Jean-Pierre JOUGLA

UNADFI[1]

Beitrag zum Studientag der INGO-Konferenz des Europarats am 28. Juni 2007

 

Die Behandlung der Sektenfrage ruft bei den Verteidigern dieser Bewegungen gewöhnlich leidenschaftliche Reaktionen hervor, die geneigt sind, die religiöse Dimension unter der missbräuchlichen Bezeichnung „Neue religiöse Bewegungen“ oder noch bösartiger unter „Überzeugungsminderheiten“ zu beanspruchen. Ich glaube nicht, dass unser Studientag der Versuchung der systematischen Verwertung durch die sektiererischen Bewegungen bezüglich des immer wiederkehrenden Themas eines Angriffs auf die fundamentalen Freiheiten entgehen wird, dessen Opfer zu sein sie behaupten. Die Überschrift dieses Tages wird daher von den Sekten als Provokation interpretiert werden:

 

« Die sektiererischen Abwege :

eine Herausforderung an die Demokratie und die Menschenrechte »

 

Die Sekten hätten es sicher vorgezogen, dass die INGO-Konferenz ihnen bei ihrer üblichen Umkehrung der Werte gefolgt wäre, die zum Leitmotiv ihres Lobbying wurde, und dass sie die angeblichen Angriffe behandle, welche die nationalen Politiken der Hilfe für Sektenopfer (für Sektenopfer und nicht für Anti-Sektierer) gegen die fundamentalen Freiheiten zu führen beschuldigt werden.

 

Die Sekten instrumentalisieren übrigens in diesem Sinn jährlich verschiedene internationale Institutionen, die mit Unersuchungen über die „Angriffe auf die religiöse Freiheit“ beschäftigt sind, deren Gutgläubigkeit manchmal missbraucht wird.[2].

 

Aber es scheint, dass sich außerhalb der sektiererischen Lobbys immer mehr die Augen öffnen und dass die Leute immer mehr verstehen, dass die heutigen Sekten nichts mit der alten Bedeutung einer religiösen Dissidentenbewegung zu tun haben.

 

Eine der ersten Kritiken, denen ich mich aussetze, meine globale Behandlung des Phänomens für ungültig erklärt zu sehen, ist die einiger, die mir entgegenhalten, man könne nicht eine Sekte wie die andere behandeln und jede habe ihre besonderen Eigenschaften. Ich kenne diese Kritik, die das Ziel hat, jede Reflexion zu verbieten, aber ich halte daran fest, dass es auch sektiererische unveränderliche Grundzüge gibt, von denen aus man eine nützliche Überlegung veranstalten kann.

 

Die heutigen Sekten betonen nicht das Religiöse

 

Die Sekten beanspruchen und instrumentalisieren mit einem gewissen Erfolg diese Verwirrung aus mehreren Gründen:

 

- um eine Art der rechtlichen Immunität unter dem Vorwand der Achtung vor der Überzeugung zur erreichen,

- Steuerbefreiungen zu erlangen, die mit einem religiösen Status verbunden sind,

- sich einer sozialen Anerkennung zu erfreuen,

- der Sekte das religiöse Schema überzustülpen, was sie auszeichnet,

- den Guru als spirituellen Führer zu legitimieren,

- dem Guru das Image eines Wesens zu verleihen, das eines blinden Vertrauens würdig ist,

- die Gewissheit einer altruistischen und mildtätigen Uneigennützigkeit der Sekte einzuführen,

- eine täuschende Konfusion zwischen Religion und Spiritualität einzuführen

 

Weiterhin die Frage der gegenwärtigen Sekten unter dem Blickpunkt des Religiösen zu betrachten, führt dazu, das Wesentliche des Phänomens stillschweigend zu übergehen, das heute die Gebiete der Gesundheit, des Wohlbefindens, der persönlichen Entwicklung, der Psychotherapie, der Weiterbildung in Unternehmen, der Wissenschaft, der Kultur usw. betrifft.

 

Sekte und Religion zu vermischen trägt dazu bei, den Irrtum zu verstärken, hinter den die Sekten sich mit immer mehr Verbissenheit flüchten, dass sie soweit gehen, ihre Anhänger von der Notwendigkeit zu überzeugen, diese Schimäre weiter zu verbreiten und ihr Rückhalt zu geben, indem sie sie zu Kämpfern und Propagandisten ihrer Sache macht.

 

In Wirklichkeit hat dieses Amalgam den Zweck, die Analyse des Wesens des Sektenphänomens zu verhindern, denn das Wesentliche an der Sekte ist die exklusive und totalitäre Idee. Die Religion ist nur eine der Masken unter anderen, die bestimmte Sekten annehmen, um zukünftige Anhänger anzulocken und ihr Vertrauen zu gewinnen.

 

Die Analyse von Max Weber, die noch von manchen benützt wird, und die darin besteht, zu denken, eine Sekte stelle die erste Phase einer Religion dar, ist eine Analyse des 19. Jahrhunderts, welche die totalitäre Erfahrung des 20. Jahrhunderts nicht in Betracht zieht. Ich bin wohl versucht zu sagen, die neuen religiösen Bewegungen seien in Wirklichkeit oft die neuen totalitären Bewegungen.

 

Um die Vorträges dieses Tages einzuleiten, sollte ich zuerst die Begriffe „Sekte“ und „sektiererischer Abweg“ klären.

 

Der Begriff des sektiererischen Abwegs

 

Der Ausdruck „sektiererischer Abweg“, der im Titel der Tagung benützt wird, sollte so verstanden werden, dass er diese neuen Unterstützungen der Vereinnahmung sektiererischer Natur abdeckt, die dem Ausdruck Sekte in ihrer religiösen Auffassung der Vergangenheit nicht entsprechen.

 

Eine Präzision des Vokabulars: Der Begriff „sektiererischer Abweg“ kann selbst einer Missdeutung zum Opfer fallen, in dem Sinn, dass nur die „Abwege der Sekten“, das heißt die normalen strafrechtlich relevanten Taten, derer die Sekten bisweilen angeklagt werden, in Betracht gezogen werden sollen, was nur eine nutzlose Tautologie ist und den Sekten erlaubet, die kleine Zahl der Fälle, in denen sie von Opfern gerichtlich belangt werden, als Beweis für ihre Ungefährlichkeit anzuführen.

 

Im Gegenteil muss der Begriff des sektiererischen Abweges in einem weiteren Sinn verstanden werden, in dem die Ideologien, die Praktiken oder die Techniken, die wesentlich aus einer Inspiration durch New Age stammen, auf Abwege zu einer sektiererischen Form geraten können.

 

Wenn aber der Abweg erwiesen ist, das heißt wenn im Schoße einer Gruppe ein Individuum dem unterworfen wird, der sich selbst zum Leiter ausgerufen hat, durch eine Lehre und die Praktiken, die sich daraus ergeben, dann ist sehr wohl von einer Sekte die Rede und jede beredte Vorsicht wird überflüssig.

 

Ich ziehe es daher vor, eine Katze eine Katze zu nennen!

 

Dennoch unterliege ich in keiner Weise irgendeiner Versuchung, die Freiheit zu bekämpfen, und ich verhalte mich entschlossen nichtideologisch und respektvoll gegenüber Überzeugungen anderer, Überzeugungen, die mich andererseits außerhalb der intellektuellen Analyse, der sie unterzogen werden könnten, nicht interessieren.

 

Seit mehr als dreißig Jahren erfahre ich, höre ich und versuche ich, den Opfern der Sekten zu helfen. Diese Arbeit hat mich gelehrt, sicher mit der nötigen Unterscheidung, einerseits dem Wort des Opfers Wichtigkeit zuzugestehen (was die Sekten einfach leugnen und verbieten wollen, indem sie es als „Wort des Abtrünnigen“ qualifizieren), andererseits mir darüber Rechenschaft zu geben, dass kein ehemaliges Mitglied über Abwege spricht, sondern wesentlich von der vereinnahmenden Beziehung, deren Gegenstand es war.

 

Die Sekten sind heute wesentlich missbrauchende Machtstrukturen, und sie sollten in erster Linie unter diesem Aspekt betrachtet werden, zum alleinigen Zweck, die Anhänger vor den Angriffen auf die individuellen Freiheiten zu schützen, deren Objekt sie im Inneren ihrer Gruppe sind, und zweitens, um vor einer Machtübernahme auf politischer Ebene zu warnen.

 

Um im Rahmen des Titels der Sitzung zu bleiben, spreche ich den Aspekt „Herausforderung an die Menschenrechte“ an, welche die Sekten – oder die sektiererischen Abwege – darstellen, indem ich im Wesentlichen den Prozess der Zerstörung beschreibe, dem die Anhänger in sektiererischer Gruppen durch die Vereinnahmung unterworfen sind. Dann werde ich mich bemühen, den Aspekt „Herausforderung an die Demokratie“ zu erklären.

 

Zwei Seiten also: die eine betrifft das Individuum im Schoß der sektiererischen Gruppe, die andere die sektiererische Gruppe und ihre Praktiken in der Zivilgesellschaft.

 

Die sektiererische Vereinnahmung stellt eine Verletzung der Menschenrechte dar

 

Dieser Begriff der Vereinnahmung wird, wohlverstanden, durch die Sekten in Abrede gestellt und ich möchte ihn in einigen Worten entwickeln.

 

Zwei heutige Definitionen des Sektenbegriffs werden Ihnen eine Vorstellung geben, was dieser Begriff abdeckt.

 


Die Definition der CNCDH (Commission nationale consultative des droits de l’homme - Nationale beratende Kommission für Menschenrechte) qualifiziert sie als „Gruppen, die sich willkürlich ein totalitäres gesellschaftliches Statut geben, und dazu neigen, ihre Mitglieder zu Subjekten außerhalb der Normen und der Gesetze zu machen, und sie hindern, ihre Entscheidungen frei und willkürlich zu treffen“.

 

Eine zweite Definition wird im Artikel 223-15-2 des französischen Strafgesetzes (Loi About-Picard vom Juni 2001) gegeben, das es erlaubt, sich eine genauere Vorstellung zu machen, indem es den Prozess der Unterwerfung erklärt: „Die sektiererische Bewegung ist eine Gruppierung, welche die Menschenrechte und die fundamentalen Freiheiten angreift (das ist der eigentliche Titel des Gesetzes), die Tätigkeiten ausübt, welche das Ziel haben, die psychologische oder physische Unterwerfung von Personen aufrecht zu halten oder auszunützen, die an diesen Tätigkeiten teilnehmen, eine Unterwerfung, die das Ergebnis der Ausübung schweren oder wiederholten Drucks oder von Techniken ist, die geeignet sind, ihr Urteilsvermögen zu verändern, indem sie in betrügerischer Weise ihren Zustand der Unwissenheit oder der Schwäche ausnützen, um diese Personen zu einer Tat oder zur Unterlassung einer Tat zu verleiten, wodurch ihnen schwerer Schaden entsteht. Der Guru ist der tatsächliche oder von Rechts wegen der Leiter dieser Gruppierung, “

 

 

Diese beiden Definitionen helfen zu verstehen, warum die sektiererische Gruppe heute nicht mehr ausgehend von einer religiösen Dimension definiert werden kann, wenn auch diese letzter ihr gelegentlich als Schaufenster dient.

 

Wenn man einer Besorgnis des Europarats folgt, der meint, die Sekten seien „Organismen, welche in einem Maß ungesetzliche Tätigkeiten ausführen können, das es verdient, dass man sich auf der Ebene der Organisation der öffentlichen Gewalten und der politischen Orientierung der auszuführenden Aktionen damit beschäftigt, um vorzubeugen und zu bestrafen“, dann haben die beiden Definitionen, an die ich erinnere, das Verdienst, den klassischen Übertretungen (physische Gewalt und Angriffe gegen Güter) die Idee hinzuzufügen, dass die ungesetzliche Tätigkeit von Sekten auch in der Freiheitsberaubung der unterworfenen Person besteht. Aber diese Definitionen berücksichtigen nicht die „Herauforderung an die Demokratie“, ohne zu bedenken, dass die Demokratie keine unmittelbare Gegebenheit ist, sondern täglich von Seiten der Individuen erstellt und andererseits von den Sekten zersetzt wird.

 

Die Besonderheit des sektiererischen Zum-Opfer-Machens (victimisation).

 

Ein Wort über die Besonderheit des Zum-Opfer-Machens durch Sekten und „sektiererische Abwege“:

 

Die Opfer der Sekten sind chronische Opfer, die im Lauf der Zeit einem verlängerten und wiederholten Vorgang des Zum-Opfer-Machens mit multiplen Traumata unterworfen werden. Sie sind immer (um welche Sekte es sich auch handelt) Opfer der mentalen Manipulation und Opfer des Missbrauchs der Schwäche.

 

Im Gegensatz zu anderen klassischen Opfern fühlbarer, sichtbarer und plötzlicher Aggression, die durch eine dritte Person verursacht wird, sind sich Anhänger von Sekten ihres Zustandes als Opfer nicht bewusst und auch nicht der mentalen Vereinnahmung, deren Objekt sie werden. Man kann daher bestätigen, dass sie der klaren Sicht beraubt sind, welche die Freiheit der Zustimmung begleiten sollte, auf welche die Entscheidungen der europäischen Justiz so großes Gewicht legen.

 

Da er keinem offensichtlichen Zwang unterworfen ist (Drohungen, Einbruch, Aggression, Vergewaltigung oder Freiheitsberaubung), glaubt der Anhänger, frei zu sein zu kommen oder zu gehen, frei in seinen Entscheidungen und seinen Taten. In Wirklichkeit besteht diese Pseudo-Freiheit darin, von Guru abhängig zu werden, der den Anhänger überredet hat, er sei nur Gefangener seiner selbst und seiner persönlichen Determinismen, von denen der Guru ihn befreien kann …. unter der Bedingung, diesem blind zu folgen.

Das bedingungslose Vertrauen und die bedingungslose Liebe, die das das Opfer – der Anhänger - dem Aggressor – dem Guru – schenkt, verbunden mit einer kindlichen Beziehung, mit einem Verlust der Eigenpersönlichkeit und mit Abhängigkeit, die vom „Meister“ erzeugt wird, werfen den Anhänger (was immer auch sein Alter sein mag) auf ein inzestuöses Trauma zurück, oder auf dessen Gegenteil, in eine inzestuöse Atmosphäre in einer nicht inzestuösen Umgebung. Wir haben hier etwas vor uns, was der Jurist als einen Angriff auf die menschliche Würde diagnostizieren sollte.

Unter der sektiererischen Vereinnahmung fühlt sich der Anhänger unweigerlich schuldig, wenn er zweifelt, unterscheidet, über sich selbst nachdenkt, es wagt, die Worte, die Taten, die Schriften des Guru zu kritisieren, oder nicht zu gehorchen.

Er ist ebenso schuldig, seine eigene Entwicklung zu hemmen (oder das, was ihm als solche von der Sekte vorgestellt wird), die Entwicklung der Sekte zu bremsen, den Guru zu beschmutzen und zu beschweren. Der Anhänger, von dieser Schuldhaftigkeit überzeugt, wird schließlich schuldig, in seiner Mission versagt zu haben, zu welcher er „vorherbestimmt“ zu sein glaubt.

Sie können sich berechtigterweise fragen, wie diese Bedingungen zum Aufbau dieser individuellen Zerstörung im inneren der Gruppe der Zugehörigkeit zustande kommen können.

 

Nachdem wir nun jede Verwechslung mit einer religiösen Dimension ausgeschlossen haben, auch wenn die Gruppe eine solche beansprucht, sei es, um sich als „atheistische Religion“ darzustellen oder mit Zynismus die religiöse Dimension als Werkzeug zu finanzielle Bereicherung zu beanspruchen, sollten wir nun erklären, was eine Sekte ist.

 

Der Begriff der Sekte

 

Die Sekte, wie immer auch ihre Größe sei, hat eine dogmatische staatsartige Struktur.

 

Staatsartige Struktur, denn die Sekte ist wahrhaftig ein „Mikrostaat“, regelrecht organisiert und verwaltet durch eine eigene Regierung.

 

Diese Dimension, die nicht auf den ersten Blick sichtbar wird, außer in Sekten wie die japanische Sekte „Aum – die höchste Wahrheit“, bekannt durch die Verwendung von Sarin-Gas in der U-Bahn von Tokio, die soweit ging, ihre eigene Regierung zu installieren, wird offenbar, wenn man auf vertiefte Weise die wirkliche Art des Funktionierens der sektiererischen Institution analysiert.

 

Staatsartige Struktur, denn die Sekte besitzt alle konstituierenden Attribute eines Staats, was in den Augen der Anhänger einerseits die Souveränität des Gurus und andererseits ihre Überlegenheit über die profane Gesellschaft legitimiert. Diese hoheitsrechtlichen Attribute drücken sich rund um einige Begriffe aus:

·        Regierungsmacht:

o       Legislative: der Guru, Schöpfer der internen Normen, verkündiget seine eigenen Gesetze, die je nach Sekte mehr oder weniger ausgearbeitet sind. Das sektiererische legislative System spricht den Gesetzen der Gesellschaft jeden Wert ab (was zum Beispiel die falschen Zeugenaussagen bei Prozessen und das Verschwinden von Akten erklärt…)

o       Exekutive: der Guru beauftragt sich selbst, seine Gesetze selbst innerhalb der Gruppe anzuwenden

o       Justiz: der Guru selbst bestraft jede Abweichung von der Norm.

·        Ein Territorium, sei es real mit grundbücherlich festgelegten Grenzen, sei es symbolisch, das heißt ein „energetischer“ oder „vibratorischer“ Ort, dessen Reinheit hinter Grenzen verteidigt werden muss, die nach und nach für den Anhänger Gefängnismauern werden.

·         Ein Volk: gebildet durch die Gruppe der Anhänger, gefestigt rund um eine elitäre Überzeugung.

·         Ein Leiter: der Guru ist der allwissende, allmächtige, allgegenwärtige Chef, sei er lebend oder tot.

 

Die künstliche und wahnhafte Konstruktion dieser neuen Staatsform erfolgt rundum einige neu erfundene konstituierende Elemente nach den wahnhaften Vorstellungen des Gurus, der sie rund um ein sehr an „New Age“ angelehntes Konzept des „Paradigmenwechsels“ strukturiert. Dieses Konzept des Paradigmenwechsels verschneidet munter alle die „neuen Methoden“, die manchmal selbst die „sektiererischen Abwege“ darstellen, die nichts anderes sind als alte aufgewärmte Rezepte. Unter der Vielzahl dieser konstituierenden Elemente von Hoheitsattributen dieser Mikrostaaten kann man finden:

 

·        Eine eigene Sprache (eine Orwell’sche Neusprache)

·        Einen Personenstand (jeder Anhänger erhält einen neuen Namen)

·        Eine Abstammung und eine Genealogie, oft auf karmischen Verbindungen begründet

·        Ein Erziehungssystem für die Kinder

·        Eine Unterweisung für die erwachsenen Anhänger

·        Ein medizinisches System

·        Eine mythische kollektive Geschichte, die jedem eine vorherbestimmte Rolle zuteilt, einschließlich der Hagiographie des Gurus

·        Eine stereotype Ästhetik, meist von einer traurigen Armut

·        Eine Kultur (unfruchtbar und unfruchtbar machend)

 

Diese sektiererische Struktur von staatlicher Art ist eine Struktur der Vorherrschaft in dem Maß, als sie eine Überlegenheit, eine politische und gesellschaftliche Vormachtstellung über andere Institutionen beansprucht (oder das Bedürfnis, die gesellschaftlichen Strukturen zu durchdringen, wenn man nicht das kindische Projekt unterstützt, an einer „Weltregierung der Weisen“ teilzunehmen). Diese staatliche Struktur der Vorherrschaft ist in dem Maß auch totalitär, als sich alle Macht in den Händen einer Art Einheitspartie (der des Gurus) befindet und jede Opposition ausgeschlossen ist.

 

Diese Aspekte, die an Hand einer großen Zahl von Fällen von derzeitigen sektiererischen Gruppen illustriert werden können, sollten es ihnen schon zu verstehen erlauben, dass die Sekte, das sektiererische Schema, eine Herausforderung an die Demokratie darstellt. Das Eindringen der Sekten in die Länder des ehemaligen kommunistischen Blocks illustriert diesen Prozess der Machtübernahme unter der Verkleidung der Teilnahme an der Errichtung der Demokratie, bei dem es sich nur um Versuche handelte, eine zusammengebrochene Ordnung durch eine archaische Stammesordnung, eben jene der Sekten, zu ersetzen.

 

Diese staatliche Vormachtsstruktur, welche die heutige Sekte darstellt, wird von einer selbsternannten absoluten Autorität, dem Guru, geleitet, der behauptet, über „höheres“ Wissen zu verfügen, mit einer „göttlichen Mission“ beauftragt zu sein, für die er auf die Erde kam. Diese leitende Autorität wird nicht kontrolliert, denn sie kennt keine innere Gegengewalt, welche durch die Konzentration der Macht in den Händen des Gurus unmöglich gemacht wird, noch eine Gegengewalt, die von der äußeren Gesellschaft ausgehen könnte (Gesundheitswesen, Sozialrecht, Bildung usw.); es genügt, die Warnrufe zu hören, die von der Sektenlobby in Frankreich anlässlich eines unerwarteten Adhoc-Besuchs der parlamentarischen Untersuchungskommission ausgestoßen wurden, die sich der delikaten Frage der Kinder in den Sekten zuwandte, um das Maß des sektiererischen Widerstandes gegen jede Gegenmaßnahme zu begreifen.

 

Ich betone das Nichtvorhandensein der Gewaltentrennung im Inneren der sektiererischen Gruppe (legislativ, exekutiv und richterlich), die aus dem Guru einen totalitären unanfechtbaren und unangefochtenen Leiter macht, und ich verweise bei diesem Punkt auf die Lektüre von Montesquieu. De absolute Macht, von einer einzigen Person ausgeübt, charakterisiert eine der hauptsächlichen Bestandteile der Begriffe „Guru“ und “Sekte“. Ein Wort noch schnell über die sektiererische richterliche Gewalt, die wohlverstanden die elementaren Notwendigkeiten des Schutzes der der Rechtssprechung unterzogenen Person missachtet, wie die doppelte Ebene der Rechtsprechung, die Rechte der Verteidigung oder die Vertretung, Mängel, welche die „profanen“ Rechtsprechungen aufregen sollten

 

Aber die staatsartige vorherrschende Struktur, welche die Sekte bildet, könnte nicht bestehen, wenn die Gruppe, die von ihr geleitet wird, nicht auf ein utopisches Projekt ausgerichtet wäre.

Auf dieser Ebene könnte die Kritik angewandt werden, jede Sekte sei anders. Ich bin mit dieser Kritik völlig einig und es ist wesentlich, wenn einmal die sektiererischen Grundlagen offen liegen, den eigentlichen ideologischen Inhalt jeder Sekte zu kennen und zu analysieren, um zu verstehen, wie der Einfluss sich auf die Anhänger auswirken konnte. Ich kann mich aus Zeitmangel hier nicht in diese Art von Analyse einlassen, aber sie ist ganz besonders im Rahmen der den Opfern zu leistenden Hilfe wesentlich, die immer Opfer einer besonderen Sekte sind.

 

Die staatsähnliche beherrschende Struktur, welche die Sekte bildet, unterwirft den einzelnen Anhänger der mentalen Manipulation.

 

Die mentale Manipulation besteht darin, auf eine Person, ohne dass es dieser Person bewusst wird, starken und wiederholen Druck auszuüben, um einen Zustand der Schwäche oder der Abhängigkeit zu erzeugen, und sie ohne ihr Einverständnis dazu zu verleiten, Taten zu begehen, die ihr schweren Schaden zufügen (die Person fühlt sich dabei frei und autonom). Die Sekte stellt sozusagen eine Fabrik des Zustands der Schwäche dar.

 

Diese mentale Manipulation und dieser Zustand der Unterwerfung können nur durch die Verwendung des interpretativen Filters des magischen Denkens hervorgerufen werden: jeder Tat, jedes Ereignis, jeder Gedanke, jedes Gefühl wird in einer projektiven Art durch ein Filter des Lesens interpretiert, welches das Reale deformiert, beim Anhänger eine dauernde Verwirrung bewirkt und ihn in die wieder hergestellte illusorische sektiererische Welt eintaucht.

 

Dieser Prozess der mentalen Manipulation führt den Anhänger zu einer psychologischen, intellektuellen, emotionellen und bisweilen physischen Zerstörung. Diese letztere ist die einzige, die mitunter von den Uneingeweihen erkannt wird, wenn sie die Form eines konstitutiven Aktes eines strafrechtlich relevanten Vergehens annimmt.

 

Zwischen dem Guru und dem Anhänger stellt sich eine Beziehung der dogmatischen, entfremdeten, süchtig machenden und unterjochenden Abhängigkeit ein.

 

Durch die heimliche und hinterlistige Arbeit der mentalen Manipulation findet sich der Anhänger immer mehr aller seiner früheren strukturgebenden Anhaltspunkte beraubt und in eine virtuelle Wahnvorstellung versetzt, die einer Art von psychischer Klonung entspricht.

 

Indem er immer mehr den Kontakt mit der Wirklichkeit verliert und von allen früheren affektiven Bindungen abgeschnitten ist, verschreibt er sich einer sozialen und beruflichen Isolation und gleitet in den Zustand der Realitätsferne und der Entpersönlichung.

 

Er verliert allmählich unbewusst seine Fähigkeit zu unterscheiden und sein Urteilsvermögen und schließt sich immer mehr der wahnsinnigen Überzeugung des Gurus an (sein interpretativer oder halluzinatorischer Wahn ist nicht mehr für kritisches Urteil oder für die Evidenz seiner Falschheit erreichbar).

 

Diese Destruktion lässt den Anhänger seine Dimension als Person und als Bürger verlieren. Die Bindung an eine Sekte bedeutet das Ende der persönlichen Geschichte des Anhängers sowie jedes persönlichen Vorhabens, die durch die mythische Gruppengeschichte und die Mission, an der er teilhat, ersetzt werden.

 

Der Zustand des Anhängers steht im Widerspruch zum Zustand des Bürgers. In dieser Hinsicht stellt das sektiererische Projekt auch eine Gefahr für die Demokratie dar. Die Charta der fundamentalen Rechte der Europäischen Union, unterzeichnet am 18. Dezember 2000, hat daran erinnert, dass die Europäische Union sich auf den unteilbaren und universellen Rechten begründet

 

der menschlichen Würde (Kapitel I der Charta)

der Freiheit (Kapitel II)

der Gleichheit (Kapitel III)

und der Solidarität (Kapitel IV)

 

Das utopische sektiererische Projekt, wahrhaft einigendes Gruppenband, macht jeden Anhänger glauben, dass, nachdem er das Unreine ausgemerzt hat, das Gute (die Sekte) über das Übel (die äußere ungläubige Welt) siegen wird. Die Verwirklichung des Paradieses auf der Erde könnte also beginnen, in dem nur die von der Sekte ausgesuchten Erwählten übrig blieben.

 

Dieses utopische Projekt hat die Schaffung eines „idealen Übermenschen“ zum Ziel, ohne Ego, versehen mit übermenschlichen Kräften (indem er versucht, jene nachzuahmen, die angeblich der Guru besitzt) und fähig, die höheren Befehle perfekt auszuführen (nur mehr als Pseudokopie des zentralen Systems zu existieren), um dem vom Guru gelehrten Ideal zu dienen. An diesem Punkt erreicht die Sekte den Fanatismus!

 

Und hier stellt der Begriff der Sekte auch eine Herausforderung für die Demokratie dar.

 

Die Sekte als Herausforderung für die Demokratie

 

Dieses utopische Projekt hat ebenso als Ziel die Schaffung einer Traumgesellschaft, die der Guru, „Gottes“ Inkarnation auf Erden, regiert. Es handelt sich um eine Idealgesellschaft, der Type „science fiction“ , organisiert nach einem vorher bestimmten Modell, zusammengesetzt aus gelehrigen, gehorsamen und zu Robotern gemachten Individuen, welche die vom Guru diktierten Wahnschreiben in die Tat umsetzen.

 

Es ergibt sich von selbst, dass sich das im Wesentlichen aus der esoterischen Nachricht ergibt, die für die Anhänger allein bestimmt ist, dass diese ideale Gesellschaft voraussetzt, dass das Zeitliche dem spirituellen auf sich selbst bezogenen Glauben des Gurus untergeordnet ist, „spirituell“ hier verstanden als ideologischer Inhalt.

 

Dies bedeutet die Rückkehr der historischen Verwirrung zwischen der zeitlichen und der spirituellen Macht, in der Vergangenheit der Zivilgesellschaft bekannt, und das stellt die wesentliche sektiererische Gefahr auf gesellschaftlicher Ebene und für die Politik dar, in dem Maß, als das Modell dazu berufen ist, sich zu vervielfältigen und die Gesamtheit der profanen Strukturen unter dem Vorwand des „Paradigmenwechsels“ zu beherrschen.

 

Dieser Begriff des Paradigmenwechsels, der von den Sekten benützt wird, hat sich im Stillen die ganze Zeit über verbreitet, und er ist überall quer durch das Phänomen „New Age“ hindurch tätig, das die Gebiete des Gesundheitswesens, der Bildung, des Wohlbefindens usw. unterwandert, privilegierte Orte der „sektiererischen Abwege“.

 

Die persönlichen Dramen, die zahlreiche treue Anhänger erlebt haben, die von den verrückten medizinischen Praktiken überzeugt waren und die (oft noch vor ihrem Tod) vom Betrug Zeugnis ablegen wollten, dessen Opfer sie wurden, veranlassen mich zu sagen, dass der Wahnsinn niemals einem Menschenrecht gleichgesetzt werden darf.

 

Einer dieser Paradigmenwechsel erregte neulich den Europarat bezüglich des Unterrichts: es handelt sich um die Zerstörung des wissenschaftlichen Paradigmas der Evolutionstheorie, das gewisse Leute durch das so genannte Paradigma des Kreationismus oder des „Intelligent Design“ ersetzen wollen. Über das Konzept des Kreationismus selbst hinaus, das manche in der Schule lehren wollen, handelt es sich mehr oder weniger darum, die Wissenschaft als Paradigma überhaupt in Frage zu stellen. Die Weigerung, am 26. Juni 2007 in der Parlamentarischen Versammlung über diese Entschließung abzustimmen, illustriert einerseits die Schwierigkeit, zu verstehen, welche Gefahr für die Demokratie eine archaische Theorie darstellt, welche verschiedene Sekten schon seit langem die Kinder ihrer Anhänger lehren, andererseits des Wichtigkeit des obskuranten Lobbying. Auf diesem Marsch zurück wäre vielleicht der nächste Schritt, zu erklären, die Erde sei eine Scheibe, worüber sich im Namen des Respekts vor dem Gleichgewicht der gegenwärtigen Thesen niemand aufregen dürfte.

 

Diese unteilbaren und universellen Werte können nur dann bewahrt werden, wenn sie auf dem Grundsatz der Demokratie und des Rechtsstaats begründet sind. Die Charta setzt also die Person in das Zentrum ihrer Aktion, indem sie die Bürgerschaft in der Union stiftet und einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und der Gerechtigkeit schafft.

 

Die Europäische Union trägt zur Bewahrung und Entwicklung dieser gemeinsamen Werte bei und das Vorwort der Charta präzisiert, dass es notwendig ist, den Schutz der fundamentalen Rechte im Lichte der Entwicklung der Gesellschaft, des sozialen Fortschritts und der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen zu verstärken … und, das scheint mir, dürfte genügen, die sektiererischen ideologischen Obskurantismen in die Vergangenheit zu verweisen, die sich ihrerseits Perspektiven verschreiben, die dem sozialen Fortschritt und der Wissenschaft völlig entgegengesetzt sind, indem sie laut und stark die Paradigmenwechsel fordern, welche die Werte, auf denen das moderne Europa aufgebaut ist, verleugnen und bekämpfen.

 

Die Charta erinnert uns daran, dass die Nutznießung der fundamentalen Rechte auch Verantwortlichkeiten und Pflichten gegenüber anderen, gegenüber der menschlichen Gemeinschaft und gegenüber zukünftigen Generationen nach sich zieht

 

Es ist Zeit, die Augen zu öffnen und sich nicht durch sektiererische Gruppen übers Ohr hauen zu lassen, die schlau genug sind, jene Rechte zu ihren Gunsten zu gebrauchen, die ihre Mitglieder nicht mehr gegen sie anzurufen imstande sind, da sie aller Möglichkeit der Distanzierung beraubt sind.

 

Die Beispiele, die ihnen von den folgenden Sprechern vorgeführt werden, werden Sie davon überzeugen, dass man nicht ein Recht (die Versammlungs- und die Glaubensfreiheit) dazu benützen kann, um andere Rechte (die Würde, die Freiheit, die Gleichheit des Individuums) einzuschränken. Wenn sich die gerichtlichen Instanzen, sowohl nationale als auch europäische, der Realität des Sektenphänomens bewusst würden, dann könnten sie schließlich berücksichtigen, dass die Würde immer an erster Stelle stehen sollte, ganz besonders dann, wenn das Kriterium des Einverständnisses wegen der Unterwerfung illusorisch geworden ist. Die europäische Institution sollte daher der Rolle zustimmen, wenn noch Zeit dazu ist, die jede Gesellschaft durch die gerichtliche Autorität erfüllen sollte, jener der Triangulation, die allein fähig ist, ein Gleichgewicht zwischen dem Schwachen, der Anhänger geworden st, und dem Starken herzustellen, die die sektiererische Macht vertritt. Ich habe die Hoffnung, dass diese Tagung diese Bewusstseinsbildung unterstützen wird.


[1] UNADFI, Union Nationale des Association de Défense des Familles et de l’Individu victimes de sectes, als gemeinützige Vereiniung anerkannt, 130 rue de Clignancourt 75018 PARIS tél. 01 44 92 35 92 ; http://www.unadfi.org

[2] Siehe zum Beispiel den neuen Bericht von Frau Asma Jahangir, „Sonderberichterstatterin über die Freiheit der Religion oder der Überzeugung“ an die Vereinten Nationen vom 8.März 2006.