Das Bewusstsein für das Phänomen in Belgien

André Frédéric

Bundesabgeordneter der belgischen Abgeordnetenkammer

Vorsitzender der Arbeitsgruppe zu Überwachung der Durchführung der Empfehlungen der Parlamentarischen Untersuchungskommission über die Sekten (Belgien)

 

Die Einstellung der belgischen Behörden gegenüber den Sekten war  lange Zeit sehr zurückhaltend. Man musste ja auf einem Gebiet Stellung beziehen, das zwei fundamentale Begriffe berührte: einerseits die Äußerungs- und Vereinigungsfreiheit, andererseits die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, die durch die belgische Verfassung garantiert sind, insbesondere durch ihren Artikel 19:

„Die Freiheit der Kulte, ihrer öffentlichen Ausübung, ebenso wie die Freiheit, seine Überzeugung auf jede Weise auszudrücken, sind garantiert, vorbehaltlich der Strafe für Verbrechen, de anlässlich der Nutzung dieser Freiheiten begangen werden.“

 

Das große Drama der Sonnentempler in Vercors und seine mediale Vermittlung riefen zum ersten Mal eine Reaktion der Behörden in unserem Land hervor.

 

Nach diesen Ereignissen errichtete Belgien 1996 eine parlamentarische Enquetekommission –die also die Befugnis eines Untersuchungsrichters hatte -, deren Aufgabe es war, eine Politik gegen die illegalen Praktiken der Sekten und die Gefahr, die diese für die Gesellschaft und für Einzelpersonen, vor allem Minderjährige, darstellten, auszuarbeiten. 

 

Warum interessierte ich mich also für schädliche sektiererische Organisationen?

 

Weil man sich durch die Entwicklung von zahlreichen Organisationen, die heute und täglich die physische und/oder psychische Integrität unserer Bürger gefährden, nur herausgefordert fühlen kann, nicht nur in Kanada, Frankreich oder in der Schweiz wie im Fall des Ordens der Sonnentempler, oder in Japan durch die Aum-Sekte. Bei uns nimmt dieses Phänomen einen schrecklichen Umfang an. Ganz in der Nähe, fast bei der nächsten Türe, gibt es ebenfalls düstere Organisationen, die Fragen stellen. Da gibt es in meiner Region die Entwicklung von Sukyo Mahikari, die mich zuerst herausgefordert hat. Sukyo Mahikari hat ein gut gehendes Geschäft auf den Höhen von Verviers in einem Tempel, der alle Regeln des Urbanismus herausfordert. Erwähnen wir ebenso die Bewegung des Maharishi, die sich in Trois Bornes niedergelassen hat, am Dreiländereck zwischen den Niederlanden, Deutschland und Belgien, in einem Hotel, das auf niederländischem Gebiet liegt. Sie planen insbesondere, eine Siedlung mit etwa hundert Wohnungen bei Nil-St-Vincent im brabantischen Wallonien zu errichten, eine andere symbolische Gegend, da sie im geographischen Zentrum von Belgien liegt.  Erwähnen wir noch den Père Samuel, zu gut bekannt aus Medien und Gerichtsverfahren, aber auch alle die anderen Namen, die in der Umgangssprache gebräuchlich wurden: die Zeugen Jehovas, die Scientologen und auch die Pfingstler, deren erstes Interesse nicht nur die Rettung der Seelen zu sein scheint. Der Zweck hier ist es nicht, auf diese Namen und Organisationen ein Anathema zu schleudern, die manchmal geheimer sind als das, was sie darüber sagen wollen, sondern durch genaue Arbeit zu zeigen, dass diese Leute physisch, mental, finanziell usw. in Gefahr sind. Ohne vielleicht bis zum extremen Drama der kollektiven Selbstmorde (Morde?) der Sonnentempler zu gehen, gibt es doch heutzutage Frauen, Kinder und Männer, die durch ihren Glauben gebrochen wurden, und hier kann ein freier und demokratischer Staat nicht einfach zusehen. Unser Land hat aus seiner parlamentarischen Enquete die Lehre gezogen und positive Initiativen ergriffen. Auf europäischer Ebene wird Belgien sehr oft, zusammen mit Frankreich, als Beispiel für seine wirkungsvolle Arbeit im Kampf gegen die schädlichen sektiererischen Organisationen erwähnt. Die konkreteste Verwirklichung war sicher die Gründung des CIAOSN [1], eines unabhängigen Zentrums, das mit dem Föderalen Öffentlichen Dienst Justiz in Verbindung steht und dessen Mitglieder, von der Abgeordnetenkammer ernannt, den Parlamenten und den Kammern berichten. Diese leistungsstarke Institution erhält Anfragen, informiert die Behörden, studiert die Entwicklung der Sekten, informiert ebenso die Öffentlichkeit und stellt so eine wirkungsvolle vorbeugende Arbeit sicher. Auch unser juristischer Apparat wurde mit zusätzlichen Mitteln versehen: die Bundespolizei hat überall im Lande Zellen errichtet, die „Terrorismus und Sekten“ heißen, und jede Abteilung verfügt über einen  spezialisierten Referenzbeamten, um die Taten, die von einer schädlichen sektiererischen Organisation begangen wurden, ausfindig zu machen, Taten, die zu oft schwierig identifizierbar sind, wenn sie zusammenhanglos begangen wurden.

 

Die Sekten passen sich der Entwicklung der Gesellschaft an

 

Ich habe also das außerordentliche Privilegium gehabt, einer parlamentarischen Arbeitsgruppe vorzusitzen, die das Ziel hatte, die Entwicklung der schädlichen sektiererischen Organisationen auf belgischem Territorium zu messen, und ich wurde von einer Erkenntnis überrascht: wir sind Zeugen einer eindrucksvollen Diversifizierung der Aktionsfelder der Sekten.

 

Wie und warum haben sie ihre Aktivität gesteigert und besetzen heute Sektoren, die Spiritualität, Wellness, Gesundheit, Bildung und persönliche Entwicklung berühren, und betätigen sich sogar auf eine noch bösartiger Weise im humanitären Gebiet?

 

Wenn man einen Blick zurück auf die Geschichte der Religionen wirft, dann sieht man schnell eine fortlaufende Bewegung im Verlust des Einflusses der traditionellen Religionen im Schoß der so genannten modernen Gesellschaften. Jahrhundertlang stützten sich die Sekten auf die überkommenen Bilder des Guten und des Bösen, ein Manichäertum  zwischen den geretteten Seelen und jenen, die verloren gehen, indem man sich auf die alten jüdisch-christlichen Bilder der Apokalypse bezog. Die Glaubenden werden erhöht. Die anderen, die Nichtglaubenden, werden verdammt. Mit dieser uralten Angst haben die Sekten die Menschen aller Zeiten bearbeitet, was ihnen eine ausgezeichnete geschäftliche Grundlage bot, besonders in wenig entwickelten Regionen. Aber seit einigen Jahrzehnten und infolge des Niedergangs der Religionen, oder genauer der religiösen Praktiken, haben sich neue ausbeutbare Nischen eröffnet.  Mehrere Erklärungen sind möglich, aber zweifellos ist es die Entfremdung zwischen den Kirchen und den Gläubigen, die den hauptsächlichen Grund bildet. Nehmen wir als konkretes Beispiel den Katholizismus, mit den neuen extremen Stellungnahmen von Papst Benedikt XVI. vor allem bezüglich der Euthanasie und des Falles von Eluana in Italien, die Rehabilitierung der exkommunizierten Bischöfe wie Msgr. Willamson, einem offenen Holcaustleuger, um nicht zu reden von der Position des Vatikan gegenüber den Homosexuellen. Kurz, Rom hat sich der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts entfremdet, und dies öffnet diese Nischen, in die sich die Gurus und andere wenig gemeinnützige Organisationen stürzen. Diese Öffnungen wurden durch eine soziologische Entwicklung geschaffen und erweitert, die zum großen Teil nach dem Mai 1968 entstand. Der Übergang erfolgte von einer kollektivistischen Gesellschaft, in der das gemeinsame Interesse im Vordergrund stand, wo sich jeder für das Gemeinwohl einsetzte, zu einer, die ich die „Tapie-Jahre“ nenne [nach einem französichen Geschäftsmann und MEP, Bernard Tapie], eine völlig egoistische Gesellschaft, sogar egozentrisch, in der nur das Interesse des Individuums im Vordergrund steht, bereit, den Platz des Nachbarn einzunehmen und ihm dazu wenn nötig die Augen auszustechen. Diese individualistische Gesellschaft hat neue Bedürfnisse entstehen lassen, aber auch neue Schwächen wie das Elend, in einer Welt die mit 200 km/h lebt, jener Menschen, die von der Gesellschaft abgeschoben, zerbrechlich gemacht und in Richtung einer neuen Form von Pseudo-Spiritualität gestoßen werden. Dieses Elend wird zu einem der fruchtbarsten Böden für die Rekrutierung und das ganze Geschäft, das bestimmten Organisationen unterliegt, die Berge von Wundern versprechen, aber den Leute nur Sand in die Augen streuen.

 

Als man so vom mittelalterlichen Dualismus zwischen gut und böse, zwischen der Rettung der Seelen oder der Verdammung mit der Apokalypse als dem Zielpunkt, zur Überkonsumierung des individuellen Wohlergehens unserer Nach-68er-Gesellschaft überging, sah man das Auftauchen von Pseudotherapeuten, die ihre Ideen vor einer empfänglichen und völlig durcheinander geratenen Öffentlichkeit verkünden, die nur das eine erwartet: von schönen Worten geführt zu werden, und dabei in ihrer Gläubigkeit nicht merkt, dass man ihren Geist formt und ihre Geldbörse leert.

 

Es ist sehr schwierig, die genaue Zahl der Sekten zu kennen, und noch schwieriger, die Anzahl ihrer Anhänger, da sich der quantitativen Erfassung des Phänomens mehrere Hindernisse entgegenstellen.

 

Vor allem ist das Phänomen durch eine große Mobilität charakterisiert: täglich entstehen Gruppen, andere verschwinden, andere erstehen wieder unter neuen Namen. Es ist ebenso schwierig, den Augenblick festzuhalten, in dem eine bisher nicht sektiererische Gruppe auf Abwege gerät und zu einer schädlichen Sekte werden kann. Oft muss man auf die Einbringung einer Klage warten, um die Existenz einer Sekte zu entdecken. Die verschiedenen Zweigstellen oder Vereinigungen, die um eine Sekte kreisen, machen ihre Identifizierung noch schwieriger.  Schließlich ist es nahezu unmöglich, die Anzahl der Mitglieder festzustellen, weil es nicht leicht ist, einen Benützer von Diensten, die von einer Sekte angeboten werden, von einem Mitglied, das in die Organisation verwickelt ist, zu unterscheiden. Außerdem sind dies Sekten selbst nicht immer in der Lage, die Anzahl ihrer Mitglieder genau anzugeben.

 

Was die Anzahl der Anhänger betrifft, konnte die Enquetekommission von 1996 keine genaue Anzahl angeben. Dennoch hat sie die Personen, die vom Sektenphänomen in unserem Land direkt betroffen sind, zu mehreren zehntausend ermittelt. Was die Anzahl der Organisationen betrifft, so konnte dieselbe Kommission damals 189 Organisationen studieren. In Wirklichkeit hat die Kommission keine „Sektenliste“ erstellt. Sie hat eine Liste von Bewegungen erstellt, die bei ihren Anhörungen erwähnt wurden oder die von einem öffentlichen Dienst (z. B. der Gendarmerie) genannt wurden.

 

Im September 2006 habe ich dann mit meiner Arbeitsgruppe die Durchführung der Empfehlungen meiner Vorgänger untersucht.

 

Aus den abgehaltenen Anhörungen geht hervor, dass die Aktivitäten sektiererischer Organisationen in unserem Land nicht abgenommen haben, wenn sie auch vielleicht weniger sichtbar geworden sind. Die sektiererischen Organisationen gehen heute häufig immer mehr maskiert vor.

 

Um genauer zu sein, müssen wir betonen, dass das CIAOSN die Aktivitäten von mehr als 600 Gruppen untersucht hat, von denen nur 94 in den Arbeiten der parlamentarischen Enquetekommission erwähnt waren. Wenn es sich auch nur um die Anzahl der Fälle handelt, die vom Zentrum auf Grund von Anfragen aus der Öffentlichkeit und von Behörden eröffnet wurde (und nicht um irgendeine Liste von schädlichen sektiererischen Organisationen), so ist diese Zahl zumindest herausfordernd. Die Sektenlandschaft ist wohl in ständiger Entwicklung.

 

Außer der Verfolgung der Aktivitäten einer bestimmten Anzahl großer Organisationen, die jedem bekannt sind (Zeugen Jehovas, Scientology …) stellt man ebenso eine Zunahme kleiner Strukturen mit wechselnden Namen fest, bisweilen Dissidenten oder aus größeren Organisationen hervorgehend, die auf eine diffusere Weise agieren und deshalb schwer wahrnehmbar sind.  

 

Sektiererische Praktiken können ebenso die Tat isolierter Individuen sein, die sich selbst zum Heiler oder Psychotherapeuten ernennen.

 

Gruppen, die aus dem nordamerikanischen Protestantismus hervorgegangen sind (Pfingstler, Evangelikale), nehmen derzeit einen wichtigen Platz in der belgischen Sektenlandschaft ein.

 

Ein erstes Mittel der Diversifikation in großem Maßstab: aus Katastrophen profitieren

 

So haben in New York nach den Attentaten des 11. September ebenso wie in Toulouse um die Fabrik AZF die Scientologen versucht, die Psychiater, ihre Feinde, zu ersetzen und das tiefe Elend der Opfer für ihre eigene Entwicklung zu benützen. Noch näher bei uns, nach den Attentaten in der Londoner U-Bahn, aber auch nach der Katastrophe von  Ghislenghien. Zusätzlich zu diesem Freiwilligendienst rekrutieren sie. Die Gegenwart von scientologischen Freiwilligen in den Spitälern und den Identifikationszentren der Tsunami-Opfer wurde ebenfalls erhöht.

 

Zweiter Sektor : Persönliche Entwicklung und fachliche Weiterbildung

 

Wenn man darüber spricht, dass sich eine schädliche sektiererische Organisation auf dem Gebiet der persönlichen Entwicklung oder der fachlichen Weiterbildung betätigt, dann versteht es sich von selbst, dass man an die Abwege bestimmter Organisationen denkt Der Großteil der Unternehmen, die solche Dienste anbieten, sind selbstverständlich über jeden Verdacht erhaben. Aber man sollte die Bürger davor warnen, dass eine unaufhörlich wachsende Zahl von sektiererischen Organisationen oder Grüppchen als erklärtes Ziel die Persönlichkeitsentfaltung und die Forschung nach Wohlbefinden hat und außerdem multiple nicht konventionelle und oft nicht wissenschaftlich erprobte Praktiken anbietet. Der Sektor der persönlichen Entwicklung, Praktiken psychischer Vorbereitung, Entspannungssitzungen, Coaching, Yoga und andere ähnliche Praktiken können so, wenn sie von wenig gewissenhaften Leuten ausgeübt werden, Aktivitäten darstellen, die sektiererische Abwege begünstigen. 

 

Andererseits spezialisieren sich offenbar bestimmte sektiererische Organisationen auf die fachliche Weiterbildung, oft auf dem Umweg über Firmen mit anderem Namen, und bieten den Unternehmen verschiedene (Pseudo-)Praktika für Bildung und persönliche Entwicklung an. Es handelt sich gleichzeitig um eine versteckte Rekrutierungstechnik und um ein Mittel, in die Welt der Wirtschaft zu investieren.

 

Scientology ist sicher die einflussreichste Sekte auf dem Gebiet des Human Ressource Management. Die Sekte sieht in der Verbreitung dieser Methoden ein Mittel, ihren Einfluss in der Welt der Wirtschaft zu begründen. Der Bezug zu Scientology erscheint auf den ersten Blick nicht immer klar zu sein und es gibt zahlreiche Unternehmen, die sich vom kommerziellen Know-How der Scientologen verleiten ließen. Ein Know-How, das sich auf dem Gebiet der sozialen Kontrolle bestätigt hat.

 

Eine extrem wichtige Achse : der Sektor der Jugend

 

Eines der bevorzugtesten Aktionsgebiete bestimmter schädlicher sektiererischer Organisationen sind die Familie und insbesondere die Kinder. Es ist ein Weg für die Gurus, ihre Gläubigen auf bösartige Weise zu manipulieren und dabei vom der fehlenden Urteilskraft der Kinder und Jugendlichen zu profitieren. Das ist einer der meist herausfordernden und gefährlichsten Aspekte dieser Diversifikation von Bewegungen.

 

Auch die Bereiche der Geburt und des Kleinkindalters sind willkommene Ziele der sektiererischen Organisationen. Gewisse Gruppen wie die Raëlianer zögern nicht, so sagt man, sterilen Ehepaaren Techniken des reproduktiven Klonens vorzuschlagen. Außer nach der wissenschaftlichen Durchführbarkeit der Operation sollte man sich offenbar bezüglich der rein ethischen Aspekte fragen, ohne den Aspekt der Medien zu berücksichtigen, da Raël die Medien benützt, um zu existieren und zu gedeihen.

 

Was das Haus Scientology betrifft, so führt es in unserem Land zahlreiche Verführungsaktionen bei der Bevölkerung, den Politikern und Journalisten durch. Eine gut orchestrierte Campagne hat das Ziel, die öffentliche Meinung davon zu überzeugen, dass die Kirche „eine Kirche ist wie jede andere, anerkannt in mehreren Ländern der Erde wie in den Vereinigten Staaten“. Sie möchte Schriften über die Schäden durch Drogen verteilen und hofft, die Schulen zu ereichen, ohne eine Verteilung direkt beiden Jugendlichen vorzunehmen. Bestürzend mag auch erscheinen, dass in den vor einigen Monaten an den Schulausgängen verteilten Broschüren das Thema der Förderung der Menschenrechte entwickelt wurde!

 

Eine letzte Achse der Entwicklung : die Gesundheit und die sektiererischen „Heilungsorganisationen“.

 

Außer den Techniken der persönlichen Entwicklung investieren die sektiererischen „Heilungsorganisationen“ (Beispiel: Sukyo Mahikari), die sich mit nichtkonventionellen Medizinen beschäftigen, gewaltig auf dem Gebiet alternativer therapeutischer und wissenschaftlich nicht erprobter Praktiken. Der Bereich der Gesundheit ist tatsächlich ein bevorzugtes Betätigungsfeld und eine bedauernswerte Waffe der Rekrutierung für eine wachsende Zahl sektiererischer Organisationen geworden. Diese Organisationen wenden sich bevorzugt an physisch und/oder psychisch anfällige Personen, die, da sie in der konventionellen Medizin nicht immer die erhoffte Hilfe finden, auf der Suche nach neuen und angeblich wirksamen Behandlungen sind.

 

Wenn die Zuflucht zur Heilung durch Gebet, Meditation, Handauflegung der andere derartige Praktiken auch nicht notwendigerweise den Zugang zur Medizin ausschließt, so versuchen bestimmte Gruppen dennoch, ihre Anhänger von der Unmöglichkeit zu überreden, von der heilenden göttlichen Kraft zu profitieren, wenn sie gleichzeitig weiterhin konventionelle Therapien benützen, und raten ihnen oder schreiben ihnen sogar vor, keine Medizin außerhalb der Gruppe zu Rate zu ziehen, auch nicht im Fall von schweren Krankheiten und wenn sie dadurch ihr Leben aufs Spiel setzen. Bestimmte Gurus, oft ohne jede medizinische Qualifikation, bieten auch für die schwersten Krankheiten Behandlungen an, deren nützliche Wirkungen nicht wissenschaftlich erwiesen sind, oder noch schlimmer, „Therapien“, deren gefährlicher und/oder betrügerischer Charakter bewiesen wurde. Diese Praktiken zeigen klar, dass es sich um gesetzwidrige Ausübung von Medizin handelt.

 

Was ist über unser Strafrecht zu sagen?

 

In dieser Hinsicht meinen bestimme Praktiker, das belgische Strafrecht sei im Großen und Ganzen ausreichend, um die schädlichen sektiererischen Praktiken zu bestrafen. Es ist wahr, dass mehrere gesetzliche Handhaben bestehen, aber ich persönlich meine, dass wir nicht wirksam gegen jene Organisationen kämpfen können, solange wir nicht wie in Frankreich den politischen Mut haben, unserem Strafrecht den „Begriff des Missbrauchs der Schwäche“ hinzuzufügen. Darauf komme ich noch zurück.

 

Über welche Texte verfügen wir also?  

 

Auflösung von gemeinnützigen Vereinigungen

 

Es ist wichtig, dass dies die sektiererische Organisation als juristische Person betreffen kann und nicht nur das eine oder andere Individuum, das Mitglied ist. Die Einführung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit juristischer Personen (Gesetz vom 4. Mai 1999, veröffentlicht im belgischen Monitor am 22.Juni 1999) kann als unentbehrliches Mittel nicht nur im Kampf gegen die organisierte Kriminalität, sondern ebenso auch gegen die schädlichen sektiererischen Organisationen betrachtet werden. 

Der Artikel 5 des Strafrechts sieht ausdrücklich vor, dass „jede juristische Person strafrechtlich für Verstöße verantwortlich ist, die wesentlich mit der Verwirklichung ihrer Ziele oder der Verteidigung ihrer Interessen in Beziehung stehen.“  

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Beschlagnahmung von Eigentum

 

Seit 2002 sind die Möglichkeiten der Beschlagnahme im Strafrecht erweitert worden.  Diese neue Bestimmung ist Teil einer Maßnahme gegen schwere oder organisierte Kriminalität im Zusammenhang mit Ausbeutung. Sie zielt darauf, ein besser wirksames System zu entwickeln, um Gewinne besser zu entdecken, die aus dieser Art von Kriminalität gezogen werden, und die Möglichkeit, diese zu konfiszieren, merklich zu verbessern..

 

Zeugenschutz

 

Dieses Gesetz könnte sich angesichts des Drucks und der Gefahr von Repressalien als nützlich erweisen, denen bestimmte ehemalige Mitglieder ausgesetzt sind. Es besteht also für diese Personen die Möglichkeit einer teilweise oder völlig anonymen Zeugenaussage.

 

Unerlaubte Ausübung der Medizin

 

Nur Ärzte oder andere Fachleute des Gesundheitswesens sind berechtigt, medizinische Tätigkeiten auszuüben. Wenn Tätigkeiten, die zur medizinischen Praxis gehören, von nicht autorisierten Personen ausgeübt werden, dann handelt es sich um unerlaubte Ausübung der Medizin, die strafrechtlich geahndet werden kann.

 

Man muss noch weiter gehen

 

Unser Strafrecht müsste meiner Meinung nach ergänzt werden, damit man es als wirksam betrachten kann. Tatsächlich gestattet unsere Gesetzgebung derzeit nicht, den Angriff auf die psychische Integrität des Individuums zu bestrafen.

 

Wie es der Bericht der parlamentarischen Enquetekommission und in der Folge das Observatorium für die Sekten empfehlen, scheint es mir daher unerlässlich, unser gesetzliches Arsenal durch eine neue Bestimmung in unserem Strafrecht zu ergänzen, die darauf zielt, den Missbrauch der Situation der Schwäche eines Individuums zu bestrafen.[2]

 

Es sei daran erinnert, dass Frankreich das erste europäische Land ist, das eine Gesetzgebung angenommen hat, das darauf zielt, die Vorbeugung zu verstärken, aber auch die Bestrafung hinsichtlich sektiererischer Gruppen. Bei den Anhörungen, die dafür von der Arbeitsgruppe der Abgeordnetenkammer über die Sekten veranstaltet wurden, betonte der französische Abgeordnete Vuilque die vorbeugende und pädagogische Rolle des Gesetzes About-Picard. Im Juli 2005 erfolgte die erste Verurteilung auf Grund dieses Gesetzes. So hat das Berufungsgericht in Rennes einen Guru als verantwortlich dafür erkannt, die Unwissenheit und die Schwäche von vier Personen, von denen eine Selbstmord beging, missbraucht zu haben. 

 

Wenn es wichtig ist, unser gesetzliches Arsenal zu verstärken, um den Richtern die Verurteilung von verbrecherischen Machenschaften von Bewegungen sektiererischen Charakters zu ermöglichen, so ist es ebenso wichtig, darüber zu wachen, dass nicht die fundamentalen Grundsätze der Äußerungs-, Glaubens- und Vereinigungsfreiheit, die Fundamente unseres Rechtsstaats, aufs Spiel gesetzt werden.

 

Drohungen, Einschüchterungen und moralischer Druck, die mit Absicht auf eine verletzliche Person ausgeübt werden, um von ihr bestimmte Akte zu erreichen, werden strafbar sein. Und das betrifft offensichtlich nicht nur die Sekten!

 



[1] CIAOSN: Centre d’information et d’avis sur les organisations sectaires nuisibles - Zentrum für Information und Beratung bezüglich schädlicher sektiererischer Organisationen

[2] Ich habe daher gemeinsam mit meinem Kollegen Yvan MAYEUR einen privaten Gesetzesentwurf verfasst (Doc. parl. Chamber, 2007-2008, n° 52-0493/001), der die mentale Destabilisierung und den Missbrauch von verletzlichen Personen als Delikt vorsieht. Dieser Gesetzesentwurf war bereits in der vorhergehenden Legislaturperiode entworfen worden (Doc. Parl., Chamber, 2006-2007, n° 51-2935/001), aber unglücklicherweise gab es keine Zeit für einen erfolgreichen Abschluss. Darüber hinaus wurde damit wieder begonnen in Form eines Antrags, der von damaligen Justizministerin, Frau Laurette Onkelinx eingebracht wurde, aber es gab wieder keine Zeit für einen erfolgreichen Abschluss. Deshalb wurde der Entwurf nochmals zu Beginn der neuen Legislaturperiode präsentiert, also im Dezember 2007.