Gunther Klosinski, Universitätsprofessor, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter mit Poliklinik der Universität Tübingen
Vom Missbrauch imaginativer Psychotherapie-Techniken in Psychokulten
- von der Evidenzerfahrung, "world-saviour" zu sein
Einleitung:
„Selbstmord-Trip nach Teneriffa“: so betitelte das Magazin „Der Spiegel“ sein Cover der 3. Ausgabe des Jahres 1998. In diesem Titelbereich über die Hamburger Psychologin Heide Fittkau-Garthe heißt es u. a.: „Mit dem Großeinsatz, bei dem 14 Frauen, 13 Männer und 5 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren vorübergehend in Obhut genommen wurden, haben sie, so die spanische Polizei, einen Massenselbstmord verhindert. Die Deutschen hätten sich noch in der Nacht auf dem höchsten Berg der Insel, dem 3716 m hohen Teide, mit Gift das Leben nehmen wollen. Die Sekte sei eine Abspaltung vom „Holistischen Zentrum Isis“, benannt nach der Ägyptischen Mond-Göttin. Die 56-jährige Chefin habe die Mitglieder glauben gemacht, dass ein Raumschiff auf dem Schnee bedeckten Gipfel landen und alle nach dem Tod in eine andere Welt bringen werde. Auch das Ziel der Reise war bekannt – der 8,7 Lichtjahre entfernte Sirius.“
Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, ausführlich mit zwei Betroffenen dieses Psychokultes sprechen zu können. Ich werde in meinem Vortrag auf entscheidende psychotherapeutische Techniken eingehen, die von Frau Fittkau-Garthe angewandt wurden und die zu einer eigenartigen „Hörigkeit und Evidenzerfahrung“ bei den Betroffenen geführt hatten. Dabei werde ich eine Brücke schlagen zu einem weiteren Psychokult, zu den „Freunden des Wassermannzeitalters e. V.“. Auch bei dieser Psychogruppe, die von einem Geistheilerehepaar (Axel und Ursula Philippi) geleitet wurde, hatte ich Gelegenheit, einen Betroffenen ausführlich über das Innenleben dieser Gruppe befragen zu können. Dabei war das Interessante, dass sich diese Gruppe fast identischer Psychotechniken bediente wie Frau Fittkau-Garthe mit entsprechenden negativen Auswirkungen.
Bevor ich auf die Psychotechniken beider ehemaliger Kulte eingehe, möchte ich kurze Anmerkungen genereller Art zum Innenleben von Psychokulten und der religiösen Konversion machen:
1. Psychokulte: Wie funktioniert die Gemeinschaft und was sind die Mechanismen religiöser Konversion in solchen Bewegungen?
Steht bei der Sekte der religiöse Bezug noch erkennbar im Vordergrund, so ist ein solcher bei den Psychokulten nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Zum Bereich der Psychokulte zählt man heute Bewegungen und Gruppierungen, die mit messianischem Eifer Weltanschauungen und -deutungen mit Heilsanspruch vertreten und dabei Psychotechniken unterschiedlichster Herkunft gebrauchen. Zum Kult werden sie immer dann, wenn sie sich abschotten, rigoristische Praktiken und Verhaltensnormen den Anhängern aufzwingen. Fließende Übergänge hin zu okkulten Zirkeln und einseitigen psychologischen Schulen (mit Weltverbesserungsanspruch) lassen klare Abgrenzungen mitunter schwierig erscheinen.
Die Bezeichnung „Kult“ bezieht sich auf Gruppen mit einer autoritären Struktur, in denen die Macht des Führers und der Führerin nicht durch (heilige) Schriften, Traditionen oder eine andere „höhere“ Autorität beschnitten wird. Der Führer (der gewöhnlich auch der Gründer ist) ist nicht nur Interpret, sondern auch Schöpfer der Wahrheit und kann daher frei bestimmen, was er für richtig hält. Die Religionen bieten auch Kulte Sinn, Ziele, Identität und Gemeinschaft. Aber das Gefühl der Einheit ist in den Kulten intensiver, da ihre innere Geschlossenheit darauf beruht, die Reinheit der Gruppe gegenüber Außenstehenden zu schützen (vgl. Rohmann, 2000).
Neben den gut organisierten religiösen Sekten und Psychokulten gibt es einen breit gefächerten Markt an neuen alternativen Heils- und Heilungsrichtungen, wobei Aberglauben, Astrologie und eine Vielzahl von magisch-mystischen „Methoden“ (z. B. „Tarot“, „Aura-Lesen“, „Chiromantie“, „Runenlegen“, „Lichtarbeit“ und „Enneagramm“, um nur einige der wichtigsten zu nennen) in der Esoterik-Szene angeboten werden.
Ein Markenzeichen eines Psychokultes ist das „Ungeheuer an Absolutheit“, das sich auch in religiösen Sekten und fundamentalistischen religiösen Gruppierungen findet, das aber im Psychokult eine besondere Dynamik entwickelt: Diese Absolutheit schlägt sich nieder in der absoluten Bindung, in einer ungleich gewichteten Rollenverteilung (Psychokultführer auf der einen Seite und Anhänger auf der anderen Seite), sowie im Ausbau einer gemeinsamen, unumstößlichen Wirklichkeit. Psychokultmitglieder fühlen sich auserwählt, hervorgehoben und gerettet. Diese „Rettung“ bezieht sich auf eine Katastrophe, die alle Nichtkultmitglieder trifft (Strafe Gottes, Weltuntergang etc.) oder noch treffen wird. Das Gefühl des Auserwähltseins führt bei den nicht zum Psychokult gehörenden Menschen zu einer Neidproblematik und zur Überzeugung, die Kultmitglieder seien von Hybris gekennzeichnet, seien deswegen abzulehnen oder gar zu verfolgen. Diese Marginalisierung führt zu einem noch engeren Gruppenzusammenhalt unter den Psychokultmitgliedern und zu einer Bestätigung ihres Feindbildes: das Heil liegt in der Gruppe, das Unheil in der Außenwelt. Damit gehorcht aber jeder Psychokult einem gruppendynamischen Prozess und Gesetz: indem es gelingt, Aggressionen nach außen in die Umwelt zu projizieren, wird eine relativ harmonische Gemeinschaft in der Gruppe damit erst möglich.
Die in der Literatur beschriebenen Erklärungsmodelle religiöser Konversion zu Sekten und Psychokulten lassen sich auf folgende 6 Thesen reduzieren (Klosinski, 1985):
Es wird davon ausgegangen, dass
1. als prädisponierende Faktoren häufig psychische Konfliktsituationen (Identitätskrisen, Stress etc) vorliegen, die durch den Prozess der Konversion - plötzlich oder langsam - eine gewisse Lösung erfahren;
2. bestehende persönliche Beziehungen oder der Aufbau emotionaler Bindungen zu Kultmitgliedern eine wesentliche Rolle spielen, sei es für die Motivation zur Konversion oder für den eigentlichen Konversionsprozess;
3. Konversion psychodynamisch eine Regression bedeutet, die in eine Abhängigkeit führt oder eine Progression, die einer Stabilisierung und Integration gleichkommt;
4. ein Retter (Guru, Führer), ein rettendes Prinzip (Programm) und eine gerettete Familie (Mitglieder der Bewegung) Faktoren darstellen, die in einer Psychokult-Bewegungen zu finden sind und denen ausschlaggebende Bedeutung für die Konversion zukommt.
5. Spezifische „Angebote“ seitens der Kult-Bewegung ziehen „passende“ Persönlichkeitstypen bei potenziellen Konvertiten an. Dies bedeutet, dass die jeweiligen Persönlichkeitsvariablen und die Art des psychischen Konfliktes dazu führen, dass die jeweils spezifische Bewegung ausgewählt oder gefunden wird;
6. für die Konversion das Erleben von außergewöhnlichen (mystischen) oder „dissoziativen“ Zuständen oft entscheidend ist und mit der Konversionserfahrung zusammenfallen kann oder dass das Erlebnis als Beweis der stattgefundenen Konversion gedeutet wird. Konversionserlebnis wäre damit Evidenzerfahrung.
2. Heide Fittkau-Garthe und ihr „Trainingszentrum zur Freisetzung der Atma-Energie“
Frau Fittkau-Garthe hatte sich in den 70er Jahren als Unternehmensberaterin und Management-Trainerin einen Namen gemacht. Sie hatte sich der indischen Brahma-Kumaris (Töchter Brahmas)-Sekte angeschlossen, brach 1990 mit dem Sektengründer Baba und erklärte sich selbst zur Muttergöttin und Inkarnation Krishnas. Als sie verhaftet wurde war sie 56 Jahre alt. Frau Maier (anonymisiert) gab eine Woche nach ihrer Festnahme gegenüber der Polizei u.a. an:
„Heide Fittkau sagte uns, am 08.01.1998 findet der Erdachsensprung statt. Es war geplant, dass wir mit den uns zur Verfügung stehenden Autos sowie einem oder zwei angemieteten Autos auf den Teide fahren würden. Dort würden wir um 20 Uhr von Freunden vom Planeten Himmel mit einem Space-Shuttle abgeholt werden. Wir brauchten nichts mitzunehmen. Wir hätten dann in unseren Körpern auf dem Planeten Himmel, der wohl paradiesisch sein muss, sowie auf Teneriffa, weitergelebt. Frau Fittkau erklärte, die gesamte Erdbevölkerung, die zurückgeblieben wäre, hätte beim Erdachsensprung ihre Körper verlassen, die Seelen wären zum Planeten der Subtilen geflogen und hätten dort mit dem Lichtkleid gelebt. .. Ich bin davon ausgegangen, dass ich am 08.01.1998 um 20 Uhr das Space-Shuttle betrete und zum Planeten Himmel fliege. Ich habe, wie die anderen auch, daran geglaubt. .. Bevor Heide Fittkau mit der Polizei mitgehen musste, hat sie uns gesagt, wir sollten nicht sagen, dass sie Gott Aida ist, dass der Space-Shuttle kommt und, dass wir auf den Teide gehen werden. Niemand von uns hat die Wahrheit gesagt, auch ich nicht. ..“
Wie war es möglich, dass Frau Maier in diese Abhängigkeit hineingeriet? Sie hatte eine Ehe hinter sich, befand sich zum Zeitpunkt des Erstkontaktes mit Frau Fittkau-Garthe nicht mehr in einer eigentlichen Krisensituation, sondern ging davon aus, dass sie beim Erstseminar an einem Bewusstseinstraining teilnahm, bei dem es um die Fähigkeit ging, „liebevoll mit sich und anderen umzugehen“. Im Rückblick glaubte sie, in Heide Fittkau-Garthe eine gütige Mutter gesucht und dann auch gefunden zu haben. Sie bekam das Gefühl in den Seminaren, etwas Besonderes zu sein, einen Auftrag bekommen zu haben, um Großes verrichten zu können. Frau Maier wurde in eine so genannte „Energiearbeit“ eingeführt und es wurde ihr mitgeteilt, dass sie in einem früheren Leben die Geliebte ihres Vaters gewesen sei, dass der Vater sich im jetzigen Leben daran erinnert habe und deswegen mit ihr sexuell gespielt habe (Frau Maier hatte in einer Rebirthing-Sitzung das innere Bild vor Augen gehabt, dass der Vater ihr einen Penis in den Mund geschoben habe). Es sei dann die „Inkarnationsarbeit und die Energiearbeit“ in der Gruppe losgegangen: Man habe in Inkarnationen „reingehen“ müssen: Gruppenmitglieder hätten ein Stichwort von Heide bekommen, z. B. Türkei. Heide habe vorgegeben: „Ich, Heide, war dort Fürst und Du, Frau Maier, warst meine Frau.“ Man habe sich danach jeweils in ein Zimmer begeben, um mit geschlossenen Augen dann „anzuschauen“, was „gekommen“ sei. Dies habe man dann aufgeschrieben und alle, die im Seminar waren, seien eigenartig miteinander über diese Bilder „verkettet“ gewesen. Es sei dann darum gegangen, Bilder, die man innerlich gesehen habe, „aufzulösen“, d. h. man sollte einen Konflikt lösen und sich gegenseitig verzeihen.
Was war geschehen: Im Sinne des katathymen Bilderlebens bzw. des autogenen Trainings und einer Ruhehypnose haben alle Mitglieder durch Frau Fittkau-Garthe das innere Bildern, eine innere Bilderschau, erlernt. Letzten Endes sei es darum gegangen, das Karma der Welt zu verbessern durch Aufarbeitung der Weltgeschichte: Heide habe mitgeteilt, die jetzige Verstrickung der Welt sei dadurch entstanden, dass Führerpersönlichkeiten in ihren Beziehungen zueinander versagt hätten. Sie als Göttin und die mitwissenden Gruppenanhänger hätten nun die Aufgabe, das Weltenkarma zu verbessern, indem sie missglückte Beziehungsgeschichten der großen Menschen in der Vergangenheit nochmals durchleben und besser bewältigen, um damit das Welten-Karma zu reinigen. Hierdurch könnte dann die Welt erlöst werden.
Es handelt sich dabei um die „Technik des inneren Bilderns“, die durch Meditationsformen oder durch Ruhehypnose hergestellt wird: durch entsprechende suggestive themenzentrierte Vorgabe wurden bei den Mitgliedern im Sinne einer katathymen Tagtraumtechnik innere Bilder und Szenen produziert, gleichsam induziert, die dann als Bestätigung von Seiten der Meditierenden gewertet wurden im Sinne von Evidenzerfahrungen. Diese inneren Bilder wurden als Beweis dafür gewertet, dass Frau Fittkau-Garthe „göttliche“ Kräfte und Fähigkeiten aufweist. Es kam bei den Betroffenen zu einer narzisstischen Aufblähung ihres Größenselbst, das zu Überlegenheitsgefühlen gegenüber anderen führte und sie an die Gruppe und an Frau Fittkau-Garthe mehr und mehr band.
Frau Maier hatte folgendes Zertifikat von Frau Dr. Fittkau-Garthe erhalten:
„Frau Maier hat von ... bis ... durch zahlreiche Seminare für Bewusstseins-, Kommunikations- und Führungstraining, sowie Selbststudium und praktische Anwendung erlernt, das Wissen zur Freisetzung von Atma-Energie zu vermitteln. Sie hat die Bedeutung der inneren Führung durch die reine Atma-Energie verstanden, die freigesetzt alle Systeme heilt, wie Bewusstsein, Körper, Beziehungen, Wirtschaft und Politik. Mit großer Hingabe und Entschlossenheit gibt sie Kooperation allen Menschen weltweit, mit der Einstellung: Jeder hat einen Kern reiner Atma-Energie. Die erste Stufe der Ausbildung zur Freisetzung von Atma-Energie ist damit abgeschlossen. Hamburg ... Unterschrift“.
Um die Gruppenmitglieder an sich zu binden und um eine Trennung von der früheren Sozialisation vorzunehmen bekamen die Mitglieder neue Namen. Ihnen wurde mitgeteilt, es seien Namen, die die Betreffenden im Himmel hätten. Frau Fittkau-Garthe wollte offenbar auch, dass sie als Gott und als Mutter anerkannt wird: Alle mussten einen individuellen „Herzensschlüssel“ schreiben, der gleichzeitig Auftrag für die neue Welt gewesen sei.
Frau Maier schrieb folgenden „Herzensschlüssel“ für ihre Göttin Heide:
„Ich kehre in den Schoß der Mutter zurück, in die Quelle der Liebe und des Lebens: Heide... Fittkau-Garthe. Ich bin bereit zu sterben, dieses Körperkleid zu verlassen, um subtil der ganzen Welt zu dienen. Ich lasse jetzt alles los!
1. Mit deiner Liebe in meinem Herzen kehre ich in deinen Schoß der Liebe zurück. So sterbe ich von der dunklen Welt und bringe mit dir die Welt der Liebe zurück auf diesen Planeten Erde.
2. Ich bin ewig eins mit dir in mir und frei von jedem Wunsch im Sein.
3. Ich bin im Fluss der Liebe, vereint für immer mit dir.
4. Ich bin das Instrument, die Herzen aller Kinder mit dir wieder zu vereinen.
5. Wir sind alle eins im Ozean der Liebe. Wir sind vereint als eine Liebes-Energie.
6. Wir sind eins, wie eine Seele verschmolzen und auch zwei, in einer Liebe aufgegangen. Ich bin dein wahrer Spiegel.
7. Deine Liebe lebt mich. Erfüllt von deiner Liebe öffnet sich mein Herz, damit ich mit dem Funken der Liebe wieder alle Herzen berühren kann. So zünde ich mit dir das Feuer der Liebe in allen Herzen an. Ich lebe und liebe durch dich, und erstrahle wie eine Sonne. Ich bin ein Ozean an Liebe und Kraft durch dich.“
Es war zu einer ausgeprägten Abhängigkeit gekommen, die soweit ging, dass Frau Maier auf Geheiß von Frau Fittkau-Garthe mit einem Mitglied der Gruppe Sexualverkehr hatte, um „eine afrikanische Szene aus der Vergangenheit“ aufzulösen. Frau Maier, die sich von ihrer leiblichen Mutter nie angenommen gefühlt hatte, wurde durch ihren „Herzensschlüssel“, d. h. durch eine Art Liebeserklärung an Frau Fittkau-Garthe, an diese gebunden. Es hatte sich eine „Folie-en-Groupe“ herausgebildet.
3. Aufbau und Struktur des Vereins „Freunde des Wassermannzeitalters“, angewandte Methoden und Zielsetzungen:
Herr Müller (anonymisiert) war in diese Gruppe eingetreten und dort als Medium „tätig“, hatte eine Firma gegründet und erhebliche finanzielle Schulden gemacht. Nachdem er aus der Bewegung ausgestiegen war, machte er geltend, dass er wegen Geschäftsunfähigkeit nicht verantwortlich gewesen sei für seine finanziellen Machenschaften, die zum finanziellen Ruin führten.
Zunächst einige Anmerkungen zum Aufbau und zur Struktur des Vereins „Freunde des Wassermannzeitalters“:
Diese Bewegung wurde von Ursula und Axel Philippi in den 80er Jahren gegründet. Anfangs war es ein Gesprächskreis, der sich über Sinn und Ziel des menschlichen Lebens austauschte. Sie hatte Heilpraktikerin gelernt, er war bei der TM (Transzendentale Meditation). Ab Mitte der 80er Jahre arbeitete Herr Philippi als spiritueller Heiler in einer Heilpraktikerpraxis, wurde Mitbegründer eines internationalen Heilerkreises, initiierte und bildete andere zu Geistheilern aus. 1988 erwarb die Gemeinschaft im „Niemandsland“ zwischen Güdingen und Grosbliederstroff eine alte Villa (ehemaliges Bordell). Der Verein, der in den ersten Jahren in Deutschland auf 30 bis 50 anwuchs, renovierte in Eigenarbeit dieses erworbene Haus, das zum Hauptsitz des Vereins wurde. Die Gemeinschaft, die autoritär von Herrn und Frau Philippi geführt wurde, spaltete sich 1996, nachdem sich das Ehepaar trennte. Ein Teil verblieb im erworbenen „Wassermannhaus“, wobei Frau Philippi eine Restgruppe von ca. 20 Personen weiterleitete. Herr Philippi hatte sich in einen anderen Ort begeben, wo er als esoterischer Lehrer und spiritueller Initiator und Geistheiler tätig ist.
Die Großgruppe war streng hierarchisch gegliedert: Herr und Frau Philippi gaben sich als göttliche Inkarnation aus, gleichsam ein göttliches Elternpaar. Hinzu kam im Sinne einer christlichen Dreieinigkeit die Stimme Gottvaters (oder des Heiligen Geistes). Diese Position übernahm dann Herr Müller für viele Jahre als so genanntes „Haupt-Medium“. Um dieses überhöhte und idealisierte, vergöttlichte Elternehepaar gruppierte sich ein so genannter 24er-Kreis: 12 Männer und 12 Frauen, die alle vom Ehepaar Philippi als Geistheiler ausgebildet worden waren. Dieser 24er-Kreis war aus der Sicht der Betroffenen eine Elite, jeder „Medaillonträger“ und ganz besonders im Energiefeld des göttlichen Elternpaares. Zwischen dem Ehepaar Philippi und allen anderen Gruppenmitgliedern des Vereins waren 7 Personen als Gruppenführer eingebaut, als „Administrative“. Diese Gruppenführer hatten zur Aufgabe, Befehle und Botschaften, die vom Zentrum kamen, sei es von Axel oder Ursula, sei es von der Stimme Gottes (von Herrn Müller) umzusetzen. Anfang der 90er Jahre gab es etwa 200 Mitglieder sowie in Südamerika ca. 100 bis 150, die auf die Länder Peru, Kolumbien und Bolivien verteilt waren. Zwei kleinere Gruppen von jeweils 10 Mitgliedern hatten sich in Zürich und Nordamerika gebildet.
Ziele und Weltanschauung der Freunde des Wassermannzeitalters:
Man lebte in der Gruppe in einer Endzeitstimmung, glaubte, dass die Apokalypse nahe bevorstand und, dass sich Gott-Vater in Form einer Reinkarnation in Ursula und Axel Philippi wieder auf die Welt begeben habe, um die Menschheit zu erretten. Deswegen kam es zur Entwicklung der Vorstellung, Axel und Ursula müssten umgebracht werden und nach drei Tagen wiederauferstehen, um damit gegenüber aller Welt den Beweis anzutreten, dass sie tatsächlich die Inkarnation des Göttlichen sind, dass ein christlicher Gottesstaat fortan aufgebaut werden könne nach der eingetretenen Apokalypse. Die Gruppenmitglieder als Eingeweihte, Initiierte und Gewandelte würden das Inferno überleben. Äußere, weltpolitisch bedrohliche Situationen, wie der Golfkrieg, wurden als Beweis dafür angesehen, dass das Ende der Welt nahe bevorstand. Wieweit sich diese Vorstellungen der betreffenden Mitglieder bemächtigte, zeigte sich auch darin, dass Pläne erarbeitet wurden, eine Zeltstadt um das Wassermannhaus aufzubauen, um Vorräte zu horten in Erwartung der Apokalypse. Die Ideologie der Gruppe wies Ähnlichkeiten mit der transzendentalen Meditation auf: So wurde bei der Initiation durch Axel und Ursula jedem Mitglied ein „Seelennamen“ gegeben, eine Art „Mantrum“, so, wie dies bei der TM ebenfalls der Fall ist. Axel und Ursula Philippi bestimmten bei jedem Mitglied einer Gruppe im Rahmen einer so genannten Reinkarnationstherapie das individuelle Inkarnationsthema, an dem gearbeitet werden musste, um auch tatsächlich zu den Erretteten zu gehören (Inkarnationsziel und Inkarnationsaufgabe). Da das Ehepaar als unangefochtene Guru-Persönlichkeiten bzw. Gottes-Inkarnationen auftraten und anerkannt waren, entstand eine jeweils individuelle Bindung der Mitglieder an diese „Führer“. Über ein Medaillon, das jedes Mitglied vom Ehepaar erhielt, kam es zu einem direkten Energieaustausch und Übersprung der Energie vom Führer auf den Adepten, zum so genannten „Channeling“ (entspricht dem „Darshan“ der ehemaligen Sanyasin-Bewegung). Damit wurde jedes Mitglied und insbesondere die Medaillonträger zu Personen mit übernatürlichen Kräften, sie wurden kleine Gurus und Retter der Menschheit. Allerdings bestimmten Axel und Ursula Philippi immer wieder, inwieweit ihre Inkarnationsziele bei den Betreffenden erreicht waren, d. h. sie beurteilten und taxierten die Mitglieder ein, verteilten Noten in Form von Punkten für besonderes Bewusstsein (6000 Punkte entsprachen dem „Jesus-Bewusstsein“).
Axel und Ursula Philippi hatten alle Mitglieder therapiert, sowohl vor, als auch nach der Initiation. Die Teilnehmer mussten 60.- DM pro Stunde hierfür bezahlen. Diese Sitzungen erfolgten einzeln und getrennt, d. h. einmal bei Axel und einmal bei Ursula. Jeder habe sein Inkarnationsthema bekommen für die Entspannung und die Meditation. Bei diesen Reinkarnationstherapien habe man in Frauen- und Männerrollen schlüpfen müssen (in der Phantasie) und Axel habe sexuelle Begegnungen induziert, habe die Frauen dann sexuell angestachelt und auch „Hand angelegt“.
Es wurde deutlich, dass das Guru-Ehepaar sich der themenzentrierten Tagtraumtechnik bediente und hierdurch bei den Mitgliedern des Psychokultes tiefe Evidenzerlebnisse vor und bei der jeweiligen Initiation auslösten, so dass diese sich als Retter der Welt empfanden.
Wie war Herr Müller in diese Gruppe gelangt: Er war beruflich und in seiner Ehe gescheitert, war geschieden und wendete sich in dieser Krise an Frau Philippi, die ihm als Heilpraktikerin empfohlen worden war. Frau Philippi gab vor, sein Schicksal zu kennen und erklärte dies auch mit karmischen Gründen, die vorlägen. Er fühlte sich von ihr angenommen, sie strahlte Wärme und Mütterlichkeit aus, Gefühle, die er bislang so nicht kannte. Er wuchs zunehmend in die Gemeinschaft der Freunde des Wassermannzeitalters, die sich aus seiner Sicht als Familie verstand, in welcher jeder seinen festen Platz hatte. Er empfand, dass sich sein ursprüngliches Weltbild löste und durch die Gruppenphilosophie ersetzt wurde. Das Gute sei innerhalb der Gemeinschaft zu finden gewesen, das Äußere hingegen schlecht, verdorben und bedurfte wieder ins Licht geführt zu werden. Durch diese Reinkarnationstherapie, so empfand es Herr Müller, sei die Begründung im früheren Leben gesucht und gefunden worden, Geistbotschaften durch mediale Stimmen hätten das gesagt und untermauert. Herrn Müller gelang es mittels seiner Fähigkeit, als Medium aufzutreten, zum unverzichtbaren engsten Kreis der Gruppe zu gehören, dadurch, dass er in einem tranceartigen Zustand als Medium die Stimme Gottes, die Stimme des Vaters, verkörperte: Er wurde zum Hauptmedium und hatte dadurch Axel und Ursula Philippi „entlastet“, die früher selbst über mediale Botschaften die Gruppe mitbeeinflussten. Damit verschmolz er gleichsam eine Zeitlang in seiner Funktion als Hauptmedium mit dem überhöhten „Gottes-Ehepaar“, fühlte sich wohl auch von diesem herausgehoben aus der Gruppe, war besonders anerkannt und geachtet (aus seiner Biographie war zu entnehmen, dass genau diese Punkte bei ihm früher nicht der Fall waren). Diese Situation hatte sein Selbstwertgefühl deutlich gestärkt und es kam zu einer Aufblähung seines Größenselbst und einer Expansion seiner narzisstischen Größenfantasien: Er hatte die Fähigkeit, Geistheiler auszubilden, konnte über das Channeling seine übernatürliche Kraft und Fähigkeit an andere weitergeben, war zum erfolgreichen Geistheiler avanciert.
Diskussion und Ausblick:
Sowohl Frau Fittkau-Garthe als auch das Ehepaar Philippi wandten Meditationstechniken an, die man als themenzentrierte Tagtraumtechnik oder geführte Tagtraumtechnik (katathymes Bilderleben) in der Psychiatrie/Psychotherapie kennt. Es handelt sich um eine Technik, bei der es in einer leichten Ruhehypnose und Entspannung durch Induktion des „Therapeuten“ zu „Innerem Bildern“ kommt, vom Therapeuten induziert, angestoßen bzw. vorgegeben. Hier besteht die Möglichkeit der manipulativen Einflussnahme: Derjenige, der die Ruhehypnose induziert und die Technik vorgibt, kann wie ein Hypnotiseur den Meditierenden zu ganz bestimmten Bildern hinführen.
Ein Rückblick in die Medizingeschichte zeigt auch, dass der Begriff des „Mental-Imagery“ schon 1889 von Galton entwickelt wurde, um diese Bilderschaufähigkeit therapeutisch zu nutzen. „Außer-waches-Bilderleben“ wurde als Psychotherapiemethode im deutschen Sprachbereich vor allem durch C.G. Jung (1971) mit seiner „aktiven Imagination“ angewandt, ferner durch Ernst Kretschmer (1950) im „Bilderstreifendenken“ und durch H. Leuner (1970), der das so genannte katathyme Bilderleben entwickelte. Auch die Oberstufe des autogenen Trainings von I. H. Schultz (1966) kennt das „Bildern“ im hypnoiden Zustand und setzt es therapeutisch ein.
Bei Herrn Müller lag eine abhängige Persönlichkeitsstörung vor mit histrionischen Zügen, der sich immer wieder in der Vergangenheit in einen dissoziativen Medium-Zustand bringen konnte und dann die Vorstellung entwickelte, aus ihm spreche Gott-Vater.
Frau Maier fühlte sich durch ihren „Herzensschlüssel“ unmittelbar an die Energie der Muttergöttin Fittkau-Garthe angeschlossen und entwickelte ebenfalls ein fantastisches Größenselbst, das schließlich in einen Art Gruppenwahn („folie en groupe“) einmündete.
In beiden Gruppen war ferner eine Besonderheit, dass sich jedes Mitglied, das initiiert war, als „World-Saviour“ empfand, d. h. man gehörte zur Elite, zum engsten Kreis der Auserwählten und würde selbst nach der Apokalypse mit der Göttin oder dem göttlichen Paar vereint überleben bzw. weiterleben!
Heide Fittkau-Garthe und das Ehepaar Philippi hatten damit das katathyme Bilderleben für ihre Zwecke im Sinne eines „Spiritual-Abuse“ missbraucht.
Prof. Dr. med. Gunther Klosinski, Osianderstr. 14, 72076 Tübingen
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e-mail: gunther.klosinski@med.uni-tuebingen.de
Literatur:
Galton, F. (1889). Inquieries into human faculty and its development. New York: Dutton, 1907.
Jung, C. G. (1971). Gesammelte Werke. Walter, Olten.
Klosinski, G. (1985). Warum Bhagwan? Auf der Suche nach Heimat, Geborgenheit und Liebe. Kösel, München.
Kretschmer, E. (1950). Medizinische Psychologie. Thieme, 10. Auflage, Stuttgart.
Leuner, H. (1970). Katathymes Bilderleben. Thieme, Stuttgart.
Rohmann, D. (2000). Ein Kult für alle Fälle – eine empirische Studie zum Thema „Mögliche Prädisposition einer Sekten-, Kult-Gemeinschaft“. Edition Soziothek, Bern.
Schultz, I. H. (1966). Das autogene Training. Thieme, Stuttgart, 13. Auflage.