Allgemeine Voraussetzungen für das Auftreten sektiererischer und

neuheidnischer Praktiken im modernen Russland

 

Alexander Konovalov, bevollmächtigter Vertreter des russischen Präsidenten

im Bundesdistrikt Wolga

 

Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren

 

Zu allererst möchte ich FECRIS für die Ehre danken, mich bei ihrer sehr wichtigen Konferenz in Hamburg zu sprechen eingeladen zu haben, und ich bitte um Entschuldigung, dass ich im letzten Augenblick wegen meiner offiziellen Verpflichtungen absagen musste. Nach meiner Meinung leistet FECRIS einen unschätzbaren Beitrag zur gemeinsamen Arbeit eines angemessenen Teils der Menschheit, der in der heutigen Welt eine normale menschliche Existenz schützen möchte. Ich wünsche ihrer edlen Organisation all das Beste für die Zukunft.

            Ich möchte auch betonen, dass diese kurze Rundschau, die anzuhören Sie sich freundlicherweise entschlossen haben, eine Art von wissenschaftlicher Studie ist, verfasst von jemanden, der juristische und theologische Ausbildung genoss, der zeitweise an der Staatsuniversität in St. Petersburg Recht lehrte und der eine ziemlich ausführliche Erfahrung mit dem Leben in Russland hat. Dies ist jedoch trotz allem kein offizieller Bericht oder eine offizielle Ansicht russischer Behörden.

            Ich möchte diese Analyse mit zwei allgemeinen Feststellungen beginnen, die ich zu entwickeln versuchen werde, während ich über den geschichtlichen Hintergrund der neuen Sekten und Kulte in Russland spreche.

            Erstens: nach 20 Jahren sehr intensiver Aktivität der aggressiven totalitären Kulte und modernen pseudo-protestantischen Gruppen in Russland werden diese von der klaren Mehrheit der Bevölkerung des Landes als marginale, unnötige und gefährliche Erscheinung betrachtet. Wir können vermutlich vorhersagen, dass diese Ansicht in Zukunft vorherrschend sein wird.

            Zweitens: die Aktivität der neuen kultischen Strukturen wird nicht weniger intensiv, und die Zahl der Leute, die sich in den kultischen Netzen finden und ebenso die jener, die unbewusst die Verbreitung neuheidnischer und okkulter Denkweisen akzeptieren, was sie zu einer leichten Beute der Kulte macht, zählt nach Millionen. Dies allein erfordert qualifizierte Entscheidungen und eine nüchterne Politik unserer Zivilgesellschaft, um solche Entwicklungen zu verhindern.

            Der Bundesdistrikt Wolga hat einen hochspezifischen Charakter, da er nicht nur multinational ist, bevölkert von mehr als 140 Nationen, sondern auch im Knotenpunkt der drei bedeutendsten ethnischen Gruppen in Russland – slawisch, türkisch und finnisch-ugrisch- liegt, welche im Laufe der Zeit die russischen Völker gebildet haben. Obwohl alle diese Nationen durch den Schmelztiegel der Geschichte gegangen sind und im allgemeinen die gleiche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben und in einer sehr wirksamen und ursprünglichen Tradition von gegenseitiger Toleranz und Achtung leben, gibt es doch Unterschiede zwischen den Zivilisationen, vor allem in mentaler Hinsicht. Der Distrikt scheint nun in Russland das größte Gebiet zu sein, in dem es noch traditionelle heidnische Kulte gibt, insofern viele der finnisch-ugrischen Völker, die hier seit dem Beginn der Geschichtsschreibung leben, insbesondere die zu den Ethnien der Mari und Udmurt gehören, in großem Maß ihre heidische alltägliche Kultur bewahrt haben. In den frühen Neunzigerjahren nahmen nationalistische zentrifugale Prozesse in nationalen Republiken innerhalb der Russischen Föderation zu, und diese Völker sahen das fast ausgelöschte Heidentum als einen wichtigen Teil ihrer nationalen Identität an. Schließlich ist dieser Distrikt traditionell von sehr gebildeten Leuten bewohnt (der Anteil der urbanen Bevölkerung ist der höchste unter den Bundesdistrikten), die sich selbst als Inhaber reicher intellektueller Traditionen und einer unabhängigen Art des Denkens betrachten, was man auf Deutsch „Feingefühl“ nennt. Wahrscheinlich wurde deshalb der Einfluss der Propaganda der modernen Kulte in den Wolga-Provinzen, wie Nizhny Novgorod, Perm, Samara und besonders Tatarstan, ziemlich stark. Derzeit können wird noch die Mormonen, Zeugen Jehovas, Neu-Pfingstler, Hare Krishnas und ein ziemlich entwickeltes scientologisches Netzwerk in Nizhny Novgorod beobachten. Wir haben hier auch eines der beiden russischen Zentren des Ordo Templi Orientis (das andere befindet sich in Moskau); 2007wurden rituelle Tieropfer in der Stadt Lyskovo registriert, und 2006 wurden in der Alexander Nevsky Kathedrale von Nizhny Novgorod Ikonen entweiht. In der Republik Mordovia gibt es eines der stärksten Netzwerke der Zeugen Jehovas in Russland. Der neu-pfingstlerische Kult „New Generation“ ist in den Städten Samara und Perm sehr populär, wo ihr Leiter Ryahovsky eine Art von zweitem Hauptquartier (nach Moskau) hat. Die Republik Tartarstan scheint durch die Anwesenheit und den Einfluss der Kulte sehr korrumpiert zu sein; sie beherbergt eine sehr starke Organisation der Zeugen Jehovas, die in den 8 größten Städten fast 2000 Anhänger zählt; das Mormonenzentrum in Kazan; starke Scientology-Zentren in Naberezhnye Chelny und Nizhnekamsk, integriert in die Geschäftsstrukturen (einige tausend Einwohner von Tartarstan haben in den letzten 10 Jahren verschiedene Kurse nach Hubbard besucht).Völlig sichtbar sind auch die Neupfingstler, ehemals „Kirche Christi“ (heute das „Wort des Lebens“), der Hare Krishna Kult, Brahma Kumaris, Sai Baba and Osho. Auch die ursprünglich russischen Kultbewegungen von Porfiry Ivanov und Anastasia machen sich bemerkbar. Die meisten dieser Organisationen sind bei den lokalen Behörden offiziell registriert. Die komfortablen Bedingungen für die Kulte sind vermutlich das Ergebnis der offiziellen Politik des Establishments in Tartarstan, das die Republik gerne als die am besten entwickelte und am meisten modernisierte Provinz in Russland zeigen möchte, die die Menschenrechte beachtet und religiöse Toleranz für alle Leute garantiert (die größte Moschee und die orthodoxe Kathedrale, die im Kreml von Kazan nebeneinander sehen, wurden in den letzten Jahren das Aushängeschild von Tartarstan). Es ist unnötig zu sagen, dass dieses falsche Verständnis von Toleranz die Anzahl der Opfer totalitärer Kulte sehr vergrößert hat.

            Gleichzeitig müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die moderne russische Zivilgesetzgebung und die administrative Praxis der Bedrohung durch die Kulte nicht gerecht werden. Zum Beispiel müssen sie sich nicht als religiöse Organisationen registrieren lassen. Sie können leicht in der Form von so genannten religiösen Gruppen existieren, die keine offizielle Registrierung benötigen, oder in der Form gewöhnlicher nichtkommerzieller Organisationen, die ganz leicht registriert werden können und normalerweise nicht unter einer genauen Überwachung der Finanzgebarung leiden. Deshalb kennen wir nicht einmal genau die Anzahl der Kultorganisationen oder Kultanhänger; alle existierenden Ziffern sind Schätzungen von Experten.

            Während wir die wohlbekannten Gesichter der totalitären Kulte in Russland beschreiben, müssen wir verstehen, dass sie alle nicht statisch sind und jede Gelegenheit benützen, um ihren Einfluss auszuweiten und ihre Praktiken rasend zu modernisieren. Nach den Anfangsjahren ihrer intensiven Tätigkeit, als einige Kultleute in Russland unter dem Deckmantel christlicher Missionare unter den „heutigen Heiden“ tätig sein konnten, während andere vorgaben, den zurückgebliebenen Leuten fortschrittliche westliche Zivilisation zu bringen, wurde heute ihre Arbeit schwieriger. Als Reaktion darauf haben sie ihre Methoden verbessert. Wir können solche populären Trends von Kultaktivitäten in Russland aufzeigen als:

            - aktive mediale Arbeit unter Benützung moderner Kommunikationstechnologien und verschiedener sehr bedenklicher Methoden, abgestimmt auf das Alter und den sozialen Status des Angesprochenen; starke Präsenz im Internet, Fernsehen, Radio und Verteilung von DVDs.

            - punktuelle Methoden von Informationseinfluss: statt auf der Straße die Leute aufdringlich zu quälen, ziehen es die Kulte vor, speziell ausgewählte Gruppen der Bevölkerung anzusprechen, meist jene, die soziale Hilfe und Fürsorge benötigen, mental instabile Personen (und ihre Angehörigen) und solche mit niedrigem Lebensstandard. Die Kultleute benützen die Datenbasen von Hackern, um geschäftliche und administrative Strukturen zu beeinflussen; sie besuchen Wohnungen und andere Gelegenheiten, um Daten über die Bevölkerung zu sammeln;

            - sie spielen die Karte der Sozialarbeit, indem sie Krankenhäuser, Waisenhäuser, Schulen, Kindergärten usw. besuchen und vorgeben, soziale Hilfe und finanzielle Unterstützung für Bedürftige zu bieten, was infolge des Vakuums möglich wurde, das von der offiziellen und nichtkommerziellen Sozialhilfe hinterlassen wurde;

            - Multi-Level Marketing Methoden;

            - indem sie sich als die bevollmächtigten und berechtigen Institutionen der Zivilgesellschaft darstellen, ein attraktives öffentliche Image ausbilden, das Basismaterial für ihre Aktivitäten verteilen (Grundbesitz, Medieninstrumente usw.);

            - aktive Versuche, die Anhänger in die Arbeitswelt, in medizinische, erzieherische und andere soziale Institutionen und besonders in offizielle und administrative Körperschaften einzuschleusen;

            - aggressive Politik gegen Kritiker, einschließlich ziviler und strafrechtlicher Forderungen, administrativer und strafrechtlicher Beschwerden, begründet auf ihrer formalen Beachtung der russischen Gesetze und extrem vorsichtiger Praxis der russischen Gerichtshöfe, die kaum in der Lage sind, die Gefahr der Kulte in der Rechtssprechung zu berücksichtigen;

            - Erstellung eines Netzwerks von Kultlobby-Gruppen in den Medien, in juristischen und akademischen Kreisen, in Gruppen zur Verteidigung der Menschenrechte und sogar unter den administrativen Körperschaften;

            - aktives Interesse verschiedener Kulte, auch solcher, die nicht vorgeben, esoterisch zu sein, an Leuten, die behaupten, parapsychologische Fähigkeiten zu haben. Grigory Grabovoy, derzeit vor Gericht, hat eine der neuen Errungenschaften der kultischen Mentalität demonstriert, indem er fähig war, hunderte von Anhängern praktisch überall in Russland zu rekrutieren, indem er ihnen die sofortige Auferstehung ihrer verstorbenen Angehörigen versprach.

            Es ist wichtig zu wissen, dass die öffentliche Einstellung zum Gegenstand des Studiums moderner Kulte und ihres Einflusses auf das russische Volk zwischen der starken und kompromisslosen Methode des Professor Dvorkin und milderen Ansichten variiert, die auf der „toleranten“ Haltung Kulten gegenüber beruhen (Kanterov, Kon’, rev. Vladimir Fedorov). Natürlich wird die Letztere von den Kulten bevorzugt und unterstützt.

            Gleichzeitig, da wir nun den ersten Teil unseres Vortags beenden, können wir noch immer behaupten, dass die allgemeine öffentliche Meinung im modernen Russland neue Kulte als extrem gefährlich für die spirituellen, moralischen und sozialen Werte der Gesellschaft und für die mentale und physische Gesundheit des Volkes betrachtet, da sie die Zerstörung der Persönlichkeit fördern und die Einheit unserer Gesellschaft zerstören und zum Verlust der nationalen Identität und der nationalen Kultur und der Marginalisierung der Nation führen. Das Schlimme daran ist, dass die Wirksamkeit der Staatspolizei in der kulturellen Sphäre und die Aktivität der Zivilgesellschaft, einschließlich jener der traditionellen Konfessionen, diesem Verständnis nicht annähernd angemessen sind. Außerdem sind die Leute, während sie all den negativen Einfluss der Kulte erkennen, oft unfähig, die Kultrekrutierer auszumachen, die in ihr Leben eindringen.

            Die allgemeinen Voraussetzungen für den Erfolg neuer Kulte und neuheidnischer Praktiken in Russland können in drei Gruppen eingeteilt werden.

            Die erste davon vereinigt die Faktoren, die mit der spezifischen Charakteristik moderner russischer Mentalität zu tun haben, die noch immer den Einfluss der früheren totalitären Gesellschaft nicht überwunden hat. Einer der Aspekte dieses Einflusses ist der, dass ein natürlicher Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit oft mit der Idee der Unabhängigkeit von allen Regeln, Ordnungen und Traditionen verwechselt wird. In einem solchen Bewusstsein scheint alles „Neue“ und „Komfortable“ attraktiver und passender zu sein als „Altes“ und „Mühsames“. Gleichzeitig sehnt sich dabei ein Unbewusstes nach einer starken Hand, welche die Verantwortung für alle Entscheidungen übernehmen und alle Probleme des Einzelnen leicht lösen kann. Die Kulte tun gerade das – zu Anfang versprechen sie die totale Freiheit, die sich als totale Kontrolle und Versklavung entpuppt. Metaphysisch funktioniert einer der Hauptgründe für die Attraktivität der neuen Kulte (gemäß Professor Dvorkin) - der Wunsch des gemeinen Mannes, einen komfortablen und verständigen Herrn zu bekommen, der die alltäglichen Probleme auf irgend eine magische Weise löst – sehr gut. In den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren wurde dieser Prozess in unserem Land durch eine sehr unkritische Bewunderung des Westens und allem, was von dort kam, intensiviert. Ein anderer Aspekt des Erbes aus der Sowjetzeit ist die völlige religiöse Unwissenheit der großen Mehrzahl der Leute, welche die Traditionen des täglichen religiösen Lebens verloren hatten. In Verbindung mit der überlebt habenden Tendenz zu mystischem Bewusstsein und der Unzufriedenheit mit der materialistischen Erklärung der Welt, typisch für ein menschliches Wesen, führt diese Unbildung zu weit verbreitetem Aberglauben und magischen Vorstellungen der Leute. Sogar die Neubekehren der traditionellen Glaubensrichtungen sind gegen die Rekrutierung durch Kulte nicht immun. Anders als der typische westliche Weg des Denkens, konzentriert auf die Praxis und mit dem Wunsch, hauptsächlich seinen Intellekt und seinen Willen zu entwickeln, hat die russische Mentalität eine Disposition zu Kontemplation und zu abstrakter Reflexion, die einerseits fähig ist, eine Person zu einem sehr fortgeschrittenen spirituellen Leben zu führen, anderseits sich jedoch leider in der Schwerfälligkeit und Desorganisation auf verschiedenen Gebieten, einschließlich soteriologischen, ausdrückt. Ein populäres russisches Märchen erzählt die Geschichte des faulen jungen Burschen Yemelya, der sehr reich wurde und sogar die Zarentochter heiratete, während er untätig auf der Couch lag und ein allmächtiger magischer Fisch alles für ihn tat. Für manche Leute scheinen Kulte ein Angebot zu sein, die Rolle dieses magischen Flussbarsches zu spielen und jeden Wunsch zu erfüllen.

            Die zweite Gruppe der Voraussetzungen für das Anwachsen der neuen Kulte kann auf dem Hintergrund der sozialen Instabilitäten und der Zerstückelung unserer Gesellschaft gesehen werden, die für viele Leute Stress erzeugen und sie für den Einfluss der Kulte viel empfänglicher machen. Alle diese Faktoren werden von Kulten sehr fachmännisch ausgenützt. Dabei müssen wir auf Schwachpunkte der traditionellen russischen Religionen hinweisen. Wir müssen gestehen, dass die beiden größten von ihnen – das orthodoxe Christentum und der Islam – aus verschiedenen zum Teil auch berechtigten Gründen – sich nicht in notwendigem Maß an sozialer Arbeit beteiligen, um Leuten zu helfen, ihre alltäglichen Probleme zu lösen. Hingegen bieten die Kulte den Leuten mit Problemen sehr aktiv Hilfe an und könne sie so leicht rekrutieren. Die moslemischen Organisationen im modernen Russland sind ziemlich zersplittert und desorganisiert und denken hauptsächlich daran, ihre Grütze zu verdienen; sie haben eine Menge früherer theologischer, missionarischer und erzieherischer Traditionen verloren. Die orthodoxe Kirche baut sehr schrittweise ihre sozial orientierten Strukturen wieder auf und ist noch ziemlich weit vom bestmöglichen Zustand entfernt. Und dies alles in einer Zeit, in der die staatlichen sozialen Dienste sich sehr langsam von der schweren Systemkrise erholen und selbst den Bedürfnissen der Leute kaum gerecht werden können.

            Das sind unserer Ansicht nach die hauptsächlichen Vorbedingungen für die Entwicklung und Verbreitung der Kulte in Russland. Nachdem dies gesagt ist, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit für einige weitere Minuten in Anspruch nehmen, um über die dritte Gruppe von Faktoren sprechen, die meiner Meinung nach nicht nur für Russland, sondern für die ganze Welt und für Russland als einen Teil davon gefährlich ist.

            Das Problem besteht darin, dass die Welt eine radikale Transformation durchzumachen scheint. Der Prozess ist nicht neu, sondern mindestens 400 Jahre alt, aber er scheint nun in seinen Endzustand zu gelangen. Wir meinen hier die Metamorphose der Weltstruktur von vertikal integrierten Modell zum horizontal integrierten. Ich möchte diese These ganz kurz erklären. Gemäß der Sozialökonomie hat die Menschheit mehrere ökonomische Zustände ihrer Entwicklung durchlaufen, wohlbekannt als die Sklaven haltende, feudale und kapitalistische sozialökonomische Struktur; man könnte auch die industriellen und post-industriellen Stadien hervorheben, usw.Wir könnten nun ein paralleles Paradigma vorschlagen: das erste Stadium in diesem System würden wir die mythologische Gesellschaft nennen, mit Kennzeichen wie heidnisches Denken, Respekt vor Totems, Identifizierung der Person mit der Natur, strikte Klanstruktur, Festhalten an der Einteilung der persönlichen mentalen Typen in Diener, Arbeiter, Krieger, Herrscher und Philosophen, und strikte Bindung der Bestimmung und sozialen Position einer Person an ihren mentalen Typ (heute können wir die Elemente einer solchen Einteilung von Personen noch in den traditionellen heidnischen und teilweise in nichtchristlichen Gesellschaften sehen). Dieses Stadium kann als horizontal integriert und im sozialen Feld an untereinander nicht verbundenen Stellen angesiedelt gesehen werden. Wir können voraussetzen, dass die Ära des Mythos grundsätzlich mit der Verbreitung des Christentums und dem Verschwinden des totalen Heidentums beendet war, aber die mythologisch denkenden Quasi-Gesellschaften setzten ihre Existenz fragmentarisch in den verschiedenen Teilen der Welt fort, indem sie traditionell heidnisch (nicht neu-heidnisch) oder nichtchristlich blieben. Das nächste Stadium könnten wir die korporative Gesellschaft nennen; sie hatte ihren Höhepunkt im Mittelalter mit ihrem Zunftsystem. Diese Periode scheint wegen der großen Wichtigkeit der korporativen Beziehungen einzigartig zu sein, die diese Gesellschaftsstruktur zu bilden pflegte. In der korporativen Gesellschaft werden die mentalen Typen noch für wichtig gehalten, aber dank der christlichen Tradition wurden ein großer Anteil von wirklichem Humanismus schrittweise in das soziale Leben integriert, der den Menschen verschiedener Klassen einige grundsätzliche Möglichkeiten bot. Gerade am Gipfelpunkt dieser Periode hatte der Erkenntnisprozess einen universalen Charakter angenommen, der die empirische Phase mit ihrer höchsten Errungenschaft vereinte – der griechischen Philosophie, der intellektuellen Phase mit dem römischen Recht und der mystischen Phase mit dem Christentum. Allgemein nahm die Gesellschaft in dieser Ära eine vertikal integrierte Struktur an, indem sie das soziale und individuelle Bewusstsein bändigte und die soziale Struktur festigte. Unglücklicherweise begann der Höhepunkt dieser Entwicklung zu Beginn der Renaissance, die in sich selbst die Samen der zukünftigen Zerstörung trug, zu verblassen.

            Dieser Punkt ist besonders wichtig, denn schrittweise begannen viele Faktoren aufzutauchen – zum Beispiel das Zunehmen der transnationalen ökonomischen Projekte, wie zum Beispiel der Medici-Clan, aber wichtiger – die Verbreitung des Okkultismus und die Bildung okkulten Bewusstseins, das die Prozesse der Desintegration der vertikalen Struktur der Gesellschaft einleitete. Die bemerkenswertesten Charakteristiken dieser Prozesse sind Individualismus und Egozentrismus, Desintegration der korporativen Mentalität, Polarisierung der Gesellschaft, Missachtung der Traditionen, Vereinheitlichung von Gedankenmodellen und Eklektizismus. So wurde die Gesellschaft wieder in das horizontale Feld zurückgeworfen, mit zwei wichtigen Besonderheiten: es war nicht fragmentarisch wie in der mythologischen Periode, sondern ist in gewissem Maß durch verschiedene Arten von Geheimgesellschaften in das Welt-Netzwerk einbezogen, die darin eine immer größere Rolle spielen. Bedenken Sie, dass niemals jemand diese Gesellschaften zu der führenden und herrschenden Rolle erwählte oder ernannte, die sie sich selbst angemaßt haben. Mit dem wachsenden Einfluss dieser Geheimgesellschaften wurde okkultes Neu-Heidentum die dominante Ideologie der Welt. Wie wir bereits gesehen haben, ist das Heidentum das unveräußerliche Attribut der horizontal integrierten Gesellschaft. In der letzten Periode schlägt die Netzwerk-Ideologie die totale Ablehnung von Traditionen, von korporativer Kulturidentität und den Ersatz der Tradition durch die Hauptidee von exzessivem Ergebnis vor, das durch die Extra-Aktivierung einiger unkonventioneller und nichttrivialer Personalressourcen erlangt wird (das ist im allgemeinen der Hauptgesichtspunkt solcher Herren wie Norstrom, Ridderstrale und die anderen Grünschnäbel aus dem Nest der Seemöve Jonathan Livingstone). Dieser Weg führte die Menschheit zu großen Errungenschaften, brachte uns aber zugleich zu der äußersten Zerstörung durch totalitäre Staaten, zu Auschwitz und Gulag, zu technogenen Katastrophen und zur Entwicklung totalitärer Kulte in unseren Gesellschaften.

            Die raffiniertesten Instrumente, die diese neue Ideologie mit einer mystischen Komponente versehen, sind vor allem Heidentum in seiner optimierten und aktualisierten Form, das kultische Denken und besonders – die okkulte New-Age Kultphilosophie. Deshalb hat das New-Age-Denken, das seinen Anhängern völlige Immunität von der traditionellen Moral und die Illusion von Unabhängigkeit bietet, wahrscheinlich für die nächste Zukunft die vielversprechendsten Perspektiven unter den anderen Sekten und Kulten.

            Wir könnten feststellen, dass die heute am meisten gegenwärtigen kultischen Organisationen, die eine korporative Struktur darstellen, in der bestehenden Zivilgesellschaft, die ihnen dank FECRIS, ihren Mitgliedorganisationen und anderen gesunden Kräften unter uns widersteht, auf einige Schwierigkeiten stoßen werden. Sie könnten jedoch durch eine neue Art von lose organisiertem Netzwerk ersetzt werden, das Millionen von Leuten zusammenbringt, die einander nicht kennen, die aber durch die gemeinsame Ideologie vereinigt sind, die typischerweise ihre Mentalität verändern und sie einer totalen Versklavung unterwerfen würde. Die vertikale soziale Integration und eine korporative Kultur, die eine Person zur wirklichen Freiheit des Bewusstseins führen, gibt es noch in einigen vorhandenen traditionellen Institutionen, aber die Aussichten der neuen Ära einer Netzwerkgesellschaft werden von Tag zu Tag günstiger. Dies ist ein Umstand, der unsere Aufmerksamkeit verdient, und wenn wir gegen gefährliche Kulte und ihre Abwege kämpfen, wenn wir versuchen, ihren Opfern zu helfen, dann müssen wir uns an die ideologische Basis hinter den modernen destruktiven und totalitären Kulten erinnern. Solange diese Basis aktiv bleibt und wächst, wird es immer neue Opfer totalitärer und destruktiver Kultstrukturen gebe, die menschliche Freiheit, Würde und Ehre verweigern. So sehen wir es.

            Danke für Ihre freundliche Aufmerksamkeit.