Maurizio Alessandrini

Vorsitzender der Vereinigung FAVIS[1] (Italien)

 

Einführung

 

Als Sprecher der italienischen Vereinigungen, die für die Organisation dieser Konferenz verantwortlich sind, möchte ich alle die Vertreter der vielen europäischen, außereuropäischen und überseeischen Vereinigungen, die an dieser Veranstaltung teilnehmen, und alle renommierten Gäste, die unsere Einladung angenommen haben, herzlich willkommen heißen.

 

Meine Aufgabe ist es, die Tätigkeiten zu erläutern, die von den italienischen Vereinigungen während des Jahre 2007 ausgeführt wurden, besonders was die Ersuchen um Aufmerksamkeit an die italienische Regierung bezüglich der bedrohlichen Erscheinung der Verbreitung der als für den Einzelnen und für die Gesellschaft als gefährlich betrachteten Sekten, wie missbrauchende Organisationen und Kulte, betrifft.

 

Einführung

 

Uns allen ist die Tatsache sehr klar, dass diese Organisationen fähig sind, ein Individuum völlig zu konditionieren und es von seiner Wirklichkeit und der Liebe seiner Familie zu trennen. Sie schädigen oft die Gesundheit des Opfers, indem sie sein körperliches und psychologisches Gleichgewicht negativ beeinflussen, sie tricksen dem Opfer sein Vermögen ab, üben physische Gewalt aus und praktizieren Verleumdung, Betrug und Drohungen. Solche Vergehen wurden in demokratischen Staaten bereits nach dem Strafgesetz verfolgt.

 

Aber wir konzentrieren uns her auf ein Vergehen, das sie gegen den intimsten Teil eines menschlichen Wesens begehen und das in der Mehrzahl der europäischen Länder oft ungesühnt bleibt: ein Vergehen gegen die individuelle Freiheit und die Geltendmachung seiner Rechte, was in Italien gewöhnlich Unterordnung genannt wird, aber besser den Namen psychophysisches KONDITIONIEREN erhalten sollte.

 

Sehr oft kommt Kritik – die auch durch manche politische Parteien unterstützt wird – aus der akademischen Welt, von „wissenschaftlichen Forschern“, und die sektiererischen Organisationen versuchen, den kritischen Informations-Aktivitäten der Vereinigungen und ihren Gegendarstellungen die Berechtigung abzusprechen. Dies ist natürlich logisch vorhersehbar, aber es mag auch geschehen, dass Leute, die in den Vereinigungen tätig sind, illegalen Nachforschungen ihres Privatlebens und sogar schwereren Einschüchterungen ausgesetzt werden und das Ziel geplanter Anklagen durch die sektiererischen Organisationen sind, die keine Gelegenheit versäumen, um die Arbeit der Vereinigungen als Zeichen religiöser Intoleranz zu bezeichnen, die sie anklagen, Antisekten-Sekten zu sein und sie als Extremisten und sogar als Nazis bezeichnen (… Vielleicht haben sie sich selbst im Spiegel angesehen).

 

Die Errichtung des FORUMS

 

Um den Aktionsbereich zu erweitern und eine wirkliche Zusammenarbeit mit dem Staat herbeizuführen, haben sechs Vereinigungen das “FORUM DELLE ASSOCIAZIONI ITALIANE DI RICERCA INFORMAZIONE E CONTRASTO DEI MOVIMENTI SETTARI NOCIVI”(Forum der italienischen Vereinigungen für Forschung, Information und Gegensatz zu schädlichen sektiererischen Bewegungen) gegründet. Wie es oft geschieht, musste dieses Forum Schwierigkeiten und Missverständnisse überwinden, um seine Einheit wieder herzustellen und zu bewahren. Mireille Degen [2] bestätigt, dass solche Dinge auch unter Vereinigungen in anderen Ländern geschehen (es ist überall in der Welt dasselbe!)

 

Die Ziele des FORUM

 

- Entwicklung eines kulturellen Projekts an Hochschulen und Universitäten, um Wissen über das Sektenphänomen in seinen verschiedenen Aspekten und die Gefahren, die es für den Einzelnen und für die Gesellschaft bedeutet, zu verbreiten. Die Orte, wo Kultur hervorgebracht wird und wo neue Generationen trainiert und gebildet werden, sind das Ziel der Expansionspläne vieler unter den gefährlichsten sektiererischen Organisationen.

- Aufforderung an die Welt der Politik, ein faires Gesetz für den Schutz der Bürger, ihrer geistigen Gesundheit und ihres Eigentums zu beschließen und die subtilen Wege der Konditionierung zu bestrafen.

- Errichtung öffentlicher Strukturen innerhalb des nationalen Gesundheitsdienstes, in denen spezialisierte Psychologen Opfern, die von Sekten oder missbrauchenden Kulten kommen, bei der Wiederherstellung helfen.

- Organisation von Trainingskursen für in der Justiz Tätige – Beamte, Polizeikräfte, die für das Antisektenteam (Squadra Anti Sette, SAS) an das Polizeipräsidium (Questura) berichten, mit Betonung von:

„psycho-physische Konditionierung: Methoden und Folgen, mit besonderem Bezug auf die psychologischen Schäden, an denen Anhänger leiden“, und Feststellung von Verbrechen innerhalb des sektiererischen Milieus (Verletzung der Menschenrechte).

- Öffentliche Anerkennung der reinen sozialen Tätigkeit, die von den Vereinigungen ausgeführt wird, die unter anderem für die vorbeugende und informative Tätigkeit zum wirkungsvollen Schutz der Bürger verantwortlich sind (der Sache des Staates wäre); solche freiwillige Tätigkeit wird oft, und das wollen wir betonen, unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen und bisweilen unter persönlichem Sicherheitsrisiko ausgeführt.

- Zuteilung von greifbarer Unterstützung für die Vereinigungen vonseiten des Staates durch die Errichtung eines kleinen Fonds besonders für diese Art von freiwilliger Tätigkeit, die bisher stets durch Mittel aus den Einkommen jener Personen selbst unterstützt wurde, die für diese Vereinigungen arbeiten.

- Errichtung eines Fonds für die vorübergehende Unterstützung ehemaliger Mitglieder, die den Mut haben, offen sektiererische Organisationen anzuprangern, obwohl sie wissen, dass sie wahrscheinlich nicht das bekommen werden, worum sie den Staat bitten, nämlich Gerechtigkeit. Dies ist die Wirklichkeit wegen der fehlenden Normen bezüglich psychologischer und physischer Konditionierung.

 

Die obige Liste ist Teil eines Dokuments, das an die politische Welt und an die Institutionen gerichtet wurde, genannt „Forderungen an die politische Welt, bereffend das lästige Phänomen der Sekten, missbrauchenden Kulte und des psychophysischen Konditionierens der Anhänger“, das bei der öffentlichen Präsentation des Buches „Schwarzbuch der Sekten in Italien“ – wie unten erklärt wird – und bei dem Treffen mit dem Antisektenteam des Innenministeriums vorgestellt wurde.

 

Übersicht über die Aktivität der italienischen Vereinigungen im Jahre 2007:

 

- 21/9/07: Vorstellung des Buches “Schwarzbuch der Sekten in Italien” (Verlag Newton Compton) im Presseraum der italienischen Abgeordnetenkammer durch Caterina Boschetti, die heute mit uns hier anwesend ist.

- Treffen in Rom am Nachmittag zwischen dem Forum der Vereinigungen und dem Antisektenteam der Abteilung für Verbrechensanalyse des Innenministeriums (gegründet im November 2006), von dem wir heute als Vertreter den ersten Delegierten zur Gründung des Antisektenteams, Herrn Giuseppe Carlesi, zu Gast haben.

            Während des Treffens einigte man sich auf ein Memorandum der Zusammenarbeit bezüglich Berichte, Anhörungen und Anklagen; ich wurde zum Mediator bei den Treffen mit Bürgern ernannt, die sich an die Vereinigungen wenden, und zum Vertreter des Forums bei der SAS.

- 7/11/07: Vorstellung des Gesetzesentwurfs Nr. 3225 für die Einführung eines Artikels 613-bis in das Strafgesetz, betreffend das „Verbrechen der mentalen Manipulation“, durch den Vorsitzenden des Justizausschusses. Auch dies folgte auf die vorher stattgefundenen Treffen mit den Vertretern der verschiedenen Parteien.

 

Unglücklicherweise stürzte, wie Sie wissen, die Regierung, und an den nächsten beiden Tagen werden in Italien allgemeine Wahlen stattfinden. Wir warten mit Zuversicht auf das Ergebnis, um den Kontakt mit den Politikern wieder herzustellen, denn wir haben die Versicherung für die nochmalige Überprüfung des Gesetzesentwurfs erhalten, der uns sehr am Herzen liegt. Wir werden uns sicher selbst dazu verpflichten, diesem Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen.

 

Dazu können wir eine große Anzahl von Treffen, Initiativen, Berichten, lokalen und nationalen Konferenzen hinzufügen, für welche die einzelnen Vereinigungen verantwortlich waren und die wir aus zeitlichen und räumlichen Gründen hier nicht aufzählen können.

 

Auf europäischer Ebene rufen wir dazu auf, dass bei den jährlichen Gipfeltreffen der Innenminister aller Länder der Europäischen Union Informationen über die Ergebnisse der Untersuchungen über das Sektenphänomen in den verschiedenen Ländern ausgetauscht und diskutiert werden und konzertierte Aktionen vorgeschlagen werden.

 

Die EU kann nicht einfach nur eine Ansammlung von Ländern sein, die bloß wirtschaftliche Ziele verfolgen, es ist nur richtig, dass sie gesetzliche Maßnahmen für die Sicherheit und den Schutz der Bürger ergreift, einschließlich einer Norm zur Bestrafung von psychologischer und physischer Konditionierung.

 

Wenn einmal Manipulatoren durch ihre Methoden, die wir so gut kennen, ihre Dominanz über das Bewusstsein anderer Personen etabliert haben, dann werden sie aus diesen Personen bereits alles herausgesaugt haben, indem sie den kostbarsten und intimsten Teil dieser Personen verletzen und leicht alle Arten von wirtschaftlichen und sexuellen Vorteilen aus ihnen erringen können. Einige europäische Länder haben einen wichtigen Weg dadurch eröffnet, dass sie in diesem Sinn ein Gesetz geschaffen haben. Machen wir es anderen Ländern möglich, diesem Beispiel zu folgen.

 

Danksagung:

 

Wir möchten uns bei den öffentlichen Verwaltungen der Provinz von Venetien und der Provinz von Rimini bedanken, die durch Schutzherrschaft und finanzielle Zuwendungen die Organisation dieses bedeutenden internationalen Ereignisses unterstützt haben.

 



[1] Associazione Nazionale Familiari Delle Vittime Delle Sette - National Vereinigung der Angehörigen von Sektenopfern, Korespondent der FECRIS, http://www.favis.org/main.html

 

[2] Mireille Degen ist Generalsekretärin der FECRIS