Warum ist es für die Justiz so schwierig, zu verstehen, wie Sekten funktionieren? Analyse ausgehend vom Beispiel des Ordens der Sonnentempler.

 

Jean-Pierre JOUGLA, Anwalt, Mitglied der UNADFI, Frankreich

 

Erinnerung an die Fakten :

 

Die sektiererische Struktur, allgemein Orden der Sonnentempler (OdS) genannt, wurde um 1975 von Joseph Di Mambro[1] gegründet.

 

Bis zum Oktober 1994 hatte der OdS noch nicht die besondere Aufmerksamkeit der Justiz auf seine Aktivitäten gezogen, und die ganze Welt erfuhr daher mit Bestürzung von den ersten Massakern von 53 Anhängern, die am 4. Oktober 1994 nach einem gemeinsamen Operationsplan gleichzeitig innerhalb der Sekte in Quebec und an zwei verschiedenen Orten in der Schweiz verübt wurden, einem Operationsplan, der abwechselnd Morde, Selbstmorde, symbolische Inszenierungen, Einnahme von Beruhigungsmitteln, Verwendung von Feuerwaffen des Kalibers 22 mit Schalldämpfern und teilweise Verbrennung der Leichen vorsah.

 

Erinnern wir uns daran, dass die französischen Vereinigungen und Behörden damals versicherten, dass ein solches Drama unmöglich in Frankreich stattfinden könnte!

 

Es bedeutete daher tatsächlich eine Erschütterung für Frankreich, als die Medien am 22. Dezember 1995 berichteten, dass in einem Wald des Massivs von Vercors 16 Opfer entdeckt worden waren (das Massaker hatte sich bereits am 16. Dezember ereignet), unter denen sich die Frau und ein Sohn eines besonders populären französischen Sportlers befanden.

 

Betonen wir noch, dass eine der Besonderheiten dieses außerordentlichen sektiererischen Massakers darin bestand, dass es sich ein Jahr nach dem Verschwinden der beiden offiziellen Leiter des OdS ereignete, die in der Schweiz Selbstmord begangen hatten, was unmittelbar die Frage aufwirft, wer der Anstifter des französischen Massakers gewesen sein mag.

 

Erinnerung an die Verfahren :

 

·         5 Anhänger und ehemalige Anhänger (darunter das Kleinkind Christophe Emmanuel – der Antichrist – einige Monate alt) in Quebec getötet.

 

·         23 Anhänger in Cheiri (Schweiz) und 25 Anhänger in Salvan (Schweiz) getötet, darunter Jouret, Di Mambro und Emmanuelle das « kosmische Kind“. Dieses Massaker führt zu einem Schweizer Verfahren, das schließlich eingestellt wurde, weil die Untersucher den Schluss gezogen hatten, es sei kollektiver Selbstmord gewesen.

 

·         16 Anhänger kamen bei Saint-Pierre-de-Chérennes in Vercors in Frankreich um. Die französische Justiz fühlt sich durch 3 Klagen der Familien von Anhängern, die den Tod gefunden hatten, veranlasst, Michel Tabachnik auf Grund einer speziellen Beschuldigung, der „Teilnahme an einer Vereinigung der Übeltäter der Hehlerei“[2], zu verfolgen.

 

·         Das Gesetz About-Picard, über das im Juni 2001 abgestimmt wurde, war wegen der nicht rückwirkenden Gültigkeit nicht anwendbar, was nicht gestattete, den Artikel 223-15-2 des Strafrechts anzuwenden, der den betrügerischen Missbrauch des Zustands der Schwäche von Personen bestraft, die in einen Zustand der Unterwerfung gebracht worden waren.

 

·         5 Anhänger starben 1997 bei Casimir (Québec). Dieses Massaker war nicht Gegenstand von Verfolgung, da es sich hier klar um offensichtlich freiwillige Selbstmorde handelte, die aber in unseren Augen „Selbstmode unter Einfluss“ der Lehre waren

 

74 Personen, davon 11 Kinder, starben also unter dem Einfluss des OdS.

 

Die französische Justiz schätzte daher, dass die ersten Massaker in Quebec, die Massaker in der Schweiz sowie die von Vercors miteinander zu tun hatten und sie diese als ein Ganzes behandeln sollte.

 

Die Strafkammer von Grenoble sprach am 25. Juni 2001 Michel Tabachnik in erster Instanz im Zweifelsfall frei, „das sie keine Beweise für die bewusste Verfolgung eines kriminellen Ziels erbringen konnte, abgesehen von solchen mit völlig hypothetischem Charakter“, was klarerweise bedeutet, dass der Beweis nicht erbracht wurde, dass er sich dessen bewusst war, dass seine Lehre in ein tödliches Projekt münden würde.

 

Verschiedene Privatkläger ebenso wie die Staatsanwaltschaft haben gegen diese Entscheidung berufen, aber die Familien der Opfer der Massaker in der Schweiz unterließen eine Berufung aus Unkenntnis des französischen Verfahrens, was sie von der Debatte ausschloss.

 

Nach mehreren Vertagungen hat das Berufungsgericht von Grenoble am 20. Dezember 2006 das Urteil verkündet: Freispruch für Michel Tabachnik.

 

Diskussion :

 

Es stellt sich für uns nicht die Frage, diese endgültige Entscheidung zu kritisieren, sondern einfach zu einem pädagogischen Zweck zu verstehen, wie es geschehen konnte, dass die Aktion der Privatkläger, die Zeugen und die Art und Weise, wie das Verfahren über die delikate Frage des sektiererischen Aspekts dieses Dramas sich abwickeln konnte, in gewissem Sinn die Entscheidung der Justiz beeinflussen konnte.

 

Der Gerichtshof, dem man eine besonders gewissenhafte Arbeit zugestehen muss, zählt in seinem Urteil die konstituierenden Elemente der Übertretung auf, das heißt die „Teilnahme an einer Vereinigung von Übeltätern zur Vorbereitung mehrerer Verbrechen des Mordes, deren Opfer zahlreiche Personen in Kanada, in der Schweiz und in Frankreich waren“.

 

 

Das Gericht findet, dass „die verschiedenen Strukturen, welche den Orden der Sonnentempler bilden, sich als eine Einheit oder als eine Gruppe von Personen darstellen, wobei diese Gruppe verborgene oder geheime Strukturen und andere öffentliche hat. Es handelt sich hier um eine Vereinigung von Übeltätern.“

 

 

Das Gericht findet, dass die Verbrechen feststehen, dass sie von Personen begangen wurde, die sich dann selbst getötet haben, was immer ihre Aufrichtigkeit im Glauben gewesen sein mag, oder von Dritten, die nicht identifiziert und nicht getötet wurden (daran klammerte sich ein gewisser Teil der Privatkläger).

 

 

Das Gericht findet, dass „die Vorbereitung der Verbrechen sich nicht aus der Tat eines einzelnen Menschen ergab, sonder einer konzertierten Zusammenarbeit bedurfte, um die zukünftigen Opfer an mehreren Orten zu vereinigen, wo das Verbrechen ihrer materiellen Exekution stattfand“ (durch Medikamente, Waffen, Brandstiftung, mehrere Versammlungen in jenem Monat, der den ersten Massakern voranging, Texte, die vor der Begehung der Verbrechen zusammengestellt wurden und die Reife des Projekts demonstrierten …)

 

Diese materielle Vorbereitung wurde von einer psychologischen Vorbereitung begleitet, die aus den registrierten Dialogen ersichtlich ist, in denen die Anhänger mit ihrem Leiter über die Bedingungen des „Transits“ sprechen.

 

Das Gericht stellt sich dann die entscheidende Frage, ob die doktrinären Lehren von Michel Tabachnik in diesen Dramen eine Rolle gespielt haben.

 

 

Das Gericht verkünde wohl, dass „den Anhängern eine doktrinäre Lehre eingeflößt wurde“ und dass diese Lehre teilweise das Werk von Michel Tabachnik war, aber es bemerkt sofort, dass nach den Zeugnissen von (ehemaligen) Anhängern, die beim Prozess als Zeugen auftraten, diese letzteren „kein Verständnis dafür hatten und die Bedeutung des „Transit“ nicht begriffen.“

 

Wenn wir „ehemalige“ Anhänger sagen, dann muss diese Bezeichnung unter Anführungszeichen gesetzt werden, denn es schien während ihrer Anhörung vor dem Gericht offenbar, dass sie noch unter dem Einfluss der Lehre standen und von Wunsch getragen waren, jenen zu schützen, der ihnen diese Lehre vermittelt hatte.

 

Merkwürdigerweise übersieht das Gericht, als ob es durch die Seltsamkeit der individuellen Erfahrung der Zeugen fasziniert wäre, die schriftliche Zeugenaussage eines ehemaligen Mitglieds, die jedoch im Gerichtsakt enthalten war.

 

 

Das Gericht fragt sich dann im Zuge eines didaktischen Fortschritts, ob diese Lehre „dazu bestimmt war, die Anhänger durch die Zugehörigkeit zu einer Elite, die durch eine rettende Mission ausgezeichnet war, zu konditionieren“, und sie verwirft die Expertise des Experten Abgrall (dessen Arbeit von verschiedenen Sprechern mit nicht akzeptablen Ausdrücken kritisiert wurde , die schamlos die schwarze Propaganda wiederholten, die von verschiedenen Sekten gegen diesen Experten geäußert wurde, um ihn unglaubwürdig zu machen).

 

Das Gericht fragt sich, ob die Schriften von Michel Tabachnik „als Ziel oder einfach als Ergebnis haben konnten, die Anhänger auf den angekündigten Transit vorzubereiten“. Das Gericht versteht den Begriff Transit im Sinne von „freiwillig auf sich genommener Tod“, aber es wäre gerechter, festzuhalten, dass es ein Tod unter Einfluss gewesen war.

 

Das Gericht verwirft die 6 harten Punkte der Lehre, die vom Experten als Beweggrund vorgestellt worden waren:

 

Das Gericht stimmte den Erklärungen des Experten über die Wichtigkeit der Symbolik des Feuers zu, die eine Dimension von Realität einbezieht.

 

Das Gericht bemerkt, dem Experten folgend, dass „der Unterricht dazu neigt, genügend überzeugend zu sein, um die Annahme der extremsten Ideen zu veranlassen und sie in einen größeren Zusammenhang zu integrieren, der durch seine Fortdauer das Subjekt schließlich völlig durchtränkt und es das Unerträgliche akzeptieren lässt … diese Akzeptanz wird als freie und freiwillige Wahl dargestellt.“

 

Wenn aber das Gericht alle diese Punkte notierte, dann hat es leider nur einen Kommentar in Betracht gezogen, den der Experte mündlich gemacht hat, dem zufolge die Unterweisung Tabachniks so absurd war, dass die Bedeutung der Unterweisung nicht wichtig war, und das Gericht zog letzten Endes in unbefriedigender Weise den Schluss, sie könne von den Anhängern keineswegs verstanden worden sein, da ja jene, die als Zeugen aussagten, entweder behaupteten, sie hätten die Schriften Tabachniks niemals gelesen, oder sie hätten nichts verstanden, was innerhalb eines esoterischen Ordens, welcher der OdS zu sein behauptet, einfach undenkbar ist.

 

 

Das Gericht weist die Erklärungen des Experten Abgrall über die Begriffe der „alchemistischen Übertragung“ und die Darstellung der Körper der Anhänger als übertragbare energetische Masse zurück, die zu verstehen gestattet, wie die Entmaterialisierung es erlaubt, wieder zum „schöpferischen Prinzip“ zu gelangen, indem dies alles mit langen Zitaten illustriert wird, die im Text der Archeen abgedruckt sind, was sich perfekt in die Logik des theoretischen Corpus des OdS einfügt.

 

Der nicht eingeweihte Leser, der die vom Gericht zitierten Auszüge in den Händen hält, wird offensichtlich ihren Sinn verstehen, der so klar ist.

 

Aber wider Erwartung hält das Gericht daran fest, dass Michel Tabachnk „immer gegen diese Auslegung seines Werkes protestiert hat“.

 

·         die Organisation der Treffen vom 9. Juli und 24. September 1994, die zum Ziel hatten:

·         die Ankündigung des Endes de Gruppe unter der Form des Ziels des OdS, eines Transits zum Rosenkreuz.

·         Das Ergebnis der so genannten Mission, deren Ziel die Begehung von Verbrechen war, in Sachkenntnis der Ziele und Projekte der Gruppe

 

In diesen beiden letzten Punkten, die auf den Seiten 65 und 66 des Urteils behandelt sind, hat das Gericht den Beweis eines völligen Nichtverstehens des Projektes OdS geliefert, trotz einer lobenswerten Kenntnisnahme der Rolle, welche die Unterweisung bei der Indoktrinierung der Anhänger gespielt hat, und wurde daher dazu verleitet, größere Widersinnigkeiten zu begehen, die zum Freispruch des Angeklagten führten.

 

Bevor wir aber die Analyse dieses letzten Punktes vornehmen, sollten wir einen Abstecher zu den Hintergründen des Verfahrens machen und zu verstehen versuchen, wie störende Elemente das Verständnis der Justiz für die sektiererische Wirklichkeit erschweren, sowohl hier in diesem Prozess wie auch in anderen.

 

Wir betrachten diese „störenden Elemente“ unter 4 Gesichtspunkten:

 

-          Inhärente störende Elemente beim Opfer der Sekte

-          Inhärente störende Elemente beim Sektenprozess

-          Inhärente störende Elemente bei der Beweisfrage

-          Inhärente störende Elemente beim Richter selbst

 

-          Inhärente störende Elemente beim Opfer der Sekte

 

Betreffend einerseits den Anhänger als Opfer :

           

Die Anklage der Abtrünnigkeit lähmt den ehemaligen Anhänger.

 

Diese Anklage ist in dem Maße wirksam, als dort, wo der Anhänger die Sekte verlassen hat, die Sekte nicht ihn verlassen hat, und er weiterhin den sektiererischen Werten gehorcht, was der Guru ganz genau weiß. Sicher spielen diese Mechanismen in den posthumen Schriften, die vom OdS verteilt wurden und die daran erinnern, dass der Orden zur Selbstjustiz berechtigt ist, eine große Rolle.

 

Diese Anklage des Abfalls, die Teil der richterlichen Funktion der Sekte auf Grund ihrer eigenen internen Gesetze ist, konnte im Falle des OdS bis zur physischen Auslöschung der abgefallenen Mitglieder gehen, oder jener, die den Medien verraten hatten, was sie erlebt hatten, und das gemäß einer rein mafiosen Logik, weil das Gesetz der Gruppe in der Sekte Vorrang vor Gesetzen der Gesellschaft hat.

 

Diese physische Auslöschung ist ebenso Teil der Terrorwirkung, die den Anhänger dazu drängt, der Justiz eine falsche Zeugenaussage zu liefern, die dennoch in den Augen des Richters den Wert eines freien Zeugnisses hat. Die Zeugenaussage des Anhängers wird somit zu einer Zeugenaussage des Kampfes. Der OdS-Prozess illustriert die Perfektion dieses Vorganges, der sich ohne Wissen der Richter abspielte, die von ihrer eigenen juristischen Logik ausgehend so manipuliert waren, dass sie unfähig waren, den Mechanismus zu vereiteln[3].

 

Die Theorie des Abtrünnigen, entwickelt von CESNUR, hat als Folgewirkung die missbräuchliche Eintragung der sektiererischen Dimension in eine religiöse Logik, die als eine Offensichtlichkeit dargestellt wird, ohne dass es nötig wäre, dies zu sagen.

 

Das Trauma der Vereinnahmung lähmt andererseits den ehemaligen Anhänger deshalb, weil es ihm unmöglich ist, sich mit der Erinnerung an jene Periode auseinander zu setzen, in der er unter der Abhängigkeit vom Guru und dessen Lehre stand, und die Realität seiner Dimension als Opfer anzuerkennen. Hätte diese Lähmung nicht existiert, dann hätten viele Klagen bezüglich Betrugs auf verschiedenen Ebenen und zum Beispiel auch bezüglich der Struktur „Blauer Planet“, einer Privatschule unter dem Einfluss des OdS, von anderen zu Opfern gewordenen Anhängern selbst erfolgen können.

 

Dieses Trauma verunmöglicht die Auseinandersetzung des ehemaligen Anhängers mit seinem manipulierenden Guru, mit „unsichtbaren Kräften“, denen er noch eine Existenz zugesteht, und dieses Trauma hindert den ehemaligen Anhänger, sich mit der Rationalität einzulassen. Der ehemalige Anhänger hat buchstäblich Angst vor Repressalien, sei es in der objektiven Realität oder in der virtuellen Realität der Welt der okkulten Kräfte.

 

Schließlich erträgt der ehemalige Anhänger nicht die Brutalität der Fragen, die ihm von den Vertretern des Gerichtswesens gestellt werden, in dem Maße, als lange eine große Zerbrechlichkeit zurückbleibt, und ganz besonders gegenüber den Vertretern einer Autorität, welche die Sekte (die sich selbst als absolute Autorität betrachtet) ihn als unter einem diabolischen Gesichtspunkt zu betrachten gelehrt hat. Ein Kronzeuge hat uns klar aus diesem Grund seine Weigerung zum Ausdruck gebracht, im OdS-Prozess als Zeuge aufzutreten, nachdem er zum ersten Mal wirklichen Angriffe (die das gerichtliche Spiel entlarven) von Seiten eines Anwalts über sich ergehen lassen musste.

 

Betreffend andererseits die Familie oder die Umgebung des Anhängers als Opfer:

 

Die zum Mit-Opfer gemachte Umgebung des Anhängers kann häufig ein Verhalten aufweisen, das vom Anhänger missverstanden wird, da sie unfähig ist, das Irrationale zu akzeptieren, das der Anhänger erlebt hat, und keine Unterstützung und passende Information erhalten hat, die für sie notwendig gewesen wäre.

 

Der OdS-Prozess hat ganz besonders unter Interpretationen gelitten, welche die Dramen als eine gewöhnlichere Logik mafiöser Natur in den Griff bekommen wollten, indem sie den Ursprung des Massakers obskuren Waffengeschäften oder angeblicher Geldwäsche zuweisen wollten.

 

Diese Interpretationen, die von dringenden Forderungen der Familien getragen wurden, sogar mit verwandten Verfahren ausgestattet, konnten nur die Urteilsfreiheit der Fachleute der Justiz verfälschen, indem sie bisweilen mittel Spezialisten der pro-sektiererischen Agitation direkten Druck auf die Institution der Justiz ausübten.

 

Druck wurde auch von Seiten bestimmter Familien von Opfern auf andere Familien ausgeübt. Es gab auf dieser Ebene einen offensichtlichen Mangel an Hilfe, der den Opfern solcher Dramen seit dem Ereignis gebührt hätte, verglichen mit der Hilfe für Katastrophenopfer.

 

Die Berücksichtigung der Opfer der Sekte, die oft durch die erlebten Dramen sehr zerstört sind, erfordert viel Zeit, Empathie und Kontinuität, welche den Gerichten nicht immer zur Verfügung stehen.

 

-          Inhärente störende Elemente beim Prozess

 

- Die Lehrschriften werden normalerweise nicht genügend analysiert (dies war beim OdS-Prozess, vor allem dank der Kompetenz des Experten Abgrall, allerdings nicht der Fall), aber ihre irrationale Dimension ist derart, dass der Richter die größten Schwierigkeiten hat, ihnen eine reale Auswirkung zuzumuten, die sie in der Erzeugung der Unterwerfung der Anhängers haben, was die Abweisung der Relevanz der Expertenanalyse zur Folge hatte, die man in der getroffenen Entscheidung mehrmals findet, und die Glaubwürdigkeit, die man Michel Tabachnik voreilig zugestand, wenn er auf absurde Weise bekräftigte, „seine Schriften hätten keinen Sinn“. Wir befinden uns auf dieser Ebene in einer Konfrontation der rationalen Welt und einer Welt des Irrationalen, das sich nicht enthüllen will.

 

- Die vertraulichen Aufzeichnungen der Anhänger, die zu Opfern wurden, wurden nicht berücksichtigt, denn in dieser Art von Schriften kann man die zuverlässigen Spuren des Einflusses der Unterweisung auf die in Wahnvorstellungen befangenen Anhänger finden. Der OdS-Prozess bildet hier keine Ausnahme, denn die Justiz hat bestimmten Familien diese Aufzeichnungen der getöteten Anhänger zurückgeschickt, ohne dass sie versucht hat, sie zu lesen, wo sie doch den Beweis für die Rolle lieferten, die dieser oder jener Leiter des Ordens bei der Bildung der Überzeugung der Abhängigkeit gespielt hatte, ohne dass der verschwundene Anhänger es in diesem Fall gut verstanden hätte, in seinen Aufzeichnungen die Wirklichkeit hinter einem Ziel des Schutzes zu verbergen.

 

- Im OdS-Prozess wurde sogar eine Reihe von Elementen durch die Justiz unterdrückt (rauchende Ruinen wurden von Bulldozern weggeräumt, Beweisstücke wurden vernichtet …) mit dem Ziel, die Ausbeutung der Dramen durch die Medien und Spezialisten zu verhindern, sie eröffneten aber so den Weg zu Interpretationen durch die Familien.

 

- Diese Art von Prozess lehnt ebenso alle jene ab, die mit einer Dimension des magischen Denkens darangehen, dessen Träger sie sind, an das Irrationale, das sie kennzeichnet, und diese Wirkung kann nicht ohne Folgen darauf bleiben, was das Gericht berücksichtigt, was immer auch die Fachleute denken und sagen. Man kann sogar Fachleute finden, die aus Angst vor einer angeblichen okkulten Macht oder vor okkulten Repressalien sich weigern, sich damit zu beschäftigen.

 

- Noch eher wird der Richter aus einem unbewussten Schutzbedürfnis vor dem Irrationalen des sektiererischen Inhalts diese wesentliche Dimension unterdrücken. Illustrieren wir dieses Vorhaben und beantworten wir damit die Ausflüchte, mit denen das Gericht den Verfasser der Archeen, eines wesentlichen Teil der Lehre des OdS, freisprach, indem es bekräftigte, dass dieser nicht wusste, dass „das Ergebnis der so genannten Mission des OdS die Begehung von Verbrechen war, in Kenntnis der Ziele und Projekte der Gruppe“.

 

Ohne in die Details des esoterischen Kauderwelsch der Archeen einzugehen, können wir einfach sagen, dass diese Unterweisung das Ziel hatte, die Anhänger davon zu überzeugen, dass „ihr eigener Körper die Materie eines freiwilligen Transformationsprozesses alchimistischer Natur sei, der von den Zellen ausgehe, welche den physischen Körper bilden“.

 

Der Zweck, der auf vielen Seiten dargelegt wurde, war es, die Unglücklichen davon zu überzeugen, dass die Reinigung des Körpers, seine Entlüftung, seine Sublimierung, sich von einer bestimmten Ebene des „vibratorischen Aufsteigens“ aus durch die Zuflucht zum Feuer bewerkstelligen ließe, das nicht einfach ein Reiniger sei, sondern ein Regenerator in der Weise, dass durch eine Gruppenoperation, welche die „flüssigen Emanationen“ mehrerer Anhänger vereinige, eine genügend große Energie freigemacht werde, um die Seelen bis zum Stern Sirius zu befördern, der als Aufenthaltsort der „höheren Wesenheiten“ vorgestellt wurde, deren Wissen die Archeen mehrere Jahre hindurch dank der Vermittlung ihres Autors an die Anhänger übertragen hatten.

 

Dieser Prozess ist, wenn man es sagen kann, in der Unterweisung klar beschrieben. Er geht durch den physischen Tod, der als „Transformationsprozess des Lebens“ bezeichnet wird, aber er enthält in seiner letzten Phase eine Transformation des Körpers, um an der Mission der Rettung der Menschheit teilzunehmen, die sich auf dem Sirius fortsetzen sollte, der als eine neue Form einer „Farm des Überlebens“ vorgestellt wird.

 

Es ist wahr, dass dieses Projekt so verrückt ist, dass wenn die Anhänger nun bezeugen, dass sie es nicht verstanden haben oder dass sie davon nicht einmal etwas wussten, dies leichter zu glauben ist, als der esoterischen Logik zu folgen, und dieses Leichtere würde auch das Gericht tun! Jedoch bekräftigten diese (ehemaligen) Anhänger, dass sie bedauerten, sich nicht entschlossen zu haben, den Transit zum Sirius durchzuführen!

 

Wie soll man akzeptieren zu glauben, dass jener, der einen solchen Prozess mit genauen Details und wissenschaftlichem Anspruch beschrieb, nicht Kenntnis vom endgültigen Ergebnis haben konnte?

 

Es gibt hier einen Bruch der Logik, den nur die verständliche Unfähigkeit der Analyse des Irrrationalen erklären kann.

 

-          Inhärente störende Elemente bei der Beweisfrage

 

Wir haben bereits gesagt, dass die Sekte durch ihre eigenen Gesetze motiviert war, die sich auf einer höheren Ebene befinden als die gewöhnlichen Sozialgesetze.

 

Daher ist es ganz natürlich, dass der Anhänger der elitären Regel gehorcht und nicht zögert, zum Zweck des Schutzes seiner sektiererischen Welt zu lügen oder falsche Zeugenaussagen zu machen.

 

Die Schwierigkeit findet sich darin, dass in den Augen der juristischen Institution die Aussage eines Zeugen, der Anhänger ist, ebenso beweiskräftig ist wie die eines externen Zeugen. Die erste Reaktion des Anhängers besteht ebenso darin, Gegenstände, die für die Sekte kompromittierend sind, verschwinden zu lassen.

 

Diese sektiererische Geheimhaltung macht die Entdeckung von Beweisen schwierig und die Zeugenaussagen von Außenstehenden praktisch unmöglich.

 

Der verwirrende Charakter der sektiererischen Schriften macht sie für Fachleute, die vermutlich Außenstehende sind, wenig verständlich.

 

Die Sekten haben ein doppeltes Gesicht, einen doppelten Diskurs, sie lassen nur den exoterischen Aspekt sehen und verbergen sorgfältig die esoterische Dimension vor den Augen Außenstehender.

 

Der Jurist ist nicht vorbereitet, mit dieser doppelten Ebene der Darstellung konfrontiert zu sein, was uns dazu führt, jetzt ein Wort über die inhärenten störenden Elemente beim Richter selbst zu sagen.

 

-          Inhärente störende Elemente beim Richter selbst

 

Der Jurist erfährt die größte Schwierigkeit, den Mechanismus des Machteinflusses zu verstehen, diesen Prozess, durch den ein Individuum die Ganzheit seiner Person der Autorität eines Dritten unterwirft, unfreiwillig, progressiv und auf Grund von Praktiken, die durch eine Doktrin, ein utopisches Projekt und eine Mission gerechtfertigt werden.

 

Der Jurist ist ausgebildet, im Rahmen der Vertragstheorie zu urteilen, die einen Austausch von freien und klar sehenden Einwilligungen voraussetzt. Es ist ihm fast unmöglich, eine andere Arbeitslogik zu akzeptieren, oft nicht einmal trotz der Hilfe eines Experten.

 

Um die Wirklichkeit des sektiererischen Prozesses zu verstehen, sollte der Jurist über die intellektuelle und äußerliche Kenntnis des Falles hinausgehen und er sollte, soweit er es vermag, verstehen, welche Mechanismen im Prozess der sektiererischen Vereinnahmung im Spiel sind, die auf progressive und heimtückische Weise in Gang gesetzt wurden.

 

Dieser Zugang ist umso schwieriger, weil er gegen die Erfordernisse der deduktiven Logik gerichtet ist, welcher der Jurist entsprechen sollte und nach der er ausgebildet wurde.

 

Es ist leichter, angesichts des absolutesten Irrationalen, und im Beispiel des OdS angesichts des schrecklichsten Irrationalen, sich eher an irgend etwas Bekanntes anzuklammern als zu versuchen, die Wirklichkeit der Unterwerfung zu durchdringen, und das Urteil im OdS-Prozess entgeht diesem Problem nicht.

 

Im Kopf unserer Zeitgenossen gibt es immer eine missbräuchliche Konfusion zwischen Sekte und Religion. Es ist nicht unbedeutend, zu sehen, wie das Gericht in seinem Urteil in einer Passage, die es „frühere Ereignisse“ nennt, der Geschichte der Templer mit dem Tod von Jacques de Molay, dem zweiundzwanzigsten Großmeister des Templerorden, am Scheiterhaufen im Jahre 1314, eine Wichtigkeit zugesteht.

 

Das Gericht befindet sich so in gewisser Weise in unbekanntem Gelände, dem der Geschichte und dem der Religion, aber es wird ihm nicht bewusst, dass es darin an der Hagiographie des OdS teilnimmt und dass es so unwissentlich in voller Fahrt in die Logik der Manipulation der Sekte eintritt.

 

Noch schlimmer ist, dass die Staatsanwaltschaft ihre eigenen Glaubensvorstellungen in die Analyse des Verfahrens einbringen kann, wovon sich jeder mit Bestürzung überzeugen konnte, als er dem surrealistischen Plädoyer eines Generalanwalts zuhörte, der als schuldhaftes Element für Tabachnik nur festhielt, die esoterische „Tradition“ verraten zu haben, weil er Rituale veränderte, denn Rituale könnten nur ererbt, aber nicht geschaffen werden!

 

Schlussfolgerung

 

Eröffnen wir nun das Feld unserer Überlegung und verlassen wird das Beispiel des OdS, um eine andere Klippe anzusprechen, welche dem Richter bezüglich Sektenprozessen auflauert

 

Das Richteramt ist der Beschützer der Freiheit.

 

Hier vermögen die Sekten die Justiz vorzüglich zu täuschen, indem sie sie glauben machen wollen, sie seien die Opfer von Angriffen auf ihre Freiheit … um sie besser vergessen zu lassen,

dass sie selbst der freiheitstötende Ort schlechthin sind.

 

Alle Formen der Freiheiten können abgelehnt werden, wenn man mit der Religionsfreiheit beginnt.

 

Es obliegt uns, die Justiz verstehen zu lassen, sei es nun die nationale oder europäische, dass die Sekte nichts mit der religiösen Dimension zu tun hat, sondern dass es sich im Wesentlichen um eine archaische und antidemokratische Art der Machtausübung in einem bestimmen Territorium handelt.

 

Wenn es uns nicht gelingt, diesem Gesichtspunkt zum Durchbruch zu verhelfen, dann riskieren wir sehr, mit einer langen Periode des Obskurantismus konfrontiert zu werden, der mit jenen in der bekannten Geschichte nicht zu vergleichen sein wird.

 

Unsere Aktion muss auf Gerechtigkeit und einer klaren Analyse der Abhängigkeitsprozesse beruhen.

 

Diese Aktion kann sich nur aus einer langen Bildungsarbeit für Fachleute ergeben, die auf die eine oder andere Weise mit der sektiererischen Wirklichkeit zu tun haben. Diese Bildung muss auch jene der Vereinigungen sein, die nach einer Professionalisierung streben sollten, die allein es ihnen ermöglichen wird, das Opfer zu begleiten, die üblichen Einwände der Justiz zu entkräften und schließlich das Verständnis für den sektiererischen Mechanismus des Machteinflusses zu erleichtern, der den Anhänger jeder freien Entscheidung beraubt.

 

Sonst werden auch andere Entscheidungen der Justiz unter Einfluss ergehen.

 

 



[1] 1979 schließt sich Michel Tabachnik der Gemeinschaft an und erst 1981 erhält er die wesentliche Mission, die esoterischen Lehren der „Meister vom Sirius“ zu empfangen, um sie für die anderen Anhänger in eine verständliche Sprache zu übersetzen, was ihn in eine Vorrangstellung eines Weisen an der Seite eines Di Mambro im Auftrag der Sekte stellt.

 

1982 tritt der homöopathische Arzt Luc Jouret in die leitende Struktur des OdS ein, der wahrhaftig sein kommerzieller Vertreter und sein Anwerber von neuen Anhängern rund um die Themen der exotischen Konferenzen über die so genannte sanfte Medizin, über die Ökologie und über das gesunde Leben werden sollte.

 

Der Schock, der durch dieses Drama in Frankreich hervorgerufen wurde, war umso stärker, als er einige Tage vor der Vorlage des berühmtesten Berichts der parlamentarischen Untersuchung über die Sekten stattfand, was schließlich erlaubte, das sektiererische Risiko ernst zu nehmen.

 

Ein fünftes und letztes Drama des OdS sollte ein Jahr später in Kanada stattfinden, aber seltsamer Weise ging es viel unbemerkter vorüber als die vier anderen.

 

[2] Nach einem Beschluss zur Einstellung des Verfahrens über die Anklage der Freiheitsberaubung und einer anderen über die Anklage des Mordes. Ebenso wurde ein Verfahren gegen einen Arzt eingestellt, der die Sekte mit einer Anzahl von Medikamenten versorgt hatte.

 

[3] Dieses Verhalten ist auch vor allem in Familiendiskussionen zu finden.