wir schaffen es nicht ganz. Den massive Angriff, den Sturmlauf gegen uns. Ohne Untersuchung. Wir sind erschreckt.

DIENSTAG 10/10

Vater und Johnny kommen nach der Kindermission (bei mir daheim) herein. Der Gerichtstag steht offenbar bevor. Sie haben mit Arve und John gesprochen und haben endlich Genaueres davon gehört, worum es geht. Es gibt eine ganze Reihe Anklagepunkte gegen mich, und das wollen sie nun mit mir untersuchen. Sie könne auch berichten, daß am Donnerstag über die Sache eine Brüderkonferenz gehalten wird.

Das ist bleischwer. Haben wohl geplant, gegen mich hart vorzugehen. Was ist meine Ansicht über Bratlie?

Ich erzähle. Muß wohl zugeben, daß mein Vertrauen auf Bratlie nicht unendlich groß ist. Zweifle nicht daran, daß er ein Gottesmann ist, das habe ich ja gelernt. Aber seine Schriften und Predigten sind trocken und fachlich. Es gibt keinen Schwung in ihnen! Es ist so anders, Mme Guyon zu lesen. Das öffnet einen wohlriechenden Himmel!

Habe ich gesagt oder glaube ich, daß ich mehr Licht habe als Bratlie? Was für eine Frage! Das ist mir völlig fremd. Die Antwort ist selbstverständlich nein. Aber was weiß ich eigentlich über Bratlies Licht und über meines? Was mich beschäftigt, und was ich nicht nur als mein Recht, sondern als meine Pflicht sehe, ist, meiner eigenen Überzeugung zu folgen! Und wenn sie mangelhaft ist (was sie selbstverständlich ist), wird Gott mir das nicht nach und nach offenbaren? Oder dreht es sich hier darum, sich vor Bratlie niederzuwerfen, um zu beteuern, mein Licht sei wertlos im Vergleich zu seinem? Habe nicht auch ich mein Licht von Gott bekommen, so wie Bratlie? Ist nicht das Licht, das wir erhalten haben, für uns beide gleich wertvoll? Sind wir nicht Brüder und Kinder des selben Gottes?

Ich werde dadurch erschreckt. Ist mit mir etwas völlig falsch? Alle sagen ja, Bratlie sein ein mächtiger Bruder, habe so große Werke getan, sei voll von Weisheit. Das ist sicher wahr, aber mein Vertrauen zu ihm geht so weit und nicht weiter. Ich vermag ihn nicht höher einzuschätzen!

Habe ich vorgehabt, mit etwas "Neuem" zu kommen? Ja, das ist es , wovor sie sich fürchten. Daß ich eine Revolution anzetteln sollte. Ja, warum eigentlich nicht! Nein! Ich habe so entschieden nicht daran gedacht, mit etwas Neuem zu kommen! Ich habe gedacht, mit etwas zu kommen, das gut für mich selbst ist. Und das ich in den alten Schriften der Gemeinde gefunden habe!

Ich rufe aus, ich frage mich, ob ich sonderliches Interesse habe, weiterhin in dieser Gemeinde zu bleiben. Es gibt ja keine Alternative, sagen sie. Und ich glaube ihnen.

Sie ermahnen mich, Vertrauen auf die Brüder und die Gemeinde zu haben. Und lesen einen Brief von J.O. Smith. Daß Gott die Seelen durch die Gemeinde leitet, wo sie durch die Brüder geleitet werden und nicht direkt durch Gott. Man darf sich nicht auf seine eigene Offenbarung verlassen.

Ich habe diesen Brief nie beachtet. Und ich fühle ganz und gar, daß ich in diesem Punkt mit Smith zutiefst uneinig bin. Aber was soll ich sagen? Ist etwas ganz falsch mit mir?

Ich fühle, daß auch sie mir nicht glauben. Das ist schlimm. Sie sprechen mild und vorsichtig, aber doch, der Unterton ist klar: ich bin schlecht davongekommen.

Das nimmt in Anspruch. Ich bin totmüde. Der Kopf brummt. Ich merke, daß auch sie müde und erschrocken sind.

Ich bitte Vater, mit Kåre Smith eine Übereinkunft zu treffen, so daß ich ihn vor der Versammlung treffen kann. Bisher habe ich ja noch mit niemandem aus der Gemeinde über die Sache gesprochen. Ich möchte gern etwas mehr darüber wissen, worum es eigentlich geht.

MITTWOCH 11/10

Der Tag ist schwer. Denke an das Brüdertreffen. Es ist schwierig, sich zu konzentrieren. Bei der Arbeit gaffe ich zum Fenster hinaus. Bringe nichts zustande. Bin unruhig. Fühle den Griff im Bauch. Bete zu Gott, aber das hilft nichts. Was wird geschehen? Was werden sie tun? Was soll ich sagen? Gewiß habe ich Unterstützung für meine Überzeugung, in der Bibel, in den Briefen von Smith und in den Verborgenen Schätzen. Daran fehlt es nicht. Aber werden sie mich verstehen? Und was mit all diesen merkwürdigen Gerüchten? Wird überhaupt solche Ruhe darüber einkehren, daß es möglich wird, überhaupt etwas zu erklären? Gerade daran zweifle ich sehr.

Nach einer Weile geht mir etwas mehr und mehr auf: Ich kann darin mit keiner gerechten Behandlung rechnen. Es ist recht und schlecht töricht, so etwas zu erwarten. Es gibt mir etwas mehr Friede, einzusehen, daß es eben so ist. Ich kann darauf vergessen, mich zu erklären, mich zu verteidigen, darüber Fragen zu stellen, was andre gesagt und getan haben. Sie werden auf mich ohnehin nicht hören.

Am Abend bleibe ich vom Treffen daheim. Nach einiger Zeit kommt mir eine Idee, die mich erleuchtet. Es ist ja sicher, daß ich Bemerkungen über die Brüder und die Gemeinde fallen ließ, die Verärgerung verursacht haben und die besser ungesagt geblieben wären. Dafür kann ich ja um Vergebung bitten. Ja, es ist ja eigentlich ganz arg, wenn ich daran denke, was mir die Gemeinde gegeben hat. Und der Gedanke treibt mich weiter. War ich eigentlich ganz auf der Erde gestanden? Sollte ich nicht alles von mir werfen, mich in den Staub werfen, mein Licht verwerfen! Mich mit allem völlig einig erklären! Dann wird ja Friede sein! Bedeutet dies nicht vielleicht, demütig zu sein, sein Leben verlieren, sich selbst opfern?

Aber ich halte ein. Natürlich kann ich das nicht. Die Wahrheit ist ja, daß ich nicht einmal weiß, was ich verwerfen soll. Ich habe nur mit Samuel darüber gesprochen, und ich glaube absolut nicht, daß die Gemeinde seine Argumente und Aussagen unterstützt.

Einzelne schlenkrige Aussagen zurücknehmen kann und sollte ich. Aber weiter kann ich nicht gehen. Das würde recht und schlecht nicht wahr sein.

DONNERSTAG 12/10

Ich bin den ganzen Tag nervös. Ziehe eine Stunde vor dem Brüdertreffen los, um Kåre Smith zu treffen. Ich habe nie früher mit ihm gesprochen und kenne ihn überhaupt nicht. Aber ich erinnere mich an seine Predigt bei der Herbstkonferenz!

Ich stutze etwas über das erste, was er zu mir sagt: "Ja, möchtest du mit mir sprechen, über was?" Er hat also nichts mit mir zu besprechen.

Gut, ich ergreife die Initiative. Erzähle etwas über mich selbst, meinen früheren sklavischen Zustand und vom "Gebet" und was es für mich bedeutet hat. Ich versuche etwas stotternd zu verantworten, was ich vertrete, und er scheint ganz einig zu sein. Ich habe die Absicht, zutiefst ehrlich und offen zu sein, und komme zum Thema "volle Übergabe". Wenn alles in Gottes Hände gelegt ist, dann kann man eigentlich das ganze Erlösungswerk vergessen, sage ich, und ahne, das es dies ist, worüber der Streit geht. Kåre will das etwas zurecht rücken: "Dann wird es ja so wie der Erlösungszug, über den einige Religiöse reden, der zum Himmel fährt, gleichgültig, was man an Bord vorfindet", sagt er. "Ja, warum nicht, das ist ja eigentlich ein schönes Bild", sage ich, wohl wissend, daß ich hier eine ausgezeichnete Gelegenheit biete, mich mißzuverstehen, wenn es das ist, was er möchte. Denn es ist ja klar, wenn man lügt und stiehlt, so hat man sich ja nicht Gott übergeben, da hat man einfach den Zug verlassen.

Aber richtig uneins werden wir erst, als ich Gal 2, 20 lese: "Ich lebe nicht mehr selbst, sondern Christus lebt in mir". Wir müssen aufhören, selbst zu leben, ein Christenleben zustandezubringen, uns anstrengen, Jesus nachzuahmen. Wir müssen in der Tat Christus selbst ergreifen, so daß er in uns und durch uns leben kann!

Nein, da treibst du Gottes Wort allzu weit, sagt er. Dann erzählt er mir einige Schreckgeschichten aus der religiösen Welt, über Hurerei und Elendigkeit, von denen ich kaum sehen kann, daß sie mit der Sache etwas zu tun haben, und ermahnt mich inständig, dieses Licht zu verwerfen. Aber ich habe es ja aus den Schriften der Gemeinde, sage ich, und denke an Smiths Briefe Seite 55. Aber er will nicht darauf hören. "Nein, das hast du nicht", sagt er barsch. Fertig damit. "Aber wie willst du Gal 2, 20 erklären", frage ich. Er gibt keine konkrete Antwort. Redet etwas vorsichtig um den Brei herum und will sich gleichsam nicht auf Glatteis begeben. Es könnte ja zu dünn sein.

Es ist schwierig, miteinander zu reden. Zwar geht das Ganze in einem freundschaftlichen Ton vor sich, worüber ich überrascht und erleichtert bin. Aber ich bin nicht sicher. Weder über Kåre Smith noch über den Rest der "Bande" (ja, ich fühle es etwa so), die ich später treffen soll. Außerdem fühle ich, daß das Mißtrauen zu Kåre, das ich irgendwo tief drinnen in mir ahne, während des Gesprächs stärker wurde. Er ist ungeheuer oberflächlich und leichtfüßig. Wischt darüber mit einer Hasenpfote (oder war es eine Bärentatze?) und fertig damit. Die Fähigkeit, zuzuhören, ist auch nicht auffällig vorhanden. Ich vermag nicht zu glauben, daß dies ein großer Gottesmann sei.

Dann ist das Treffen.

Vater spricht zuerst. Bleich und müde. Das hat ihn mitgenommen. Er nimmt alle Schuld auf sich. Stürzt sich kopfüber ins Feld. Er war nicht wachsam gewesen. Er hat mir nicht zugehört, so daß er mir hätte helfen können. Er hatte nicht genügend zu geben, usw. Dankt für die Gemeinde, für die Gemeinschaft, von der er ja ganz abhängig ist. Die Gemeinde kann ohne ihn auskommen, aber er kann nicht ohne Gemeinde auskommen. Was würde geschehen, würde die ganze Familie ausgeschlossen! Nein, er ist froh, wenn er die Erlaubnis bekommt, auf der hintersten Bank zu sitzen!

Kåre Smith greift beruhigend ein: "Ach, du bleibst wohl dort sitzen, wo du sitzt!"

Dann bitte ich um das Wort. Am besten, bald dranzukommen.

Erzähle, daß Gott mir ein herrliches Licht gab, aber daß ich es auf unweise Art vorbrachte. Ich war wohl in etwas hineingeraten.

Ich erkenne auch meine leichtsinnige Art, über die Brüder und die Gemeinde zu reden, die mir ja das "Leben" gebracht hat.

Ich bitte dafür um Vergebung. Dann sage ich, was mein Licht betrifft, so werde ich mich mehr zurückziehen, wenn es solche Unruhe schafft.

Ich nehme nichts von dem zurück, was ich verkündet habe. Ich weiß, daß sie das wünschen, aber ich kann das nicht.

Dann kommt Kåre Smith dran.

Er wirkt erleichtert und sagt, er sei froh über die Erkenntnis.

Sagt etwas darüber, es sei in meinem Licht etwas, das nicht so gut sei, aber das geht wohl in Ordnung. Ich bin nur etwas störrisch. Aber nun habe ich ja um Vergebung gebeten, dann ist die Sache in Ordnung.

Er wirkt positiv und stützend, vermutlich, um die Gemüter zu dämpfen. Er weiß wohl etwas über die Ansicht, die einige von mir haben.

Dann hält er eine Predigt darüber, daß in der Verkündigung in Drøbak Kreuz und Schwert fehlen. Doch ist es wenig konkret und wenig klar, worum es eigentlich geht. Das Ganz hängt in der Luft.

Darauf sagen einige ältere Brüder etwas.

Sie haben mich lange gekannt. Allzu wenig Schwert! Man darf nicht so reden, wie die Leute es wollen. Nein, verkünde Gottes scharfe Worte, dann müssen sie selbst wählen! Der Ton ist möglicherweise noch härter und abstoßender als gewöhnlich. Bezieht sich auf familiäre Verhältnisse und einseitige Verkündigung. Es ist ganz klar, daß mein Licht und meine Erlösung mit falscher Freiheit gleichgestellt wird.

Besonders mein eigener Schwiegervater ist scharf im Ton. Er trug sich mit dem Gedanken, seinen Kindern den Besuch bei mir zu verbieten(!). Er wendet sich an mich und fragt, ob ich gesagt habe, es sei nicht nötig, um Vergebung zu bitten. Er ist steinhart im Gesicht und sehr unruhig, fast hysterisch.

Zunächst ahne ich nicht, worauf er hinzielt. (Später komme ich darauf, worauf der Schwiegervater hinzielt. Ich sagte einmal zu meiner jüngsten Schwägerin, daß die Vergebung der Sünden uns als Geschenk gegeben sei. Es gibt nichts, worum wir uns verdient machen müssen oder uns anstrengen müssen, es zu bekommen, wir erhalten es durch den Glauben. Ja, wir brauchen nicht einmal darum zu bitten! Nur glauben, daß es uns gegeben ist!) Der ganze Auftritt macht mich ziemlich verwirrt. Was soll ich sagen, was soll ich tun? Was geschieht?

Einige kommentieren das eine oder andere, was ich nicht auffasse, Kåre Smiths sagte etwas Abwehrendes und der Schwiegervater donnert weiter.

Mit ist ganz heiß und die Ohren. Es ist so unwirklich. Mein Schwiegervater! So hart, so kalt, so von sich stoßend, so frei von Selbsterkenntnis. Und das soll im Namen Jesu Christi sein? Einen solchen Jesus kenne ich nicht!

Darauf hören wir einige etwas Jüngere.

In einem milderen Ton. Selbsterkennend. Erleichtert. Hoffen, daß es gut gehen wird.

Ich erhalte einige Ermahnungen, die nicht treffen. Sie verstehen mich nicht. Der durchgehende Ton ist der, daß ich wohl in die Irre gegangen bin.

Thorleif hat auch etwas zu sagen. Er erzählt, daß meine Aussprüche über die Brüder sehr derb waren, aber daß es ja keinen Zweck hat, dies hier zu erwähnen, da ich ja um Vergebung gebeten habe. (Scheint ihm, daß ich etwas zu billig davonkam?).

Er liest einen Artikel von Aksel Smith, der meinen Irrtum beleuchten soll. Aber ich höre kaum, worum es sich handelt. Nur Bruchstücke dringen in mein Bewußtsein, wo ich wiederum feststellen muß, daß die Gesichtspunkte, die hier angegriffen werden, niemals meine waren.

So schließe ich diese merkwürdige Vorstellung aus. Die sollen machen, was sie wollen. Es ist ja ohnehin hoffnungslos, zu erklären.

Aber was sie sagen, ist falsch. Das weiß ich.

Thorleif beteuert seine Liebe zu allen. Er hat jemanden etwas über Anklagegeist meinen gehört, aber das war ein Mißverständnis. Das hat damit nichts zu tun. Der Ton ist nicht liebevoll!

Samuel ist auch in hohem Maße anwesend. Er hat gefühlt, daß in Drøbak schon lange etwas falsch lief. Bei den Treffen war nur Trost zu erhalten. Keine Aufgaben. Was mich betrifft, so hat er viel untersucht und mit anderen gesprochen und verstand endlich, in welcher Irrlehre ich gelandet war. Zwar wurde er zu Beginn etwas von mir beeinflußt, aber dann erhielt er Licht.

Es ist merkwürdig, dies zu hören. Denn vor weniger als einem Jahr war er vom "Gebet" mächtig ergriffen gewesen und wir hatten eine herrliche Gemeinschaft. Vor einem halben Jahr rief er bei einer Gelegenheit aus, hier in Drøbak sei es nur Ole Kristiansen, der das Wort Gottes auslegen könne!

Gegen den Schluß kommen mehrere Brüder an die Reihe, die milde gesagt verwundert sind. Sie waren in die Sache nicht involviert. Einige meinten sogar, dies sollte eine Art Bautreffen sein. Sie haben überhaupt nicht gemerkt, daß ich etwas Falsches verkündet haben sollte, eher ganz im Gegenteil. Besonders drei Brüder standen völlig auf der Leitung, und mir wird nun wohler zumute. Einer von ihnen sagt gerade heraus, daß er sich weigert, das zu glauben. Daß ich wie der große häßliche Wolf aufmarschiere? Unfaßbar! Wohl gibt es einen Unterschied zwischen Thorleif und mir, aber es werden wohl beide benötigt!

Kåre Smith wirft ein, nein, Magne hat nichts falsch gemacht.

Einige danken mir sogar für meine Verkündigung über volle Übergabe. Die diente zu Erlösung.

Als das Treffen endet, gibt es einen kleinen Aufstand. Besonders ein Bruder fühlt, das dies ganz auf der Erde landet. Er fährt fort, gestikuliert und stößt wie in Verzweiflung seine Verwunderung hervor: Man muß ja zur vollen Erkenntnis seiner eigenen Untauglichkeit kommen, hat ja nichts in sich selbst, die Kraft liegt nicht in uns, sondern bei Gott!

Dies reinigt die Luft. Auf jeden Fall mit meinen Augen gesehen. Er hat den Punkt in dem ganzen Auftritt verstanden! Recht und schlecht! Und diese Ansicht ist dabei, verdammt zu werden!

Kåre antwortet mit einem abwehrenden Ja, Ja, aber versteht deutlicherweise nicht, daß gerade hier der Hund begraben ist. Dieses Treffen, dieser Aufruhr, dieser Wahnwitz, der nun unsere kleine Gemeinde verwüstet hat, wurde gerade von Männern in Szene gesetzt, die dies nicht verstanden haben! Ihre Lehre, ihre Verkündigung geht nur darauf hinaus, sich selbst, sein verderbtes Menschsein, zu benützen, um ein vollkommenes Leben zu leben. Sich mit all dem Seinen vertrauensvoll in Gottes Arme zu werfen, alles ihm zu übergeben, das halten sie für Gleichgültigkeit und Religiosität!

Nach und nach sammeln sich deutlich zwei Lager. Kåre Smith spricht mit der Widerstandsbewegung.

Als ich ins Auto steige, um heimzufahren, sage ich zu Kåre Smith lebewohl. Er ist die Liebenswürdigkeit selbst und fragt, ob ich sie nicht eines Tages besuchen kann. Ganz freundschaftlich und informell. Und durchaus nicht, um über die Sache zu reden.

Ja, vielleicht, sage ich. Aber tief zuinnerst weiß ich, daß da nichts daraus wird.

FREITAG 13/10

Bevor ich morgens zur Arbeit gehe, schaut Arve wegen irgend etwas zu mir herein. Ein höchst ungewöhnlicher Morgenbesuch. Er möchte ein wenig mit mir reden.

Er fragt, ob wir am Wochenende mit den Eltern auf Tour gehen werden, aber ich glaube es nicht. Er will mich nötigen, mitzugehen, aber ich sage, Irene wolle nicht nach dem, was sie vom gestrigen Treffen gehört habe. Ich habe keine große Lust dazu. Und Arve kann dies gut verstehen.

Wir reden über das Treffen. Ich bin etwas erregt. Sage, daß ich nichts von dem verstehe, was geschieht. Warum wurde ich so niedergemacht? Der Schwiegervater hat z.B. die Sache früher mit keinem Wort erwähnt. Und bei dem Treffen schindet er mich. Und alle Gerüchte! Aber niemand kommt, um mit mir zu reden!

Aber Samuel hat doch mit dir gesprochen?

Samuel! Sollte er in dieser Angelegenheit der Sprecher der Gemeinde sein? Das war in hohem Maße überraschend. Er war mein vertrauter Freund. Dafür hat er sich ausgegeben, und daran habe ich geglaubt. Außerdem hat sein zeitweise höchst unseriöses Benehmen dazu geführt, daß ich ihn nicht besonders ernst genommen habe.

Nein, sage ich, das geht völlig über Stock und Stein. Ich verlasse mich nicht auf euch!

Gut, Arve weiß nicht so viel von der Angelegenheit, sagt er. Er war nicht besonders involviert in das, was geschah.

Das erstaunt mich sehr.

Er fragt mich, ob ich mich ungerecht behandelt fühle, was ich sehr beteuere. Daß ich leichtsinnige und dumme Aussprüche getan haben, damit bin ich einverstanden, aber daß ich als Irrlehrer und Verführer abgestempelt wurde, ohne daß mir jemand sagen hätte können, was falsch ist!

Nein, sagt Arve, er könne mir auch nicht sagen, was falsch sei(!). Aber Bratlie sehe die Sache als sehr ernst an, erfahre ich, und wenn damit nicht Schluß wird, wird Vater abgesetzt und ich werde aus der Gemeinde ausgeschlossen.

AUS DER GEMEINDE AUSGESCHLOSSEN!

Die Worte treffen mich mitten ins Gesicht. Ich bin gelähmt. Als ob die Erde unter mir nachgäbe.

Die Erde, Bratlie, die Brüder, das, was immer da gewesen war und die Dinge an seinem Platz festhielt. Ohne Weiteres hatte man sich darauf verlassen. Dann verschwindet es einfach, und man schwebt in der Luft. Alles schwebt. Und wer soll dann eingreifen? Wer soll dann das Gesetz der Schwere sein, damit die Dinge wieder auf ihren richtigen Platz kommen?

Was weiß eigentlich Bratlie über mich und darüber, was ich vertrete? Geht er von den Gerüchten aus, oder ist es Samuel? Oder riecht er fremde Geister auf vier Meilen Entfernung? Wozu all die Lügen?

Ich gehe zur Arbeit, muß aber wieder heim, da Irene krank ist.

Johnny ruft an. Er glaubt, da sei jemand, der Vater zu Leibe rücken wolle. Daß es sich eigentlich nicht um mich drehe.

Dann ruft Mutter an. Sie hat mit John Myrer gesprochen. Er sagte, es sein ein gewaltiger Irrtum, in den ich da hineingekommen sei. Selbst ahnte er nicht, was es sei, aber Bratlie und Kåre Smith sähen die Sache als sehr ernst an.

Typisch! Wir sind leicht erschöpft, und ich stelle etwas düster fest, daß meine Zeit als Verkünder in der Gemeinde wohl aus und vorbei ist.

Beim Brüdertreffen wird mir empfohlen, Smiths Briefe zu lesen. Und warum nicht. Auch wenn ich ziemlich mißverstanden wurde, habe ich natürlich viel zu lernen. Und wer weiß, vielleicht erhalte ich ein ordentliches Blitz-Licht, das vieles, was ich früher gesagt habe, auf den Kopf stellt. Dagegen habe ich absolut nichts. Aber ich glaube es nicht. Eines ist inzwischen ganz klar, daß Licht und Überzeugung nichts sind, womit man sich beschäftigt oder zu dem man sich drängt. Was da ist, ist da. Dann muß man sich vertrauensvoll für neue Versorgung öffnen.

Es ist merkwürdig zu lesen. Es ist eine wahre Freude und Wonne in meinem Herzen über das, was hier steht. Ein besonders überströmender Segen, eine innere Klarheit. Ich lese Seite für Seite, Brief für Brief, ganz ergriffen. Ich lege das Buch weg, schüttle verwundert den Kopf über diese etwas überraschende Seligkeit. Ergreife das Buch von Neuem und lese weiter.

Hier steht ja alles zusammen! Das ist ja gerade das, was ich verkündet habe! Seite für Seite! Eine endlose Bestätigung meines Lichtes und meiner Überzeugung! Wenn es eine Hauch von Zweifel in meinem Inneren gab, so wurde dieser auf jeden Fall jetzt gründlich hinweggefegt und ich juble und lache, danke meinem Gott und lese weiter.

Da bricht ein Gedanke über mich herein und meine Seligkeit verstummt jäh.

Wenn die Gemeinde mein Licht verwirft, dann verwirft sie auch dies! Dieses wunderbare Licht, diesen salbungsvollen Geist, den ich in diesem Buch fühle! Ach, welches Schicksal! Was für ein Unglück für Bratlie! Was für ein Unglück für Tausende von Menschen in der ganzen Gemeinde!

Es ist ja Gott selbst, der verworfen wird!

Ich werde von Angst ergriffen. Es überkommt mich. Ich gehe in mich selbst und weine laut und bete in Verzweiflung. Das hilft für eine Weile, aber es kommt wieder. Eine merkwürdige schmerzhafte Klaue hält mein Herz fest umklammert.

Was soll ich tun? Zu Bratlie gehen und ihn auf meinen Knien bitten, dieses Licht nicht zu verwerfen? Ja, ich habe gesündigt. Dann strafe mich für meine Sünde, aber nicht für mein Licht. Das ist von Gott!

Oder soll ich bei der Elterntour aufstehen und mein Herz öffnen, meine tiefe Not zeigen, sie auf den Knien bitten, mich anzuhören? Ihnen aus Smiths Briefen vorlesen, sie inständig bitten, zu versuchen, mich zu verstehen und es nicht böse aufzufassen!

Ein STOP auszurufen!!

Nutzlos! Selbstverständlich völlig nutzlos!

Ich gehe einkaufen, aber gehe wie in Trance. Ganz außer mir. Die Klaue ums Herz. Angst. Die ganze Gemeinde geht in die Irre. Verwirft Gott. Der Gedanke, mich selbst zu rechtfertigen, tritt zurück gegenüber dem Ungeheuren, das mir nun aufgeht.

Nutzlos! NIEMAND WIRD AUF MICH HÖREN!

Abends fahre ich nach Skogstad. Habe Gerüchte über eine Versammlung junger Männer gehört. Ich nehme Smiths Briefe mit. Hier soll man sie lesen.

Die Klaue verschwindet mit einem Mal. Das Ganze wird plötzlich so unwirklich. Was war es, dessentwegen ich heulte? Bin ich überempfindlich, ein Nervenwrack oder was?

Im Klub der jungen Männer ist es herrlich befreiend. Diese jungen Männer nehmen es nicht allzu schwer. Galgenhumor blüht. Bin richtig verwundert über das, was geschieht, kann aber über das meiste lachen und trage keinen Gram gegen irgendwen. Und sie verstehen mich. Sind nicht einig mit allem, was ich sage, aber daß ich ein Irrlehrer sei sollte, sei Blödsinn.

Ich lese ein wenig aus Smiths Briefen, aber den anderen gelingt es natürlich nicht, meine glühende Begeisterung zu teilen. Das ist gut, was hier steht, aber das ist doch wohl nichts, wofür man sich so gewaltig einsetzen muß.

Ich fahr heim, und die Klaue ist wieder da. Wieder überkommt es mich. Dann war es keine Einbildung. Ein merkwürdiges Gefühl. Eine Vorwarnung? Zwei Brüder aus der Widerstandsbewegung stehen vor mir, und ich bitte Gott inständig für sie.

Wir entschließen uns, dennoch an der Elterntour teilzunehmen.

In der Nacht schlafe ich schlecht. Liege wach. Müde, erschöpft, verwirrt. Irene schläft gleichmäßig und schwer. Ich werfe mich hin und her. Finde keine Ruhe. Ich gebe auf, bleibe liegen und schaue in die Finsternis hinaus.

Mit einem Mal überkommt mich ein Gedanke. 14. Oktober! Das ist morgen!

Als wir unser erstes Kind erwarteten, bekam ich eines Tages, als ich mit dem Kalender in der Hand dasaß, eine fixe Idee. Da, sagte ich, und zeigte auf den 11. März, da kommt der Bub. Und dann, am Abend des 10. März, bat ich Irene, zu packen und alles klar zu machen, und am Tag danach kam der Bub.

Von diesem prophetischen Erfolg ergriffen, wurde dann das nächste Kind zeitgerecht in den Kalender eingetragen.

Am 14. Oktober!

Ich hatte dies ganz vergessen, Ja, ich sehe das Ganze vor mir. Wir kommen hinauf zu den anderen in Hedalen, da gibt es ein großes Reinemachen und Irene bekommt Wehen. Eineinhalb Monate zu früh, und in Hui und Hast zum Krankenhaus. Ach und weh, wie soll das gehen! Ist es nicht übrigens ganz bis Hønefoss. Das sollte ich vielleicht untersuchen.

SAMSTAG 14/10

Ich sitze mit gebeugtem Haupt beim Frühstückstisch. Beschwert von elendem Schlaf und den Offenbarungen der Nacht.

Irene hingegen ist in strahlender Laune und möchte wissen, warum ich den Kopf hängen lasse. Ich wage es fast nicht zu sagen, aber erwähne so kleinweise, daß es ja toll werden kann und sie vielleicht Wehen bekommt und es weit bis zum Krankenhaus ist und ... und ...

Sie fegt das Ganze hinweg mit einem herzlichen Lachen. Was in aller Welt ist das für ein Glaube? Heißt das, Gott übergeben zu sein, oder was?

Nein, natürlich. Womit beschäftige ich mich eigentlich? Ich komme durch all das ja ganz auf die Felge.

Wir fahren in Ruhe und Frieden hinauf und sprechen über das Evangelium und das innere Leben. Wir fühlen, daß Gott mit einem gesegneten Licht anwesend ist.

Irene ist übrigens die ganze Zeit über treu an meiner Seite gestanden. Sie glaubt entschieden nicht daran, daß ich auf Abwege gekommen bin. Ganz im Gegenteil sind wir einander im Glauben an einen positiv innerlich wirkenden und antreibenden Gott entschieden nähergekommen. Außerdem ist sie über die Vorgangsweise der Brüder ebenso verwundert.

Wir zittern etwas, als wir uns Hedalen und den übrigen Leuten nähern, die gestern kamen. Aber wir werden gut aufgenommen. Das erste Treffen ist gerade zu Ende.

Diese Treffen war gewiß eine Erleichterung für die schwere, gedrückte Stimmung, die in der Versammlung herrschte. Einige fühlten die gleiche merkwürdige Klaue ums Herz.

Vater hat über meine Sache und Gottes Sache gepredigt. Er bekam darüber vor dem Treffen mächtiges Licht. Daß wir alles, was wir unrecht und aus Unklugheit tun, auf Gott legen können. Meine Sache ist es, zu lieben.

Er fühlte natürlich, daß die Situation äußerst schwierig war. Es war eine enorme Spannung zwischen zwei ausgeprägten Gruppen entstanden, welche in dieser Angelegenheit völlig verschiedene Ansichten haben, die sich auf keine Weise einer Klärung genähert haben. Mit irgend einer Erklärung beizutragen ist ihm natürlich völlig verwehrt.

Aber Vaters zerknirschter demütiger Ton und die Erinnerung daran, einander zu lieben, schlagen in beiden Lagern an, und die allermeisten werden versöhnlich und freundlich gestimmt. Wir sind hergekommen, um die gute Gemeinschaft zu pflegen. Und wenn auch die Unterhaltung und die Gesprächsgruppen ganz gesetzmäßig der Parteibildung folgen, so ist man doch darauf eingestellt, die Sache Gott zu überlassen und einander zuzulächeln.

Abends sammeln sich einige um Astrid. Sie hatte ein erlösendes Erlebnis und erzählt lebendig und engagiert über den neuen Jesus, von dem sie nun so ergriffen ist. Sie sammeln sich um sie wir hungrige Seelen.

Aber niemand von der Widerstandsbewegung.

Etwa 8 bis 10 von uns bleiben sitzen und reden miteinander. Das Ganze ist ein Erlebnis. Gott ist wieder mächtig anwesend. Alle wird so glasklar. Einer nach dem anderen trägt dazu bei. Blättert in den Schriften, zitiert, erzählt. Macht etwas vorsichtig Witze über das, was geschehen ist, aber keine Vorwürfe oder bösen Worte. Die haben hier keinen Platz. Wir lachen und freuen uns. Es ist, als ob eine innere Salbung von Frieden und Segen über uns ausgegossen wäre.

Die anderen verschwinden. Einer oder der andere hält etwas inne und horcht. Fühlt sich nicht ganz daheim hier und verschwindet ins Bett.

Merkwürdig, wie die Rollen vertauscht sind. Die, mit denen ich jetzt beisammen sitze, sind im großen und ganzen jene, mit denen nicht ganz zu rechnen war. Sind sozusagen nicht in die gute Gesellschaft im Zentrum der Bruderschaft vorgedrungen. Fast unmerklich, aber dennoch effektiv, wurden sie aus den wichtigsten Entscheidungen und den größten Betrauungen herausgehalten. Ich war selbst mit dabei und bin darob gar nicht stolz.

Aber nun bleiben diese sitzen und die anderen gehen.

Vater wagt es nicht, bei uns zu sitzen. Hat Angst, gewissen Personen etwas zu bieten, "ihren Hut aufzuhängen". Erfahrungsgemäß werden nämlich solche "Kleiderständer" voll mit Hüten behängt, sobald sie montiert sind.

Zuletzt müssen auch wir schlafen gehen.

Ich liege und denke daran, mich für tot zu halten. Dieses Spezialthema von Aslaksen war für mich immer etwas geheimnisvoll. Ich schlafe mit dieser Frage ein.

In der Nacht wache ich auf, mitten in 2 Petr 1. Es steht glasklar vor mir. Vers für Vers. Alles ist uns gegeben, was zum Leben und zur Gottesfurcht dient. Es ist uns vorgelegt, fertig zum Gebrauch! Jesus hat das Fleisch besiegt" Er hat mir ein neues Leben geschenkt! Ich muß ganz einfach auf Christus hinweisen, mit Christus rechnen, an Christus glauben, dieses neue und einzige vollkommene Leben!

Es ist, als ob es meinem inneren Blick gezeigt würde:

1. Christi Sieg über mich selbst

2. Christi neues Leben

Leuchtende lebendige Wirklichkeiten! Das Entscheidende ist, es zu glauben. Unser Glaube ist es, der die Welt besiegt. Und wie kann ich unterlassen, etwas zu glauben, das mir mit einer solch überzeugenden Deutlichkeit gezeigt wurde?

Mein Herz jubelt vor Freude. Ich schlafe kaum mehr.

Das habe ich ja oftmals gehört, sich für tot zu halten. Das war spanisch. Nun ist es also so einfach!

Gott spricht und spricht. Es ist die reinste Schulstunde. Eine herrliche Schulstunde. Welche Kraft steht mir zur Verfügung! Nicht in mir, nein, keineswegs. In Christus. Er hat die Kraft. Ich kann alle bezwingen.

Es schwellt von Kraft!

SONNTAG 15/10

Ich versuche mein neu erworbenes Licht.

Du liebe Zeit, was für eine Waffe! Und ich, der ich meinte, ich müßte sündigen, müßte etwas sauer werden, müßte etwas verletzt sein, müßte etwas irritiert sein, usw. Dann ist das also ganz unnötig. Jesus hat das besiegt. Glaube ich das, so stiebt die Versuchung völlig ohnmächtig davon.

Ich gehe herum und grinse und lache den ganzen Tag und freue mich über die Wirkung. Freue mich, den Alltag in den Griff zu bekommen.

Ich lege davon beim Treffen Zeugnis ab, aber das wird natürlich mißverstanden. Ansgar drückt mir den Chor "Gehe den Weg" in die Hand, sobald ich mich setze.

Ich kenne Ansgar. Das wird wohl zu leichtfertig. Angeblich lehrte Barrats den einen oder anderen Schleichweg. Aber das spielt hier keine Rolle. Die Waffe funktioniert perfekt, und alle negativen Gedanken verschwinden fast, bevor ich sie entdecke. Nein, niemand kann die überströmende Seligkeit meines Herzens nun stören.

Ich spreche mit denen aus "unserer Gruppe", sobald ich die Gelegenheit bekomme. Einige freuen sich darüber, daß es ja gar nicht nötig ist zu sündigen. Und wir, die wir glaubten, wir müßten! Wir müssen nur lachen.

Vater schlägt vor, Sverre Riksfjord zu einem der nächsten Wochenenden nach Drøbak einzuladen. Wir brauchen Kräfte von außerhalb, um es auf gewisse Weise wieder zum Gehen zubringen.

Über den Vorschlag herrscht breite Übereinstimmung.

SAMSTAG 21/10

Sverre ist beim Jugendtreffen. Das Ganze geht ruhig vor sich. Man ist vorsichtig und wartet ab. Geht in sicheren Abstand zur heißen Grütze. Ich sage auch etwas und bin etwas vorsichtig.

SONNTAG 22/10

Sonntagstreffen. Sverre beginnt.

Predigt über den Gehorsam. "Arbeitet an eurer Rettung, denn Gott ist es, der wirkt". Gott wirkt uns wir müssen gehorsam sein. Wie Noah. Gott sagte, baue die Arche, und er baute sie. Das mußte Noah tun.

Ich mag das nicht. Ist da nicht ein Unterschied zwischen Noah im Alten Bund und uns im Neuen Bund? Heißt es nicht auch, wir seien Gottes Werk, während hier steht Noahs Arche? Und warum wird so wenig Wert gelegt auf Gott, der wirkt?

Nein, hier riecht es nach Brand. Sverre hat wohl bereits seine Information erhalten und sich ein Bild der Situation hier in Drøbak gezeichnet.

Sverre zitiert einen Vers: "Er gibt seien Geist jenen, die ihm gehorchen". Das ist die ewige Leier beim Treffen. Man muß gehorchen, um den Geist zu erhalten.

Ich wundere mich darüber. Ist es nicht umgekehrt, daß man den Geist bekommt,, um zu gehorchen? Aber nun steht es so da ...

MONTAG 23/10

Ich treffe Johnny. Wir sprechen über das Treffen. Er zitiert, was in Apg 5,32 steht: "Er gab seinen Geist dem , der ihm gehorcht". Aha. Das stimmt besser. Er gab (gestern) seinen Geist dem, der ihm (heute) gehorcht.

Der meiste Teil des Treffens war also auf einem Vers gegründet, der nirgends steht.

FREITAG 27/20

Jugendtreffen mit Kåre Smith und Sverre Riksfjord.

Kåre fragt, was Heiligung ist.

Niemand antwortet. Wer wagt es, in diesen Zeiten ein Risiko einzugehen?

Dann predigt er darüber. Liest Joh 15, über Gott, der die Zweige reinigt. Nicht so schlecht.

Sverre predigt darüber, den Feind beim Tor hinaus zu treiben. Glauben, er sei da draußen, glauben, man sei tot, sich für tot halten.

Auch wenn ich herzlich einig damit bin, was die hier verkünden, so bin ich nicht nennenswert selig. Tief drinnen in mir fehlt etwas am Vertrauen zu diesen Brüdern.

Thorleif ist wieder auf dem Kriegspfad: Diese Brüder sind nicht umsonst da!!! Das ist etwas, was wir brauchen! Es geht darum, daß hier niemand sitzt und seine eigene Meinung darüber hat! Jesus bahnte nicht den Weg dazu, daß wir ausweichen, nein, wir sollten folgen!

Samuel setzt in den selben Bahnen fort: Wenn hier jemand sitzt und eine andere Meinung darüber hat, so soll er sie gerne haben, aber er irrt sich völlig!

Es wird losgedonnert und es ist deutlich, daß das Selbstvertrauen durch die Anwesenheit der Brüder gestärkt wurde. Der Ton ist hart und gnadenlos, und die Adresse ist klar: Es fehlt noch, daß sie auf mich zeigen. Aber das Listige daran ist, daß ich tatsächlich sehr damit einig bin, was hier gesagt wird. Sowohl Kåre als auch Sverre haben gerade die Themen berührt, für die ich selbst entbrannt bin. Aber das haben sie selbstverständlich nicht gemerkt. Sie setzen nur ihren unermüdlichen Kampf fort, indem sie mich für etwas angreifen, was ich nicht vertrete. "Es ist nicht gemeint, daß wir Jesus nicht auf seinem Weg nachfolgen sollten". Selbstverständlich nicht, darin sind wir uns ganz einig.

Es ist übrigens kein Vergnügen, bei so etwas die Musik zu leiten. Ich fühle mich überwacht. Versuche, möglichst Kampf- und Streitlieder auszuwählen, dann können sie sich auf jeden Fall nicht darüber beklagen.

SONNTAG 29/10

A. J. Smith ist beim Treffen.

Predigt darüber, Lehm in der Hand des Töpfers zu sein Sich von Gott in den Umständen des Lebens formen zu lassen.

Es ist wunderbar, endlich eine Predigt ohne den Beigeschmack der "Sache" zu hören. Es ist eine wohltuende Predigt ohne irgend welche Seitenhiebe.

Das selbe kann man kaum über Sverre sagen.

Sverre ist nun noch deutlicher. Predigt darüber, seine eigene Gemeinde bilden zu wollen. Ja, versuch das nur. Es ist denen, die es früher versuchten, niemals geglückt. Er nennt noch einige Dinge mit Adressen, die massenweise klar sind.

Damit ist es Fehlschlag, Fehlschlag und wiederum Fehlschlag! Das Ganze wird verdreht und auf listige Weise werden uns die schlechtesten Motive unterschoben.

Ein Lichtpunkt war [A. J.] Smith. Wird er etwas tun können? Wird er sich mit den Umständen beschäftigen? Wird er dazu beitragen, daß dieses Wirrwarr endlich aufgeklärt wird? Aber Smith ist alt. Am besten, man hat allzu große Erwartungen.

Eine klitzekleine Hoffnung ist jedoch entzündet.

MONTAG 30/10

 

Vater hat an Bratlie geschrieben und ihn um Vergebung für seinen mangelhaften Dienst gebeten. Wenn Bratlie es wünsche, käme er gerne zum ihm zu einer näheren Unterredung.

Bratlie hat ihn gebeten, heute zu kommen. Wir sind gespannt, wozu das führen kann.

Der Besuch ist kurz und ungefährlich. Nicht soviel, um eigentlich daraus klug zu werden. Vater hat nichts Großes zu berichte

"Drøbak ist zu selbständig", sagt Bratlie. "Das schafft ihr bestimmt ohne uns".

Dann sprechen sie über den "Freudenboten". Das ist ja eine Geschichte für sich.

Es begann mit einer Busfahrt für Jugendliche. Zu dieser Gelegenheit sammelten einige Jugendliche verschiedene Lieder für ein kleines Heft. Johnny leitete das Projekt. Es fand Anklang und man beschloß, das Heft zu erweitern und es ordentlicher auszugestalten. Freunde aus Oslo und Østfold wollten auch mit dabei sein. Es bestünde Bedarf dafür, meinte man. Als Gegengewicht gegen weltliche und religiöse Musik. Zum Schluß wurde es ein ordentliches Buch. Vater wurde etwas bedenklich, als er sah, daß es ein ganzes Buch würde. Aber hin und her, es war ja ordentlich praktisch im Verhältnis zu all den losen Zetteln und selbstangefertigten Liedersammlungen. Und was die Lieder betraf, so waren diese bereits in der Gemeinde in Verwendung.

Es wurde ein Knallerfolg. Die Auflage war ja nur für lokalen Bedarf gedacht, aber Freunde aus allen Enden der Erde kamen und baten so schön darum, das es unmöglich war, nein zu sagen. Es mangelte nicht an Lobesworten über das Unternehmen.

Aber nicht alle waren von dieser Art von Selbständigkeit begeistert. Auf Torsteinslåtta 1984 mußte Vater abrupt zu Mittag den Tisch verlassen, um für den "Freudenboten" und seine Verwendung Rede und Antwort zu stehen. In Drøbak waren sie ja dabei, die "Wege des Herrn" auszumustern, erfuhr er. Und dann war es voll von Hurenliedern und es stand kein Verlag drinnen und die Verfasser waren nicht genannt. Ja, ein Lied war sogar auf Åge Samuelsens Melodie geschrieben!

Vater fühlte sich durch den Sturmangriff einigermaßen überrumpelt. Er konnte es nicht vermeiden, die Argumente etwas unsachlich zu finden, und die Behauptung über den Platz, den das Buch bei den Treffen in Drøbak eingenommen habe, stimmten ja überhaupt nicht. Er erklärte, es seien die Jugendlichen gewesen, die hinter dem Projekt gestanden waren. Es war wohl etwas umfangreicher geworden, als sie gedacht hatten. Ja, er war selbst überrascht, als er sah, daß es ein ganze Buch würde.

Gut, nun bekommt er seine Erklärung zurück.

Du hast uns angelogen, meint Bratlie. Es ist nicht wahr, daß du nichts darüber wußtest, daß ein Liederbuch gemacht würde! Vater versucht zu erklären, daß es die Buch-Form war, von der er nichts gewußt hatte. Aber Bratlie besteht auf seinem Standpunkt. Später sehe ich, daß er in einem Brief auf die gleichen Behauptungen über Vaters Lügen zurückkommt.

Er glaubt Vater auch nicht, als er erzählt, in welchem Maß der "Freudenbote" bei den Treffen benützt wird. Beim allgemeinen Singen ist er ja nur sporadisch benützt worden, und nun hat Vater ja längst erklärt, daß er überhaupt nicht benützt werden soll.

Sie sprechen über Fußballspiel, und Vater berichtet, wie es in Drøbak praktiziert wird. Bratlie sagt dazu nichts.

Dann erzählt Vater von seinem Erlebnis. Ja, da ist nichts falsch mit Erlebnissen, sagt Bratlie.

Er liest ein wenig in Smiths Briefen und erzählt von Barrats Lehre. Er sagt jedoch nichts darüber, ob dies irgend einen Zusammenhang mit Vater oder den Verhältnissen in Drøbak hat.

Dann gibt es Pulverkaffee und ein wenig Smaltalk. Bratlie erzählt von einigen Brüdern in Oslo, was diese verstünden und nicht verstünden und warum diese früher so hoch geachteten Brüder einige Stufen niedriger gesetzt werden mußten.

Vater erhebt sich und geht, und bei der Türe erhält er Schulterklopfen und gute Abschiedsworte: Es wird wohl gut gehen, versichert Bratlie. Du bist ja ein demütiger Mann.

Vater ist über den Besuch erleichtert. Der Ton war entspannt, und Bratlie hatte ja den Finger nicht auf Vaters Verkündigung gesetzt.

Dennoch gibt es ein paar Dinge, die uns erschrecken:

- Bratlies veränderte Haltung seit dem Treffen auf Brunstad ist auffallend. Was griff er eigentlich damals an? Will er die direkte Konfrontation von Mann zu Mann vermeiden?

- Bratlie hat bestimmte tief verwurzelte falsche Auffassungen, und er weigert sich, Vater auf sein ehrliches Wort hin zu glauben.

- Bratlie zeigt kein Interesse, Informationen von unserer Seite zu bekommen. Vater erhält keine Gelegenheit, die Situation so zu erklären, wie er sie sieht.

- Wozu soll die Verleumdung anderer Brüder gut sein? Wird Vater verleumdet?

Abend ist Brüdertreffen. in Oslo. Die Gemeinden ringsum sind besonders dazu aufgefordert, zu kommen. Hier gibt es Brüder vom ganzen Ostland.

Bratlie spricht darüber, daß man die Dinge ernst nehmen muß. Über Jesus, der mit lauten Schreien und Hilferufen kämpfte. Erwähnt, daß an den meisten Orten der Ernst fehlt. Daß sich eine oberflächliche Verkündigung eingeschlichen hat, die man in der Gemeinde nicht dulden kann. Barrats Lehre, daß der Sündenleib durch die Geisttaufe weggenommen wird. Er macht die Verkündigung der Übergabe lächerlich: man übergibt sich an Gott und sündigt weiter drauf los.

Dann sagt er. es nütze nichts, gegen die Sünde zu kämpfen, wenn die Versuchung komme. Nein, da müsse man sich an Gott wenden, vor den Thron der Gnade treten. Und die Verkündigung darf nicht gesetzlich sein. Wenn man nicht zum Glauben gelange, würde diese Verkündigung des Ernstes gesetzlich wirken. Man müsse die Herrlichkeit des Evangeliums hervorheben, die Leute nicht aufs Haupt schlagen, aber ihnen zum Rechten helfen.

Es werden Fragen gestellt, auf die einige antworten.

Sverre steht auch vorn. Ich spreche gern über den Glauben, sagt er, aber ich muß zugeben, daß es die Predigten über den Ernst waren, die mir zur Hilfe wurden.

Bratlie ist ruhig und entspannt. Der aufgeheizte Ton von der Jugendkonferenz ist völlig verschwunden.

Ich bin etwas verwirrt. Auf der einen Seite macht er die Übergabe lächerlich, und ich weiß ausgezeichnet, wie die Widerstandsbewegung davon Gebrauch macht. Auf der anderen Seite sagt er,

es nütze nichts, in der Zeit der Versuchung gegen die Sünde zu kämpfen, man müsse sich an Gott wenden. Das ist ja gerade das selbe wie die Übergabe!

Und was die gesetzliche Verkündigung gegenüber dem Evangelium betrifft, zum Rechten helfen statt auf Haupt zu schlagen, so trifft er ja damit bei der Widerstandsbewegung ins Schwarze. Aber diese haben die Predigt wohl auf ganz andere als auf sich selbst bezogen.

MITTWOCH 01/11

Vater beginnt das Treffen. Nimmt sich das Brüdertreffen vor. Zuerst ein wenig über den Ernst. das braucht er für sich selbst. Dann predigt er über den Trost, über den Bratlie sprach. Nicht gegen die Sünde selbst kämpfen, sondern ein inneres Gebetsleben entwickeln, in dem man zu Gott geführt wird., den wahren Helfer und Tröster.

Vater ist etwas vorsichtig. Deutlich unsicher darüber, auf welcher Seite die Leute stehen.

Risnes setzt in der gleichen Spur fort.

Dann ist wieder Zeit für "action". Onkel Ansgar donnert im bekannten Stil drauf los und predigt mit größeren Buchstaben, als wofür hier Platz ist. Er hat deutlicherweise mehr als genug von diesem Trostunsinn und benützt seine beste Waffe: eine besonders wohlentwickelte Stimme. Denn es war ja ganz deutlich, was Bratlie hervorheben wollte: es war ERRRNNST!!! Und Ansgar bleibt bei diesem Thema. Der Ton ist flinthart.

Dann kommt Åge mit seinem Licht. Sowohl Thema als auch Ton stehen in scharfem Gegensatz zu dem Steinschlag vor ihm. Darüber, den Glauben an sich selbst zu verlieren und Gott in sein Leben hineinzubekommen. Werde gebeugt und zerknirscht in Gott.

Dann kommt der Schwiegervater: Was ist Glaube? Erzählt von seinen Töchtern, die vom Jugendtreffen kamen und nur vom Glauben gehört haben. Daher ahnen sie nicht, was sie zu tun haben. Liest Apg 5,32, aber liest falsch: gibt seinen Geist dem, der ihm gehorcht, statt gab. Ja, da versteht man ja, was man zu tun hat, nämlich gehorchen! Er macht schwebende Trostpredigten und Träumereien, um den Geist zu erhalten, lächerlich

Ich sitze da und in mir arbeitet es. Soll ich einwerfen, daß er falsch gelesen hat? Der Ton lädt jedoch nicht sonderlich zu Einwänden ein.

Da fragt Åge etwas: muß man nicht den Geist haben, um zu gehorchen?

Der Schwiegervater antwortet nicht darauf. Er ist sehr aufgeregt und versteht wohl die Frage nicht. Nein, er ist wohl nicht ganz in der Ruhe.

Samuel predigt über Glaube und Liebe. Die Liebe bedeutet etwas, nicht der Glaube!

Zum Schuß kommt nochmals Risnes dran. Er ist etwas über Samuels Beitrag erzürnt. Man kann doch den Glauben nicht einfach wegfegen! Der ist ja das Entscheidende! Ohne den kann man nicht siegen! Wir müssen aufpassen, daß nicht alles ein einziger Matsch wird. Er meinte, dies sagen zu müssen, und hofft, er habe nichts Falsches gesagt.

Ja, man kann sozusagen leicht verwirrt werden. Aber wer soll den Weg durch den Milchbrei bahnen? Es ist, milde gesagt, ein völliges geistliches Chaos.

FREITAG 02/11

Jugendtreffen ohne Auswärtige. Den Verhältnissen entsprechend ein gutes Treffen. Ich sage auch

etwas.

Ich sitze bei der Musik und schaue über die Versammlung. Und plötzlich mache ich eine erschreckende Entdeckung: Völlig leblos! Kein Lächeln! Gesenkte Häupter! Gerade, daß sich bei den Liedern die Lippen bewegen!

Eine bedrückte Versammlung.

SONNTAG 05/11

A. J. Smith predigt darüber, mitzugehen. Ist etwas sprunghaft. Und sind da nicht ein paar Fußtritte, die er bringt? Wurde er "informiert"? Es hört sich leider so an.

Sigurd Olsen ist auch anwesend. Er hält eine gesegnet gute Predigt ohne den Geschmack eines Zeigefingers. Das tut wohl.

Risnes setzt mit einem mächtigen und inständigen Beitrag darüber fort, zunichte gemacht zu werden, machtlos sein, so daß Gott dazukommen kann. Das kann doch keine Irrlehre sein, bricht er leicht verzweifelt aus.

Thorleif ist dran. Erzählt über Bratterud und religiöse Geldbettelei im Radio. Denn er hört ab und zu Bratterud. Nicht um beeinflußt zu werden, oh nein, sondern um ordentlich eifrig zu werden! Sollten wir nicht ordentlich dankbar sein für die Wächter auf den Mauern, welche die Gemeinde von dieser Art von Religiosität freihalten!

MONTAG 06/11

Vater ist mit den Söhnen zur Beratung auf Skogstad versammelt.

Was tun wir in dieser hoffnungslosen Situation? Wir kommen zu nichts Konkretem, aber sprechen uns etwas aus.

Åge bekommt einen Hinweis wegen seiner Kühnheit bei den Treffen. Er hat ja treu und mit Begeisterung darüber gesprochen, zerknirscht, zunichte gemacht zu werden, alles Gott zu übergeben, nur auf ihn zu vertrauen. Er und Risnes haben sich richtig in dieses Thema hineingesetzt, zur großen Freude auf jeden Fall von mir.

Ich erinnere mich an ein Treffen, bei dem diese beiden besonders gut darüber sprachen, worauf Thorleif ordentlich dagegen schlug: Es sind ja jämmerliche Dinge, über alles das zu hören, was wir nicht können und nicht zustande bringen. Nun ist es ja voll möglich, den Sieg zu erringen! Für die völlige Untauglichkeit des Menschen hatte er also wenig Sinn. Im Verhältnis zu dem Platz, den J.O. Smith diesem Thema widmete, ist es ja tragisch, daß Thorleif eine solche Unwissenheit verrät. Er mißversteht einfach. Und er ist nicht allein. Nein, er hat die ganze Widerstandsbewegung hinter sich. Aber was sollen wir tun und was sollen wir sagen? Sind nicht sie es, die die Brüder im Rücken haben?

SONNTAG 12/11

Ekholt ist beim Treffen. Predigt auch darüber, abzunehmen.

Das ist ja ein feines Thema und das Treffen wird gut. Ich sage auch etwas.

Auch Onkel Kristian sagt etwas. Das ist entschieden eine Seltenheit. Er geht richtig auf die Sache los. Über Streit und Spaltung in der Gemeinde. Er hofft innigst, daß es so etwas nicht geben möge. Das gab es früher, und das hatte Folgen. Erzählt von seiner Tochter, der es in der Schar der Jugendlichen so gut geht. Es würde ihn sehr schmerzen, wenn da etwas Böses hineinkommen sollte, mit dem Gedanken an die Jugendlichen. Man sitzt und redet und schwenkt die Rockzipfel. Der hat dies gesagt und der hat das gesagt.

Er zielt wohl auf eine Gesellschaft am letzten Wochenende, wo Samuel sich über mich und meine Irrlehrer einer Anzahl von Jugendlichen gegenüber ausließ.

Onkel Kristian ersucht die Auswärtigen, die Sache ordentlich zu untersuchen. In solchen Angelegenheiten sind früher Fehler gemacht worden!

Nach dem Treffen ist Sverre Riksfjord bei Åge zu Mittag eingeladen. Er möchte ein wenig reden.

Åge äußert seine Verzweiflung über die Situation. Die Verhältnisse wurden nicht ordentlich untersucht. Alles ist unklar.

Sverre antwortet,. Bratlie sei ein Häuptling. Er weiß wohl, was er tut.

Åge nennt Thorleif. Sverre muß da wohl merken, daß der Ton nicht gut ist?

Ja. Sverre hat etwas gemerkt. Aber wenn es einen Kampf gibt, dann muß man mit unklugen Schlägen rechnen.

Åge erzählt ein wenig über sich und die Überzeugung, die er in seinem Herzen fühlt.

Vergiß das, sagt Sverre.

Ich kann ja nichts unterstützen,, bevor ich nicht davon in meinem Inneren überzeugt bin, sagt Åge und zielt auf eine bestimmte Verkündigungsrichtung.

Bis die Überzeugung kommt, mußt du es einfach tun, sagt Sverre, sehr überzeugt davon, wovon Åge überzeugt werden soll.

Denk an die Jugendlichen., sagt Åge. Die haben ja Vertrauen zu Vater, der plötzlich entfernt werden soll. Das wird ja unverständlich und schlimm.

Sie müssen sich an die Ältesten halten, sagt Sverre.

So geht es hin und her, und Sverre kann berichten, daß Blut dicker als Wasser ist, und Vater und Mutter und Schwester und Bruder zu hassen, ja das koste eben etwas! Und dann ist er froh, daß er mit dabei gewesen ist. Er war selbst schwach im Glauben und in der Übergabe an Gott gewesen, dies war also eine gute Schule.

Dann ist das Mittagessen verzehrt, auch die Nachspeise, und Sverre fährt weg, um die Fähre zu erreichen.

Åge bleibt ohne besonderen Grund zu Optimismus zurück. Denn wenn Sverre auch positiv und gemütlich ist, zeigt er doch wenig Willen, sich in die Sache von Åges Gesichtspunkt aus hineinzudenken. Das Untersuchende und Zuhörende glänzt durch Abwesenheit. Hingegen ist der Wille, die Brüder und die Gemeinde zu verteidigen, ziemlich auffällig.

Und Sverre hat immer eine Antwort. Wenn nicht, dann fabriziert er eine. Und er schiebt einige Ermahnungssalven ein, wo er meint, daß der Schuh drückt. Schnell und wirkungsvoll. Einer, der mit weniger Rhetorik zu widersprechen versucht, fällt leicht aus dem Rahmen.

Aber das schafft keine Offenheit und kein Vertrauen. Man fühlt sich überfahren.

DONNERSTAG 16/11

Kåre und Sverre haben Vater, Johnny, Åge und mich zu einem Aufklärungstreffen einberufen.

Vor einiger Zeit sagte Sverre, er wünsche ein Gespräch mit mir. Daraus wurde vorläufig nichts, uns außerdem gab es sehr wenig Aufklärung. Die Brüder von auswärts kamen normalerweise zu Vater herein, aber das Bemerkenswerte war, daß sie die Sache mit keinem einzigen Wort erwähnten. Sverre gab auch Ausdruck dafür, daß er nichts davon hören wollte. So kann er sich neutral verhalten. Ich fürchte indessen, er habe von einer anderen Seite etwas gehört.

Nun sollen wir endlich über die Sache reden, und Kåre übernimmt ohne weiteres das Kommando. Nach einer Gebetsstunde zieht er die Dokumente heraus, von denen ich in Gerüchten gehört habe: die Anklageschrift gegen mich. Einige A4-Seiten mit Ungeheurem. Er sagt, man müsse ja damit reinen Tisch machen, und das hätten wir ja nicht beim vergangenen Brüdertreffen tun können.

Bevor wir mit der Liste anfangen, erzähle ich ein wenig über mich. Und für mich ist es undenkbar, anders zu sein als grundehrlich. Daß das Leben schwer und träge war und ich es nicht schaffte. Dann fand ich das "Gebet" und wurde vom inneren Leben ergriffen. Ich sage, ich glaube, es fehlt hier etwas. Viele plagen sich ab und die Verkündigung ist gegen die Religiosität gerichtet. Für Jugendliche, die in der Gemeinde geboren und aufgewachsen sind, ist das wenig aktuell. Die wissen ja wenig von der religiösen Welt

Da wirft Kåre mit schlecht verhehlter Ironie ein: Ganz sicher ist das aktuell!

Gut, dann bin ich bereits verurteilt. Bevor das Treffen noch richtig begonnen hat, fällt er dieses Urteil über mein Haupt.

Dann die Anklageliste. Punkt für Punkt wird vorgelesen und ich muß darauf antworten. Ich schlottere etwas in den Knien. Was wird wohl das nächste sein? Es ist nicht gerade angenehm, so etwas direkt ins Gesicht zu bekommen, und der Gedanke, es seien meine lieben Freunde Thorleif und Samuel gewesen, die mühsam dieses Material gesammelt haben, macht es nicht besser.

Ich werde mit Hebr 10, 19 - 20 konfrontiert und erkläre meine Ansicht. Durch Jesu Blut, dem Sühnopfer für meine Sünden, kann ich zu Gott gelangen. Weil also meine Sünde gesühnt ist, brauche ich nicht zu fühlen, daß mich etwas von Gott trennt, sondern darf freimütiges Zutrauen haben.

Kåre ist nicht ganz einig. Hier sei nicht die Rede von Jesu Sühneblut, sondern vom Blut des Bundes. Es sind also jene, die den Bund eingegangen sind, ihr Leben zu verlieren, die ins Heiligtum eintreten dürfen. Ich sage, ich sei einig damit, aber betone, der springende Punktfür mich sei, man müsse sich in Gottes Gegenwart glauben, von Gott angenommen, genau so elend wie man ist. Daß ich nicht ein prächtiges Leben leisten kann, bevor ich ins Heiligtum eintrete, zu Gott und von ihm angenommen. Aber Kåre präzisiert, es sei sehr wichtig, mitzubekommen, daß es das Blut des Bundes sei. (Im Nachhinein finde ich jedoch Kåres Erklärung ziemlich sonderbar, wenn ich lese, in welchem Zusammenhang diese Verse stehen).

Ich erwähne nun, daß Kåres Erklärung überhaupt nicht mit dem übereinstimmt, was Samuel mir auslegte (nach seinem Telefongespräch mit Kåre). Das sage ich, um das Augenmerk auf Samuel und sein Verständnis zu richten. Denn wenn meine Erklärung mangelhaft sei, dann war auf jeden Fall seine Auslegung völlig daneben. Vielleicht sollte man seine Rolle als Mittelsperson etwas kritischer sehen?

Aber daß Samuel in seinen Auslegungen unkorrekt ist, ist natürlich nicht interessant. Hingegen fühlt sich Kåre etwas getroffen und erklärt jetzt, er habe gerade Besuch gehabt und sei von Samuels Frage ziemlich überrumpelt worden. Er wußte nicht richtig, um was es sich handelte oder was er so direkt antworten sollte.

Kåre fragt um meine Ansicht über Mme Guyon. Habe ich zu ihr mehr Vertrauen als zu Bratlie?

Ich sage, sie habe mir große Hilfe geleistet und ich habe daher großes Vertrauen auf das, was sie schreibe. Kåre präzisiert stark, daß man sie überhaupt nicht mit den Brüdern vergleichen könne. In allem, was sie schreibe, sei etwas Merkwürdiges.

Dann soll ich dazu ermahnt haben, Hilfe bei Gott zu suchen, bevor man die Brüder frage (was für ein Verbrechen!). Die Schriftstelle "Gehorche deinen Wegbegleitern" wird zitiert und Kåre fragt: Was würdest du tun, wenn dich ein älterer Bruder zu etwas ermahnt?

Ich würde wohl der Ermahnung folgen, sage ich, wenn sie nicht meinem Gewissen oder meinem geoffenbarten Licht widerspricht. Kåre stutzt. Aha, dann würdest du es nicht tun? Nein, das würde ich nicht. Es sieht so aus, als ob es Kåre scheine, dies sei Hochmut oder etwas Ähnliches., darum setze ich fort:: Gerade dieser Satz, den ich sagte, ist ein direktes Zitat aus einem Aufsatz von Aslaksen. Ach so, sagt Kåre, ja dann mußt du mir das vorlesen!

Johnny sucht die Verborgenen Schätze heraus und liest "Wegbegleitung" von E. Aslaksen. Dies ist besonders klar geschrieben, betreffend unser Recht auf persönliches Leben und Entscheidungen Gott gegenüber. Es wird dazu ermahnt, niemals blind nach Ermahnungen zu handeln, sondern immer es im eigenen Inneren zu prüfen. Das ist wohl etwas harte Kost, denn Sverre fragt, ob das nicht sehr früh geschrieben wurde. Aber er sieht ein, daß man 1927 kaum "sehr früh" nennen kann. Die Gemeinde war wohl etabliert, und Aslaksen war kaum ein junger Bursche.

Ferner wird vorgelesen, was ich in verschiedenen Zusammenhängen vor mehreren Jahren gesagt und gemeint haben soll. Einiges davon erkenne ich überhaupt nicht wieder. Einiges erkenne ich wieder, aber es ist sehr verdreht und im schlechtesten Sinne verstanden. Insgesamt gibt es also sehr wenig, wozu ich stehe. Ich kann nur sagen, daß ich mich nicht erinnern kann, das gesagt oder gemeint zu haben, wofür ich angeklagt werde.

Auch Åge wird mit Aussprüchen konfrontiert, die ihm unterschoben werden, und auch er kann sich in ihnen nicht wiedererkennen.

Ich bin sehr enttäuscht über die Art, wie Kåre die Sache führt. Statt sich sachlich und neutral zu informieren, greift er mich in einem unfreundlichen Ton an. Ich bekomme unweigerlich das Gefühl, er sei darauf aus, mir etwas anzuhängen. Einer der Punkte betrifft die Frage, Gemeinschaft mit Brüdern zu haben, und Kåre fragt, ob ich Gemeinschaft z.B. mit ihnen fühle.

Nein, sage ich, den Ton, den du mir gegenüber anschlägst, die Art, wie du mich angreifst, bewirken, daß ich keine Gemeinschaft fühle. Åge bestätigt dies. Es ist ja deutlich, daß Magne vorverurteilt ist, sagt er. Kåre wendet sich barsch an Åge: Dann versuche, es besser zu machen!

Aber das hilft. Der Ton wird besser.

Nach einiger Zeit sieht es so aus, als sei Kåre am meisten daran interessiert, mit dieser dummen Liste fertig zu werden. Ich antworte kurz, und er geht zum nächsten Punkt über.

Endlich ist die Liste fertig, und wir sprechen über die Zustände in Drøbak. Dort ist ja völliges Chaos, sagt Kåre, und er hat ja recht. Aber wer ist dafür verantwortlich?

Kåre nimmt sich nun Vater vor. Vater dirigiert die Treffen, indem er anerkennend dem zunickt, was ihm selbst gefällt, bekommt er zu hören. Das wirkt auf jene ein, die etwas sagen, und macht es schwierig für jemand, der ein anderes Thema hat. Vater stimmt dem zu, deutet aber an, daß er nicht ganz allein diese Unsitte pflegt. Vater erhält auch klaren Bescheid, daß der Kontakt nach oben nicht gut genug war ("nach oben" bedeutet in diesem Zusammenhang Bratlie)

Kåre spricht Vater in einem herablassenden Ton an. Wie zu einem Halbstarken, der gerade auf frischer Tat beim Äpfelstehlen ertappt wurde. Denn hier ist Vater ein kleiner Junge, das ist ganz klar. Er sagt auch nichts Großartiges.

Sverre hält sich etwas im Hintergrund. Er ist mit diesem Rang sichtlich einverstanden. Das ist schade, denn er wirkt entscheidend positiver und zuhörender. Er sagt, alles müsse nun auf den Tisch, auch das mit dem Anklagegeist, den Åge früher erwähnt hat. Åge spricht ein wenig darüber, wie ihm dieser Gedanke kam, und Sverre versucht zu verstehen. Aber Kåre fegt das Ganze weg. Nein, er glaubt nicht, dies habe etwas mit einem Anklagegeist zu tun.

Nach einiger Zeit wird der Ton etwas milder und es gelingt uns, ein ordentlicheres Gespräch über die Zustände zu führen. Das ist eine sehr ernste Sache, bei der die Jugendlichen leiden müssen, sagt Kåre. Es ist wichtig, demütig zu sein und nicht zu streiten! Darin sind wir herzenseinig und drücken aus, daß wir hier in Drøbak eine Kommunikation in Gang bringen müssen. So wie es jetzt ist, sprechen wir überhaupt nicht miteinander. Dadurch gibt es bei den Treffen Konfrontationen. Und die schießen weit über das Ziel, sage ich und erwähne besonders Thorleif. Er mißversteht uns völlig! Ja, auf jeden Fall versteht Sverre, was ich meine. Er hat ja etwas gehört. Dann versprechen sie, sie würden das mit den anderen besprechen, damit wir beginnen können, miteinander zu reden.

Sverre erwähnt, daß ich mit Rücksicht auf mich selbst vielleicht nicht bei der Musik sitzen sollte. Es sei ja eine Beanspruchung, mitten dort zu sitzen, wo alle hinsehen. Ich antworte, dies mache mir nichts aus, aber Sverre gibt sich nicht zufrieden. Nein, sage ich, das einzige, was mir etwa ausmacht, ist, die Musik zu leiten. Es ist schwierig, Lieder vorzuschlagen, wenn man so überwacht wird.

Da mischt sich Kåre ein. Bei dem Jugendtreffen, bei dem er war, war es ja ganz sinnlos, welche Lieder ich auswählte. Nur ruhige Lieder der Hingabe, die überhaupt nicht zum Treffen paßten.

Ich bin verblüfft. Ich erinnere mich gut an dieses Treffen und weiß, das es nicht stimmt, was er sagt. Ich war nämlich bewußt auf die Wahl von Kampfesliedern aus. So sollten sie auf keinen Fall dies bemängeln können. So nützte dies dennoch nichts!

Kåre schlägt vor, Johnny solle wieder bei den Jugendtreffen anfangen. Dann kann er sich ja auch um die Musik kümmern. Die allermeisten haben ja großes Vertrauen zu Johnny.

Wir trennen uns in einem recht freundschaftlichen Ton. Kåre und Sverre drücken großen Optimismus aus und sagen, sie hätten einen positiven Eindruck, nachdem sie sich nun mehr mit uns ausgesprochen hätten. Nun wird es sicher gut gehen. Auch wir sind sehr erleichtert und fühlen, sie hätten endlich verstanden, daß wir keineswegs so gefährlich sind.

Wieder daheim, veranlassen uns nachträgliche Gedanken jedoch, uns über einiges zu wundern:

- Eine Anklageliste zu schreiben bedeutet, seine Brüder unter die Lupe zu nehmen, um Fehler zu finden. Dies bedeutet, Trennwände zu bauen statt Einheit zu schaffen.

- Die Ankläger haben ihre Punkte in aller Ruhe niedergeschrieben. Ich bekomme sie wie Maschinengewehrfeuer serviert und muß stehenden Fußes antworten.

- Daß ich tatsächlich um Vergebung gebeten habe, wird völlig übersehen.

- "Beschuldigt" zu werden, andere ermahnt zu haben, ein persönliches Verhältnis zu Gott zu suchen, oder "beschuldigt" zu werden, Vertrauen zu Mme Guyon zu haben, finde ich milde gesagt sonderbar. Eigentlich ganz erschreckend.

- Es wurde kein Wort aufgezeichnet. Die Anklageliste wurde so zusammengefaltet, wie sie vorher war, ohne Bemerkungen.

- Was ich am 8. Juli 1987 zu Thorleif gesagt habe, scheint interessanter zu sein, als was ich heute vertrete und warum. Der Kern der Sache wurde kaum berührt: Was ich verkündet habe und woher ich es habe.

- Die Rechtspraxis, die diese Männer ausüben, ist ziemlich primitiv. Das selbe kann man über Kåres Umgangsformen sagen. Wie soll ich zu einem solchen Benehmen Vertrauen haben?

FREITAG 17/11

Jugendtreffen. Johnny ist nicht da und so leite ich weiterhin die Musik.

Sverre beginnt. Möchte Begeisterung, Beschleunigung, usw. Er macht einen Versuch, aber dieser wird sehr auf Werke ausgerichtet. Kämpfe gegen Satan, jage ihn zur Tür hinaus. Aber die offenen Arme fehlen, das Angebot eines Lebens in der Gemeinschaft mit Gott, wo die Kraft zu finden ist, wird nicht erwähnt. So wird es eine ein wenig krampfhafte Aufforderung, drauflos zu gehen, in der Versuchung zu siegen, nicht nachzugeben, in der Prüfung standzuhalten. Das ist alles zusammen wahr, aber mein Herz leidet.

Das Treffen schreitet fort und einige erwähnen, welche Kraft im Glauben liegt. Sich für tot zu halten. An die Kraft, die bei Gott ist, zu glauben. Glauben, daß Gott leitet.

Sverre rückt es zurecht. Man kann beim Treffen dasitzen und sehr begeistert und im Glauben gestärkt werden. Geht hinaus in den Alltag, wo der Funke verschwindet, und man fällt wieder. Warum? Der Glaubensgehorsam fehlt. Man muß gehorchen, wenn die Aufpulverung vorbei ist, sonst kommt man nicht weiter!

Ach und weh, mein Herz weint! Wie es aufgewühlt ist! Warum wertet er die Aufforderung ab, sich Gott zuzuwenden und auf ihn zu vertrauen? Wozu diese beständige Aufforderung, immer wieder die Kraft bei sich selbst zu suchen? Und dieser Glaube, den man beim Treffen erhält und der tags darauf verschwindet, was ist er denn anderes als der Glaube an sich selbst, daß ich es nun schaffen soll? Ist nicht der Glaube an Gott, diese Kraftquelle außerhalb unser, etwas Festeres und Unerschütterlicheres? Ja, aber.

Und meine Trauer und meine Verwunderung sind groß. Sverre hat kein Verständnis für die Glaubenserweckung, die nun im Gange ist. Mit aller Macht versucht er, kaltes Wasser über diese innigen Beiträge aus ergriffenen Herzen zu gießen. Seltsamer Irrglaube.

Ich fühle Machtlosigkeit. Der Optimismus von gestern ist verflogen. Denn Sverres Wort hat Macht. Ich bin weiterhin als Irrlehrer abgestempelt.

Nach dem Treffen gibt es Kaffee und Kuchen. Denn nun sollen wir froh sein und nicht an das denken, was unter den Teppich gekehrt wurde.

Ich spreche mit dem Klub junger Männer. Erzähle vom gestrigen Treffen. Es ist gut, das warme Herz und das Verständnis dieser jungen Männer zu fühlen.

Ich fahre weinend heim.

SONNTAG 19/11

Vater ist verreist. A. Smith und Sverre sind beim Treffen.

Ich sitze nicht bei der Musik.

Smith spricht über Gerechtigkeit.

Sverre spricht von allem Möglichen. Unkonzentriert und sprunghaft. Weiß er nicht, wie er es anlegen soll?

Ansonsten verläuft das Treffen gut. Etwas tot. Keiner aus unserer Familie sagt etwas.

MONTAG 20/11

Wieder ist großes Brüdertreffen in Oslo. Ich habe Bereitschaftsdienst von meiner Arbeit aus und bleibe daheim. Habe übrigens keine Lust, hinzugehen, aber ahne, daß man eine genehmigte Entschuldigung benötigt. Nach dem letzten Brüdertreffen sollten jene in Drøbak die Hand heben, die eine Kassettenaufnahme kaufen wollten. Ich hob nicht die Hand und hörte tatsächlich, das dies bemerkt wurde. Die Freiheit ist nicht groß.

Ich erhalte Bericht vom Treffen. Bratlie beschäftigt sich wieder mit einer zweifelhaften Verkündigung der Übergabe, die vermutlich in einer lokalen Gemeinde stattgefunden hat. Und der Leiter versteht es nicht, die Irrenden zurechtzuweisen.

Auch eine Geschichte wird erzählt, die deutlich zeigt, auf welchem Niveau sich die Behandlung der Angelegenheit befindet. Vor kurzem war mein Schwiegervater bei einem Treffen in Oslo, wo er in seiner Predigt sich über die Jugendtreffen in Drøbak ausließ. Dort werde ja nur über den "Glauben" gesprochen, konnte er berichten, und seine lieben Kinder ahnten ja nicht, was sie angesichts einer solch unbestimmten Verkündigung tun sollten.

Bratlie kam nun darauf zurück. Über diesen wachsamen Vater, der angesichts einer solchen Verrücktheit eingriff. Und wo war denn der Leiter, wenn solches geschehen konnte?

Ich glaube, wenige, die die Jugendtreffen in Drøbak kennen, können sich mit der Beschreibung des Schwiegervaters einig erklären. Ich selbst möchte behaupten, daß es glatte Lügen sind. Aber Bratlie nimmt diese "Enthüllung" mit offenen Armen entgegen. Keine näheren Untersuchungen! Denn das ist gerade das, was er braucht. Ein glänzendes Beispiel, um in seinen Predigten darauf hinzuweisen.

Und die Leute glauben das. Und sind entrüstet. Und sie rechnen und sie fragen. Wo ist das? Sie finden wohl die Antwort.

Auch ich rechne. Denn ich habe viele Schreckgeschichten von diesem Mann gehört, über religiöse Leiter und Versammlungen und Brüder und ich weiß nicht was. Ich war auch etwas entrüstet.

Nun bin ich schockiert.

MITTWOCH 22/11

Treffen. Das Thema ist, nicht höher zu denken, als man darf. Sei bescheiden. 40 Jahre in der Wüste, da wird man demütig. Nicht Ehre und Ansehen suchen.

Es ist viel Gutes darin, aber wir kommen nicht weiter; wir sitzen auf einer Bombe.

Gegen Schluß kommt Thorleif an die Reihe in seinem verbissenen, harten Stil: Gehorcht euren Wegbegleitern! Besonders, wenn man nicht versteht, warum.

Ich sage nichts.

FREITAG 24/11

Um über etwas Erfreuliches zu reden: wir haben am Morgen einen hübschen Sohn bekommen, und alles geht gut.

SAMSTAG 25/11

Ich bin auf Skogstad. Mutter und Vater sind bei einer Hochzeit in Hemsedal. Kåre (mein Bruder) geht mit einigen jungen Brüdern Schlittschuhlaufen.

Er kommt mit einer Schockmeldung heim. Vater soll abgesetzt werden. Vermutlich auch Åge. Denn nun soll Schluß sein mit den Aktivitäten auf Skogstad. Einar hatte das von Arve erfahren. Und Sonntag kommt Bratlie nach Drøbak.

Einar hat in der letzten Zeit mit Arve zusammengearbeitet, und er hat mehr gehört. Fürchterliche Dinge, die Åge und ich über Smith und Bratlie und einige andere serviert haben sollen. Einar selbst glaubte den Beschuldigungen nicht und war ziemlich zornig über das, was Arve erzählt hatte.

Wir werden ziemlich matt. Zorn und Ohnmacht ergießen sich über uns. Ist es wirklich möglich! Die Sache ist ja überhaupt nicht untersucht worden! Es wimmelt ja von Lügen und Mißverständnissen! Skandal! Ein Schandfleck auf der Gemeinde! Und wer wird nun Leiter werden?

Ich fahre zum Krankenhaus, um Irene zu besuchen. Die Gedanken schwirren umher und finden keinen festen Platz. Ich entschließe mich, nichts zu erzählen. Meine Frau braucht nun etwas Ruhe. Aber es nützt nichts. Bevor fünf Minuten vergangen sind, bin ich entlarvt. Warum in aller Welt bist du so niedergeschlagen, fragt sie. Gibt es etwas Neues in der Angelegenheit? Nun, dann muß ich damit heraus.

Wieder daheim auf Skogstad bekomme ich die Schockmeldung bestätigt. Johnny hat Information bekommen mit dem Bescheid, es sollte geheim sein. Wir reden miteinander. Der Zorn und die Erschöpfung über dieses bodenlose Unrecht bekommen freien Lauf.

Was ist nun mit dem Treffen mit Kåre und Sverre vor erst einer Woche? Sollte es nun nicht besser werden? War das nur ein Schauspiel? Ein letzter Versuch, aus uns noch mehr herauszubekommen? Denn schon am Montag, 4 Tage nach diesem optimistischen Treffen, wurde Arve zu Bratlie bestellt mit dem Auftrag, die Leitung zu übernehmen.

SONNTAG 26/11

Vormittagstreffen, mit Bratlie, Kåre und Sverre.

Es ist schlimm, in den Saal hineinzugehen. Als Übeltäter abgestempelt! Was wird geschehen? Wird dies mein letztes Treffen? Jemand gratuliert mir zum Sohn, aber die Gesichter sehen nach kondolieren aus. Denn auch sie haben die letzten Gerüchte gehört.

Das Treffen beginnt ganz ruhig. Bratlie hält eine überraschend ruhige Predigt, aus der ich mir unter anderen Umständen sicher etwas mitgenommen hätte. Über unsere himmlische Berufung, dafür begeistert zu sein, zum Leiden dafür bereit zu sein. Legt besonderen Nachdruck auf das mit dem Leiden und fertigt die religiöse Welt auf die gewohnte Weise ab.

Dann sagt er etwas darüber, daß es nichts nützt, gegen die Sünde selbst zu kämpfen, wir müssen vor den Thron der Gnade treten, um Barmherzigkeit zu finden. Das muß gelingen, nicht unseretwegen, sondern Gottes wegen!

Ja, so sagt er es, und ich könnte es selbst nicht besser gesagt haben. Gerade das, der Streitapfel, das, was Thorleif und Samuel und alle Gleichgesinnten in Harnisch gebracht hat, das vertritt und verkündet er hier in Drøbak. Ganz gleichgültig stelle ich das fest. Denn diese Seuche, die hier in dieser Zeit gewütet hat, ist kein ehrlicher Streit über Verkündigung und Lehre. Das ist eine aufgebauschte lynchende gehässige Treibjagd ohne Verankerung in der Logik.

Kåre ist krasser im Tonfall. Erwähnt die Schrift an der Wand: Gewogen und zu leicht befunden. Denn der König hatte die heiligen Dinge verunehrt. So kann man auch die heiligen Brüder behandeln! Dann erscheint die Schrift an der Wand!

Klare Sprache. Aber keine Schrift an der Wand ist zu sehen.

Ansonsten geht das Treffen ruhig weiter. Ich sitze etas auf Nadeln. Fühle mich nicht sicher. Zum Schluß wird über ein morgiges Brüdertreffen informiert. Aha, also dort wird das große Ereignis stattfinden.

Nach dem Treffen reden wir cliquenweise miteinander. Es gibt Gerüchte, daß Arve Vaters Stelle übernehmen soll. Verwundertes Kopfschütteln.

Daheim in Skogstad ist die Stimmung gereizt. Der Gedanke, daß Arve eine Vordergrundsfigur darin werden soll, macht den Zorn und die Enttäuschung nicht kleiner. Arve, der ein so naher Freund gewesen war! Jederzeit ging er bei uns aus und ein, mit Spaß und Ernst bis lang in die Nacht. Und ohne Vaters Einsatz und Beeinflussung in jungen Jahren wäre er wohl abgefallen. Ein Freund versagt! So fühlen wir es. Und das ist schlimm.

Und was sollte Arve besser machen als Vater? Arve, der mich wiederholte Male in meiner Verkündigung unterstützt hat. Der bei mehreren Gelegenheiten Brüder mit entgegengesetzter Verkündigung abgekanzelt hat! Hat Vater meinen Irrtum nicht verstanden, so hat es Arve noch weniger. Und war es nicht er, der uns über Kåre Smith und seine ziemlich desolate Firma erzählte? Und zu wem hat die Versammlung das meiste Vertrauen? Wir ahnen die Antwort. Soweit kennen wir die Leute. Aber hier fragt man nicht die Leute.

Das Ganze ist wahnwitzig. Roh und brutal und wahnwitzig. Sollen wir uns von allem zurückziehen? Wenn wir nicht vor die Tür geworfen werden. Mein Inneres ist in Aufruhr. Das ist schlimm. Ich sehne mich nach Frieden. Nach dem seligmachenden Frieden, den Gott geben kann, indem er uns nur seine Hand reicht. Aber es ist unmöglich, einander die Hände zu reichen mit den Gedanken, die uns überkommen. Gott ist ja Friede, aber wo ist er?

Im Krankenhaus schlage ich die Bibel bei Psalm 37 auf: Errege dich nicht über die Bösen, auch wenn es so aussieht, als hätten sie Erfolg. Bau auf den Herrn, er nimmt sich deiner Sache an.

Das möchte ich haben. Vertrauen auf das Felsenfeste. Gott ist ja so barmherzig. Was nun geschieht, ist sein Erbarmen. Ich bekomme einen Schimmer von Gott in dem Ganzen. Obwohl das Unrecht augenscheinlich die Macht hat. Gott steht dahinter! Gering geachtet, mißverstanden zu werden, seinen Namen zu verlieren, das ist innere Reinigung. Weil Gott mitten in all dem mein Herz emporheben kann, mangelt mir nichts. Ich bekomme einen Vorgeschmack davon. Eine Lichtstreif von Gott, der den Sturm stillt.

Aber der wird wieder kommen. Ich weiß es. Warum reagiere ich so? Ich, der ich an Gott glaube, daß er gut ist und alles lenkt. Warum unruhig?

So muß ich erkennen, daß ich es nicht schaffe. Es ist wie ein riesiges, unübersichtliches Auftauchen von Unruhe. Plötzlich und unerwartet strömt es aus. Ich kann angestrengt kämpfen und standhalten, um nur auf die nächste Flut zu warten. In meinem Wesen ist etwa Grundlegendes aufgetaucht, mit dem man etwa tun muß. Eine Aufgabe für Gott,

Auf Skogstad sind Mutter und Vater gerade von einem gesegneten und guten Wochenende in Hemsedal heimgekehrt. Ein würdiger Abschluß einer lebenslangen Reisetätigkeit.

Sie nehmen das Ganze mit Fassung. Es herrscht große Verwunderung über die Weise, wie es geschieht, aber es wird auch als Erleichterung gefühlt. Es war ja hoffnungslos, in diesem Chaos überhaupt etwas zu leiten. Sie ermahnen uns, es gelassen hinzunehmen und uns an die Gemeinde zu halten. Ich frage mich ein wenig, wozu das gut sein soll. Ist es nicht besser, mit diesem bedrückenden Joch zu brechen und sich auf andere Weise zu versammeln? Wir, die wir vom Werk Christi und dem inneren Leben ergriffen sind. Welche Zukunft haben wir und diese Verkündigung in der Gemeinde?

Vater hat Bescheid erhalten, Kåre Smith anzurufen. Er wurde gebeten, sich einem Vortreffen vor dem morgigen Brüdertreffen zu stellen. Es wurde nicht gesagt, worum es ich handelt. Aber dank undichter Stellen weiß er auf jeden Fall, was ihm bevorsteht.

MONTAG 27/11

Vater kommt zuerst. Die übrigen kommen gemeinsam, Bratlie, Kåre, Sverre und Arve. Du weißt wohl, worum es sich handelt, beginnt Bratlie. Ja, ich weiß es, sagt Vater. Dann sagt Bratlie nichts mehr darüber.

Bratlie nimmt Smiths Briefe zur Hand. und sagt etwas ironisch: Ja, darin hast du wohl nicht viel gelesen? Vater zögert etwas. Fühlt tatsächlich, daß er ziemlich viel in diesem Buch gelesen hat, aber was soll er auf so etwas antworten? Bratlie liest etwas daraus vor, in dem Vater kein bestimmten Punkt auffällt, und es wird auch keiner näher präzisiert.

Als du bei der Herbstkonferenz aufgefordert wurdest, hättest du anders predigen sollen, sagt Bratlie. Vater antwortet, daß die Situation damals nicht leicht für ihn war. Er fühlte sich sehr unter Druck.

Dann kann Bratlie berichten, eine ältere Schwester habe eine Predigt von Vater in Sarpsborg gehört. Du hattest gesagt, du solltest nur zu den Sündern sprechen, sagt er. Vater kann sich nicht daran erinnern. Er erinnert sich hingegen daran, daß Kåre Smith zugegen war und daß er sich nach der Predigt begeistert an Vater wandte und ihn bat, diese Predigt auf Brunstad zu halten. Was Vater auch tat.

Vater wendet sich an Kåre. Was ist eigentlich falsch mit Magne? Kåre erwähnt die Geschichte aus Holland, so wie er sie gehört hat (und die zu erklären ich selbstverständlich niemals Gelegenheit bekam). Vater weiß jedoch zu wenig, um näher darauf einzugehen. Übrigens wird nichts darüber gesagt, was ich verkündet habe.

Vater wendet sich an Arve und erwähnt die "Freudenbotschaft". Sie wird nicht in gleicher Weise verwendet wie "Die Wege des Herrn", sagt er, was Arve bestätigt. Aber Bratlie wirkt nicht besonders interessiert.

Dann erhält Vater Bescheid, er könne weiterhin umherreisen. Aber sie würden ihn im Auge behalten, und gäbe es mehr Schwierigkeiten, dann ... Und gäbe es weiterhin Probleme hier in Drøbak, so müßt ihr euch teilen und jedes Treffen jeweils an eurem Tag halten, sagt Bratlie. Aber Vater scheint dies keine gute Lösung zu sein.

Das Vortreffen geht dem Ende zu, und Bratlie hat noch nicht das magische Wort gesagt: "Du bist abgesetzt". Nun bittet er Vater, das Brüdertreffen zu beginnen, und da vermeidet er es ebenfalls.

Dann ist Brüdertreffen. Eine unwirkliche, bedrückte Stimmung. Was geschieht und wie geschieht es? Was ist nun mit mir? Muß ich auf etwas antworten oder etwas erklären? Warum sollte ich dies übrigens, diesen Männern gegenüber, die darauf aus sind, es falsch zu interpretieren!

Vater fällt sein eigenes Urteil. Kurz und gut und etwas unbeholfen erklärt er, Arve solle die Leitung übernehmen. Er ermahnt dazu, zusammenzuhalten und Arve zu unterstützen und dem, was geschah, kein Nachspiel folgen zu lassen. Er dankt dafür, daß die Absetzung in Ruhe und Frieden vor sich ging.

Darauf hält Bratlie eine Bibelstunde. Eine Reprise der Predigt von gestern. Kein Wort über die Absetzung! Er schließt damit ab, daß es in Drøbak nun lichteren Zeiten entgegengehe.

Wir bleiben mit 1000 Fragen zurück und der Zorn ist am Siedepunkt angelangt.

DIENSTAG 28/11

Ich bin daheim auf Karenz. Mache eine Tour nach Skogstad.

Einige haben angerufen und ihre Verwunderung und Unterstützung ausgedrückt. Wir sind auch zornig. Zornig über die ungeheuer schwache Grundlage, die Bratlie für ein so ernstes Urteil aufweisen konnte.

Das Ganze ist hoffnungslos. Es gibt keine Zukunftsaussichten. Ich bin ein Irrlehrer, der mit einem schleichenden, gefährlichen, passiv machenden Geist gekommen ist. Ein Stempel, der bleibt, bis ihn die großen Brüder wieder fortnehmen. Und Vater ist abgesetzt.

Damit hat die Widerstandsbewegung eine Bestätigung erhalten, welche sie völlig unbeugsam machen wird. Die kleinste Andeutung von innerem Leben mit Gott und Selbstaufgabe wird gnadenlos niedergesäbelt werden. Über Unregelmäßigkeiten in der Behandlung der Angelegenheit zu reden würde heißen, Bratlie, den unfehlbaren Gottesmann, zur Rechenschaft zu ziehen. Außerdem wäre das Selbstverteidigung. Also sind uns vollständig die Flügel gestutzt!

Doch gibt es noch eine kleine Hoffnung. Daß achtenswerte Brüder, die durch eine Reihe von Jahren Vaters nahe Freunde waren und sind, zu dem Ganzen Fragen stellen werden. Daß sie die Angelegenheit untersuchen werden und eine gründliche und anständige Behandlung der Sache erzwingen werden, so daß alles ans Licht kommen muß.

Eine andere Alternative ist die, daß wir eine neue und eigene Tätigkeit beginnen. Warum in aller Welt sollen wir uns diesem Joch der Ungerechtigkeit unterwerfen? Hier haben wir ja keine Freiheit!

Ich werde mehr und mehr von diesem Gedanken begeistert. Ja, daß muß die Lösung sein. Ich sehe bereits vor mir, wie wir in herrlicher Einheit frei aussprechen werden, wovon wir ergriffen sind. Weit weg von jenen, die sich immer gegen das erlösende Licht, das wahre Evangelium, das Prinzip "alles von Gott und nichts von uns selbst" stellen.

Abends sind Hanna und Johnny zu Besuch. Ich berichte über meine schönen Ideen, bekomme aber keinen Applaus. Denn Johnny ist ein gründlicher Kerl, der kaum übereilt handelt. Nein, das wäre zu drastisch. Die Gemeinde kann man nicht teilen. Es gibt ein paar Kübel kaltes Wasser ins Blut, und ich bin wieder auf der Erde.

Johnny hat Hoffnung, daß einige darauf reagieren werden. Es muß doch einige von Vaters vielen Freunden geben, die sich damit befassen!

Wir sprechen etwas über Arve. Die ist wohl nicht die Situation, die er sich selbst gewünscht hat. Gegenüber der Leiterposition hat er ein ziemlich entspanntes Verhältnis. Er wurde wohl in dieses Spiel mit hineingezogen und sieht sich genötigt, die Aufgabe zu übernehmen. Aber leicht wird das nicht. Das eine ist es, bei den Ältesten Unterstützung zu haben. Er sollte diese auch bei der Versammlung haben.

MITTWOCH 29/11

Das erste Treffen mit dem neuen Leiter. Die Stimmung ist zum Greifen. Vater setzt sich in die zweite Bank, aber wird genötigt, sich auf seinen gewohnten Platz zu setzen.

Arve geht es nicht gut. Er ist sehr unsicher und verlegen.

Ich schüttle den Kopf. Es ist komisch. Tragikomisch. So unnatürlich. Leiterschaft und Vertrauen ist etwas, was wachsen muß. Das ist Leben. Hier hat man mit dem Leben gefummelt.

Es wird darüber gesprochen, abzunehmen. Ein gutes Thema, das keinen Streit verursacht. Also vorläufig keine neue Linie. Wir sind ja durchaus nicht aufgelöst, und das wird wohl ans Tageslicht kommen. Dann geht es wieder hart auf hart. Niederschlagen, auseinanderreißen, einander beißen und fressen. Das ist es, was die Männer des Gesetzes ausrichten können. Licht und Leben schaffen, sagen: Komm! Seht, das gelingt ihnen nicht.

In der Nacht kann ich nicht schlafen. Etwas spricht in mir. Über Glaubensverfolgung. Über Satans verzweifelte Furcht vor der Erweckung zu einer inneren Gemeinschaft mit Gott. Ich denke an die Gemeinde. Wie viele verstehen sich auf die Tiefen des inneren Lebens? Wer lebt einzig allein von Gottes innerer treibender Kraft aus? Wer ist in der Tiefe des Herzens von Christus ergriffen? Ich komme auf niemanden, von dem ich das glauben kann!

Aber von Schriftgelehrten und Pharisäern wimmelt es. Die sich ein prächtiges Leben machen wollen und über sich selbst und ihre Gemeinde stolz sind. Die schiefe Blicke auf jene richten, die nicht in ihrer Schar sind. Denn diese wollen ja nicht "den Weg gehen".

DONNERSTAG 30/11

Gestern rief Arve Åge an. Wollte gerne ein wenig reden. Können wir einander Donnerstag im Lokal treffen? Ja, das kann Åge.

Åge ist überrascht, daß auch John und Ansgar zugegen sind.

Dann bekommt auch er klaren Bescheid. Er muß als Jugendleiter zurücktreten. Bratlie wollte es so. Irgend ein anderer Grund wird nicht angegeben. Sie hatten selbst versucht, Widerstand zu leisten. Auch Kåre Smith. Schlug eine Probezeit mit klaren Richtlinien vor. Aber Bratlie war unbeugsam.

Åge gibt klaren Ausdruck dafür, daß auch er keine solchen Direktiven dafür akzeptieren könnte, was und wie er es verkünden sollte. Nein, könnte er nicht frei und disponibel dafür sein, was er in seinem eigenen Herzen fühlte, so müßte er es sein lassen.

Die Jugendlichen brauchen eine andere Verkündigung, bekommt er zu hören. Sie lieben eifrige Predigten, in denen man sich mit konkreten Dingen und bestimmten Sünden befaßt.

So wird ein hartes Gespräch, drei gegen einen, fortgesetzt. in dem sie sich abwechseln, Åge zu überzeugen, wie falsch dies gewesen sein, was ich in Holland und bei den Treffen und zu Thorleif und Samuel und und .... gesagt und getan habe. Kann Åge nicht vernünftig mit mir sprechen? Und Arve kann berichten, daß Bratlie Vater aus der Gemeinde ausschließen wollte, aber Kåre dies verhindern konnte! So ernst ist es!

Ernste Mienen, gesenkte Häupter, drei gegen einen. Åge sagt nicht viel. Fühlt sich überfahren. Sie zeigen kein Interesse, seine Meinung zu hören.

Ansgar dankt Åge für treue Dienste und gutes Vorbild für die Schar der Jugendlichen durch viele Jahre. Und er freut sich auf Vaters Geburtstag. Denn er hat ja nichts gegen Vater. Es gibt eine Träne im Augenwinkel, aber Åge wird nicht bewegt. Es klingt falsch. Es stimmt nicht. Denn Ansgar versteht nicht. Er versucht es auch nicht.

Dann wollen sie, daß Åge bei den Jugendtreffen weitermacht und Helge unterstützt. Und Arve bittet Åge, beim nächsten Treffen zu sagen, daß Helge nun die Leitung übernimmt. Wieder sicher daheim in des Nachgedankens wohliger Sofaecke scheint es Åge jedoch, daß andere es übernehmen können, sein Ausscheiden zu melden. Er ruft Helge an und sagt, daß er nicht kommt.

Wir haben diesen Abend Besuch von jemandem von unserer Seite. Sprechen hauptsächlich über die Angelegenheit. Lesen Verborgene Schätze vom Januar 1917, wo etwas über gesetzliche Christen im Vergleich zu geistlichen Christen steht. Und das ist der springende Punkt. Hat man nicht seine eigene Untauglichkeit erkannt, Gott zu dienen, und ist zu einer daraus folgenden vollen Übergabe und Befreiung von der ganzen Aufgabe gekommen, so ist man Sklave unter dem Gesetz. Wenn man dann von dieser Befreiung hört, nimmt man kräftig Anstoß und kann dies nicht anders als als falsche Freiheit sehen. Die Kluft zwischen diesen grundsätzlichen Anschauungen ist enorm!

 

FREITAG 1/12

Ein einfacher kleiner Ausdruck hat in meinem Herzen Wurzeln geschlagen und mich mit einem gesegneten Frieden erfüllt. Ich weiß nicht recht, woher ich den habe: "Heilige Gleichgültigkeit". Gott steht am Ruder. Beunruhige dich nicht.

Ich wollte zum Jugendtreffen gehen. Fühle mich richtig großartig. Aber als ich gerade gehen will, erhalte ich Bescheid über die gestrigen Ereignisse und Åges Absetzung. Ein neuer Schlag ins Gesicht. Wir beschließen, statt dessen zu Åge zu fahren. Dort erhalten wir näheren Bescheid über die Absetzungszeremonie. Zorn, Verzweiflung und Ohnmacht. Hier sind sie wieder. Sind wir nicht schon bald daran gewöhnt?

Aber Vater aus der Gemeinde auszuschließen! Ohne ihm eine einzige Chance zu geben! So wurde das also diesmal verhindert!

Und was sagen nun unsere lieben Freunde dazu? Ja, diese sehen Bratlie größer als je, können sie berichten. Das Vertrauen auf Bratlie ist dadurch größer geworden!

Als ich an diesem Abend zu Bett gehe, ist es, als ob ein wachsendes Bild vor mir immer klarer wird. Ein Glanzbild verschwindet. Und dahinter wird eine ungeheure Vision enthüllt - die Gemeinde! Die großen "Gottesmänner". Die überhaupt nicht Gottes Männer sind. Die befinden sich nicht in seinem vertraulichen Rat. Wer tut dies? Wer kann Stütze sein? Wem kann Gott Bürden auferlegen? Wen kann er benützen, wenn sich diese Chaos in der ganzen Gemeinde ausbreitet?

SAMSTAG 2/12

Mache ein Tour nach Skogstad und rede ein wenig mit Mutter und Vater über die traurige Entgleisung, wie sie mir nun bewußt wird. Wie eine Offenbarung steht es mir immer klarer vor Augen. Ein stolzes und prangendes Gebäude, von dem ich selbst ein Teil bin. Nun fällt es zusammen. Nichts bleibt übrig. In erschreckender Verwunderung bin ich Zuschauer.

Die Verkündigung führt nicht zum Leben. Sie führt die Seelen in einen hoffnungslosen Streß hinein. Und sie halten an diesem Streß fest, weil sie glauben, gerade dies sei der Schlüssel zum himmlischen Saal. Wie eingeschüchterte Kinder wagen sie es nicht, sich zu öffnen. So werden sie daran gehindert, zur Quelle des Lebens selbst zu gelangen, Jesus Christus! Was für eine Tragödie!

Und die "Brüder" werden geehrt und ihnen wird gehuldigt. Wie heiligen Päpsten wird ihnen göttliche Macht und Befugnis zugeteilt, hoch erhoben über alle anderen. Gerade entgegengesetzt dem Worte Jesu über Bruderschaft. Und die "Brüder" lassen es geschehen. Ja, sie treten bereitwillig in diese Rolle ein, und zum Schluß glauben sie es selbst! Sie handeln danach!

Das, was der Leib Christi sein sollte, wo jeder einzelne von einer persönlichen und vertrauensvollen Verbindung mit ihm aus leben und wirken sollte Er, der das Haupt ist. Ein vollkommenes und heiliges Zusammenspiel, von dem selben Gott angetrieben. Dann ist es nur Blendwerk. Man folgt den gleichen Lebensregeln, benützt die gleiche Uniform, gehorcht den gleichen Männern. Man wird dazu gezwungen, im Takt zu gehe. Und sollte irgend ein persönliches Leben oder eine Offenbarung hervorsprießen, so wird sie rasch aus dem Weg geräumt. Das bedroht die Einheit. Ach, das, glauben sie, sei das Gesetz Christi. Ach und weh, so ist das nur das "Peterprinzip" [d.h. jeder steigt so lange auf, bis er eine Position erreicht, für die er nicht geignet ist].

Die Steine fallen auf ihre Plätze. Steine, die eigentlich jahrelang in der Luft geschwebt sind. Nun müssen sie fallen. Ich kann das nicht mehr verhindern. Ich will auch nicht. Und sie enthüllen ein erschreckendes Bild. Kann das wirklich so schlimm sein? Es muß Zeit bekommen, sich zu festigen.

SONNTAG 3/12

Kåre und Sverre sind beim Treffen. Kåre beginnt wie gewöhnlich. Mir scheint, er wirkt etwas unwohl. Er sollte dies auf jeden Fall sein.

Johnny erklärt seinen Rücktritt von der Musik und von der Sonntagsschule. Ruhig und gelassen sagt er, er fühle es so und er wolle sich zurückziehen.

Kåre (der Bruder) legt freimütig Zeugnis ab über "wundert euch nicht über das Feuer, das über euch zur Prüfung kommt ...". Er dankt Gott für alles, was Gott sendet, um zu zerbrechen. Dies war eine Erlösung für ihn mitten in all dem, was geschehen ist. Im Saal hört man unterdrücktes Schluchzen.

Vater predigt über Hiob und seine Prüfungen. Nimm alles von Gott entgegen, nicht nur die guten Tage. "In all dem sündigte Hiob mit seinen Lippen nicht". Eine solche Gesinnung sollte man unter diesen Verhältnissen haben. Denn es sind schwierige Verhältnisse. Das muß man verstehen!

Das Treffen wird davon geprägt. Diese Herzensseufzer sagen ein wenig, wie man sich fühlt. Werden sie Mitgefühl und Barmherzigkeit erwecken? Werden sich die Herzen erweichen?

MITTWOCH 6/12

Treffen. Ein Bruder predigt über Stille. Daß Gott im Herzen wirken möge. Bete zu ihm in Frieden. Der Mensch ist voll von Unruhe. Lege alles in seine Hände. Verlasse dich auf ihn.

Ein anderer Bruder spricht über ERRRRNST. Scharf und kalt wie gewöhnlich, und meilenweit von dem Frieden entfernt, mit dem das Treffen begann. Eine auf jede Weise widerliche Rede. Die ist Salz in offene Wunden. Eine junge Schwester bricht schluchzend zusammen.

Sonst ist das Treffen ruhig, aber die Trennung ist markiert.

Ich fühle, ich sollte etwas sagen. Von der Stille Zeugnis geben. Gott ist Friede. Wir sind Unruhe. Friede oder Unruhe in dem, was wir tun, zeigt, ob Gott mit dabei ist oder nicht. Ich erwähne die "heilige Gleichgültigkeit". Wie das geht oder nicht geht, ist Gottes Sache.

SAMSTAG 9/12

Bibelstunde mit Sverre. Es ist die dritte, die er hält. Ich war bei keiner von diesen, sondern erhalte Bericht darüber. Diesmal geht es um die Vortrefflichkeit der Gemeinde, wie außerordentlich groß die Gemeinde ist und wie wenige es sind, die ihren Wert verstehen. 2 Stunden mit intensiver Propaganda.

Er sagt auch etwas darüber, in unseren Verhältnissen nicht Märtyrer zu sein.

SONNTAG 10/12

Arve beginnt das Treffen. Es gibt niemanden, der ungerecht leidet, sagt er. Aber das kann man sich selbst einbilden! Ist es nicht Gott, der alles lenkt, und ist nicht er rechtfertig? Erwähnt etwas über das Gespräch über ernste Dinge bei den Jugendlichen. Es hilft nichts, für die Jugendlichen zu beten, wenn man mit ihnen über Verhältnisse schwatzt, über die sie nichts zu wissen brauchen. Der Ton ist anklagend.

Sverre bestätigt es mit Zungenrede. Eine lange Weile bleibt es still, bis er es selbst auslegen muß.

Dann predigt er. Unterstützt warm das, was gesagt wurde, und setzt das Thema des Vortages fort. Vergleicht die Gemeinde mit dem Zionismus. Der begann etwa 1900, nachdem er tot dalag, seitdem Israel zerstört wurde. So auch der Leib Christi, die Gemeinde, die seit den Tagen der Apostel tot dalag, bevor sie von J.O. Smith wieder errichtet wurde. Und wer nicht glaubt, daß es der Leib Christi sei, sollte schnell handeln. Es ist nur mehr kurze Zeit übrig, um die richtige Versammlung zu finden. Sverre ist seinerseits überzeugt: Seht nur unsere Brüder Bratlie und A.J. Smith! Dies sind die heutigen Apostel. Die sind mindesten ebenso groß wie die ersten Apostel! Dann erwähnt er die Ostblock-Länder und den Fall des eisernen Vorhangs. Es ist wohl die Leitung Gottes, damit die Gemeinde dort mit ihrer Verkündigung Einlaß finden kann.

So banal und dumm kann man es also sagen. Habe ich wirklich daran geglaubt? Was für eine Botschaft ist es, die er verkündet? Welche Deckung hat er wohl für seine Behauptungen? Das ist kein Evangelium, das ist Propaganda! Und der Propagandaminister versteht sein Fach! Annahmen und Wahrheit Hand in Hand, ständige Wiederholungen, hohes Tempo und große Bombensicherheit. Rhetorische Fragen und Appell an den Patriotismus. Und niemand darf Fragen bezüglich der Haltbarkeit stellen. Da ist man hochmütig. Oder hat das große Geheimnis nicht verstanden. Das sind des Kaisers neue Kleider in neuer Version.

Den Unsinn kann man mit Hilfe eines Kugelrechners enttarnen: Kein Leib Christi seit den Tagen der Apostel, die Gemeinde begann mit 0 bis 15.000 Personen heute, Christi Braut sind 144.000, wir sind nun in den letzten Zeiten. Wenn man sich zusätzlich an Aslaksens Versicherung erinnert, daß nur ein Bruchteil der Versammlung für die Braut Christi qualifiziert ist, kann man sich tatsächlich wundern, wie daraus 144.000 werden sollen. Vielleicht ist ein Sturmangriff hinter den gefallenen Eisernen Vorhang die Lösung?

Gut, das Treffen wird trotz meiner Berechnungen fortgesetzt. Der Schwiegervater legt von seinen Söhnen Zeugnis ab. Er ist froh, daß er sie zu Christus geführt hat und nicht zu sich selbst. Sollte er die Gemeinde verlassen, so bleiben seine Kinder dabei.

Und das Treffen wird in einer unangenehmen Weise fortgesetzt. "Gute" Ratschläge an den, der glaubt zu leiden, samt Versicherungen, es sei sehr schwierig, es in solchen Umständen richtig aufzunehmen. Und dann gibt es die Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was man nicht versteht. Die Frauen haben es ja z. B. sehr einfach. Sie haben nichts, was sie gesagt haben sollten, und brauchen sich daher um nichts davon zu kümmern, was in der Gemeinde geschieht. Jemand drückt Freude darüber aus, daß es nun in Drøbak eine ordentliche Verkündigung geben wird. Ein junger Mann ist froh über die "Brüder" und will ihnen folgen, was immer auch geschieht. Er hat gehört, daß jemand Mißverständnisse erwähnt hat, aber das ist bloß Unsinn. In der Brüderschaft sind Mißverständnisse unmöglich!

Wir fühlen uns unwohl. Dies ist die Antwort vom letzten Sonntag. Die Herzen wurden nicht weicher. Ganz im Gegenteil. Zuerst wurden wir brutal zu Boden geworfen. Dann bekommen wir gute Ratschläge darüber, wie wir dies eigentlich da unten aufnehmen sollten. Mit klarem Bescheid darüber, es sei so schwierig, daß wir es wohl nicht schaffen werden. Es ist nicht leicht, darin Zärtlichkeit oder ein warmes Herz zu ahnen. Es ist hart und kalt.

Nach dem Treffen bekommen wir Besuch von einigen aus dem Jungmännerklub. Ich werde wegen einiger Gesichtspunkte zurechtgewiesen, besonders für meinen Beitrag über "heilige Gleichgültigkeit". Dies schaffe ja nur unnötige Gegensätze.

Es schmerzt etwas, dies zu hören. Ich fühle mich wie Hiob, der wohlgemeinte Ratschläge von Freunden erhielt, die seine Situation nicht verstanden. Ich erzähle ihnen das. Ich sage auch etwas über meine Ansicht von dem, was geschehen ist. Aber sie können mir darin nicht folgen. Es ist hart, aber ich muß dem in die Augen sehen: Unsere nahe Gemeinschaft ist nicht wie früher, und sie wird es auch nie mehr werden.

MITTWOCH 13/12

Treffen. Das Thema ist einfältiges Vertrauen auf Gott. Es wird ein stilles und ruhiges Treffen zwischen den Schlachten.

FREITAG 15/12

Jugendfest mit Kåre und Sverre. Irene ist dort, ich gehe nach Skogstad.

Kåre beginnt und Sverre setzt fort. Der Propagandaminister schlägt wieder zu: "Wer nicht glaubt, die Gemeinde habe Christus zum Haupt, der kann heimgehen und sich niederlegen!". Niemand geht. Ansonsten gibt es richtig schiefen Humor. Sie machen Witze und scherzen und vergnügen sich und viele lachen. Aber einige verschwinden hinaus. Sie weinen. Es scheint ihnen keine Zeit für gute Witze zu sein.

Zum Schluß bekommen Kåre und Sverre Blumen als Dank für den Einsatz überreicht. Vater ist abgesetzt. Åge ist abgesetzt. Alles ist ein Chaos. Herzlichen Dank!

Sie sollten jeder seinen Kaktus bekommen haben. Innerhalb des Hemdes.

SAMSTAG 16/12

Vater ist 63. Einige von den "Unseren" sind eingeladen und wir freuen uns auf eine Zusammenkunft in Friede und Freiheit.

Zu unserer großen Verwunderung kommen 3 - 4 von der Widerstandsbewegung, unter anderem Arve und Ansgar. Ich bin ziemlich erstaunt. Dann zornig. Verstehen diese Menschen nichts? Erst sind sie dabei bei diesem wahnwitzigen Sturm, der gegen uns gelaufen wird, und dann kommen sie her, um Vater zu ehren! Verstehen sie wirklich so wenig von dem, was geschehen ist?

Mutter und Vater wissen nicht richtig, was sie tun sollen. Das wird eine haarfeine Gratwanderung! Wir sitzen auf einer Riesenbombe. Und die Lunte ist kurz. Ich setze mich an einen "feindfreien" Tisch. Ich möchte nicht auch diesen Abend zerstört haben.

Vater hält eine Rede. Sagt klar heraus, daß es keine Kleinigkeiten sind, die geschahen. Ermahnt zu bedenken, daß Menschen Gefühle haben. Es gibt viele, die sich nun wundern und die leiden, sagt er.

Dann geschieht das Große. Vaters ältester Bruder, Hans Kristian, kommt an. In den letzten Jahren hat er von der Gemeinde etwas Abstand gehalten. Sein Vertrauen auf die "Brüder" wurde aus verschiedenen Gründen etwas fransig.

Sein Gesicht erstarrt, als er hereinkommt und die Besucher entdeckt. Er entzündet die Lunte sofort: "Du sollst nicht so inständig wohl das Unrecht ertragen, das dich nicht selbst trifft!", sagt er, während er einen Platz findet. Es entsteht eine unsichere Stille, dann setzt Onkel fort. Berichtet über Vater und wie er schon von Kindesjahren an ganz für Gott und die Gemeinde gelebt hat. Opferte Zeit und Geld, reiste weg von Frau und Kindern und war tätig. Und dann dieses Urteil! Blutiges Unrecht! Er drückt seine tiefe Enttäuschung über diese Männer aus, die Vater ja so gut kennen. Nicht einer hebt einen Finger, um Vater zu verteidigen! Beginnt zu denken! Glaubt nicht, Bratlie sei ein Gott!

Vater versucht, ihn aufzuhalten, aber Mutter meint, es sei an der Zeit, dies auszusprechen. Dann setzt Onkel Kristian fort.

Nennt einige der Anwesenden namentlich und rügt sie. Nun wagt ihr es, zu Ole zu kommen, wenn ihr eine ganze Schar seid. Sein jüngster Bruder, Ansgar, bekommt eine eigene Abreibung: Du bist schnell dabei, bei den Treffen dazustehen und herumzudonnern, aber zu kommen und dich mit deinem eigenen Bruder auszusprechen, mit ihm, der dich durchs Leben getragen hat, das schaffst du nicht!

Einige der Unseren versuchen, Onkel zu beruhigen, wenn er Einzelpersonen angreift: Wir wollen niemanden angreifen, wir wollen nur in dem aufräumen, was so schlimm ist! Und Vater versucht wieder, seinen Bruder aufzuhalten: "Um meinetwegen", bittet er.

Aber Onkel ist nun einmal in Fahrt. Er meint, dies müßte unbedingt aufs Tapet. Alle kennen die Angelegenheit und alle leiden. Mehrere erklären sich darin einig.

Onkel berichtet über Eriksen. Auch er erhielt ein zerschmetterndes "Urteil" von den Brüdern, das Aslaksen später zurücknahm. Sein ganzes Leben bewies ja, daß die "Brüder" sich irrten. Sie können sich irren!

Er hebt das Lächerliche darin hervor, daß Kåre und Sverre kommen und Ordnung machen sollen. Ole war zu einem Leben mit Gott gekommen, bevor diese geboren waren. Seht euch sein Leben an! Seht euch seine Söhne an! Ist es wahrscheinlich, daß diese gegen die Gemeinde und die gesunde Lehre kämpfen? Das Ganze beruht auf Gerüchten und Verleumdungen!

Mehrere schließen sich an. Sandberg hatte bei einer Gelegenheit Bratlie gefragt, worum es sich handle. Er erhielt eine ungeheuer vage Antwort, daß "darüber bestimmt gesprochen wird..." usw. Übrigens habe er das Meiste Kåre überlassen.

Die Widerstandsbewegung wirkt überrumpelt. Sie deuten vorsichtig an, daß sie ja nichts Genaues wissen. Sie kennen die Angelegenheit nicht so gut. Es kann ja Mißverständnisse geben, aber da muß Bratlie kommen und Ordnung machen. Dazu kann Sandberg berichten, daß er Bratlie inständig aufforderte, mit Åge und Magne zu sprechen, denn er verstand, daß Bratlie falsch informiert sei. Er sagte z.B., daß Oles älteste Söhne mit J.O. Smiths und Mme Guyon Schindluder getrieben hätten. Aber Bratlie wollte nicht mit uns reden.

Und Onkel hat mehr auf Lager. Samuels Frau erzählte seiner Frau, Samuel habe den Auftrag bekommen, Bratlie zu berichten. Also ein geheimer Spionageauftrag. Daß Samuel einen solchen Auftrag erhalten habe, hört sich in den Ohren einiger nicht gut an.

Vater ist empfindlich. Er ahnt wohl folgendes. Er sagt, er wisse eigentlich nicht, weshalb er verurteilt wurde. Der "Freudenbote" wurde ja erwähnt, aber Bratlie wurde ja falsch informiert, soweit es seine Benützung betrifft. Ich habe versucht, es ihm zu erklären, aber das hilft nicht, sagt er.

Ansgar geht da ein wenig auf Vater los: Laß das nun kein halbgesungenes Lied sein, wurde dir ein anderer Grund von Bratlie genannt, so mußt du nun damit heraus!

Vater mag den ganzen Auftritt nicht und beachtet kaum die Frage. Erwähnt etwas von leichter Verkündigung, worauf jemand kichert. Sie denken an den Abnehmer. Da greift Mutter ein: Nein, Ole, du hast für deine Absetzung keine Begründung erhalten, sagt sie erklärend.

Dann wird Arve um den Grund gefragt. Er muß ihn ja wissen. Aber Arve sagt, Vater wisse es am besten selbst. Aber Vater wiederholt, er wisse es nicht. Einige dringen hart auf Arve ein. Die ganze Versammlung erwartet ja eine Erklärung. Wovon soll man Abstand nehmen und an was soll man sich halten! Was soll man unbekehrten Kindern sagen, die Fragen stellen?

Arve ist verdrossen. Er gibt Ausdruck dafür, daß er etwas weiß. Aber nicht alles ist geeignet, hier erwähnt zu werden, sagt er. Dann sagt er etwas darüber, daß es nicht gerade die Worte seien, die Bedeutung hätten, sondern der Geist darin. Dann beschuldigt er Vater, weil er Ansgar nicht gegen Hans Kristians Angriff verteidigt. Da scheint es Johnny, das gehe wohl zu weit. Und ihr, warum habt ihr nicht Vater verteidigt?

Onkel Kristian setzt fort. Erwähnt die Herbstkonferenz und Bratlies Auftreten. Ole auf diese Weise herauszufordern! Raffiniert! Greift Arve an und fragt, ob er Röm 4,5,6,7 und 8 auslegen kann. Das müßte ein Diener der Gemeinde können. Er habe ja nun die Verantwortung übernommen und damit sei er auch an diesem Urteil beteiligt.

Die Frauen brechen der Reihe nach schluchzend zusammen und gehen auf den Gang hinaus.

Onkel erwähnt eine Episode vom gestrigen Jugendfest, bei dem seine Tochter von Thorleif zurechtgewiesen wurde, was sie sehr mitnahm. Solches würde er sich verbitten. Aber Arve hat die ganze Geschichte von Thorleif gehört und kann nicht verstehen, daß das Mädchen Grund zu solch einer Reaktion auf Thorleifs milde Vorgangsweise hatte. Aber das Mädchen ist da und protestiert verzweifelt gegen Thorleifs Version.

Man muß ertragen, daß Jugendliche dafür Ausdruck geben, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, sagt Onkel. Aber Arve glaubt nicht, daß die Jugendlichen selbst etwas davon verstanden haben. Nein, die haben es von daheim gehört, meint er.

Onkel wird zornig. Wer redet da? Das erste, was ich von dieser Angelegenheit hörte, war, daß Thorleif meiner Tochter über Magne erzählte: "Magne verkündet Baratts Lehre".

Eine Mutter erzählt weinend, wie schlimm das Ganze ist, besonders für die Kinder. "Wir wollen niemanden anklagen, wir wollen Frieden haben!" Dann erzählt sie über das gestrige Fest, wie die Jugendlichen litten.

Arve kann das nicht verstehen. "Das ging doch so schön vor sich!"

Er wird gefragt, ob er weiß, wann der Erste weinend hinausging, aber das weiß er nicht.

Arve ist starrköpfig und absolut nicht zusammenarbeitswillig. Die anderen sind offener, und nach und nach entstehen mehrere Gruppengespräche. Eine gewisse Kommunikation ist tatsächlich in Gang gesetzt. Ich selbst verhalte mich passiv.

Nach und nach lösen sie sich auf.

Onkel Ansgar verabschiedet sich und wendet sich besonders an uns Kinder. Wir hatten in all den Jahren ziemlich viel mit seiner Familie zu tun. Nun dankt er uns und weint ein paar Tränen. Aber das rührt nichts in meinem Herzen. Diese Tränen brauchen wir nicht. Wir brauchen einen Onkel, der mit uns reden kann und der an uns glaubt.

Zum Schluß sind nur wir übrig. Herrlich, ein wenig mit den Armen zu schlenkern. Wir müssen über das Ganze lachen. Es war so unwirklich. Wie ein Film. Aber du, so gut war es, sich ein wenig zu lüften. Endlich sagte ihnen jemand ein Paulus-Wort.

Aber was wird nun geschehen? Welche Folgen wird dieser Abend nun haben? Sicher ist, daß sie vieles hörten, was ihnen nicht klar gewesen war. Einige gaben deutlich Ausdruck dafür, daß sie über etwas nachzudenken hatten. Vielleicht führt dies zu etwas?

Es ist dumm, zu hoffen. Das haben wir ja erfahren. Und Arves Auftreten gab überhaupt keinen Grund zu Optimismus.

SONNTAG 17/12

Es ist Vormittagstreffen und ich bleibe daheim. Gestern wurde es spät, und ehrlich gesprochen beginne ich einen Abstand zur ganzen Tätigkeit zu fühlen. Nach dem Treffen ist der größte Teil der Familie zum Geburtstag bei Astrid und Magne versammelt.

Es beginnt bereits an der Türe, als wir zum Geburtstag ankommen. Schockmeldungen der Reihe nach. Nun werden wir alle zusammen hinausgeworfen. Weiter drinnen in der Stube erfahren wir Bruchstücke der letzten Neuigkeiten. Verzweiflung und lauter Zorn von einer teilweise stark erregten Versammlung. Nach und nach erhalte ich ein ungefähres Bild des Geschehens. Es geschah bei einem Brüdertreffen. Ich werde versuchen, es wiederzuerzählen, so gut ich kann:

Das Treffen selbst geht ruhig vor sich. Telle ist zu Besuch, und es wird ein neutrales und gutes Treffen. Danach sagt Arve, es solle ein kurzes Brüdertreffen gehalten werden. Nur eine Viertelstunde. Es wurde ein Vielfaches davon.

Arve beginnt. Berichtet über die gestrigen Ereignisse. Wie grausam Hans Kristian gewesen war. Ja, ganz schlimm! Aber da ist etwas, was noch schlimmer ist, und was ist das? Ja, daß Ole (Vater) ihn nicht stoppte! Nun muß Schluß sein mit dem Krach um diese Angelegenheit! Das ganze Gerede! Die Bosheit leuchtet ja bereits aus 15-Jährigen! Bratlie hat das Seine gesagt, und dem müssen wir uns beugen! Sonst geht es schief! Und warum soll man unbedingt einen Grund haben! Ihr könnt nur zu Bratlie gehen. Das hilft nichts. Bekommt er von diesem Krach zu hören, dann ist es aus! Dann gibt es auch kein Brunstad! Er legt die ganze Verantwortung auf Vater. Das hängt ganz von ihm ab, ob das gehen soll. Weiters verteidigt er warm Thorleif und Samuel. So wie die hingestellt wurden! Ja, da wird es etwas zu antworten geben auf diesen Tag hinauf!

Arve erwähnt, daß er, John und Ansgar zu Bratlie gehen wollten, aber daß sein Vater (Johan) dies verhinderte. Mit Tränen forderte er Arne auf, nicht hinzugehen. Arne antwortet darauf, indem er ihn wegen seiner lauen Haltung zur Rede stellt. Er sei Hans Kristian gegenüber allzu feig gewesen, bekommt er zu hören. Aber sie fahren dennoch nicht hin.

So geht es Schlag auf Schlag in der gleichen Gnadenlosigkeit. Ansgar ist wieder knallhart. Die Tränen von gestern sind sicher getrocknet. Liest eine Schriftstelle darüber, nicht Partei für jemanden zu ergreifen, und reitet wieder und wieder darauf herum. Er beteuert seine Unterstützung für Bratlie. Und fällt damit seinen eigenen Worten zum Opfer.

John sagt, er verstehe nichts von dem, was geschehe, aber Bratlie könne sich ja niemals irren. Wir müßten unsere eigenen Meinungen aufgeben und uns seinen Entscheidungen beugen.

Thorleif kann jene nicht verstehen, die auf das schöne Jugendfest am Freitag negativ reagierten.

Samuel ist aktiv. Bratlie kommt niemals hierher und begründet seine Entscheidungen., kann er berichten. Ein anderer bestätigt das. Er hatte Kåre Smith gefragt und zur Antwort erhalten, Bratlie pflege keine Gründe für so etwas anzugeben. Und Samuel setzt fort: Wenn Bratlie sagen sollte, warum er dies oder jenes getan habe, dann würde er ja seine Autorität verlieren. So ist es auch mit Gott, er kann ja nicht sagen, warum er das eine oder andrer tut. Das sind Dinge, denen wir uns beugen müssen! Die einzige Lösung in dieser Angelegenheit ist die, daß Åge, Magne und Ole (Vater) sich demütigen und ihre Verrücktheit erkennen!

Da greift Åge ein und sagt, wenn er etwas erkennen sollte, müßte er wissen, was er falsch gemacht habe. Arve antwortet, daß das eigentlich nicht Åge betreffe, sondern Magne. Und Arve beginnt zu berichten, welche fürchterlichen Aussagen ich gemacht habe.

Aber hat Magne nicht um Vergebung gebeten, wundert sich einer, und Arve ist nicht verlegen: "Ja, so mit dem Mund!"

Sandberg versucht tapfer, der eiskalten Horde zu widerstehen: "Wir hörten subjektive Berichte über das gute Jugendfest, aber mir scheint, es war unklug, dabei Blumen zu überreichen. Ich gönne so gerne Kåre und Sverre eine Blume, aber dies wurde ja ein Kranz auf Åges Grab!" Und er möchte wissen, was Vater Falsches verkündet. Was ist das, was von Bratlie abweicht? Aber keiner antwortet. Dann setzt er fort: Wenn man etwas Böses entfernt, sollte das Ergebnis besser werden. Aber hier wurde es ja schlimmer! Noch immer keine Antwort. Ja, ich kann das nicht verstehen, sagt Sandberg, worauf Ansgar losfeuert: Ja, wenn du das nicht verstehen kannst, dann schweig still!!

Es stellt sich heraus, daß eine Schwester an Bratlie geschrieben hat. Sie bekam zur Antwort, Vater habe nicht den Gehorsam des Glaubens verkündet. Das ergibt ja kein Aha-Erlebnis und man denkt nicht mehr darüber nach.

Sandberg wendet sich auch an den Schwiegervater, betreffend seinen Bericht über Oslo. Wie konnte er Åge so bloßstellen?

Der Schwiegervater betont, er habe eigentlich keinen Namen genannt. Er stellte ja den Jugendleiter bloß, er nannte nicht Åge!

Arve ist düster. Das kann niemals gehen! Und um den Ernst noch mehr zu betonen, berichtet er etwas, das Bratlies Stil der Behandlung von Angelegenheiten verrät. Bratlie wollte zuerst Åge als Jugendleiter und Johnny als Musikleiter absetzen. Aber als er hier beim Treffen war und sah, wie die Musik geleitet wurde, und Åges Gebet hörte, änderte er seine Meinung. Sie sollten bleiben dürfen. Aber dann, am nächsten Tag, während Vaters Absetzungszeremonie, fragte Vater: was ist falsch mit Magne? Eine solche Frage, schien es Bratlie, war in dem Maße schwerwiegend, daß er sich dennoch zur Absetzung entschloß.

(Ja, so sagte er es zum lieben Arve, und versteht nicht, wie er seinen Häuptling bloßstellt. Aber das stimmt ja nicht, nicht wahr. Denn Johnny wurde ja nicht abgesetzt. Eine Antwort darauf erhalten wir bei der Neujahrskonferenz, wo Bratlie während eines Gespräches den abgesetzten Jugendleiter als einen erwähnt, "der mit einer Dänin verheiratet ist". Aber Åge ist überhaupt nicht mit einer Dänin verheiratet. Hingegen Johnny. Bratlie setze also Johnny ab, der schon lange als Jugendleiter zurückgetreten war! Weil also Johnny die Musik so gut leitete, sollte Åge als Leiter fortsetzen dürfen, bis Vater fragte, was mit Magne falsch sei! Kommst du mit? Nicht seltsam, daß auch Arve die Karten etwas mischte.)

Da sitzen einige Schwestern und warten, bis die "Viertelstunde" vorüber ist. Endlich kommen die Brüder wieder heraus, aber sie beachten jene nicht, die das sitzen. Sie marschieren mit steinernen Gesichtern vorbei. Eine Schwester hält Åge auf. "Das war lang?" "Und hart!" Mehr erfährt sie nicht.

"Nachher war ich im Schock", sagt dann mein Bruder Frank. "Der Körper will nicht mehr gehorchen. Die Arme hängen nur herunter. Ich war ganz apathisch! Hatte ja eigentlich geglaubt, es würde eines Tages eine Klärung geben, aber als ich diese Männer sah und hörte, wurde die Hoffnung völlig zerstört!"

Auch andere reagieren sehr stark. Einige gehen nur und weinen.

So ging das also. Ein kleiner Versuch, neues Licht auf die Angelegenheit zu werfen, und bevor ein Tag vergangen ist, wird zurückgeschlagen und mit einer Brutalität niedergetrampelt, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Die elementarsten Rechte werden niedergewalzt. Drohungen und Machtmißbrauch. Man ist nicht imstande, die entlarvendsten Torheiten Bratlies einzusehen. Man huldigt ihm ganz im Gegenteil.

Was macht diese Menschen so primitiv, so brutal, so blind? Die Antwort ist klar: "Die Gemeinde"! Die Smiths Freunde! Die belieben, sich die Stütze und das Fundament der Wahrheit zu nennen, Christi Leib, die aller Obersten auf unserer Erde. So treten sie also ein in die Reihen verrückter Sekten, wo machtgierige Menschen an Stelle Gottes auftreten, sich seine Autorität anmaßen, den Seelen ihr gottgegebenes Recht auf persönliches Leben und Gott sein heiliges Herrscherrecht über die Seelen rauben. Dadurch wird eine fanatische Horde mit nur einer Lebensregel geschaffen: gehorche dem Leiter und unterstütze ihn! Darüber hinaus hat man kein Gewissen und keine Richtlinien! Wie soll man da an solche appellieren? Es ist hoffnungslos., völlig hoffnungslos!

Aber nun ist es genug. Ich entschließe mich, aus dieser Gemeinde auszutreten. Nach 30 Jahren. Mein ganzes bisheriges Leben. Lebensart, Denkart, Familie, Freunde, alles ist auf der Gemeinde aufgebaut. Es ist drastisch, damit zu brechen. Und was werden sie dann alle zusammen sagen? Er ist "abgefallen". Er war ein Irrlehrer! Alle verstehen diese Sprache. Dies ist das endgültige Urteil.

Gleichwohl habe ich keine Wahl.

Wir bekommen von Arve und Frau ein Geschenk anläßlich des jüngsten Kindes überreicht. Eine solche freundschaftliche Erklärung mitten in dem schient mir so falsch und unpassend, daß ich das Geschenk zurückgeben möchte. Irene scheint dies hingegen wohl drastisch und ich lasse mich überreden, es zu behalten.

DIENSTAG 19/12

Ich bin aufgerührt in meinem Inneren. Kann mich nicht konzentrieren. Bringe nichts zustande.

Soll ich einen Brief schreiben? Z.B. an Arve! Meine Zorn ausgießen. Konkrete Fragen stellen. Warum bin ich ein Irrlehrer? Was habe ich falsch gemacht? Warum wird mir nicht vergeben? Meint er wirklich, die Brüder seien unfehlbar? Möchte etwas schwarz auf weiß haben. Etwas Konkretes, gegen das man kämpfen kann!

Aber es ist wohl nutzlos. Außerdem habe ich Bedenken wegen der inneren Unruhe, die ich fühle. Sollte ich nicht in Gottes Armen ruhen? Sollte ich es nicht Ihm überlassen, Ordnung zu machen? Aber das blutige Unrecht? Das hier ist nicht leicht.

Kåre (mein Bruder) und ich haben eine Gruppe von Knaben zu Aktivitätsabenden bei mir daheim. Wir sollen heute abend Weihnachten vorbereiten, aber die Planung geht langsam vor sich. Rechtzeitig bevor wir beginnen, höre ich die Knaben im Gang kommen. Sie bleiben eine Weile stehen, rumoren, flüstern und tuscheln. Endlich poltern sie herein, eifrig und stolz. Mit Weihnachtsgeschenken für uns und die Kinder. Schön eingepackt mit Zetteln und "Seid vorsichtig"- Ermahnungen. Es ist so rührend spontan, innerlich und echt, daß mir das Weinen nahe ist.

Nachher sprechen Kåre und ich über volle Übergabe und Freiheit von eigenen Anstrengungen. Die Verkündigung der Gemeinde hat hier völlig versagt. Es ist gut, miteinander zu reden. Wunderbar, wie gut wir übereinstimmen.

FREITAG 22/12

Ich bin 30 Jahre alt, und es ist große Gesellschaft in der Stube. Im großen gesehen ist es die Familie und die Schwiegerfamilie, aber das allein ist ja keine Kleinigkeit. Wegen der Umstände sind nicht alle Schwäger und Schwägerinnen gekommen.

Dennoch ist die "Mauer" da. Mitten in der Stube. In aufgerührten Augenblicken lag mir der Gedanke nahe, einzelne für unerwünscht zu erklären, gerade um an einem solchen Tag dem wahnwitzigen "Mauer"-Gefühl zu entgehen. Aber ich habe mich besonnen.

Es wird eine eher zahme Gesellschaft. Einige sind sichtlich verstimmt und beklommen. Es gibt keine Ansprachen. Niemand findet es besonders passend, lobende Reden auf den Jubilar zu halten. Wohl verständlich.

Ich habe jedoch nicht daran gedacht, diesen Abend bedrückt vorbeigehen zu lassen, und ich nehme ein Buch zur Hand, das mir neulich in die Hände fiel: "Christus, unser Leben" von Ian Thomas. Ein gutes Buch, um aus einem stressigen Wüstenleben heraus- und in ein Christus-Leben, das vollkommene, hineinzukommen. Dieses schlägt eine Bresche in den Mythos, daß man nur in der Gemeinde an das vollkommene Leben glaubt. Ich lese etwas und spreche mit denen, die zunächst sitzen.

Aber einige sehen mich mit scheelen Blicken an. Ich wußte das im vorhinein. Aus einem Buch zu lesen, das nicht von der Gemeinde stammt, ist eine unerträgliche Provokation. Später höre ich es durch eine ältere achtenswerte Schwester: Denk nur, ich hatte aus einem religiösen Buch gelesen! Die Botschaft des Buches und der Inhalt sind von untergeordneter Bedeutung.

MITTWOCH 27/12

Begräbnis für eine ältere Schwester. Es kommt ein Wunsch von einer Familie, jene, die sich von der Musik zurückgezogen haben, sollten bei der Gedächtnisfeier spielen. Dies kommt Arve zu Ohren und damit gibt es ein Hin und Her. Aber zum Schluß sitzen wir da, gerade wie in alten Tagen.

Von der Familie der Verstorbenen kommen einige aus anderen Orten, u.a. alte Freunde meines Vaters. Wir haben eine Hoffnung, diese würden uns etwas unterstützen, etwas untersuchen, uns etwas fragen. Diese reflektierten Menschen, unsere alten Freunde, müssen doch die Verrücktheit durchschauen können!

Doch wieder werden wir enttäuscht. Die Ansprachen sind eine besondere Huldigung an die Brüder und die Gemeinde. Hier soll niemand in Zweifel bezüglich der Loyalität sein. In den Pausen reden sie nur mit der anderen Seite. Und die eifrigen Gespräche lassen keine Zweifel über das Thema.

Und später bekommen wir klare Meldungen, unser Comeback bei der Musik sei höchst unpopulär.

Übrigens ist Weihnachten zahm. Der Weihnachtsstimmung gelingt es nicht, durchzudringen. Es wird viel über die Angelegenheit gesprochen, was wir tun sollen und was wir nicht tun sollen. Die Erschöpfung und die Hoffnungslosigkeit ist ständig da und nagt.

NEUJAHRSFEIERTAGE

Ich bleibe von der Brunstadkonferenz daheim. Vater ebenso. Wir wissen, was dort das Hauptthema wird!

Einige Familien machen Tagesausflüge, daher bekommen wir Berichte. Und ganz richtig. Kåre Smith und Co. schlagen zu. Ganz nach Programm. Man hebt die Brüder hoch in die Wolken und erzählt über aufsässige und irregeleitete Seelen. Und man läßt keinen Zweifel bei der Versammlung: dies ist die Erklärung der Drøbak-Angelegenheit. Man nennt ja keine Namen und vermeidet damit, für Unwahrheiten Rechenschaft ablegen zu müssen.

Der Schwiegervater ist auch mit dabei. Er benützt die Gelegenheit, den "Freudenboten" zu verurteilen. Das Liederbuch, bei dessen Herstellung er selbst mitgewirkt und aus dem er jahrelang gesungen hat. In den späteren Jahren, nachdem Bratlies Mißvergnügen bekannt war, war er einer der fleißigsten Benützer des Buches hier in Drøbak gewesen. "Wenn jemand das Buch nicht gefällt, dann kann ich gerne die Seite herausreißen", sagte er einmal forsch, als er nach vor ging, um zu singen. Nun wird das Buch vor der ganzen Gemeinde als das gefährlichste Gift verurteilt. So hat er seine eigene Haut gerettet und seine Loyalität bewiesen. Eine erbärmliche Taktik.

SAMSTAG 6/1

Es ist Weihnachtsbaumfest in Drøbak und ich gehe hin.

Es ist seltsam, dort zu sein. Früher war es großartig mit solchen Versammlungen. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen fühlte ich mich immer großartig. Nun schleiche ich umher wie ein Hochverräter. Eigentlich fühle ich mich unschuldig, aber ich erkenne mich als abgestempelt und fühle mich unwohl. Es ist richtig ungemütlich.

Vorher war Vater bei Bratlie gewesen. Zum zweiten Mal in dieser Angelegenheit. Bratlie hatte ihn gebeten zu kommen.

Bratlie ist diesmal milder im Ton. Er liest Vater etwas darüber vor, die Jünger zur Nachfolge zu bewegen. Ein Text, der immer wieder benützt wird. Aber Vater fühlt sich von dieser Andeutung überhaupt nicht betroffen.

Und Bratlie liest aus den Briefen von Smith, worauf Vater die Gelegenheit benützt, Bratlies Beschuldigungen, er selbst habe dieses Buch nicht gelesen, zu korrigieren. "Ich habe ein solches Buch völlig abgenützt", sagt er. "Aber das ist wohl lange her", sagt Bratlie. Ja, Vater weiß nicht genau, wann es abgenützt war.

Dann erwähnt Bratlie wieder die Geschichte von der älteren Schwester, die Vaters Predigt gehört hatte, er solle nur zu den Sündern reden, aber Vater kann weiterhin sich in einer solchen Aussage nicht wiedererkennen.

Vater versucht zu erklären, wie meine Geschichte in Holland zusammenhing, aber Bratlie ist daran nicht interessiert. Ich sehe später in einem Brief, daß die Erklärung nicht zum Ziel gelangte. Bratlie hält an seinen falschen Auffassungen fest.

Und Bratlie kann berichten, sie hätten für Torsteinslåtta einen neuen Koch gefunden. Mit dem Essen ist es ja nicht so gefährlich, meint er. Und Vater versteht. Er gehört nicht mehr zur auserwählten Elite. Nicht besonders überraschend.

"Wenn du ins Ausland eingeladen wirst, dann sage, es gehe nicht", sagt Bratlie. Sag, es gehe nicht? Ja, Vater ist nicht streitsüchtig.

Auch dies wird ein kurzer Besuch. Der Ton ist freundlich, aber man hat nichts davon. Weiterhin keine Erklärung, keine Begründung. Nur schlaue Vermutungen und zweifelhafte Schlußfolgerungen aus etwas, was gesagt worden sein soll. Und keine Empfänglichkeit für Berichtigungen.

SONNTAG 7/1

Bratlie ruft Vater an und weint. "Ich weiß, daß ihr nicht versteht", sagt er. Aber nun hat er eine Kassette gefunden, die das Ganze aufklären soll. Er will zu einem Aufklärungstreffen nach Drøbak kommen und die Kassette vorspielen.

Er sagt nichts über den Inhalt der Kassette. Durch zufällige Gerüchte erfahren wir etwas über eine Kassette von Vaters Amerikareisen, daher rechnen wir damit, daß es diese betrifft.

DONNERSTAG 11/1

Dann ist Aufklärungstreffen. Es ist für die Brüder, aber Mutter und meine Schwestern haben die Erlaubnis bekommen, teilzunehmen.

Das ganze Treffen wird auf Kassette aufgenommen und die folgenden Referate werden nach der Aufnahme niedergeschrieben.

Außer Bratlie sind Aksel Smith, Kåre Smith, Sverre Riksfjord, Stadvend und Olav Bekkevold unter den Gästen. Ein zahlreicher Aufmarsch, muß man sagen.

Ich betrete den Saal mit gemischten Gefühlen. Was kommt jetzt? Das muß ja wohl ein lächerliches Schauspiel werden. Etwas anderes erwarte ich nicht mehr.

Bratlie leitet ein. Etwas stotternd sagt er etwas darüber, es sei ja eine schwierige Situation geworden, er habe ja Ole von klein auf gekannt und hätte niemals geglaubt, daß es mit ihm einmal Schwierigkeiten geben werde, aber an das glaube er auch jetzt nicht. Man fühle wohl, daß man heruntergesetzt sei, aber Ole sei wohl nicht auf Ehre aus. Es ist wohl so, daß man nicht verstehe, was geschehen ist. Aber nun hat er also eine Kassette, die vorgespielt werden soll, und er bittet die Versammlung, gut zuzuhören.

Die Kassette ist eine Aufnahme von Salem in Amerika, 1984:

"So wahr ihr zum Glauben gekommen seid, gegründet und gefestigt, und euch nicht von der Hoffnung abbringen laßt, die das Evangelium gibt."

Dies ist Vaters Botschaft. Lebendigen Glauben und lebendige Hoffnung in die Versammlung hineinzupflanzen. Und was ist die Hoffnung? Heilig und untadelig vor seinem Angesicht dazustehen. Dies gilt für jene, die es nicht schaffen, die über ihre eigene Untauglichkeit und Elendigkeit trauern. Laß dich nicht von der Hoffnung abbringen! Gib nicht auf! Auch wenn es noch so hoffnungslos aussieht!

"Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen" [Mt 11, 28].

Kommt alle! So wie du bist. Mit deiner Sünde und Not und Verrücktheit. Du kannst nicht zuerst Ihn zufriedenstellen. Du kannst das Heil nicht leisten. Sieh dich selbst an, nur Elendigkeit. Höre die Einladung, heilig und untadelig zu werden. Ist da ein Unterschied? Sei im Glauben dabei! Warum gibt es so wenig Freude und Wonne? Es gibt allzu wenig Glauben an das Heil.

"Weil das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch, nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, das unter der Macht der Sünde steht, zur Sühne für die Sünden, um an seinem Fleisch die Sünde zu verurteilen." [Röm 8, 3]

Er wurde in allem wie wir erprobt und brachte Sieg über alles. Unseretwegen. Wegen deiner Schuld! "damit die Forderung des Gesetzes durch uns erfüllt werde." [Röm 8,4]. Es ist nicht mehr unmöglich. Die Forderung des Gesetzes soll durch uns erfüllt werden. Kann das wirklich wahr sein?

"Wem hat er geschworen, sie sollen nicht in das Land seiner Ruhe kommen, wenn nicht den Ungehorsamen [im norwegischen Text steht "denen, die nicht glauben wollten"]? Und wir sehen, daß sie wegen ihres Unglaubens nicht hineinkommen konnten." [Hebr 3, 18-19].

Sie wollten nicht glauben. Man muß sich entscheiden, glauben zu wollen. Kann man durch Glauben verlieren? Kann man dadurch verlieren, daß man sich im Glauben freut? Oder kann man dadurch verlieren, daß man aufgibt? Kann man dadurch verlieren, daß man niedergeschlagen wird? Entscheide dich, zu glauben! Glaube, daß Er dich trösten wird! Und was ist der Trost? Daß die Sünde verschwindet. Es ist Schluß mit ihr. Alles wird besiegt.

"Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche" [Hebr 4, 15].

Mit deinen Schwächen. Glaub es!

"Laßt uns vor den Thron der Gnade treten." Den Thron der Gnade, nicht des Verdienstes.

Die Predigt schließt mit diesen Worten: "Haltet fest am Glauben! Laßt euch niemals von der Hoffnung abbringen, die das Evangelium gibt! Dann geschieht das herrliche Erlösungswerk Die Sünde verschwindet. Dann entsteht Ruhe. Vollständige Ruhe. Amen."

Die Predigt wird lebendig, engagiert und fesselnd mit einer positiven Innerlichkeit vorgetragen. Über dieses Thema hat er unzählige Male gepredigt, mit sehr gutem Echo. So auch hier. Die Versammlung in Salem war dabei, in Ohnmacht und Mutlosigkeit in die Knie zu gehen, und die Predigt wurde zu einer Quelle in der Wüste. Ich wundere mich darüber, was Bratlie daran auszusetzen hat. Wer das so verdreht, daß es mit der "Lehre" in Streit liege, muß milde gesagt unwillig eingestellt sein.

Und das ist Bratlie.

"Sehr eifriger Prediger", sagt er mit einem herablassenden wiehernden Lachen. ("Prediger" ist kein positiv beladenes Wort bei den Smiths Freunden). Aber was fehlt hier, fragt er. Keine antwortet. Kann jemand unter 30 antworten? Stille. Bis mein jüngster Bruder Remi ganz hinten halblaut antwortet: "Nichts". Samuel wiederholt die Antwort: Da sagt jemand "nichts", sagt er. Jaja, nichts, sagt Bratlie und wird vielleicht einen Hauch unsicher in der Stimme. Aber es dauert nicht lange. Da niemand antwortet, wendet er sich an Olaf Bekkevold, vielleicht könnte er es sagen?

Und Bekkevold stottert eine Antwort hervor. Es war ja nicht die Rede davon, im Fleische zu leiden, sagt er. Aber er sprach also über den Glauben. Aber es ist ja die Frage, welche Art von Versammlung das war, vielleicht waren es ...

" ... Unbekehrte", wirft Bratlie mit seinem nachsichtigen wiehernden Lachen ein.

"Ganz Unbekehrte", murmelt Bekkevold.

Dies schien Bratlie dumm ausgedrückt. "Das war es nicht", sagt er fast höhnisch.

Nein, sagt Bekkevold und versucht das Ganze auf eine Weise zu retten, indem er erklärt, was fehle. Bald bricht Bratlie ihn ab und fragt,, ob irgend jemand anderer antworten kann.

Samuel versucht es, aber ohne Erfolg. Die Antwort bekommt eine schlechte Beurteilung. Endlich kommt Aksel mit einer Antwort, die das Wort "Gehorsam" enthält. Jaja, sagt Bratlie, und sein Gesicht erhellt sich, kein Wort über Gehorsam. Daß du das nicht gemerkt hast, Bekkevold. Das wiehernde Lachen ist wieder da.

"Ja, aber ...." versucht sich Bekkevold, wird aber von Bratlies Lachen unterbrochen, das nun richtig herablassend und saftig geworden ist. Aber Bekkevold versucht wieder zu erklären, es sei ja dumm gewesen, was er meinte, aber Bratlie fegt ihn hinweg und beginnt seine erschöpfende Erklärung.

Er sagt etwas mehr über Vater, daß er wohl ein sieghaftes Leben gelebt hat, nichts darüber zu sagen. Denn er hat ja eine klare Verkündigung gehört, seitdem er ein kleiner Junge war. Und Bratlie erklärt, wie die Verkündigung wirken soll, nämlich den Gehorsam des Glaubens, nicht nur den Glauben, wie Ole ihn ohne Gehorsam verkündete. Was sollte man da mit dem Glauben? Und die Versammlung kennt die Antwort: Die Sünden zudecken. Ja genau, nur um Vergebung zu erlangen, aber das ist ja nicht das Evangelium. Und Bratlie erklärt weiter etwas, was sehr wichtig sei und was er viele Male gesagt habe, aber es gäbe wohl niemanden, der das bemerkt hat. "Wäre ich so eifrig wie Ole gewesen, so hättet ihr es vielleicht gemerkt, he, he, he".

Aber ja, die Brüder erinnern sich. Als eifrige Schuljungen beantworten sie das meiste nun richtig. Es muß möglichst etwas mit Gehorsam oder Leiden oder einer anderen banalen Antwort sein, an das sie sich vom letzten Mal erinnern.

Und Bratlie erzählt über die Religiösen, die keinen Gehorsam wollen, sondern nur Vergebung und Glauben haben. Dann gibt es einige Geschichten darüber, wo diese ohne Skrupel nur drauflossündigen, denn sie erhalten ja Vergebung. Und Oles Predigt, sie war ja gewaltig, wie er sie anlegte, die wäre wohl von Pfingstlern oder der Inneren Mission gut aufgenommen worden, he, he, he .....

Und Bratlie setzt eine lange Abhandlung darüber fort, an seiner Rettung mit Furcht und Beben und Gehorsam und Leiden und Ermahnungen zu arbeiten und wie schwierig das sei und wie träge die Menschen seien. Und Glaube sei ja nur der Anfang. Es gäbe kein Wachstum mit dem Glauben allein, wenn man nicht gehorsam sei. Und er berichtet von einem Bruder in Oslo, der immer wieder in Sünde gefallen war und kam, um Hilfe in seiner Not zu erhalten. Und Bratlie wußte Rat. "Weißt du, warum du fällst", hatte er gesagt. "Du willst nicht leiden".

Das Ganze ist ein entlarvendes Schauspiel, dem ich von der hintersten Bank zusehe. Und ich zittere vor Wut. Wut auf Bratlies herablassendes höhnisches wieherndes Lachen. Wut darauf, wie er Vaters Botschaft in die Richtung verdreht, es sei mit dem Gehorsam nicht so genau. Gerade dies war ja der Kernpunkt, wie man zu einem sieghaften Leben kommt. Das war ja das Ziel, fest und unabänderlich im Glauben auszuharren. Verstand Bratlie nicht, daß Vater an Menschen verkündete, die mit aller Kraft versuchten, ein reines Leben zu leben, die es aber nicht schafften? Die von Mutlosigkeit belastet waren. Ich brenne vom Drang, einige Wahrheiten auszusagen. Aus Vaters Predigt zu zitieren und zu fragen, ob nicht gerade dies gehorchen bedeute, wenn auch das Wort Gehorsam nicht verwendet wurde.

Aber die Situation lädt nicht zu Einwänden ein. Hier ist Bratlies Wort Gesetz. Er steht breit und sicher da, teilt etwas Lob und Tadel aus und erschreckt Sverre Riksfjord etwas damit, er werde vielleicht nach Tønsberg kommen und hören, was dort verkündet würde. Dann wird wohl Sverre ein guter Junge und predigt eine Weile nicht über den Glauben. Bratlie gefällt sich in dieser Rolle außerordentlich.

Und ich bin auf Bekkevold zornig. Der kriecht und schmeichelt und versucht, so gut er kann, auf die zu spucken, die am Boden liegen. Es ist so, als ob er im Schreck zusammenführe, wenn Bratlie ihn nur ansieht. Von diesem Mann vollständig abhängig. Etwas so Erbärmliches. Sind es solche Geistesmänner, die die Gemeinde hervorbringt? Ich bin unsäglich enttäuscht.

Und alle diese anderen Jasager, die antworten, so gut sie können. Alle wollen sie mit dabei sein, zu zeigen, sie wüßten, daß Vaters Predigt völlig falsch war. Eine Predigt, zu der sie früher anerkennend genickt und von der sie sich richtig begeistert gefühlt haben. Was sind das für Männer? Es gibt wohl keinen einzigen beurteilenden oder vernünftigen Gedanken mehr.

Es ist erschreckend, dies "von außen" her zu sehen. Welch primitive Züge werden entlarvt, wenn Bratlie nicht mehr als Gott betrachtet wird und man einzusehen wagt, was ja eigentlich ganz offensichtlich ist. Es ist das alte Führerprinzip, das in all seiner banalen Dummheit und Ungeheuerlichkeit entlarvt wird.

Endlich ist Bratlie fertig, aber er hat sicher noch mehr auf der Salem-Kassette. Mit einer gewissen Schadenfreude höre ich, daß Olaf Bekkevold der nächste Sprecher ist.

Bekkevold setzt mit dem gleichen Thema wie Vater fort. Darüber, daß es viele gibt, die unsicher und ängstlich sind und denen es in der Gemeinden nicht gut geht. "Furcht gibt es in der Liebe nicht ..."[1 Joh 4 18]. "Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht ... sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht ... wir rufen: Abba, Vater." [Röm 8, 15]. Denkt an eure eigenen Kinder, sollten die vor uns Angst haben und sich vor uns verstecken. Nein, sie werfen sich uns um den Hals. So will Gott, daß es sein soll. Er ist kein böser Mann, der kommt und uns etwas antut. Nein, er will uns helfen. Die Schuld ist bezahlt. Die Sünde ist gesühnt. Glaubt man das, so bekommt man das Positive in sich hinein und es wird leicht, auch anderen zu vergeben. Aber kommt man in eine falsche Furcht und Angespanntheit hinein, dann wird es schwierig, mit anderen nachsichtig zu sein.

Das ist ja eine richtig aufbauende und herzlich gute Predigt. Ich werde richtig aufgemuntert, wenn ich da so sitze. Das ist ja das Evangelium!

Dann spricht wieder Bratlie. Er knüpft an das mit den Kindern an, die ihre Eltern ja so lieben. "Aber hätten sie ein schlechtes Gewissen, so wären sie wohl nicht so glücklich, he, he, he."

Dann liest er einige Schriftstellen vor, über die Bekkevold sprach. Aber er fokussiert auf Gehorsam, Ermahnung, Arbeit und Leiden. Er macht das so effektiv, daß das, was eigentlich herrliche Verheißungen und ein Evangelium waren, die Sehnsucht, Liebe, Hoffnung und Freude schufen, zu einem leblosen und strohtrockenen Thema und einem gebietenden Gesetz wurden.

Dann sagt Aksel Smith etwas. Er geht nicht direkt auf die Predigten von Amerika ein. Er unterstützt Bratlies Ermahnungen und sagt einige schwülstige Worte über die Gemeinde und die Verkündigung, die wir dort zu hören bekommen. Er hat einen großen Glauben an die Gemeinde in Drøbak, das sei eine Schar auserwählter Menschen, die eine Kerntruppe für Gott werden können. Dann sagt er etwas über Gehorsam und kommt mit einigen Salven über die religiöse Welt. Wer nicht will, der landet außerhalb, die, welche ihre eigenen menschlichen Gedanken und Ideen haben. Da ist es besser, sich zu trennen, damit Friede und Ruhe entsteht. Selbstverteidigung und ein Für und ein Dagegen darf es nicht geben. Da entsteht Unruhe.

Smith ist ziemlich flexibel in den Wendungen. Er geht auf keine Weise darauf ein, was "falsch" sein soll. Er packt es schön ein, daß wir auf Bratlies "gewaltige Ermahnungen" hören sollen. Große, schwülstige Klischees, die eigentlich sehr wenig sagen. Nach und nach berührt er das mit den eigenen Meinungen und der Unruhe. Aber wessen Meinungen und welche Art von Meinungen hängt immer noch in der Luft. Und man kann wohl fragen, wer die Unruhe schafft und wer gegen etwas ist.

Bratlie fragt, ob noch jemand etwas sagen will, und Risnes hat eine Frage. Er sagt, er habe ein Licht über den Glauben erhalten. Der Glaube sei nicht das Ziel, sondern er sei ein notwendiges Werkzeug, um das Werk auszuführen. Wie eine Motorsäge, die Gott uns gibt, um einen Baumstamm zu fällen. Ohne diese Säge ist es ganz unmöglich. So sei es auch mit dem Glauben, wir müßten ihn haben und wir müßten ihn gebrauchen, sonst käme wir nicht weiter. Da die Ältesten anwesend seien, möchte er hören, ob dieses Licht richtig sei. Vielleicht sei er ganz auf einem falschen Weg?

Für Risnes ist ja der Glaube das Fundamentale, und ich nehme an, er habe auf Bratlies Auslegung der Glaubens keinen besonderen Wert gelegt. Er bemüht sich um einen demütigen Ton und fürchtet wohl, zu provozieren. Er wirkt ziemlich unsicher und wiegt seine Worte genau ab.

Und Bratlie antwortet: "Auch Abraham glaubte der Verheißung, die Gott ihm gab. Und da war e sicher. Und so ist das mit uns allen, mit allen Ermahnungen z.B. in der Bibel, damit wir untadelig seien. Ja, wenn ich Interesse daran habe, dann geschieht es."

Und welche Art von Antwort ist wohl dies? Da ist ja der reine "Guten-Tag-Mann-Axtstiel" [d.h. die Antwort auf eine Frage, die nicht gestellt wurde].

Und Bratlie spricht weiter über Paulus, der in Ephesus ermahnte und sagte, daß nach ihm reißende Wölfe kommen und Männer aufstehen würden, die mit verwöhnter Rede die Jünger zu sich locken würden. Es ist klar, daß man hören will, Gott habe alles getan und wir sollten nichts tun. Und er ermahnt inständig, die hinterlassenen Briefe von J.O. Smith zu lesen. Sein letztes Wort war: "Beginne, die Briefe Smiths zu lesen!"

"Beginne", das entlarvt ja das Vertrauen zu seinen Mitmenschen. Ja, Bratlie, damit habe ich schon längst begonnen, und ich bin versucht, dir dasselbe zu raten. Denn das Evangelium, das du hier vorgelegt hast, das widerspricht ja vielen von Smiths Briefen völlig. Denn was ist eigentlich dein Evangelium? "Du fällst, weil du nicht leiden willst". Das ist ja ungefähr so wie: "Du bringst es nicht zustande, weil du es nicht zustande bringst". Und der, der gesündigt und ein schlechtes Gewissen hat, der hat keinen Grund, sich Gott an den Hals zu werfen. Nein, er soll sich wohl fernhalten. Was für eine Art von Botschaft ist das für einen Menschen, der in Not und Angst über seine eigene Untauglichkeit ist?

Nein, lieber Bratlie, in dem, was du verkündest, gibt es keine Wärme und Liebe. Deine trockenen und fachlichen Worte sind meilenweit von der Wirklichkeit entfernt, in der sich ein strebender armer Sünder befindet. Es ist ein erhobener beschuldigender Zeigefinger, der die Bürde doppelt schwer macht. Du gibst keine andere Hoffnung und keinen Trost als die, welche man in seinem eigenen Arm findet. Wo ist Christi Liebe? Wo ist das lockende "Komm" des Geistes, welches die Sehnsucht nach dem Himmel tief im Herzen erschafft? Oder weißt du nicht, daß der Geist lockt?

Ja, es ist sonderbar, dabei Zuschauer zu sein. Wie offenbar die Narretei ist, wenn man nur einzusehen wagt, daß Bratlie tatsächlich ein Mensch ist und kein Gott. Meine jüngste Schwester stand auf viele Weise etwas in Abstand zu dem Ganzen, aber dieses Treffen war massenhaft klare Sprache: "Das war ja nur ganz verrückt", sagte meine Schwester später, "ich kann da nicht an solche Menschen glauben!"

SONNTAG 21/1

Ich rufe Arve an. Möchte meine Tätigkeiten in der Gemeinde aufgeben. Und vielleicht etwas mehr. Soll ich ein Donnerwetter anschlagen? Erzählen, was ich eigentlich über ihn und den Rest des Superrates denke? Respektlose Unterdrücker! Blinde Laufjungen! Wißt ihr, was Menschenwert und -rechte sind? Was mit einer anständigen Sachbehandlung, Beweisführung, den Rechten der Angeklagten usw. Eine Horde gehirngewaschener, unerleuchteter Fanatiker, die einen Papst anbeten, das ist es, was ihr seid!

Nun, so waghalsig bin ich wohl nicht und das ist vielleicht gut. Das Herz schlägt lauter als die Wählscheibe am Telefon, und das Gespräch wird ganz vorsichtig eingeleitet: Nach und nach bringe ich meine eigentliche Botschaft hervor , daß ich mich von meinen Aufgaben in der Gemeinde zurückziehe.

Arve drückt Verzweiflung darüber aus und ermahnt mich inständig, es sein zu lassen. Dies macht ja keinen nennenswerten Eindruck und ich versichere ihm, daß ich weiß, was ich tue. Ich zweifle keinen Augenblick an Gottes Willen darin.

Dann ist das Gespräch im Gang und mir wird bald warm unter dem Hemd. Ich drücke mein großes Mißtrauen zu der ganzen Affäre aus. Es ist ja nur Unsinn von einem Ende bis zum anderen, völlig unverständlich.

"Aber das Kassettentreffen, wurde das da nicht erklärt?", sagt Arve. Ich bin erschöpft darüber, daß er das meinen kann.

Ich sage etwas darüber, was meiner Meinung nach in der Verkündigung fehlt. Das vollbrachte Werk fehlt, der Glaube, daß Jesus gesiegt hat, der Glaube, tot zu sein. Man versucht, sich selbst zu erlösen. Aber Arve ist absolut nicht auf Wellenlänge. Es ist, als seien diese Begriffe aus früheren Zeiten der Gemeinde für ihn spanisch.

Und ich erwähne die Organisation in der Gemeinde. Ihr habt euch ja einen Papst gemacht, dem ihr folgt! Sollte es nicht eine Brüderschaft mit Christus als Haupt sein? Dies wird ja eine Diktatur!

Arve wird über ein solches Wort aufgebracht. Es muß ja ein System haben, sagt er. Es sind ja viele Menschen, und einer muß ja das Ruder in der Hand halten.

Ich gräme mich! Was sagt er? Daß die Vision von Christi Leib mit Christus als Haupt, die wahre Gemeinde Gottes, nicht funktionieren kann! Das ist ja das Fundament selbst in der Tätigkeit von J.O. Smith! Daß es eine lebendige Versammlung sein sollte, in der alle ihre Betätigung durch den Kontakt mit dem Haupt bekämen, und nicht durch eine von Menschen gesteuerte Organisation! Diesen zentralen Punkt hat er also nicht mitbekommen, der neue Leiter in Drøbak!

Aber ich vermag nicht, tiefer in dieses Thema einzusteigen. Hat er über diese Dinge nicht früher nachgedacht, wird eine Auslegung durch mich kaum helfen. Statt dessen erwähne ich etwas, was leichter faßlich ist: Es heißt, Bratlie kann sich nicht irren, welche Anhaltspunkte habt ihr dafür, so etwas zu sagen?

Arve zögert etwas. Naja, wir können dafür nicht unbedingt gerade stehen. Aber dann bekommt er gleichsam eine Offenbarung: Das macht doch wohl nichts, wenn man das dennoch sagt, denn das führt ja dazu, daß man zu ihm größeres Vertrauen bekommt!

Ich stöhne jetzt laut. Arve sieht also keine Bedenken in einem solchen übertriebenen Vertrauen auf einen Menschen.. Noch eine Ansicht, die ja völlig der Grundidee der Gemeinde widerspricht, man solle Gott suchen, um ein eigenes persönliches innere Leben zu erhalten! Ich werde vollständig matt ob solcher Kurzsichtigkeit.

Nach und nach erkenne ich, daß es kein sachliches Gespräch werden wird, in dem es möglich ist, zu größerem gegenseitigen Verständnis zu gelangen. Das Ganze erhält einen komischen Zuschnitt und ich lache über alles. Aber Arve ist verzweifelt. Habe ich wirklich daran gedacht, die Gemeinde zu verlassen? Wir haben ja in all den Jahren gelernt, daß nur die Gemeinde etwas ist! Und denk an deine Geschwister, vielleicht folgen sie dir nach!

Das geht wohl gut, sag ich. Ich vertraue auf Gott. Ihm wird es wohl gelingen, mich richtig zu leiten, wenn ich mich irre. Ich ahne, daß ein solches Vertrauen auf Gott für Arve fremd ist. Denn wohl nur Bratlie ist eines solchen Vertrauens würdig. Außerdem sorge ich mich nicht sehr darum, ob meine Geschwister die Gemeinde verlassen sollten. Das sollte er doch verstehen.

Arve wird immer mehr erschöpft. Er ist dabei, mich aufzugeben. Ich bin verloren. Ich lache über diese überzeugte aber ach so mißverstehende Verzweiflung. Verstehe ja gut, wie es ihm geht. Ich lache über seine Warnungen und achte jene gering, die für ihn das eigentliche Fundament und die Sicherheit und Zukunft sind: die Gemeinde und die Brüder. So war es ja auch für mich, bevor es zu faulen begann und vor meinen Augen dahinschmolz.

SONNTAG 28/1

Mutter und Vater haben ein Sommerhaus gemietet und sind dort ein paar Wochen gewesen. Wollten einige Tage für sich allein sein. Denn es traf sie hart. Das sieht man von weitem.

Einige von uns Kindern kommen nach. Hier erfahre ich vom letzten Treffen. Es wurde kräftig darüber gesprochen, wie ernst es sei, das Vertrauen auf die Brüder zu verlieren, die Gemeinde zu verlassen, usw. Unfaßbarer Hochmut, unfaßbares Unglück!

Es ist deutlich, daß mein Telefongespräch Eindruck erweckt hat. Man benützt die erste Gelegenheit, ein Treffen mir und meinen Anliegen zu widmen. Ich muß eine stille Freude über solche Aufmerksamkeit einräumen: Es ist deutlich, daß der Respekt groß ist. So lieben ja diese Männer, im Kampf gegen den einen oder den anderen zu sein. Das dämpft das nagende Gefühl, unnütz zu sein.

OSTERN

Vater geht weiterhin zu den Treffen und nimmt teil, wenn es geht. Predigt viel darüber, an das vollbrachte Werk zu glauben, zu glauben, man sei tot und lebe in Gott. Das Leben muß von innen kommen, von Christus, und nicht von der eigenen Krampfhaftigkeit.

Daß paßt nicht ganz in die übrige Kampfverkündigung hinein. Außerdem paßt es überhaupt nicht, daß Vater vorne steht und mit größerer Kraft und Begeisterung verkündet als irgendeiner der anderen Rechtgläubigeren.

Kurz vor Ostern wird Vater von Arve mit bestimmten Zurechtweisungen angerufen. Du bist nicht wie wir, bekommt er zu hören, du betest und predigst anders. Konkreter wird er nicht.

Vater und Mutter sind bei der Osterkonferenz. Dort gibt es natürlich mehrere Fußtritte. Bratlie ist wieder dabei und erzählt Schreckgeschichten über einen Bruder, der dies oder jenes gesagt habe. Es ist kein Problem zu verstehen, auf wen er zielt, und das ist natürlich Absicht. Aber entscheidende Details sind so justiert, daß die Bedeutung katastrophal geändert wird. Und kein Name wird erwähnt, daher kann niemand mit der Geschichte zu Gericht gehen. Vater sitzt hilflos da und hört zu.

Sofort nach Ostern ruft Bratlie an und bittet Vater zu kommen. Eine neue und wahnwitzige Einschränkung, sagen wir, und schütteln unsere Köpfe. Und bekommen recht.

Bratlie fragt Vater, wie es in Drøbak nun geht, worauf Vater sagt, ihm scheine, dort gäbe es viel "Buchstabendienst".

Bratlie erzählt über die Tätigkeit der Gemeinde allgemein, über Polen und glücklich Erlöste und wiedererrichtete Ehen usw. Und das ist kein Buchstabendienst, sagt Bratlie.

Nein, natürlich nicht, sagt Vater, aber du fragtest ja über die Verhältnisse in Drøbak.

Dann erzählt Bratlie über die Verkündigung in Drøbak zu Vaters Zeit. Ein Bruder, der eine Zeitlang in Drøbak wohnte, hatte ihm erzählt, es sei gerade so wie in der religiösen Versammlung, aus der er gekommen war.

Und Bratlie weist auf die Amerikakassette hin. Hat Vater nun verstanden, was mit der Predigt falsch war? Nein, Vater hatte es nicht.

"Ja, dann bist du in einer großen Dunkelheit", sagt Bratlie und bleibt düster. Aber er erklärt nicht mehr.

Und Bratlie spricht über Gehorsam und seine große Bedeutung. "Ich bin doch wohl gehorsam gewesen?", wundert sich Vater. "Ja, ja, ja", sagt Bratlie, "aber du hast deinen Kindern nicht das Wort Gottes vor Augen gehalten, und du hast Smith nicht groß gemacht!" Vater stellt sich ganz unverständig zu dieser ungeheuer schwerwiegenden Behauptung.

Endlich kommt das Urteil: "Du mußt aufhören, bei den Treffen etwas zu sagen. Es gibt ja ohnehin niemanden, der auf dich hört."

Dann gibt es Eis und Pulverkaffee.

Auch das ist ein kurzes Treffen mit dem gewohnten Gepräge. Eine merkwürdige Mischung von Aussagen und Behauptungen und zweifelhaften Schlüssen werden zu dem zusammengerührt, was man haben will. Und kein Interesse für das, oder Glauben an das, was Vater zu sagen hat. Vollständige Überfahrung.

Es kommt an den Tag, daß unsere Freunde aus Drøbak vorher bei Bratlie waren und ihm Bericht erstattet haben. Vaters Tätigkeit war wohl beschwerlich.

Nicht, daß wir uns irgend etwas Positives von diesem "Geisteshäuptling" erwarteten, aber das war dennoch ausgiebig. Redeverbot! In einer freien Versammlung! Die er selbst mit aufgebaut hat! Auf dieser Grundlage! Das ist wahnwitzig! Das ist erbärmlich! Das ist feig! Das ist Machtmißbrauch!

JUNI

Kåre und ich haben mit den Knaben-Aktivitätsgruppen (Kindermission) weitergemacht. Wir waren gespannt darauf, was geschehen würde, wenn wir mit den Treffen aufhörten, aber wir haben nichts gehört.

Gegen den Sommer zu ist große Stimmung vor der Abschlußtour. Die Wochenendtour zu Kåres Ferienhaus in Elverum steht hoch im Kurs. Aber wir versprechen nichts. Erst müssen die Eltern kontaktiert werden.

Eine schnelle Fragerunde ergibt grünes Licht, und die Planung ist gut in die nächste Phase eingetreten, als Arve anruft.

Von dieser unserer Tour will er nichts wissen. Zwar wolle er sich in nichts dareinmischen, was wir privat tun, aber die Gemeinde stelle sich negativ zu dem Vorhaben. Er wußte tatsächlich nicht, daß wir diese Gruppe leiteten. Ich hatte mich ja aus meinen Tätigkeiten zurückgezogen.

Ich bin ziemlich erstaunt. Das war ja mit den Eltern abgesprochen. Aber diese Initiative bedeutet ja, daß einige von einer solchen Tour abgehalten werden, so daß die Schar der Knaben geteilt wird. Die Tour muß natürlich abgesagt werden.

Aber was ist mit den Knaben, die sich auf diese Tour freuen?

Arve möchte etwas mehr darüber reden, wenn er schon am Draht ist. Fühlt wohl, er habe mir eine Menge zu sagen. Bin aber wenig interessiert. Obwohl auch ich sprudelnd voll von Dingen bin, die ich ihm sagen will. Aber wenn er mich weder verstehen kann noch will, wofür soll das dann gut sein? Das kann ja dann nur zu meiner eigenen Befriedigung sein, um meine Wut auszugießen. Und ich bin nicht sicher, ob das richtig ist..

Aber Arve nähert sich vorsichtig. Ist er interessiert? Kümmert er sich um meine Angelegenheit? Ja, warum nicht mit ihm reden.

Kleinweise und vorsichtig erzähle ich ihm etwas über meine Ansicht. Über Mme Guyon und das "Gebet". Dies war mir eine große Hilfe, sage ich. Aber da wird Arve ironisch: "Ja, ich sehe das ja!" Dann sagt er häßliche Worte über Mme Guyon. Sie hatte wohl kein sonderbares Verständnis. Reiste sie vielleicht nicht von ihren Kindern weg und verstand es, eine Gemeinde aufzubauen! Smith schreibt da etwas über "katholische Sondermeinungen".

Dies hilft entscheidend meinem Engagement im Gespräch : "Weißt du eigentlich, worüber du redest? Hast du ihre Bücher gelesen? Weißt du, was sie vertritt? Weißt du eigentlich, wie viele ihrer Beiträge Smith in die Verborgenen Schätze aufgenommen hat? Weißt du, wie viele Male und wie warm und inständig ihr Buch "Das Gebet" in den Verborgenen Schätzen empfohlen wurde?"

Das weiß er natürlich nicht. Er möchte es auch nicht wissen. Denn er hat Bratlie. Und Bratlie paßt wohl darauf auf, daß alles im selben Geiste ist wie früher, und er empfiehlt nicht Mme Guyon.

Ich verweise auf eine Unterredung, die Vater mit Bratlie betreffend Mme Guyon hatte, bei der Bratlie eine überraschende Unwissenheit von ihrer Verkündigung und nicht zuletzt von ihrem Platz in den Verborgenen Schätzen bis zum Tode von J.O. Smith verriet.

Aber Arve reagiert aufgebracht auf mein Mißtrauen gegenüber Bratlie. Denk daran, was für ein Mann Bratlie ist! Hat er nicht unter anderem viele Bücher geschrieben!

Mir scheint es jedoch, die Anzahl von Büchern sei eine hauchdünne Grundlage dafür, die Beschaffenheit eines Mannes zu beurteilen, und ich erinnere Arve daran, daß tatsächlich viele Menschen Bücher geschrieben haben, weit mehr als Bratlie!

Ja, aber die Gemeinde, sagt Arve erschöpft, du kannst doch nicht meinen, daß die sich irren. Denk doch, wie viele es sind!

"Ach, es ist noch weit, bis ihr die Katholiken einholt", sage ich, hörbar der dummen Argumente überdrüssig.

Aber Arve verläßt sich darauf, daß die vielen Gottesfürchtigen in der Gemeinde aufpassen werden daß alles mit rechten Dingen zugehe. Das ist ja ein weniger dummes Argument, aber ich vermag dennoch kein Vertrauen darauf zu haben.

Das Gespräch wird nun auf meine Aktivitäten gelenkt. "Du hast ja gesagt, was Smith geschrieben habe, sie nur Heu und Stroh", sagt Arve.

"Ach so?". Ich stelle mich etwas verwundert.

Ja, denn das hat ein Bruder in Holland gehört. Und er war bereit, es zu bezeugen.

"Nein, Arve", sage ich, "das habe ich niemals gesagt! Das ist Unsinn!"

"Ach?"

"Und zwar lauft ihr mit der Geschichte umher und niemand kommt zu mir, so daß ich das Mißverständnis aufklären könnte! Auch Bratlie geht mit dieser Erfindung herum!"

Aber das bestreitet Arve. Bratlie tut das nicht.

"Aber ich habe es selbst in zwei verschiedenen Briefen von Bratlie gelesen", sage ich, und Arve fügt sich damit.

Wenn Arve beabsichtigt, ein Körnchen Rechtschaffenheit in dieser Angelegenheit zu zeigen, so hat er jetzt die Gelegenheit. Hier wird er also mit einer zentralen Beschuldigung konfrontiert, die einfach nicht stimmt. Es gehen also falsche Gerüchte herum. Ich halte etwas an, um ihm die Gelegenheit zu geben, zu fragen, wie das eigentlich zusammenhängt.

Aber Arve fragt nicht, daher beginne ich unaufgefordert zu erklären, wie das mit diesem Strohhalm zusammenhängt, an den er sich klammert.

Da geschieht das Unglaubliche. Er unterbricht mich! Er will nichts hören! "Ja, ja, wenn das auch nicht genau so war, so bedeutet das weiter nichts. Du hast ja auch so viel anderes gesagt. Das haben Thorleif und Samuel erzählt!"

Er will mir nicht glauben! Er will nicht, daß ich unschuldig bin! Und was Thorleif und Samuel erzählt haben, ist ja diese Anklageliste der Bosheit, in der ich mich überhaupt nicht wiedererkenne!

Ich sage nichts mehr über meine Unschuld. Will er auf Tod und Leben Lügen über mich glauben, so ist das seine Sache.

Aber Arve hat es auch nicht leicht. Er ist über die Verhältnisse in Drøbak verzweifelt. Es gibt dort ja deutlich zwei Gruppen, sagt er. Auf Haslum z.B. gibt es ja eine totale Spaltung. Einige grüßen nicht einmal! Das geht doch nicht! Und er macht mir Vorwürfe, daß ich nach Haslum komme, wenn ich nicht zu den Treffen gehe. Ich sollte keinen Zutritt haben!

"Hör jetzt auf", sage ich. "Es gibt etwas, was Recht und Gesetz heißt. Wir sind da Miteigentümer. Da könnt ihr uns nicht hinaussperren!"

"Es war nie die Rede davon, jemanden hinauszusperren!"

???

"Warum habt ihr mit uns keine Gemeinschaft mehr", wundert sich Arve. "Z.B. dein Vater. Sitzt in Gesprächen mit X und Y! Heißt das, Gemeinschaft haben? Es ist deutlich, daß mit euch etwas falsch ist!"

Arve wird mehr und mehr schwermütig, und ich benütze die Gelegenheit zu einigen Breitseiten. "Freilich gibt es Chaos und Spaltung, aber wer ist hier gewesen und hat Ordnung gemacht? Ist es seltsam, daß nach so schlechter Arbeit Chaos entsteht? Völlig unsachliche Vorgangsweise, Lügen und Gerüchte, Urteil ohne Beweisführung! Bratlie kam mehrmals mit völlig lügenhaften Beschuldigungen über Vater! Und er weigert sich, sich korrigieren zu lassen. Kann das etwas anderes werden als schlimm?"

Arve hat wenig dazu zu sagen. Ich gehe bezüglich Bratlies Anklagen etwas ins Detail und er wirkt tatsächlich überrascht. Ich dränge etwas, und er enthüllt eine klare Unwissenheit über Teile des Verlaufes der Ereignisse.

"Ich weiß nicht richtig", sagt er. "Kåre Smith und Bratlie haben hier Ordnung gemacht."

Er wirkt so zögernd und vage, daß ich ihn inständig bitte, das Ganze gründlicher zu untersuchen. "Dann wirst du wohl einige Dinge entdecken, die nicht so gut sind."

"Nein, ich habe den Glauben an diese Tätigkeit völlig verloren", sage ich. "Das verträgt sich überhaupt nicht mit meiner Auffassung darüber, was wahr und richtig und was echtes Christentum ist. Die Gemeinde begann zwar nicht auf diese Weise, aber so wie sie sich jetzt entwickelt hat, kann man sich auf nichts mehr verlassen!"

Es wurde ein ziemlich langes Gespräch. Sinnlos? Kamen wir zu größerem gegenseitigem Verständnis? Kaum. Außerdem hatte ich wiederholt die Kanone mit mehr Pulver geladen, als ich beabsichtigt hatte. Dennoch kein Grund zu List oder Vorsicht. Er hat ja ohnehin nicht die Absicht, mich zu verstehen.

Arve seufzt schwer. Ich muß über das Ganze lachen. Es ist so unwirklich, so dumm, so tragikomisch.

"Aha, du seufzst?"

"Ja. da ist wirklich nicht leicht", sagt Arve, ganz fertig meinetwegen. Fertig wegen der Umstände. Fertig wegen einer gespaltenen Gemeinde, über die er plötzlich zum Leiter gesetzt ist.

DIENSTAG 26/6

Nicht sehr viele aus der Familie haben geplant, zur Sommerkonferenz nach Brunstad zu kommen, aber Mutter und Vater haben sich angemeldet. Der Urlaub ist vereinbart und die Vorbereitungen sind gut im Gang, als das Telefon läutet.

Es ist Aksel Smith. In früheren Zeiten reiste und evangelisierte Vater teilweise mit ihm gemeinsam. Daher sind sie alte Bekannte. Aber Smith beteuert, er müsse in dieser Angelegenheit hart wie Flint sein. Und das ist er.

Smith gibt klaren Bescheid. Keine Brunstad-Tour, nein. Hole deinen Campingwagen ab und halte dich fern. Du und deine Frau. Denn Smith hat überraschende Dinge zu erzählen:

- ihr habt ja mit eigenen Treffen begonnen,

- ihr habt verlangt, das Versammlungslokal zu bekommen,

- ihr habt euch ein eigenes Konferenzzentrum in Lillehammer angeschafft,

- du hast gegen Eriksen gesprochen,

. deine Töchter haben die Haare geschnitten und tragen lange Hosen.

Es hagelt Beschuldigungen. Smith verschwendet keine Zeit zu Fragen. Er hat sich ermannt zu dieser Abrechnung, und in heiliger Härte überschüttet er Vater mit Anklagen, bevor Vater richtig seufzen kann.

Alles zusammen sind Lügen. Zwar habe ich zwei erwachsene Schwestern, die angesichts der Umstände das Interesse verloren haben. Sie haben ihr Haar um 10 cm gekürzt und hatten Hosen an. Ansonsten sind es glatte Lügen!

Nach und nach kommt auch Vater zu Wort. Langsam kommt er dazu, zu berichten, daß nur das mit den Töchtern einen Hauch von Wahrheit enthält. Aber es war doch niemals so, daß die Eltern für die Entscheidungen der Kinder verantwortlich waren? Die anderen Beschuldigungen sind Lügen, sagt Vater. Und er berichtet über andere unwahre Gerüchte, die man unmöglich stoppen kann. Außerdem sollte ja jemand von den Kindern den Campingwagen auf Brunstad benützen.

Smith meint, die Kinder könnten wo anders übernachten und müßten nicht einen ganzen Zeltplatz beanspruchen. Aber nach und nach, als Vater erklärt, wird er vorsichtiger im Ton. Trotz des schwerwiegenden Urteils hat er offenbar keine Vorarbeit geleistet. Wenn nun Vater die Anklagen als Lügen zurückweist, kann er nichts dazu sagen. Aber er wird nun etwas freundlicher im Ton.

"Aber ich kann nichts gegen Bratlie unternehmen", sagt er. "Er hat das entschieden." Dann tröstet er Vater etwas: "Du kannst ja daheim sitzen und die Bibel lesen, Und dann kannst du die Kassetten von der Konferenz später anhören."

Dann reden sie über Wetter und Wind und über alte Bekannte, aber Smith erwähnt nichts übe Vaters Verkündigung und was damit falsch sein sollte.

MITTWOCH 27/6

Wir sind über Smith sehr empört und enttäuscht. So ist er auch aus dem selben Holz geschnitzt. Johnny ruft Smith an und fragt höflich, ob er dieses Urteil schriftlich formulieren kann. Dann haben wir sozusagen etwas Konkretes in der Hand.

Aber Smith will das nicht. Er kennt die Angelegenheit eigentlich nicht so gut. Es waren ja Kåre und Sverre, die damit zu tun hatten. Und eigentlich wollten sie Vater dadurch verschonen, daß sie ihn fernhielten. Dann würde er nicht mit so vielen Fragen belästigt werden.

Das ist ja rührend umsichtig, aber Johnny weint nicht. Und Smith hat noch mehr Umsicht auf Lager. Er möchte Bratlie vorschlagen, nach der Konferenz ein Treffen zu veranstalten, um eine Abklärung zustande zu bringen. Aber wir hören selbstverständlich nichts mehr davon.

Damit ist Vaters Ausstoßung vollbracht. Und hier enden meine Tagebuchnotizen.

BEURTEILUNGEN

Was geschah eigentlich?

Wie in aller Welt konnte es geschehen?

Warum geschah es?

Das sind Fragen, über die wir in späterer Zeit viel nachgedacht haben. Das Ganze ist ja eine phantastische Geschichte, die eigentlich viel Interessantes und Lehrreiches, wenn auch Erschreckendes, enthält, was das Benehmen von Menschen betrifft. Allerdings war es eine sehr schmerzliche Lehre, aber die Zeit heilt Wunden und ich fühle nun, daß ich das Ganze in einem größeren Zusammenhang sehen kann.

Persönlich meine ich, daß weder Gott noch Satan so besonders an dem Geschehen interessiert waren, wie wir glaubten. Das Tun und Lassen der Smiths Freunde ist nun einmal nicht das Allerwichtigste hier auf Erden.

Wollte man diesen Dingen auf den Grund gehen, so würde es rasch ein dickes Buch. werden. Ich möchte daher nur kurz das aufzeigen, was meiner Meinung nach die wesentlichen Gründe dafür waren, daß die Ereignisse diesen Lauf nahmen.

Sigurd Bratlie

Bratlie war der Architekt hinter dem Ganzen und verdient besondere Aufmerksamkeit. Wie er so glänzend klar seine erbärmliche Wirklichkeit entblößte, war eine der stärksten Dinge in der ganzen Angelegenheit. Allerdings hatte ich schon von Anfang an kein unbegrenztes Vertrauen zu ihm gehabt, aber daß er in diesem Maße zynisch, unehrlich und raffiniert sein würde, konnte ich mir nicht in meinen dunkelsten Phantasien eingebildet haben, Das war ein Schock.

Bratlie hatte mehrere Generationen hindurch eine leitende Position innerhalb der Smiths Freunde innegehabt. Er wurde in all diesen Jahren geehrt, ihm wurde gehuldigt und er wurde vergöttert. Eventuelle Fehlgriffe hatten niemals negative Folgen. Die Allerwenigsten wären bereit gewesen, ihm zu widersprechen, und niemand würde ihn wohl zur Rechenschaft ziehen. Na ja, die eine oder die andere tapfere Seele hat dies wohl versucht, wurde aber rasch mit lauten Weh-Rufen ausgeschlossen, als ein widerspenstiger Korach abgestempelt und es wurde ihr eine unheilvolle Zukunft vorausgesagt. Nur um den Rest der Brüderschar zu erschrecken und sie zu größerer Demut und Anbetung anzuspornen. Dies machte ihn selbstsicher und unverwundbar und außerdem ungeheuer nachlässig und ungenau, wenn es darum ging, Menschen zu behandeln und zu beurteilen. Er fügte Gerüchte, seine zweifelhaften Erinnerungen und sein noch zweifelhafteres "Gefühl" zusammen und unterschob den Leuten die miesesten Beweggründe, gerade wie es ihm gefiel. Grundlose Beschuldigungen und banale Erklärungen gingen Hand in Hand. Er war unangreifbar. Es war, als ob er sich selbst für einen Gott hielt!

Bratlie hatte eine ungeheuer negative Sicht vom Menschen, die fast ans Paranoide grenzte. Er unterschob den meisten die übelsten Beweggründe. Die "religiöse Masse" und die "Weltlichen", Priester, Prediger, Politiker und der einfache Mann auf der Straße, gar nicht zu reden von Brüdern, die nicht im Takt gingen, jeder und alle waren ein Ausbund an Egoismus und Ehrgeiz. Er konnte die unglaublichsten Geschichten über den unedlen Lebenswandel und die unedlen Absichten solcher Menschen erzählen. Und wer hätte so böswillig sein können zu glauben, dies sei nicht 100%-ig richtig? Nicht viele.

Der Einzelmensch bedeutete für Bratlie sehr wenig. Auf Menschen, die von Mißmut oder Nachdenklichkeit niedergebeugt waren, zeigte er mit dem Finger und sie erhielten eine trockene Erklärung aus der Bibel, die mit "Du willst nicht leiden!" endete. Selbstverständlich konnte er auch Mitleid zeigen und weinen. Denn das bewies ja seine Liebe. Es ist aber meine große Überzeugung, daß er zuinnerst die Versammlung nur als Gebäude für seinen eigenen Thron sah. Wie es dem Einzelnen ging, war ihm völlig gleichgültig, wenn sie nur mit dabei waren und seine Machtposition unterstützten! Den Menschen gegenüber, bei denen er Grund fand, sie nicht zu mögen, bewies er voll seinen Zynismus. Er war völlig rücksichtslos und nicht im Stande, sich einzufühlen.

Die Kombination dieses Zynismus mit seiner Unangreifbarkeit verschaffte ihm einen enormen Vorteil. Er kümmerte sich keinen Deut darum, ob jemand überlastet war, und er brauchte sich nicht darum zu sorgen, daß er wegen seiner Unwahrheiten zur Rechenschaft gezogen würde. Dadurch konnte er sich mit einer Sicherheit präsentieren, die als göttliche Stärke aufgefaßt wurde.

Bratlie mochte Vater nicht. Er mochte Vaters Verkündigung nicht und noch weniger seinen Erfolg. Denn Vater war sehr beliebt. Er war ein weit besserer Menschenkenner als Bratlie, er wußte, wie es den Leuten ging. Seine Predigten trafen mitten hinein in den Alltag und schwebten nicht in einer lebensfernen Theorie oder "Lehre". Nicht zuletzt verstand er, daß es ungeheuer viel Mutlosigkeit und Depression gab. Außerdem war ein hervorragender Redner.

Als Bratlie hörte, daß es in Drøbak Unstimmigkeiten gab, zögerte er nicht. Er setzte sofort sein berechnendes Spiel in Gang (in dem er gut geübt ist). Das Ziel ist vom ersten Augenblick ganz klar: Vater muß herunter und weg. All das Vertrauen und Ansehen, daß sich Vater in einem langen und aufopfernden Leben erarbeitet hat, muß sorgfältig und gründlich entfernt werden.

Das Ziel wurde fast zu 100% erreicht!

Ein Hauptzug des Spieles besteht darin, Gerüchtefluten loszulassen. Bratlie und seine Männer unterstützen den Verdacht, den Thorleif und Co. ausdrücken, und sie erwecken den Eindruck, "etwas sei falsch". In vertraulichen und wichtigen "geistlichen Gesprächen" zwischen den Brüdern beginnt es. Und da kann es sich ja nicht um Verleumdungen handeln, sondern um traurige Aufdeckungen. Wer mit einigen entblößenden Gustostücken aufwarten kann, wird gerne in den vertraulichen Rat aufgenommen. Bei den Versammlungen wartet Bratlie mit Andeutungen auf, die keiner mißverstehen kann. Diese Signale starten eine großartige Flut von Gerüchten, Verleumdungen und Beschuldigungen. Der Sensationshunger und die Erzählerfreude sind groß. Endlich geschieht etwas. Und dann ist freie Bahn zum Niederreißen. Ja, man tut nur ein gutes Werk, indem man diesen Schmutz verstreut.

Ein anderer wichtiger Zug ist es, Furcht zu erzeugen. Bratlie verkündigt intensiv über den Ernst und warnt sehr vor schmeichelnder und gefährlicher Verkündigung, welche die Gemeinde infiltriert. Darauf folgen schreckliche Berichte über "die religiöse Masse". Die Furcht wächst und die Urteilsfähigkeit schrumpft. Es ist leicht, Menschen mit Furcht zu manipulieren. Und solche Menschen nehmen keine kleinlichen Rücksichten.

Und Bratlie muß versuchen, Vaters Verkündigung bloßzustellen. Er überbetont das Gegenteil von dem, was Vater verkündigt. Leide und sei gehorsam ist das einzige Seligmachende. Trost und Ermunterung wird bagatellisiert. Vertrauen und Hingabe an Gott wird als Laissez-faire-Haltung lächerlich gemacht So wird in der Tat die ganze Verkündigung der Gemeinde im Vergleich zu früher für einige Zeit bedeutend verschoben! Trost, Glaube und Vertrauen, die immer ein Teil der Verkündigung waren, werden fast zu Schimpfworten.

Dieser Gegensatz, der in Drøbak erzeugt wurde, muß nun wachsen. Einzelne Brüder erhalten nun von höchster Warte wichtige Aufträge. Diese werden völlig vereinnahmt und machen alles Mögliche. Berichte, Angeberei, Betrug und "schreibe alles Häßliche nieder, woran du dich bei ihm erinnern kannst".

Und mitten in dieser außerordentlichen und schrecklichen Aktivität. Ein entscheidender Punkt: Vater erfährt nichts davon!

Wenn Bratlie wirklich meinte, etwas liefe schief, dann würde er natürlich so rasch wie möglich mit Vater und mir Kontakt aufnehmen, um uns in unseren Verirrungen zu stoppen und zu verhindern, daß wir diesen Unsinn in der Versammlung verbreiten. Diesbezüglich macht er nicht den geringsten Versuch. Denn eigentlich wünscht er sowohl uns als auch der Versammlung einen guten Tag, wenn er nur Vater ausradieren kann. Deshalb läßt er das Ganze so weitergehen, daß die Gegensätze und Konfrontationen sich bis zum unausweichlichen Ende steigern. Als nun Vater selbst mit Bratlie Kontakt aufnimmt, hat dieser keine konkreten Berichtigungen oder Befehle für ihn! Und Vater macht so weiter wie bisher. Den anderen gegenüber tut Bratlie so, als ob Vater wegen diesem oder jenem ermahnt worden wäre, aber nicht hören wollte. Dies erhöht noch den Druck, und bald ist die Lynchstimmung so angeheizt, daß die Kommunikation vollständig blockiert ist.

Nun, so hat Bratlie die Führung in Vaters Gemeinde übernommen, und Vater wird abgesetzt. Auch in diesem Zusammenhang führt Bratlie nichts Konkretes an. Er, der so vieles darüber in anderen Zusammenhängen und in anderen Lokalen erklärt und erzählt hat. Angesicht gegen Angesicht mit dem, den es betrifft, erzählt er nichts! Hat er Angst, etwas zu riskieren? Daß vielleicht jemand aufsteht und Einwände macht oder Fragen stellt?

Aber es geht ja gut, und bald kommt Bratlie auf die Kassette aus Amerika von 1984 zu sprechen, die so viel aufdecken soll. Und nun ist er so sicher, daß er diese eigentlich hoffnungslose Erklärung zusammenflickt, die er uns nun serviert. Keine Einwände!

Aber Vater setzt seine Verkündigung mit Kraft und Nachdruck fort und das ist ja nicht so gut. Da braucht man gewiß stärkere Mittel. Kein Problem. Denn niemand greift ein und Vater hat bereits so viel Ansehen verloren, daß alles für den nächsten Streich klar ist: Sprechverbot.

Noch immer hält Vater stand, geht zu Versammlungen und plant, nach Brunstad zu fahren. Und das mit Brunstad kann etwas unangenehm werden. Es kann ja sein, daß Vater mit dem einen oder anderen ins Gespräch kommt, der meint, dem glauben zu können, was Vater über die ganze Affäre zu berichten weiß. Am besten ist es, ihn fernzuhalten. Vielleicht wird er dann endgültig aufgeben.

Und Vater gibt auf. Jetzt kann er nicht mehr.

Kåre Smith

Achtet man ein wenig darauf, welche Personen in der Versammlung wichtige Aufgaben und Positionen haben, so bekommt man unweigerlich das Gefühl, es sei nicht so dumm, ein Smith oder mit einem solchen verheiratet zu sein. Es ist nicht sehr falsch zu sagen, daß das eigentliche Machtzentrum in der Familie Smith oder um sie herum liegt. Und dieses Machtzentrum hatte auch ziemlich klare Ideen darüber, wer nach Bratlie die Führung übernehmen sollte.

Aber da gab es ein paar Probleme. Nicht zuletzt, daß Kåres leicht spekulative Geschäftstätigkeit ziemlich gründlich strandete. Er konnte bei weitem seine wirtschaftlichen Verpflichtungen nicht erfüllen. Als Folge davon, aber auch aus anderen Gründen, entwickelte sich in seiner eigenen Heimatgemeinde in Oslo ein bedeutendes Mißtrauen gegen ihn. Auch an anderen Orten hatte man beschränktes Vertrauen auf Kåre. Zwar war er ein netter Kerl, aber gründlich, durchdacht und solid, nein, das war er nicht.

Kåre hatte zwei Gründe, bei der Hetzjagd auf Vater mit dabei zu sein. Erstens zog es die Aufmerksamkeit von seinen eigenen Problemen weg. Zweitens ging es darum, eine wichtige Person zwischen ihm selbst und Bratlie aus dem Weg zu räumen.

Betrachten wir Kåres Benehmen in der Angelegenheit, so sieht es so aus, als sei er in seiner Schule im Zentrum der Macht recht lernwillig gewesen. Sachlichkeit, Korrektheit und Respekt vor den Menschen befinden sich auf absolut niedrigem Niveau. Die Behandlung von Angelegenheiten muß man als völlig ohne ethische Richtlinien bezeichnen. Aber verglichen mit Bratlie ist er viel sozialer und setzt auf mitmenschliche Beziehungen und Kameradschaft. Mit freundschaftlichem Klopfen auf die Schulter und einer gut erfundenen Fabel bindet er sich an eine Schar von Kameraden mit sich selbst als dem sonnenklaren Zentrum. So gewinnt man Mitarbeiter.

Ein bemerkenswerter Zug bei Kåre ist seine Oberflächlichkeit. Es mangelt ihm recht und schlecht eine durchdachte und ganzherzige "Lehre". Er vermeidet es konsequent, darauf einzugehen, was wir verkünden und was wir vertreten. Er ahnt wohl, daß wir eine so klare Glaubensauffassung haben, daß ein tieferes Eingehen darauf schwierig werden könnte. Und vielleicht ein wenig entblößend. So wirft er lieber mit großen Worten, bombastischen Behauptungen und derben Erzählungen um sich. Denn das kann er.

Auch wenn Kåre entschieden in diesem Spiel mitwirkte, ist es meine bestimmte Auffassung, daß es Bratlie war, welcher die entscheidenden Fäden in der Hand hielt. Es ist wichtig, sich zu merken, daß ein Mann wie Bratlie niemals die Macht von sich gibt! Für ihn war Kåre ein Mitarbeiter, der Arbeitsaufgaben zugeteilt erhalten konnte, nicht mehr. Ich glaube auch nicht, daß Bratlie besonders mit Kåres zukünftiger Position in der Gemeinde beschäftigt war. Für Bratlie gab es nur ein Ding, welches etwas bedeutete: er selbst und seine Macht!

In der Tat glaube ich, daß Kåre meinte, es ginge lange Zeit gut. Er ist trotz allem ein weit mitmenschlicherer Typ als Bratlie und wußte, daß dies große und aufregende Folgen hatte, weit mehr als notwendig war. Aber Kåre war dem unausweichlichen Gesetz des Führerprinzips unterworfen: Volle Solidarität mit dem Führer. Willst du vorwärts und hinauf, dann verbirg deine Uneinigkeit, bis du selbst die Macht hast. Dann kannst du den Kurs ändern.

Sverre Riksfjord

Vater ergriff die Initiative und zog Sverre bei. Ein gediegenes Eigentor. Nicht weil Sverre auf die Angelegenheit in einer bestimmten Richtung einwirkte. Eher, weil er es nicht tat.

Denn Sverre verrät dadurch seine Lebensregel: Halte dich an den "Häuptling". Darüber hinaus hat er kein Urteil, kein Gewissen, keinen Gott. Damit ist es seine Aufgabe, Bratlies Willen zu finden und in Bezug dazu das Gleichgewicht zu halten. Er macht keine Anstrengungen, um die Angelegenheit selbst zu untersuchen. Er spricht kaum mit uns.

Sverre hat also die Regeln gelernt, die in einem solchen System gelten. Und obwohl er Kåres nächster Kamerad ist, muß er die eigene Haut retten. Denn Bratlie kann launenhaft sein. Aber Sverre ist auf der Hut und reagiert schnell, wenn er Gefahr wittert. Kleine Justierungen in der Verkündigung und grenzenloser Lobpreis unserer herrlichen Ältestenbrüder, das bringt alles ins rechte Lot.

Ansonsten legt Sverre Wert darauf, ein gemütlicher Kerl zu sein, und hat alle äußeren Zeichen von Ehrlichkeit und Fürsorglichkeit. Freundliches Nicken, warmes Lächeln und fester Bruderhanddruck. Hier darf man es auf keine Weise mit Kåres ziemlich plumpem Benehmen vergleichen.

Im Nachhinein ziehe ich allerdings Kåres Plumpheit vor. Über diese zieht sich auf jeden Fall ein Hauch von Wahrheit. Er war uns nicht sonderlich gut gesinnt, und das war leicht zu bemerken.

Die Freunde

Es ist seltsam zu sehen, wie gute und nahe "Freunde" eines langen Lebens sich entweder in die Hetze mitreißen lassen oder sich still zurückziehen und ihre stumme Zustimmung zur Untat erteilen. Erst auf lokaler Ebene, wo Vater in der ganzen Versammlung beliebt war und geliebt wurde. Dann alle Kontakte, die im Laufe eines langen Lebens im In- und Ausland erarbeitet wurden. Es waren ja die "Freunde", auf die er sich 100%-ig verließ und für die er sehr viel zu opfern bereit war.

Man bleibt mit einer unfaßbaren großen Verwunderung zurück. Was für Freunde hatten

wir eigentlich?

Ich möchte besonders drei charakteristische Züge hervorheben, von denen ich meine, daß sie dafür Bedeutung haben, daß sich die "Freunde" so aufführen konnten:

1. Zerbrechen der Persönlichkeit

2. Propaganda für die Gemeinde und "die Ältesten"

3. Isolation

Punkt 1: Die Verkündigung löscht das Meiste von Selbstgefühl und persönlicher Sicherheit aus. Es werden himmelhohe Ansprüche gestellt, die niemand erfüllen kann, aber alle glauben, daß es den anderen besser gelingt. Frustration ist die Folge. Sich hervor zu tun, auf die eigene Tüchtigkeit stolz zu sein, ist Häßlichkeit und Ehrsucht. "Seine eigene Meinung" zu behaupten ist völlig verwerflich. Es wird einem die eigene Untauglichkeit und die völlige Abhängigkeit von der Gemeinschaft eingehämmert. Damit wird das Selbstbild niedrig und die Unsicherheit groß. Man wagt kaum, seinen eigenen Augen und Ohren zu trauen.

Der Mangel an Persönlichkeit prägt auch in hohem Maß den Glauben der einzelnen. Die allermeisten sprechen ungern über ihren Glauben. Man spricht eher über Autos (und hat dabei ein schlechtes Gewissen). Eine wichtige Ursache ist wohl, daß die "Lehre", die seit der frühen Jugend der Gemeinde in diverse Schriften und Predigten verpackt ist, sehr unstrukturiert, zerstückelt und von Person, Zeit und Ort geprägt ist. In manchen grundsätzlichen Fragen ist es hoffnungslos, eine Ganzheit und einen Zusammenhang zu erkennen. Die allermeisten versuchen es auch gar nicht. Man liest beinahe nichts. Man setzt sich mit ein paar einfachen Grundsätzen (die Religiösen wollen nicht) und einer diffusen Ganzheitsauffassung zur Ruhe und sieht ein, daß das Ganze ein großes Geheimnis ist, das meine geringe Person kaum vor "jenem Tag" erfassen kann. Es ist einem nicht einmal gelungen, sich durch die letzte Nummer der "Verborgenen Schätze" durchzuarbeiten (und hat vergessen, was in der vorletzten stand).

Es gibt auch einen auffälligen Mangel an persönlicher Gottesbeziehung. Es fehlt in hohem Maß die Sicherheit in der Beziehung zu Gott. Gott ist sehr weit weg.

"Wir leben streng nach der Bibel" sagt jeder gute Smithfreund, aber das ist einfach nicht wahr. Ich möchte behaupten, daß jeder, der sich hinsetzt und die Bibel liest, um danach zu leben, bald entfernt wird. So etwas tut man nicht. Tatsache ist, daß der normale Smithfreund im Großen und Ganzen überhaupt nicht in der Bibel liest! Systematische Bibellesung ist eine Seltenheit.

Hier besteht ein sonderbares Paradoxon. Diese Versammlung, in der man sich also für so gläubig, gottesfürchtig, gewissenhaft und bibeltreu ausgibt, ist in Wirklichkeit keines davon. Wer so zu sein versucht, landet früher oder später außerhalb. Für solche Persönlichkeiten und Individualisten gibt es keinen Platz. Die einzige Möglichkeit besteht darin, nach den Spielregeln zu leben, die jeweils im System gelten und die von den "Brüdern" diktiert werden! Hier liegt der Kern der Lebenslüge eines Smithfreundes! Eine Lüge, an die er selbstverständlich selbst glaubt, aber an die oft auch die Umwelt glaubt.

Punkt 2, die Propaganda für die Gemeinde, hängt mit dem ersten eng zusammen. Mit einem gehirnwaschenden Effekt wird bis ins Unendliche die Behauptung über die schlechten Motive aller anderen Versammlungen und Gruppen wiederholt. Ohne Ausnahme sind sie destruktiv, egoistisch und Handlanger des Teufels, der mit allen seinen drohenden und lockenden Künsten dich fangen und stehlen und das Lebensblut aus dir heraussaugen will. Und dann, wenn du leergesaugt bist, werden sie dich wegwerfen, denn sie haben keine Liebe oder Fürsorglichkeit oder Wärme. Nur eiskalter, berechnender Egoismus. Während die "Brüder" und die Gemeinde in einsamer Majestät dastehen und nicht nur dein Allerbestes verstehen, sondern dies auch so innig und tränenreich gerne wollen! Ach, wie herrlich ist es in der "Gemeinde"! Und wie unfaßbar finster und schlimm ist es wohl in der "Welt"! Es gibt kein Ende all der Geschichten, die das untermauern.

Und die Ambitionen sind grenzenlos. Denn die "Gemeinde" ist der Leib Christi! Nur durch dieses Volk wird der Wille Gottes auf Erden verwirklicht. Und die Brüder sind nichts wenige als "von Gott eingesetzt"! Wer wagt da aufzumucken!

Punkt 3 ist eine Art Grundstein für das Ganze. Eine sehr effektive Isolation, die es möglich macht, mitten in einer "aufgeklärten" Gesellschaft so verschroben zu bleiben. Man wird vor Lektüre, Predigern, Film, Musik, Freunden, Fernsehen und Radio gewarnt. Kurz gesagt, vor allen Einwirkungen von außen. Dazu hat man Frisur, Kleidung und Lebensstil, die automatisch von Kindheit an einen Abstand erzeugen, Man wird zu einem eigenen Volk, einem unaufgeklärten, wissens- und geschichtslosen und intensiv nabelbeschauenden Volk. Das nur ein Ding zu bieten hat: Zugehörigkeit. Als Vergeltung eine besonders große und starke Zugehörigkeit.

Diese Herabsetzung der eigenen Person zugunsten des Systems schließt es aus, gegen Bratlies Bestimmungen zu protestieren. Sich in die "Angelegenheiten der Brüder" einzumischen ist eine der größten Sünden, die man begehen kann. Man zieht sich ruhig zurück, denn das geht mich nichts an. Die individuelle Verantwortung zu sehen, die daran liegt, daß man ein Teil des Systems ist, ist sehr schwierig.

Zu allem Überdruß kann man sogar Beispiele dafür sehen, daß man nicht einmal die Verantwortung für seine aktiven Handlungen übernimmt. Während des Konfliktes wurde gesagt, "was du im Gehorsam gegenüber deinen Brüdern tust, dafür brauchst du keine Rechenschaft abzulegen". Wir erleben diese Moral, als fünf "Freunde" aus Drøbak mit einen Schreiben anrücken, einer Unterstützungserklärung für Bratlies Handlungen. Außer einem sehr unsauberen, unsachlichen und herablassenden Stil ist der Brief sehr unkorrekt und einzelne Aussagen sind direkte Lügen. Ich kann nicht glauben, daß die fünf Unterzeichner darüber unwissend waren. Ich machte es ihnen auf jeden Fall in zwei schriftlichen Aufforderungen klar. Diese Aufforderungen wurden typischerweise nicht einmal beantwortet.

Wenn die individuelle Verantwortung in diesem Maße fehlt, dann besteht wirklich Gefahr. Die Geschichtsbücher haben darüber einiges zu berichten. Es gibt keine Grenzen für die bestialischen Handlungen, die im Gehorsam gegenüber einem System oder einer Gruppe ausgeführt wurden. "Ich folge nur einem Befehl".

Ein anderer verwandter Zug ist, daß man Probleme hat, Uneinigkeit handzuhaben. Alles ist in richtig oder falsch, schwarz oder weiß eingeteilt. Uneinigkeit bedeutet, daß die eine Seite Unrecht haben muß, und das setzt starke Gefühle in Bewegung. Wenn man noch dazu keine eigene durchgedachte Meinung hat, ist es völlig hoffnungslos, über Glaubensfragen zu debattieren. Dadurch werden kleine Meinungsverschiedenheiten und vielleicht Mißverständnisse schnell ein Keim für enorme unlösbare Konflikte. Man ist recht und schlecht nicht fähig zu debattieren

Wir selbst

Wir waren auch ein Teil der Freunde. Wir hatten die gleichen Züge von Mangel an persönlicher Stärke und persönlichem Mut. Im Nachhinein ist es etwas bitter zu sehen, daß wir uns in diesem Maße beherrschen ließen. Das war ja die reinste Quälerei. Und wir fanden uns damit ab. Denn das war demütig und gut und richtig.

Es ist klar, daß wir darauf hätten reagieren sollen. Wir hätten sagen sollen, daß dies falsch ist. Und zumindest hätten wir sagen sollen, damit finden wir uns nicht ab! Einzelpersonen und der Versammlung gegenüber hätten wir dies kundtun sollen. Aber dazu waren wir überhaupt nicht imstande. Die Verkündigung, daß du Unrecht ertragen mußt, daß du dich nicht wehren darfst usw., hatte uns zu erbärmlichen Tierchen gemacht, die sich am wohlsten in der Märtyrerrolle fühlten

Auf diese Weise wird das Unrecht für immer in einer solchen Sekte überleben. Nicht genug damit, daß der große Haufen nicht reagiert. Wer dem Unrecht ausgesetzt ist, sagt auch selbst nicht viel.

Jedoch gab es einen Keim innen in uns, einen Keim von Stolz und Stärke, der sagte, dies sollten wir niemals gutheißen. Wenn wir auch kaum imstande waren, mit den Unehrlichen in Konfrontation zu gehen, so wandten wir uns doch in Abscheu von ihnen weg.

EIN NEUES LEBEN

So sagte ich also den Smiths Freunden lebewohl. Wohin es nun gehen sollte, ahnte ich nicht. Es bekümmerte mich auch nicht. Ich tat, was mir richtig schien, und so sollte das Ganze einem alles lenkenden Gott zur Weiterführung nach seinem Willen anvertraut werden.

Mit den "Brüdern" und mit dem System als solchem zu brechen war nicht besonders schwierig. Die Sicherheit, die es mir gegeben hatte, war in den letzten Jahren bereits stark reduziert worden. Es war eigentlich eine Erleichterung, das zunehmende Gefühl bestärkt zu erhalten, daß es etwas grundsätzlich falsch gewesen war. Daß die Verrücktheit in diesem Maße sichtbar wurde, machte die Wahl einfach.

Aber es waren andere Dinge, die entschieden nicht einfach waren.

Das Gefühl, in diesem Maße ungerecht behandelt worden zu sein, saß wie ein dumpfer alles überschattender Schmerz in uns. Daß sie das tun konnten! Alles war in diesem halben Jahr so unfaßbar schnell geschehen, aber nun blieb Zeit, das Ganze durchzudenken. Ereignisse und Aussprüche wurden aufs Neue durchlebt und das Bild von einem wahnwitzig unehrlichen und zynischen Spiel wurde noch deutlicher. Und der Schmerz darüber, daß das Ungerechte nicht gerügt, sondern ihm gehuldigt wurde, wurde noch größer. Uns blieb die Scham und ihnen die Ehre. Noch dazu lebten wir weiterhin nahe der Versammlung und erhielten zusätzliche Tropfen von Treffen und anderem. Sie waren selbstverständlich mit der Geschichte auch noch nicht fertig. Die Brüder mußten verteidigt und wir zusätzlich angeschwärzt werden.

Es tut weh, ungerecht behandelt zu werden!

Und es tat weh, mit Freunden brechen zu müssen. Nicht mit jenen, die an der Verrücktheit aktiv teilnahmen, denn da erlitt die Freundschaft einen plötzlichen Tod. Aber die meisten betrachteten das Ganze ja von der Seite her. Selbstverständlich hätten sie sich kümmern, die Sache untersuchen sollen, usw. Aber was hätte ich selbst wohl getan? Nun war es auf alle Fälle vorbei. So von den "Brüdern" verurteilt zu werden und nicht zumindest diesen großen Männern gegenüber Mißtrauen auszudrücken, war ein so starkes Signal, daß es alle Verbindungen für den Rest des Lebens abbrechen würde. Sie hatten ihre Auffassung, und es würde niemals möglich sein, mit irgend einer Art von Erklärung zum Zug zu kommen. Ich wußte das. Und ich merkte das. Oft dachte ich an das, was wir gemeinsam hatten. Es kam vor, daß ich weinte.

Ich trat also ganz unbekümmert aus der "Sicherheit" der Versammlung aus. Ich hatte ja die Sicherheit in meinem eigenen Inneren. Einen starken persönlichen Glauben und ein starkes Vertrauen auf mein persönliches Gottesverhältnis. Aber auch das war nicht einfach. Ich entdeckte nämlich rasch, daß ich weit mehr vom alten Gedankengut geprägt war, als ich eingesehen hatte. Mein Weltbild stimmte nicht! Wenn man in dieser geschlossenen Welt lebt, dreimal pro Woche an Versammlungen teilnimmt und Impulse nur von dort empfängt, wird dieses seltsame Weltbild am Leben erhalten. Die "Gemeinde" ist recht und schlecht ein verrückter kleiner Sandkasten, wo man seine eigene Welt gestaltet hat. Man kümmert sich im Großen und Ganzen nicht um das, was in der ordentlichen Welt geschieht, sondern glaubt sich von dieser sowohl gefürchtet als auch geliebt und gehaßt. Überhaupt entfaltet sich das große Spiel des Daseins in diesem Sandkasten

Aber die ordentliche Welt ist sich klar darüber, daß dies nur ein Sandkasten ist, und hat im Großen und Ganzen kaum mehr als nachsichtige Gleichgültigkeit dafür übrig. Dies verstand ich schnell. Und ich sah, daß diese Welt voll ist von Sündern und Frommen und Glücklichen und Traurigen und Guten und Bösen. Ich sah Sünder, die glücklich und doch fürsorglich waren.

Ich sah Menschen ohne Gottesglauben, aber dennoch mit strenger Moral. Alte Regeln und Einteilungen stimmten einfach nicht! Was ist eigentlich Sünde? Was sind Werte? Ist nicht Moral mehr als ein Trauschein und eine korrekte Steuererklärung? Welche Perspektiven hat man, wenn man es sein läßt zu fluchen, aber über seinen Bruder Lügen erzählt?

So mußte ich einsehen, daß ich mein Hauptaugenmerk auf bedeutungslose Dinge gerichtet hatte. Unter anderem auf Haare und Kleider! Und wichtige Dinge wurden übersehen. Auf eine Weise war es gut, daß solche Dinge aufgedeckt wurden. Aber das hatte solche Tiefe, daß es auch Verwirrung erzeugte. Denn was sollte ich von meinem früher so starken Glauben behalten? Ich mußte mit allem zusammen reinen Tisch machen. Mit der Wurzel herausreißen und gut schütteln. Was sollte ich wachsen lassen?

Für einen Smithfreund war das Lebensmuster ziemlich vollständig geprägt. Da gab es den Wochenzyklus mit drei Versammlungen pro Woche und der Sonntagsausflug im Sommer. Da gab es den Jahreszyklus mit der Neujahrskonferenz und der Osterkonferenz und der Konferenz in Halden zu Christi Himmelfahrt, der Pfingstkonferenz mit der Reise nach Molde und Trondheim und ab und zu nach Bergen. Da gab es die Sommerferien, wo man auf jeden Fall zwei Wochen auf Brunstad zubrachte. In der letzten Ferienwoche begleiteten wir Vater zur Konferenz nach Holland. Dann gab es die Konferenzen in Hemsedal und Valdres (oder war es umgekehrt?) und möglicherweise eine Jugendveranstaltung vor der Herbstkonferenz auf Brunstad. Dann war Ruhe bis Weihnachten. Und Weihnachten wurde ganz privat und ungeprägt gefeiert. Bis zum 3. Tag, denn da gab es das Weihnachtsbaumfest.

Es gab den Lebenszyklus mit der Sonntagsschule und dem 15-Jahrs-Fest. Mit Hochzeit und Jubiläumstagen, 30-Jahr-Fest und dem kleinen Stubenfest, 36 Jahre und nicht mehr Jugendlicher, 40 Jahre und größeres Fest (denn das Haus war größer), 50 Jahre und Gemeindefest, Silberhochzeit und noch größeres Gemeindefest (vielleicht mit einem der "Ältesten"?), es gab 60 und 70 und 80 Jahre, und die Feste und Lobesworte wollten kein Ende nehmen. Und dann gab es das Begräbnis.

So sollte es sein. Und so war es auch gewesen. Was nun?

In einer runden Summe kann man sagen, daß wir ein wenig verletzt, ein wenig verwundert und ein wenig unbeholfen dastanden und uns fragten:

Wozu sollen wir das Leben benützen?

Heute haben wir soweit eine Antwort gefunden, daß wir ein wertvolles, gutes Leben leben können. Wir sind durch die Übergangsphase hindurchgekommen und können das Ganze aus einem gewissen Abstand sehen. In dieser Periode war es ganz entscheidend, einander zu haben. In erster Linie die Eltern, Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen. Wir haben uns recht und schlecht durch das Ganze hindurchgeredet. Wir waren einig und zutiefst uneinig, verzweifelt über und besorgt um einander. Dennoch haben wir geredet. Wir haben uns durch das gleiche Niemandsland zwischen einer merkwürdigen Sekte und der norwegischen Gesellschaft hindurch abgemüht. Ein Land, das sehr wenige kennen und das Erlebnisse bereitet, die man nur mit wenigen teilen kann.

Nun sind wir durch und darüber sind wir froh. Und stolz. Wir haben etwas verschiedene Wege gewählt. Aber wir haben alle ungeheuer wichtige Lebenslehren daraus gezogen.

 

PS. Als Kuriosität habe ich einen Brief beigelegt, den Bratlie 1991 an Vater schrieb. Dieser illustriert die Befindlichkeit des Geisteshäuptlings. Sowohl Form als auch Ausdruck sind ja phantastisch. Kjell Aukrust hätte es durch die Figur des "Sindre Pilen" in der "Flåklypa Tidende" [einer beliebte Zeichentrickserie] nicht besser sagen können .

Bratlie deutet an, daß Frank und Karin verstehen, Vater habe die Schuld an allem. Das ist Unsinn. Das haben sie nie so verstanden, und gerade das schrieben sie an Bratlie. Ansonsten ist das Hauptthema, Vater habe einen Umsturzversuch unternommen.

Der Brief ist eine tragische Bestätigung dafür, wie verrückt man in einer solchen Position werden kann. Die Handarbeit und die Grammatik sind ja im Kinderstadium. Mit den Beschuldigungen, in Drøbak einen Umsturz zu versuchen, beginnt es richtig krank zu werden. Diese Beschuldigung wurde übrigens nie vom Rednerpult aus erhoben.

Anmerkung: Passagen in eckiger Klammer [] wurden vom Übersetzer hinzugefügt..

Übersetzung: Friedrich Griess, September 1998

Grefsen, 21/7-91

Teurer Ole Kristiansen!

Friede!

Ich habe einen Brief von Frank und Kari Kristiansen erhalten. Und mit dem bin ich einig. Aber er versteht es so, daß Du es bist, der an allem zusammen Schuld hat. Das bedeutet, daß Du Drøbak allein haben wolltest. Damit hast Du für Euch ein eigenes Liederbuch gemacht, und Ihr habt Euch von der Verkündigung in der Gemeinde entfernt. Ich habe ja eine Kassette von Deiner Reise nach Amerika abgespielt. Da trat dies deutlich zutage.

Wenn Du 1 Kor 12, 12-14 liest. Da siehst Du, daß die Gemeinde ein Leib ist, mit vielen Gliedern. Man kann das nicht wegschieben, was Ihr getan habt. Sie sollten mit Oslo nichts zu tun haben. Du weißt, daß Bekkevold seine Frau von dort hatte. Und als ich in die Gemeinde hineinkam, da hatten wir dort viele Konferenzen. Das lief viele Jahre so. In den letzten Zeit wurde ich von Dir gebeten zu kommen, und von anderen. Du warst auch beim Brüdertreffen in der Vogtes Gate 35. Nun wollten sie Drøbak allein haben, und die Jugendlichen dort hatten auch nicht gelernt, J. O. Smith zu kennen. Ein Glied, das die Verbindung mit dem Leib verliert, das stirbt. So ist es mit Euch gegangen. Es ist traurig, wie es in Drøbak geworden ist. Es ist schrecklich. Daß Du ein so guter Bruder warst. Ich erinnere mich an Dich bei der Konferenz in Nesbyen. Da sprachen wir miteinander. Es ist für mich schrecklich, solches zu erleben. Ich möchte Dich innigst darum bitten, daß Du Dich ganzherzig bekehrst. Denk an die Jugendlichen, die aufwachsen, für die Du Verantwortungs trägst. Das wird eine gewaltige Verantwortung.

Du wolltest nicht, daß jemand nach Oslo fahren sollte. Ihr habt die Verbindung mit dem Leib verloren. Dies verstehst Du sehr gut, und wenn Du Dich nicht bekehrst, wirst Du Schlimmeres erleben, als was Du in den Briefen liest, die ich Dir sende.

Grüße Deine Frau, und ich hoffe, daß Du den Ernst verstehst. Dein in der Gnade und im Heil glücklicher Bruder

Sigurd Bratlie

Anm. d. Übers.: Das erwähnte Gesangsbuch erschien 11 Jahre vor dem Hinauswurf der Familie Kristiansen, die erwähnte Predigt in den USA wurde 6 Jahre vorher gehalten. - Über die Zusammenhänge nicht informierte Norweger fragten mich, ob den Brief ein Ausländer geschrieben habe, denn es sei sehr schlechtes Norwegisch. Das war also der Weltleiter der "einzigen wahren christlichen Gemeinde". Friedrich Griess