Staatliche Arbeit und der Psychomarkt, am Beispiel der Scientology Organisation

 

Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology, Hamburg

 

Lieber Friedrich Griess,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Der so genannte Sekten- oder auch Psychomarkt beschäftigt alle diejenigen, die sich heute hier getroffen haben in der unterschiedlichsten Art und Weise.

 

Die Arbeit und Hilfestellung für und mit Betroffenen der Organisationen ist ein wesentlicher Baustein, um auch die gesamtgesellschaftlich relevanten Probleme und Konflikte aufzuzeigen. Mögen bei den unterschiedlichsten Anbietern auf dem großen Psychomarkt die Einzelschicksale variieren, die Erlebnisse sind immer einschneidend. Die Bandbreite ist groß, von Heilpredigern über Vitaminguru bis zu den auch politischen motivierten Gruppen mit Generalanspruch auf Macht über Menschen und Gesellschaft.

 

Es kann nicht häufig genug betont werden, es handelt sich um einen Markt mit Anbietern und Kunden. Man kauft sich erhoffte Heilung, Lebenshilfe bei beruflichen oder familiären Problemen, schnelle Lösung für häufig viel Geld. Und man kauft sich – auch das ist das Marktphänomen – Spiritualität. Der esoterische Markt boomt. Gekaufte Spiritualität hat nichts – aber auch gar nichts mit Glauben zu tun. Das ist der Teil der Diskussion, der viel zu häufig vernachlässigt wird und der mit in den Fokus der Diskussion gehört. Das Geld ist aber nur die eine Seite der Medaille, die andere sind die Methoden, die die Menschen dazu bringen, dabei zubleiben. Die ursprünglich häufig genug aus reiner Neugierde angefangenen Kurse weiterzugehen. Die Schlinge aus mentaler Programmierung, finanzieller Ausbeutung und Abhängigkeit sind das Gemisch, die es für alle sich mit der Thematik beschäftigten Menschenschwierig macht, nicht betroffenen Personen die Gefahren deutlich zu machen.

 

Häufig genug sitzen diejenigen, denen die Gesamtproblematik zu vermitteln ist, in der Politik und damit beim Staat. Auf den ersten Blick kann es doch eigentlich nicht so schwer sein, bei den Erkenntnissen die gewonnen wurden über die in den Gruppen auf dem Psychomarkt herrschenden Zustände deutlich zu machen, welche Unfreiheit und welches manipulierte Denken bei den verschiedenen Gemeinschaften vorherrscht. Bekannt ist genug. Vorschläge an die Politik gibt es sogar ausformuliert. Für die Bundesrepublik Deutschland in den Handlungsvorschlägen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages. Der Endbericht wird nächstes Jahr 10 Jahre alt und die Vorschläge auch.

 

Auch und gerade bei der nun seit Jahrzehnten andauernden weltweiten Diskussion um die Scientology Organisation sollte man doch annehmen, dass allen einleuchtet, dass der teuer erkaufte Weg zum Operierenden Thetan mit der Vermittlung von intergalaktischen Kriegsschauplätzen zu einer Religionsdiskussion nicht taugt. Aber immer noch scheint es bei aller Kenntnis der Lehre immer wieder zu gelingen, durch die vermeintliche Religionsdiskussion die eigentlichen Ziele zu verschleiern. Woran liegt das? Es liegt auch daran, dass viele sich nicht vorstellen können, dass wirklich das passiert, was in Anweisungen vorgegeben ist.

 

Welche Rolle kommt in der Auseinandersetzung dem Staat zu? Ein nicht zu unterschätzende, wie ich meine. Wesentliche Auseinandersetzungen kann nur der Staat führen. Zum Beispiel das Verfahren, das in Hamburg geführt wurde, ob die Scientology Organisation ein mit Gewinnabsicht arbeitender Gewerbebetrieb ist. Diese gerichtlich geführte Auseinandersetzung geht nur staatlicherseits, denn dieser muss ein Interesse daran haben, wer unter welchem Deckmantel versucht, sich in seinem Gebiet zu bewegen. Dieses Verfahren ist seit 1995 in Deutschland abgeschlossen und geklärt. Ja, sie arbeiten mit Gewinnabsicht – alle die wissen, was intern passiert – wird das nicht überrascht haben, aber vom obersten Verwaltungsgericht festgestellt, ist das doch schon eine andere Sache. Es gibt andere Beispiele von Urteilen weltweit, die den Charakter und die Gefährlichkeit für Mensch und Gesellschaft durch die Scientology Organisation belegen. Unterschätzt wird in der Auseinandersetzung häufig die Fähigkeit der Scientology mit Desinformationskampagnen, Einfluss auch auf politische Diskussionen zu nehmen und Verunsicherung zu erzeugen.

 

 

„Der Krieg ist vorbei“ verkündete Hubbard-Nachfolger und Boss der Organisation David Miscavige Anfang der 90er Jahre. Das Scientology-Volk jubelte, endlich hatte die US-amerikanische Steuerbehörde die Organisation als steuerbefreit anerkannt. Selbstverständlich wurde dieses nicht als Steuerbefreiung von der Organisation benannt, sondern als Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Damit hat dieses Entscheidung allerdings eher wenig zu tun. Als gemeinnützig anerkannt zu werden, ist in den USA eigentlich nicht schwierig, viele – auch gerade sich religiös gebende Gruppen – haben diesen Status. Für Hubbard, seine Nachfolger und damit seine Organisation hat das vergleichsweise lange gedauert. Und diese Entscheidung ist vorläufig ergangen. Von einer endgültigen dauerhaften Steuerbefreiung ist bisher nichts bekannt geworden. Übrigens ist eine Gemeinnützigkeit auch in den USA nicht gleichzusetzen mit einem Anerkenntnis der Inhalt mit einer Religion. Das interessiert die scientologischen Propagandastrategen natürlich nicht und viele übernehmen einfach diese Botschaft und prompt befinden wir uns wieder in einer unnötigen Diskussion. Die staatlichen Stellen in Deutschland haben im Bezug auf Aufklärung über die Gesamtbereich der so genannten Sekten und Psychogruppen auf Neutralität zu achten, allerdings sollen sie auch warnen, dürfen sie, müssen sie, und selbstverständlich sind sie hinsichtlich religiöser Überzeugungen immer neutral. Wie sollte es auch anders sein? In aller Neutralität des Staates gegenüber einer Gemeinschaft, die sich das Mäntelchen des Glaubens an Kämpfe mit Xenu umgehängt hat, ist zur Scientology in Deutschland festgestellt worden, dass es sich um eine Gemeinschaft handelt, die gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland arbeitet. Es handelt sich um eine neue Form des politischen Extremismus, haben die Innenminister der Bundesländer und des Bundes 1997 festgestellt. Eine verfassungsfeindliche Organisation. Auch diese Feststellung kann in der Klarheit nur vom Staat ausgesprochen werden und dieser hat dann auch die Instrumente, sich mit Verfassungsfeinden zu beschäftigen. Die Landesämter für Verfassungsschutz und das Bundesamt. Das Verfahren, das die Scientology Organisation gegen die Beobachtung des Bundesamtes eingeleitet hat, ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber das Urteil des Verwaltungsgerichtes Köln der Ersten Instanz spricht eine eindeutige Sprache:

 

Zitat: „Die durch die von Scientology selbst geäußerten Zielvorstellungen und durch die Texte 15 bis 20 deutlich gegebenen tatsächlichen Hinweise darauf, dass die Kläger (die Scientology, U.C.) Bestrebungen verfolgen, die darauf gerichtet sind, die Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG), das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art 2 Ans 2 GG), das Recht auf Gleichbehandlung (Art 3) zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen, werden durch weitere Äußerungen bestätigt. So ist es für verfassungsfeindliche Personenzusammenschlüsse bezeichnend, dass sie ihre Gegner verunglimpfen und verleumden und ihnen damit implizit die Menschenwürde absprechen“.

 

Vielen der heute hier Anwesenden ist genau das passiert und es passiert ihnen bis heute, sie werden verleumdet, verunglimpft und ihre Menschenwürde wird ihnen genommen. Dagegen vorzugehen ist im besonderen Maße Aufgabe von staatlichen Institutionen. Und dieses nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland. Die Forderung der FECRIS, auch in den europäischen Institutionen sich ernsthaft der Gesamtproblematik anzunehmen, wird am Beispiel des Charakters der Scientology Organisation besonders deutlich. Hoffen wir alle, dass auch dieser Kongress in Hamburg wieder ein Schritt in diese Richtung ist.

 

(Die folgenden beiden Zusammenfassungen entstammen einer Mitschrift.)

 

Chuck Beatty, ehemaliger amerikanischer Scientologe, der 7 Jahre in deren Straflager in Los Angeles verbrachte, dankte Frankreich und Belgien für ihre „ausgezeichnete Arbeit“ (Debatten über Kinder in Sekten, parlamentarische Initiativen, Gesetzesvoten). Er betrachtete es als skandalös, dass die Empfehlungen der Enquete-Kommission des deutschen Bundestags zehn Jahre lang ohne Folgen blieben. Da er sich Insider-Kenntnisse der internen Schriften von Scientology angeeignet hat, ist er bereit zu informieren und Zeugnis abzulegen.

 

Wilfried Handl, ehemaliger Scientologe, bestätigte, dass man von innen her nicht erkennen konnte, was Scientology, für die der Zweck die Mittel heiligt, in Wirklichkeit ist. An diesem Morgen verteilten Scientologen beim Eingangstor des Gebäudes Flugzettel über ihn und Frau Caberta, während sie die Teilnehmer der Konferenz filmten.

 

Er empfiehlt, dass die folgenden scientologischen Praktiken unbedingt verboten werden sollten: