Catherine Katz

Generalsekretärin der MIVILUDES[1] (Frankreich))

 

Wie Frankreich angesichts der Sekten auf der institutionellen europäischen Szene reagiert

 

Seit vielen Jahren nehmen MIVILUDES und vorher MILS[2] mit großer Freude an dieser Konferenz der FECRIS teil. Ich habe gerade den beiden vorhergehenden Sprechern zugehört, die zeigen, dass Frankreich auf der internationalen Szene keinen isolierten Platz einnimmt.

 

Sie haben Herrn Alessandrini gehört: in Italien und in Belgien entwickeln sich die Dinge. Gemäß einem Gespräch mit Frau Caberta sind auch in Deutschland die Dinge in Bewegung. Frankreich ist auf internationaler Ebene absolut nicht allein, wenn es eine Politik des Kampfes gegen die sektiererischen Abwege einleitet. Es muss daran erinnert werden, dass wir alle Mitglieder demokratischer Länder sind, in denen jeder das Recht hat, eine Überzeugung zu haben, auch wenn sie manchen fremd erscheinen mag. Es sind die sektiererischen Abwege, die das Objekt der Wachsamkeit und des Kampfes des französischen Staates sind.

 

Warum? Weil man die Opfer schützen muss. Auf die Opfer richtet sich die Aufmerksamkeit, deren individuelle Freiheit beeinträchtigt wird. Die Freiheit zu kommen und zu gehen, die Wahlfreiheit, ohne jeden mentalen Machteinfluss, dieser Sinn ist es, in dem sich die Politik Franreichs schon seit 25 Jahren betätigt hat. Ich erinnere Sie zu Ihrer Information, dass der erste parlamentarische Bericht aus dem Jahr 1983 stammt: Es ist der Vivien-Bericht, der die außerordentlich schädlichen Einflüsse sektiererischer Bewegungen auf die Opfer festgestellt hat. Es gab dann später drei Berichte parlamentarischer Enquete-Kommissionen, 1995, 1999 und 2006, und wir sprechen derzeit von einer vierten Enquete-Kommission, die sich auf das Gebiet der Gesundheit beziehen könnte. Ich erinnere daran, falls es nötig ist, dass die französischen Parlamentarier demokratisch gewählt sind.

 

Die Enquete-Kommission von 1995, „Die Sekten in Frankreich“, hatte den Zweck, eine Momentaufnahme der Situation sektiererischer Bewegungen in Frankreich zu machen, und hat also eine Liste von 172 Bewegungen erstellt. Ich komme etwas später darauf zurück, dass diese Liste auf internationaler Ebene zu Problemen geführt hat, sie hat vor allem einige Länder dazu verleitet, Frankreich wegen des Angriffs auf die Gewissensfreiheit zu stigmatisieren. Ich werde erklären, warum das nicht der Fall ist.

 

1999, im Bericht „Die Sekten und das Geld“, haben die Parlamentarier festgestellt, dass das Ziel der sektiererischen Bewegungen, nach der mentalen Vereinnahmung, es ist, das Geld der Anhänger zu bekommnen, sich zu bereichern. Wie? Durch gesteigerte Anwerbung, ebenso durch Durchdringung der institutionellen und wirtschaftlichen Milieus (und ich freue mich, dass Herr Alexandrini das ebenfalls betont hat). Die berufliche Weiterbildung mobilisiert die sektiererischen Bewegungen. Die Parlamentarier haben dies 1999 festgestellt, und auf diesem Gebiet stellen wir es heute ebenso mehr denn je fest.

 

2006 hat sich eine dritte parlamentarische Enquete-Kommission der Kinder angenommen. Das ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Es gibt die Internationale Konvention über die Rechte der Kinder, die von allen europäischen Staaten unterzeichnet wurde. Diese internationale Konvention sieht vor, dass das Kind Rechte hat. Diese Rechte betreffen die Sozialisation, der Zugang zu Wissen und die Offenheit, die das Kind haben soll, um eines Tages ein freier Bürger zu sein und sich in die Gesellschaft einzufügen. Diese Konvention über die Rechte der Kinder wird in sektiererischen Bewegungen nicht angewendet. Sie wird in diesen Bewegungen sogar völlig verletzt. Die Parlamentarier haben die Fälle angeführt, in denen Kinder zu Opfern wurden, und sie haben 50 Vorschläge zur Verbesserung gemacht, und ich kann Ihnen sagen, dass der MIVILUDES-Bericht 2007 teilweise der Umsetzung dieser Vorschläge gewidmet war, mit der Feststellung, dass 2/3 dieser Vorschläge befolgt wurden. Das Schicksal der Kinder in diesen sektiererischen Bewegungen ist unser aller Anliegen.

 

Vielleicht wird bald eine parlamentarische Enquete-Kommission auf dem Gebiet der Gesundheit extrem wichtig werden, denn die Schäden auf diesem Gebiet sind extrem dramatisch, bis zu Todesfällen.

 

Nach diesen Feststellungen der Parlamentarier haben die Regierungen sukzessiv durch die Schaffung von Kampf-Organismen reagiert: ich erwähne kurz das Sekten-Observatorium, das der Gründung der MILS vorausging. Auf internationaler Ebene, wo die Sektenlobbys sich Gehör verschaffen können, wurde Frankreich wegen dieser Gründung sehr stigmatisiert. Tatsächlich befasste sich diese Mission mit den sektiererischen Abwegen, denn das, was zählt, sind die Verhaltensweisen, welche die Gesetze und Vorschriften nicht achten oder die öffentliche Ordnung stören, und all das in einem Zusammenhang der mentalen Vereinnahmung. Ich darf die Betonung für einige Augeblocke auf die mentale Vereinnahmung setzen, worüber Sie gesprochen haben, Herr Alessandrini, und als Beamtin bereitet es mir tatsächlich einen Schock, dass schließlich ein Individuum oder Gruppen von Individuen ein anderes Individuum einer mentalen Vereinnahmung unterwerfen, um es zu Dingen zu verleiten, die für es selbst schädlich sind. Das ist ein Verhalten, das jedes Individuum seine Freiheit, sein Handlungs- und Wahlfreiheit verlieren lässt: wenn Sie sich freiwillig dafür entscheiden, Ihr ganzes Eigentum zu verkaufen und es ihrem Nachbarn oder Ihrer Nachbarin zu verkaufen, dann ist das ihr volles Recht. Wenn Sie jedoch unter Vereinnahmung und unter der Herrschaft eines Individuums ihre ganze Familie ihrer sämtlichen Güter berauben, dann haben Sie nicht die Wahl, es zu tun oder nicht zu tun, dann sind Sie schon dem Willen eines anderen unterworfen. Dagegen zu kämpfen ist die Interministerielle Mission beauftragt, deren Generalsekretärin ich seit drei Jahren bin.

 

Im Ausdruck „Interministerielle Mission der Wachsamkeit und des Kampfes gegen die sektiererischen Abwege“ hat jedes Wort seine Bedeutung. „Interministeriell“ heißt dass man mit allen Ministerien zusammenarbeitet, denn die sektiererischen Abwege betreffen nicht nur einen einzelnen Sektor: Unterricht, Gesundheit, Inneres und Verteidigung für die Gendarmen, schließlich die Justiz, der ich angehöre, sind von diesem Phänomen betroffen; die Justiz hat einen strategischen Platz, ganz besonders deswegen, weil sie schließlich die rechtlichen Entscheidungen liefert, welche die Abwege bestrafen. Alle diese Ministerien müssen zusammenarbeiten; das Nichtvorhandensein von Information behindert den Kampf gegen die sektiererischen Abwege.

 

Die Mission handelt entlang zweier Achsen: „Wachsamkeit und Kampf“: die Vorbeugung und die Unterdrückung. Die Unterdrückung: dass man Verhaltensweisen der sektiererischen Bewegungen bestraft, die dem Strafrecht unterliegen oder strafbare Nichtbeachtung von Gesetzen sind, ist die eine Sache und ist normal. Kein Land weigert sich, illegales Verhalten zu bestrafen, einschließlich der Länder, die liberaler als Frankreich und in unserer Beziehung sehr kritisch sind. Ich erinnere Sie daran, was sich gerade vor einigen Tagen in Texas[3] abgespielt hat. Es gibt dort ein Nichtfunktionieren und eine Nichtbeachtung von Gesetzen, und es gab die Reaktion der Polizei, der Gendarmerie und der Justiz, die völlig legitim ist.

 

Dieser Kampf ist wesentlich, aber er genügt nicht. Man muss den Bürger informieren und die Beamten ausbilden – das ist extrem wichtig – das ist sogar fundamental. Hier erheben sich die Kritiken, weil man Ihnen sagt, „aber Sie erheben Anklagen ohne Beweise“. Existiert denn das Opfer nur dann, wenn es eine strafrechtliche Verurteilung gab? Als ehemalige Untersuchungsrichterin weiß ich sehr gut, dass das nicht stimmt. Das Opfer existiert schon vorher. Es kann nicht beweisen, was es gesagt hat, die Fakten mögen verjährt sein, aber das Opfer hat das Recht, nicht vor Gericht zu gehen, wenn es keine Lust mehr hat, darüber zu sprechen, was es durchgemacht hat, das ist ein Recht , das man anerkennen muss. Verliert es deswegen den Status des Opfers? Überhaupt nicht. Darf man den Opfern der Sonnentempler und ihrer Familie sagen, sie seien keine Opfer, weil das Gericht einen Freispruch gefällt hat? Das kann ich mir nicht vorstellen.

 

Es ist wichtig, wachsam zu sein, die Leute zu informieren, im Allgemeinen die Öffentlichkeit, aber auch die Dienste zu informieren, die den Auftrag haben, die Untersuchung durchzuführen. In diesem Sinn ist die französische Position originell, weil sie den Schwerpunkt genau dort hinsetzt, wo es die Risiken der Abwege gibt. Ich verhehle Ihnen nicht, dass es trotz allem noch viel Arbeit zu tun gibt, denn es ist sehr schwierig, verstehen zu lassen, dass jemand in Wirklichkeit nicht frei ist. Außerdem ist es ein Gebiet, in das man viel von seinen persönlichen Überzeugungen hinein überträgt. Ich bekenne ganz ehrlich, dass ich, als ich zu MIVILUDES kam, das Gefühl hatte, dass ich kein Opfer eines sektiererischen Abweges werden könne. Ich sagte mir: „Ich habe einen schwierigen Charakter, ich habe eine bestimmte Persönlichkeit, und ich glaube, ich habe ein Minimum an Kultur und Intelligenz“, und deshalb fühle ich mich von jedem Risiko ausgeschlossen. Und ich weiß heute, dass ich mich geirrt habe, denn ich habe Leute mit einem sehr hohen Intelligenzniveau, mit sehr hochwertigen Diplomen und mit einer sehr starken Persönlichkeit getroffen, die jahrelang in einer sektiererischen Bewegung waren. Die Vereinnahmung hat nichts mit der Intelligenz und der Persönlichkeit zu tun; es genügt, in einem gegebenen Augenblick durch ein verführerisches Gespräch angezogen zu werden. Die Vereinigungen, die MIVILUDES setzen den Akzent auf die negativen Aspekte, die Abwege. Und das ist eine Tatsache, die ich nicht bestreite. Aber für den zukünftigen Anhänger, der verführt wird, ist es nur Liebe, die man ihm zuwendet, mit Versprechungen des Glücks, der Liebe, des Erfolgs (du hast keine Perspektiven im täglichen Leben). „Man wird dir dazu verhelfen, den Gipfel deiner Fähigkeiten zu erreichen!“, und dann steht der Anhänger unter der Vereinnahmung und kann nicht reagieren; er ist gefangen. Und daher ist es für die Untersucher und für die Behörden sehr schwierig, diesen Aspekt zu verstehen. Die Information erlaubt es, zu verstehen und daher wachsam zu sein, und erlaubt eventuell auch, sektiererische Abwege zu vermeiden.

 

Unsere Mission hat die Aufgabe, den Premierminister durch einen jährlichen Bericht darüber zu informieren, was die neuesten Entwicklungen sind und welcher Trend zunimmt: man macht nicht einen Bericht, indem man den Bericht vom Vorjahr kopiert und das erweitert. Ich meine, dass bestimmte sektiererische Bewegungen sich das so wünschten, dass man eine Wiederholung des vorjährigen Berichts mit dem ergänzt, was im darauf folgenden Jahr passiert ist. Keineswegs. Wir fertigen eine Analyse der Informationen an, die uns von der Basis bis zur Spitze der Ministerien und der dezentralisierten Dienste zugeleitet wurden. Es gibt auf dem Gebiet eine sehr enge Vernetzung mit den Departements, eine Vernetzung, die sich auf die Polizei und die Gendarmerie erstreckt, die uns die Informationen liefern. Diese Informationen werden alle für den Rechenschaftsbericht an den Premierminister analysiert. Dieses Dokument wird Gegenstand von Pressekonferenzen, und ich danke heute übrigens ganz offiziell unserem Presseattaché, der in Richtung von Öffentlichkeit und potentiellen Opfern eine bemerkenswerte Kommunikationsarbeit leistet. In unserem diesjährigen Bericht packen wir das Problem der induzierten falschen Erinnerungen an. Dieses Problem, das auch sehr schwer zu erfassen ist, wird hoffentlich den Opfern ermöglichen, wenn sie einem Untersuchungsrichter gegenüberstehen, der das Problem nicht kennt, zu sagen: „Achtung, es gibt einen Dienst des Premierministers, in dem von diesem Problem die Rede ist. Vielleicht werden Sie nicht glauben, dass das in meinem Akt existiert, aber Sie müssen wissen, dass es das wirklich gibt, denn die Analyse wurde schon gemacht.“ Es liegt im Interesse dieser Berichte, im Rahmen von Prozeduren und Untersuchungen verwendet zu werden. Ich sage Ihnen, dass vor allem in einem Akt im vergangenen Jahr das Dokument, das wir über die mentale Vereinnahmung im Bericht 2006 verfasst haben, durch die Untersucher dazu benützt wurde, um dem Richter zu ermöglichen, einen weiblichen Guru anzuklagen und dann provisorisch zu verhaften. Die Anwälte haben uns gesagt, dass sie den Bericht im Akt des Untersuchungsrichters gesehen haben.

 

Man wirft uns nun vor, wir seien keine Wissenschaftler, wir hätten keinen Forschergeist. Ich verhehle ihnen nicht, dass es bei der Mission auch Feldmitarbeiter gibt, die gewohnt sind, in Bezug auf die Opfer zu reagieren. Konkret handeln die Polizisten, die Gendarmen, die Beamten, die Sozialarbeiter und analysieren dann diese Reaktionen im Interesse nochmals der Opfer, denn unsere Existenz bei der MIVILUDES ist nur durch die Existenz von Opfern legitimiert, deren Vertreter Sie heute im Rahmen dieser Konferenz sind.

 

Derzeit sind wir gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium dabei, über eine Bewertung abwegiger sektiererischer therapeutischer Methoden nachzudenken, die von zahlreichen Gesundheitsscharlatanen benützt werden.

 

Meine Rolle ist es hier nicht, Lehren zu erteilen. Frankreich hat ein System, das seiner Geschichte und seiner Entwicklung entspricht. Was immer auch getan wird, es sollte auf die Opfer Rücksicht genommen werden. Frankreich ist ein laizistischer Staat, daher hat es Institutionen eingerichtet, die vielleicht nicht auf alle anderen Länder übertragbar sind. Wichtig ist, dass vielleicht auf europäischer Ebene ein Plan minimaler Konvergenz gefunden wird, der uns ermöglicht, zusammenzuarbeiten, was nicht ausschließt, dass jeder Vorschlag eines Landes für dieses Land durchaus gangbar ist. Nehmen Sie meine Vorschläge nicht als Versuch, Ihnen ein Modell aufzudrängen.

 

In Frankreich gibt es keine juristische Definition von Sekte. Das ist ein wenig problematisch, worauf oft von den sektiererischen Bewegungen und die sie unterstützenden Medien hingewiesen wird, aber es ist offensichtlich. Warum gibt es keine juristische Definition? Im Unterschied zu Belgien, wo es die juristische Definition der „schädlichen Sekte“ gibt? Weil die französischen Parlamentarier und die Gesamtheit der Institutionen, die sich mit dem Thema befassen, vor allem das Sektenobservatorium, der Meinung waren, dass:

1.      in einem laizistischen Staat eine Sekte zu definieren möglicherweise eine Beschränkung der Gewissensfreiheit bedeuten könnte,

2.      dies den Begriff gefährlich einengt. Die sektiererischen Bewegungen haben eine große Anpassungsfähigkeit, sie versuchen, dieser genauen Definition zu entkommen.

 

Ich spreche nun darüber, was bezüglich eines europäischen Austausches möglich sein könnte:

 

Wenn es keine Definition des Wortes „Sekte“ gibt, heißt das, dass es auch keine Opfer gibt? Nein. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat auch keine juristische Definition von Sekte erstellt, und dennoch trifft er auf diesem Gebiet seine Entscheidungen wie die französische Gerichtsbarkeit. In Frankreich wurde einen gewisse Anzahl von sektiererischen Risken entdeckt. Die mentale Vereinnahmung ist das erste dieser Risken in den Problematiken der sektiererischen Abwege. Beim Begehen einer Übertretung, beim Vorhandensein einer Familienproblematik im Rahmen einer Scheidung oder bei einer Nichtbeachtung des Arbeitsrechts besteht immer eine schädliche mentale Vereinnahmung. Das Individuum wird systematisch infolge der Vereinnahmung durch die Bewegung oder durch den Leiter der Bewegung in einen Zustand der Unterwerfung gebracht. Darauf folgen die familiären Brüche, und viele von Ihnen hier haben das erlebt. Die Familie sieht in den Augen dieser Anhänger, dass sie sich verabschiedet haben. Sie verlassen ihre nächsten Angehörigen praktisch ohne Vorankündigung von einem Tag zum anderen. Es ist sehr beeindruckend, Opfer von diesen Situationen berichten zu hören. Es ist auch extrem bewegend, denn man sieht zerbrochene Familien und zerstörte Leben nur wegen eines Menschen oder wegen eines Menschen und einer Bewegung.

 

Und dann gibt es vor allem finanzielle Forderungen. Die Opfer sind bisweilen ruiniert. Ihre Leben und das ihrer nächsten Angehörigen sind völlig zerbrochen.

 

Sehen Sie also auf schematische Weise das Konzept Frankreichs. Es gibt zahlreiche andere Kriterien des Entdeckens von sektiererischen Risken, aber diese sind die wichtigsten.

 

Ist also dieses Modell, diese Art, die Dinge zusehen, exportierbar? Was machen wir auf dieser Ebene?

 

Seit vielen Jahren wollten MILS und dann MIVLUDES wirklich die anderen europäischen Staaten verstehen lassen, dass sie entgegen dem, was die sektiererischen Bewegungen und ihre Freunde behaupteten, nicht die Gewissens- und Überzeugungsfreiheit angriffen. Es gibt in Frankreich Bewegungen, welche die Spielregeln achten; diese stellen kein Problem dar, ob sie nun Sekten sind oder nicht. Das Vorhandensein von mentaler Vereinnahmung in jeder Struktur sollte jedoch die Wachsamkeit alarmieren. Heute geschieht vielleicht nichts, aber morgen könnte es neue Opfer geben, daher muss man damit rechnen.

 

Welchen Vorwurf macht man nun Frankreich? Beginnen wir damit. Man macht Frankreich die Liste der 172 Bewegungen zum Vorwurf. Seien wir uns klar darüber: Diese Liste wird von den Staatsdiensten nicht mehr verwendet, denn sie ist veraltet (sie stammt von 1995). Die MIVILUDES nimmt das Verhalten als Maßstab.

 

Dann wurde die MILS angeklagt, aber die MILS machte damals genau das, was die MIVILUDES heute tut, nämlich kämpfen gegen das Verhalten; auch hier ist die Kritik unberechtigt.

 

Und dann kritisiert man das Gesetz About-Picard.[4] Dieses Gesetz About-Picard erlaubt es jedoch, eine Beschuldigung zu erheben, wenn Anhänger unter mentaler Vereinahmung in einen Zustand der Unterwerfung versetzt werden. Der Ausdruck „Zustand der Unterwerfung“ wurde dem der „mentalen Manipulation“ vorgezogen. Das ist ein Vergehen, das schwierig zu beweisen ist. Ich möchte nicht in Einzelheiten eingehen, aber der psychische Einfluss eines Individuums auf ein anderes ist nicht leicht zu beweisen. Glücklicherweise gibt es Leiter von Bewegungen, die mit ihrer Einflussnahme, die sie ausüben, so zufrieden sind und sich so darüber freuen, dass sie sich filmen. Die Verurteilungen konnten deshalb ausgesprochen werden, weil der Film als Beweis diente.

 

Dieses Gesetz wurde kritisiert, aber es wurde von allen Instanzen bestätigt. Es wurde vom Verfassungsrat in Frankreich bestätigt, es wurde von den europäischen Instanzen bestätigt, die sagten, es sei völlig gerechtfertigt, dass ein Staat versuche, sich strafrechtlich gegen ein abwegiges Verhalten abzusichern, das darin bestehe, ein Individuum zu vereinnahmen und sein Leben ruinieren zu lassen. Die sektiererischen Bewegungen halten das nicht für gut. Bestimmte Staaten, vor allem angelsächsische, sind beunruhigt. Aber dieses Gesetz ist extrem nützlich, es wird auch für andere Übertretungen verwendet als solche, die mit Sekten zu tun haben, und das ist wichtig. Diese Position muss man erklären, und das haben wir uns seit drei Jahren bemüht zu tun, mit Präfekt Roulet und allen Beratern der MIVILUDES. Wir besuchen regelmäßig Staaten, die uns ersuchen, ihnen unsere Arbeitsweise vorzustellen. Wir haben viele Länder Mitteleuropas beraten. Sie sind an unserer Funktionsweise sehr interessiert. Wir werden ebenso die europäischen Institutionen besuchen. Gerade eine kurze Bemerkung zu den europäischen Institutionen. Die sektiererischen Bewegungen haben völlig verstanden, dass der Kampf sich nicht nur in den Ländern, sondern auch auf der Ebene der europäischen Institutionen abspielt. Ich muss unsere Freude darüber betonen, dass im vergangenen Jahr FECRIS bei der Konferenz der BIDDH[5] bei der OSZE[6] in Warschau anwesend war. Das wurde von allen sehr geschätzt. Wir bekamen Rückmeldungen von unserem Botschafter und von Herrn Strohal, dem Direktor des BIDDH, alles waren glücklich darüber, dass sich die FECRIS zum Wort gemeldet und dass man die Stimme der Opfer gehört hatte und nicht jene der sektiererischen Bewegungen, die sagen würden, wie viele Staaten wie Deutschland, Belgien, Frankreich, Österreich und Polen totalitär seien.

 

Es gibt die Vereinigungen, die das Leiden der Opfer der sektiererischen Abwege ausdrücken und die es auch dank Frau Oeschger und Frau Muller-Tulli in Strasbourg beim Europarat tun konnten. Es ist wirklich wichtig, dass ihr euch mitteilt, es ist wichtig, dass wir einander auf europäischer Ebene mitteilen.

 

Die Beziehungen der MIVILUDES mit den internationalen Vereinigungen und insbesondere mit der FECRIS sind unerlässlich. Man muss wissen, dass ich seit drei Jahren, seitdem ich dieses Amt innehabe, zu dieser Veranstaltung komme. Daher zögern Sie nicht, wir sind hier 4 Personen der MIVILUDES anwesend. Es gibt die Verantwortliche für die Gesundheit, es gibt ebenso eine Person, die sich um die Beziehungen mit den Untersuchern (Polizei und Gendarmerie) kümmert, es gibt schließlich die Person, die mit den Beziehungen zum Parlament beauftragt ist. Zögern Sie nicht, mich um Rat zu fragen, um sie mit Personen in Kontakt zu bringen, wenn Sie Informationen haben wollen.

 

Es ist gut, jetzt die Position Frankreichs zu kennen, jene der FECRIS, es ist gut, über die Berechtigung unserer Aktion zu sprechen, aber könnte man noch weitergehen? Könnte man sich ein gemeinsames Modell in Europa vorstellen und ein Minimum an Konvergenz?

 

Ich neige dazu, zu denken, dass man dies nur mit Aktionen und mit technischen Aspekten erreichen könnte, wie zum Beispiel die Problematik Minderjähriger. Ein sehr großes Anliegen ist mir der Schutz der Schwächsten, und der Schutz Minderjähriger ist ein gemeinsames Thema für alle und könnte ein Angriffspunkt sein. Welches Land könnte akzeptieren, dass seine Minderjährigen zerschlagen, zerstört, verletzt und missbraucht würden? Ein anderer möglicher Angriffspunkt: die Gesundheit. Eine Bewertung der abwegigen Methoden, seien sie nun sektiererisch oder nicht, kann das Finden eines gemeinsamen Terrains erlauben. Und warum nicht ein europäisches Observatorium auf dem Gebiet der sektiererischen Abwege?

 

Meinerseits gäbet es zwei Arten, ein Observatorium zu entwerfen: das belgische Dokumentationszentrum CIAOSN[7] und dann die anderen Länder, die ein Beobachtungszentrum haben, und Universitäten.

 

Die französische Vision bevorzugt einen konkreten Entwurf, gegründet auf der Wirklichkeit und der Berücksichtigung der Opfer, und das ist uns wichtig. Dann kann jedes Land einen anderen Rat geben, das ist natürlich etwas provokant, als Vision, aber ich unterbreite es Ihnen zum Nachdenken.

 

Und dann ein wichtiger Punkt, und eine Folge des vorhergehenden: die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit der Polizei und der Gerichte. Ich meine, es sei wichtig, dass die Dienste der Polizei und der Gerichte auf internationaler Ebene Informationen austauschen. Die sektiererischen Bewegungen kennen keine Grenzen. Um nationalen Sanktionen zu entkommen, überschreiten sie die Grenze, von einer Grenze zur anderen, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Auch die finanziellen Flüsse überschreiten die Grenzen, offenbar um den fiskalischen Sanktionen zu entkommen.

 

Und schließlich auf legislativer Ebene. Da gibt es unser Gesetz About-Picard, und als Beamtin finde ich, dass es sehr nützlich ist, weil es erlaubt, diesen Begriff der mentalen Vereinnahmung und damit den des Opfers der sektiererischen Abwege zu kennen. Wenn hier auf europäischer Ebene eine Arbeit unternommen werden könnte, welche den Parlamentariern der verschiedenen Länder erlaubte, sich von diesem Gesetz inspirieren zu lassen, dann wäre das Schicksal der Opfer dadurch erleichtert. Ich habe Herrn Alessandrini über Italien sprechen gehört: das ist wirklich ein Gesetz, das für die Opfer und für die Beamten ein Rechtsmittel darstellt, das es erlaubt, Sanktionen über das Verhalten von Gruppen und Einzelpersonen zu verhängen.

 

Und warum sollen wir schließlich in Europa aufhören? Lassen wir die angelsächsischen Länder verstehen, dass sich unsere Maßnahme nicht gegen die Religionsfreiheit richtet und dass der Zweck der Schutz und die Verteidigung der Opfer jener ist, welche die Menschenrechte verhöhnen. Darin sind wir neuerdings mit Québec beschäftigt (unsere gemeinsame Sprache erleichtert den Austausch), aber ich bin sicher, dass es auch mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern möglich sein müsste, die für unsere Sichtweise weniger empfänglich zu sein scheinen.

 

Ich danke für Ihre Geduld, mir zugehört zu haben

 



[1] Mission Interministérielle de Vigilance et de Lutte contre les Dérives Sectaires – Ständiger interministerieller Ausschuss zur Überwachung und Bekämpfung von gefährlichen Entwicklungen bei Sekten

[2] Mission Interministérielle de Lutte contre les Sectes - Interministerielle Mission des Kampfes gegen die Sekten

[3] Am 3. April 2008 führten die texanischen Behörden (der Kinderschutzdienst) eine Razzia in der YFZ Ranch durch (Eldorado im Schleicher County), dem Gelände einer Abspaltung der Mormonen, fundamentalistisch und polygam, infolge einer Klage wegen sexuellen Missbrauchs. Zunächst wurden 137Kinder und 37 Frauen mitgenommen.

[4] http://griess.st1.at/gsk/frgesetz.htm 

[5] Bureau des institutions démocratiques et des droits de l’home der OSZE

[6] Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa

[7] Centre d’Information et d’Avis sur les Organisations Sectaires Nuisibles