SEKTEN QUER DURCH EUROPA – vom Dritten Reich bis heute

 Friedrich Griess, Österreich

Vorsitzender der FECRIS

  

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

 

Als 1945 der Krieg zu Ende war und das Nazireich zusammenbrach, war ich 13 Jahre alt. Während der Nazizeit musste ich an Treffen dessen teilnehmen, was damals die „Pimpfe“ genannt wurde, um nicht in den Augen der damaligen Behörden auffällig zu werden. Ich erinnere mich vor allem an drei Dinge, die wir dort lernten: 1.) Das Denken überlassen wir den Pferden, denn die haben die größeren Köpfe, 2.) Wir sind die Elite der Welt und alle anderen sind minderwertig, 3) Die uns kritisieren, sind Feinde, die wir vernichten müssen. 

 

Im Jahre 1983 schloss sich unglücklicherweise eines meiner vier Kinder einer aus Norwegen stammenden Gruppe an, die “Smiths Freunde” genannt wurde. Es stellte sich heraus, dass diese Gruppe totalitär war und ähnliche Ideen wie die Nazis hatte. Ich zitiere einige Verse aus ihrem deutschen Liederbuch:

 

Hass ist vonnöten, ja, der Hass treibt uns voran, Hass gibt mir Sieg im Lebensstreit.

Tod allen Feinden, rücksichtslos schlag' ich zu. In diesem Kampf gibt's keine Ruh

Vernunft, Familienbande mit Macht nun zerbrich!

Nicht länger zählt Vernunft und Form - wir brechen jetzt mit aller Norm.

Vernunft entschieden von dir weis’, komm in den Bruderkreis!

 

In Norwegen sagte einst ein Leiter der Smiths Freunde während einer großen Versammlung, man müsse die Abtrünnigen töten. Bei einer anderen Versammlung sagte ein Jugendleiter, „er würde gerne mit diesen Jugendlichen in Autobussen in der Welt umherfahren und jede einzelne Kirche niederreißen. Und was werden wir dann rufen? Halleluja! Noch einmal: Halleluja!!!”

 

Eine Norwegerin, einige Jahre jünger als ich, erinnert sich noch an die deutsche Invasion während des zweiten Weltkriegs, besonders an die trampelnden Stiefel der deutschen Soldaten. Als dann der Krieg vorüber war und ihre Eltern sich den Smiths Freunden anschlossen, hatte sie den Eindruck, die trampelnden Stiefel seien zurückgekehrt.

 

Es handelt sich also um eine neue Art von Rassismus. „Wir sind die beste Rasse und jeder, der nicht zu uns gehört, ist Mitglied einer minderen Rasse.“ Scientologen träumen davon, dass in einigen Jahren 80% der Menschen Scientologen sein werden; die restlichen 20% sind unheilbar und werden in  Irrenhäuser eingesperrt. Zeugen Jehovas glauben, dass bei der Schlacht von Harmagedon alle jene, de nicht zu ihnen gehören, „vernichtet“ werden. Einerseits ist Rassismus ein Thema, das in allen Komitees behandelt wird, die sich mit Menschenrechten befassen, andererseits scheint sich niemand um diese neue Art von Rassismus zu kümmern.

 

Solches Verhalten versucht sich oft durch die Berufung auf die „Religionsfreiheit“ zu rechtfertigen, und vor solchen Gruppen nur zu warnen  wird als „Diskriminierung einer religiösen Minderheit“ bezeichnet. Ich bin deshalb froh, dass am 29. Juni 2007 die Parlamentarische Versammlung des Europarats die Empfehlung Nr. 1804 annahm, die sich folgendermaßen über Religionsfreiheit äußert:

 

Diese Freiheit ist jedoch nicht unbegrenzt: eine Religion, deren Lehre oder Praxis gegen andere fundamentale Rechte verstößt, wäre nicht akzeptabel. Auf jeden Fall sind die Beschränkungen, die einer solchen Freiheit auferlegt werden können, "durch die Gesetze vorgeschrieben und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig im Interesse der öffentlichen Sicherheit, zum Schutz der öffentlichen Ordnung, Gesundheit und Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer" (Artikel 16). 

 

und weiter:

 

Staaten sollen auch nicht die Verbreitung religiöser Grundsätze erlauben, die, wenn in die Praxis umgesetzt, Menschenrechte verletzen würden.  (Artikel 17)

 

und weiter:

 

Die Äußerungsfreiheit, wie sie durch Artikel 10 der Europäischen Konvention der Menschenrechte geschützt ist, solle nicht weiter begrenzt werden, um den wachsenden Empfindlichkeiten bestimmter religiöser Gruppen zu entsprechen (Artikel 18)

 

während Empfehlung 1805, die am selben Tag angenommen wurde, festlegt, dass

 

“jede demokratische Gesellschaft eine offene Debatte über Angelegenheiten der Religion und des Glaubens gestatten muss” (Artikel 1) und dass „unter der Internationalen Konvention über die Eliminierung jeder Form von Rassendiskriminierung die unterfertigten Parteien verpflichtet sind, jede Form von Diskriminierung zu verurteilen und wirksame Maßnahmen dagegen zu ergreifen“ (Artikel 17)

 

Sekten zeigen ein doppeltes Gesicht: nach außen erscheinen  sie harmlos, nach innen sind sie unterdrückerisch. Wir müssen auf die Opfer hören, um zu verstehen, was die sektiererischen Ziele in Wirklichkeit sind, und dies dann in eine öffentlichen Debatte einbringen. Diese Debatte ist nicht gegen Personen gerichtet, denn diese handeln vielleicht in guter Absicht, und sie ist auch nicht in erster Linie  gegen Gruppen gerichtet, sondern gegen ein unakzeptables Verhalten, das die Menschenrechte verletzt, und besonders die Rechte von Kindern und Jugendlichen, wie es die norwegische Vereinigung Redd Barna, Rettet die Kinder, in einem Dokument erläutert hat, das uns zur Kenntnis gebracht wurde [1].

 

Verbunden unter der Ägide der FECRIS versuchen die Organisationen, den Opfern zu helfen, die Öffentlichkeit zu warnen und die Behörden, Institutionen und Fachleute wie Politiker, Richter, Anwälte, Beamte, Lehrer, Mediziner und Sozialarbeiter zu mobilisieren, damit sie das Problem verstehen. FECRIS versucht diese Tätigkeit zu koordinieren und die gemeinsamen Interessen auf der Ebene der europäischen Behörden und Institutionen zu vertreten.

 

Vor einigen Jahren wurde der Europarat auf dieses Problem aufmerksam. Dahingehende Versuche wurden auch innerhalb der Europäischen Union unternommen, aber schließlich wurde dort beschlossen,  dieses Gebiet den einzelnen Ländern zu überlassen. Das Verhalten der Behörden in diesen Ländern betreffend Sekten ist sehr unterschiedlich. Einige Länder scheinen wirklich begriffen zu habe, was hier vor sich geht. Das gilt besonders für Frankreich und Deutschland, aber auch für die Länder Osteuropas, dies sich noch gut an die Unterdrückung der Menschenrechte in der Zeit des Kommunismus erinnern können, während andere Länder ahnungslos, träge oder sogar zurückhaltend handeln.

 

Ich hoffe, dass Europa immer mehr vereinigt wird, auch in Bezug auf das Verhalten gegenüber destruktiven Sekten.

 

Danke für Ihre Aufmerksamkeit

                          



[1] Ungeachtet des Glaubens, http://griess.st1.at/DOCS-40982-v1-Rapport_Ungeachtet_des_Glaubens.pdf