Sekten und die Sektenlobby in der Russischen Föderation, 2007

Eine Übersicht

 

Prof. Alexander L. Dvorkin, Moskau, Russland

 

Heute treffen wir in zunehmendem Maß auf verschiedene Arten und Formen von totalitären und destruktiven Sekten. In meinem Land waren die Sekten aktiv am Arbeiten und haben sich über fünfzehn Jahre lang entwickelt und verbreitet, und natürlich sind viele Eigenschaften dieser Erscheinung ähnlich wie in der restlichen Welt. Dennoch haben wir unsere spezifischen Eigenheiten.

Als die Sekten Ende der Achtzigerjahre massenweise in der UdSSR (später in der GUS[1]) angekommen waren, trafen sie auf ein weit verbreitetes Nichtwissen über sie, mit einer weit verbreiteten Bewunderung alles Westlichen, und einer Situation, in der man für eine für westliche Standards unbedeutende Summe Geld zum Beispiel ein großes Stadium mieten konnte. Das ideologische Vakuum und eine große Anzahl desorientierter Leute hatten die Rekrutierungsarbeit für die Sekten erleichtert. Ein anderer Faktor zugunsten der Sekten war das Wohlwollen der Behörden. Da in der Sowjetzeit alles Religiöse entweder verboten oder nur geduldet war (die einzige Ausnahmen waren seltsamerweise die Hare Krishnas, die ihre Organisation in Russland 1981 gründeten, sehr wahrscheinlich mit Kenntnis und Zustimmung des KGB), bewegte sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetmacht das Pendel weit in die entgegengesetzte Richtung. Sogar Gorbatschow hatte wahrscheinlich aus Nichtwissen 1989 Moon als Staatsgast empfangen. Seine spätere Unterstützung für Moon kann aber dadurch nicht erklärt werden; wir können annehmen, dass wirtschaftliche Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten. Dieselben Faktoren waren höchstwahrscheinlich bei der Unterstützung von Scientology, Hare Krishna, Aum Shinrikyo und anderen bekannten Sekten durch die russischen Behörden ausschlaggebend. Zum Beispiel präsentierte Scientololgy zuerst „Dianetik“ im Kreml, dann eröffneten sie einen  L. Ron Hubbard Leseraum in der Moskauer Staatsuniversität, und bekamen viel Unerstützung vom Gesundheitsministerium und sogar vom Innenministerium. Im Fall vom Aum Shinrikyo ging es soweit, dass Herr Oleg Lobov, ihr hochrangiger Hauptunterstützer – der Sekretär des staatlichen Verteidigungsrates - ihnen angeblich sogar das Rezept von Sarin und einen Kampfhubschrauber verkaufte.

Seitdem hat sich einiges geändert. Anfänglich waren sozusagen alle Sekten in den Straßen und rekrutierten neue Mitglieder. Sie benützten alle Mittel (meist Betrug und Bestechung), um dieses Ziel zu erreichen, und sie hatten größtenteils Erfolg. Jetzt ist die Gegenwart einer solchen Vielzahl von Sekten nicht in diesem Maße sichtbar. Daher schließen oberflächliche Beobachter, dass sich die Situation geändert hat und die sektiererischen totalitären Organisationen in Russland versagt haben. Nicht ist so fern vovn der Wahrheit!

Die Sekten haben sich nicht geändert, sie haben nur schrittweise ihre Taktik geändert. Nachdem sie einen Grundstock von Mitgliedern angeworben hatte, erkannte jede Gruppe, dass die Straßenrekrutierung sie nicht zu dem erwünschten Ziel bringen kann – die Kontrolle der ganzen Gesellschaft. Sie kann ihnen auch nicht einen wirklich großen Grundstock an Mitgliedern zuführen, um die Gesellschaft durch bloße Zahlen zu beeinflussen.

Natürlich bekamen die Leute und die Behörden mehr Informationen über die Sekten. Je mehr kurzzeitige Erfolge die Sekten hatten, desto schlimmer wurde es für sie ironischer Weise auf lange Sicht: mit jeder zusätzlich rekrutierten Person stieg auch die Zahl der sektenbezogenen Tragödien an. Unser Zentrum für religiöse Studien, 1993 gegründet, wurde landesweit bekannt. Ich und meine Kollegen kommentieren sehr oft im nationalen Fernsehen Sektenfragen und verbreiteten mehr Informationen über jede Sekte.

Jetzt können wir sagen, dass jede der großen Sekten bekannt wurde und die Leute, bewaffnet durch Kenntnisse über Kulttragödien, viel vorsichtiger wurden. Daher besteht die neue Taktik darin, sich zu verschanzen, eine Lobby aufzubauen, Eigentum einschließlich Grundbesitz und Industrien anzuhäufen, ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen und sich schließlich als ständiger Teil der russischen Wirklichkeit zu zeigen. Man sollte hinzufügen, dass vor 15 – 20 Jahren die Sekten als fast vollständig fremde Erscheinung betrachtet wurden. Nun sind nach unserer Schätzung bis zur Hälfte davon russische Sekten. (Der bekannteste dieser Kultführer ist vielleicht Herr Gregory Grabovoy, der den Müttern in Beslan anbot, ihre Kinder um den Preis von etwa 3000 Euro pro Person von den Toten zu erwecken.) Außerdem haben einige dieser neuen russischen Sekten einen Teil ihrer Tätigkeit in den Westen verlegt, sodass die Situation mit dem bekannten Titel beschrieben werden kann: Das Imperium schlägt zurück.

Aber die Verhaltensmuster beider Gruppen sind einander sehr ähnlich. Wir haben es also mit Gruppen zu tun, die entweder international sind oder sich sehr schnell internationalisieren. Andererseits versuchen die ausländischen Gruppen, russisches Erscheinen anzunehmen und so bodenständig wie möglich auszusehen. Nachdem ihre Namen bekannt werden, wechseln sowohl ausländische als auch russische Sekten  entweder ihre Namen (manche tun dies regelmäßig) oder gründen eine Vielzahl von Frontorganisationen mit ‚unschuldig’ klingenden Namen.

Aber die wichtigste Bestrebung der Sekten geht in die Richtung zu Kreisen der Macht. Die Moonies erreichen viele wichtige Machtfiguren durch ihr Programm der Friedensbotschafter. Die Scientologen versuchen, durch die so genannten Hubbard Colleges der Geschäftsadministration die Geschäftselite zu rekrutieren (wie sie in Russland behaupten, haben sie Personal von so blühenden Firmen wie Boeing, Chanel, Volvo, Coca-Cola, usw. rekrutiert). Hare Krishnas versuchen, die Behörden mit ihren Verbindungen zur indischen Regierung zu beeindrucken. Andere benützen andere Mittel, um Strukturen auf höherer Ebene zu finden, die sie beschützen. Aber die Erfolgreichsten waren die Neu-Pfingstler – bisher die umfangreichste sektiererische Bewegung in Russland und der GUS. Ihr Leiter Sergey Ryakhovsky wurde vor einigen Jahren Mitglied des präsidialen Rates für Kontakte mit religiösen Organisationen, und wurde vor etwas mehr als einem Jahr in die neu gegründete präsidiale Kammer öffentlicher Vertreter aufgenommen. Er hat die Mitgliedschaft in diesen beiden Körperschaften sehr aktiv ausgenützt, um die Anliegen seiner Organisationen in ganz Russland voranzutreiben. Ich muss hinzufügen, dass die Neu-Pfingstler bei der Förderung ihrer politischen Ziele und bei der Unterwanderung der Machtstrukturen nicht nur in Russland, sondern auch in der Ukraine, in Weißrussland und vor allem in Lettland sehr aktiv und erfolgreich waren. Der bekannteste neu-pfingstlerische Leiter in der GUS, Alexey Ledyaev, hat ein Buch mit dem Titel “Die neue Weltordnung“ veröffentlicht, in dem er eine Art von totalitärer Theokratie mit neu-pfingstlerischen Leitern an der Spitze beschreibt. Das ist wirklich ein politisches Programm für die ganze Sektenbewegung. All dies ruft natürlich ernste Bedenken hervor. Ich erwähnte diese Bedenken in einem populären Programm im russischen Fernsehen. Dies geschah im September vor einem Jahr. Darauf klagte mich Herr Ryakhovsky vor dem Gericht in Moskau. Im Mai endete der Prozess mit meinem Sieg. Im September hat das Stadtgericht Moskau Ryakhovsky’s Berufung zurückgewiesen.

Alle Sekten, die eine gewisse Größe erreicht haben, beginnen nun sehr aktiv, ihre Lobby aufzubauen. Die Lobby besteht aus mehreren Gruppen: Wissenschaftler, die für Sekten eintreten, Verteidiger der Menschenrechte, Journalisten, Psychiater, Anwälte, und schließlich Politiker, die für Sekten eintreten.

Die Rolle der Wissenschaftler wird in Russland von ehemaligen gewerblichen Propagandisten gegen die Religion übernommen. Mit dem Fall des Kommunismus verloren sie ihre wohlbezahlten Pfründe. Nachdem sie sich um neue Jobs umgesehen hatten, wurde ihnen klar, dass die neu ankommenden  Kulte gut bezahlen würden, und sie boten ihnen ihre Dienste an. Nun nennen sie sich „erfahrene Religionswissenschaftler“. Während der letzten Jahre begannen jedoch eine junge und neu ausgebildete Religionssoziologen, ihre „progressive“ Methode zu propagieren.

Zur zweiten Gruppe sollte gesagt werden, dass viele ehemalige professionelle Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten, die ebenfalls in der nach-sowjetischen Periode ihre Daseinberechtigung verloren hatten, nun beschlossen haben, sie müssten die Rechte von kleinen und wehrlosen „religiösen Minderheiten“ verteidigen, welche unter der schrecklichen Verfolgung und Diskriminierung durch eine aggressive Mehrheit leiden. Die vielleicht bekannteste unter ihnen, die Moskau-Helsinki-Gruppe, hat, wie mehrmals bewiesen wurde, von Scientology Geld bekommen. Außerdem nimmt diese Gruppe aktiv an fast allen von Scientology inszenierten Ereignissen teil. Erst neulich hat Frau Alexeyeva, die Leiterin der Moskau-Helsinki-Gruppe, öffentlich erklärt: „Viele Leute sagen mir, ich solle mich um meines guten Rufes willen von Scientology fernhalten. Ich werden mich aber diesen Ratschlägen gegenüber immer taub stellen“. Ich sollte sagen, dass zwei Gruppen, Scientology und Falun Gong /Falun Dafa) darin führend waren, Menschenrechtsgemeinschaften zu ihren eigenen Zwecken zu benutzen. Übrigens arbeiten beide sehr aktiv zusammen. Falun Gong (das in Russland zufällig hauptsächlich ethnisch russische Anhänger hat) hat seinen eigenen persönlichen Rachefeldzug gegen die chinesische Regierung geführt und die meisten Menschenrechtsgemeinschaften dazu vereinnahmt.

Es gibt nicht viele Journalisten, die das Gebiet professionell erforschen. Unter ihnen gibt es eine kleine aber lautstarke Gruppe, von „professionellen Enthüllern der Wahrheit“ und „Kämpfern gegen Rückschritt“, die dissidenten Kreisen von Menschenrechtsverteidigern nahe stehen und die bereit sind, unter ihrem eigenen Namen jeden Text zu veröffentlichen, den ihnen die Sekten anbieten.

Was die Anwälte betrifft, die sich auf das Gebiet der Sekten spezialisieren, so gibt es deren wenige, und tatsächlich sind die bekanntesten von ihnen jene, welche die Sekten in verschiedenen Prozessen vertreten. Einige von ihnen sind eng mit Scientology verbunden (die bekannteste von Ihnen ist Frau Galina Krylova, Vorstandsmitglied der scientologischen Bürgerkommission für Menschenrechte, die neulich Scientology beim Menschenrechtsgerichtshof in Strasbourg vertrat), während andere zumindest teilweise vom US-Außenamt bezahlt werden (am bekanntesten darunter ist das Slawische Zentrum für Gesetz und Gerechtigkeit, geleitet von den Herren Anatoly Pchelintsev and Vladimir Ryakhovsky – dem Bruder des oben erwähnten Leiters der Neu-Pfingstler in Russland). Natürlich erhalten beide Gruppen Einkünfte aus mehreren Quellen, sowohl von sektiererischen and auch von für Sekten eingestellten.

Russische Psychiater, die für Sekten eintreten, haben sich in der Unabhängigen psychiatrischen Vereinigung zusammengeschlossen, die eng mit den früher erwähnten dissidenten Menschenrechtsaktivisten verbunden sind und zumindest teilweise von den Sekten subventioniert werden.

Betreffend die letzte Gruppe – die Politiker, die für Kulte eintreten -  könnte eine Menge genannt werden (und einige wurden früher angeführt. Es gibt eine ganze politische Partei,  „Die Union der rechten Kräfte“, die durchwegs für Sekten eintritt.  Ein früherer stellvertretender Unterrichtsminister, Herr Alexander Asmolov, war ein aktiver Unterstützer der Moonies und einiger anderer Sekten. Ein anderer bekannte Fall ist Herr Sergey Kirienko, der einige Hubbard-College-Kurse absolviert hatte, bevor Herr Jeltzin ihn für den Posten eines Premierministers ernannte. Nun ist Herr Kirienko Minister für  Nuklearenergie.

Dies sind nur einige Beispiele. Ich hätte leicht noch viele weitere Namen nennen können.

Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass ich die Sekten nicht als rein religiöse Organisationen betrachte, die sich hauptsächlich um spirituelle Ziele kümmern. Sie sind macht- und geldgierige Körperschaften, die sich nicht um Menschenleben, menschliche Würde und menschliches Wohlbefinden kümmern. Es gibt in Russland vielfache Fälle von Leuten, die ihretwegen leiden. Außerdem gibt es in meinem Land viele Fälle von direkten Verbrechen, die von Sektenmitgliedern und Sektenbossen begangen wurden. Diese Verbrechen reichen von Schwindel und Erpressung zu Drogenhandel, Pädophilie und Mord. Und die Anzahl dieser Verbrechen vervielfältigt sich

Wir hören oft von der Sektenlobby, dass sich diese Organisationen ständig zum Besseren wandeln. Nach dieser Ansicht haben die neuen religiösen Bewegungen (NRMs) bereits ihre anfängliche fanatische Phase überwunden und seien nun achtenswert und „mainline“ geworden. Wir werden oft beschuldigt, solche Organisationen nach dem zu behandeln, was sie vor langer Zeit waren, und nicht nach dem, was sie jetzt sind. Die russische Erfahrung sieht jedoch anders aus. Die meisten dieser Gruppen kamen Ende der Achtzigerjahre nach Russland. Sie begannen ganz von Neuem und hätten die Möglichkeit gehabt zu zeigen, dass sie wirklich anders sind. Das geschah jedoch nicht, und wir sehen in Russland genau dieselbe Arbeits- und Lebensweise wie in allen anderen Ländern, in denen sie früher tätig waren;  es gibt überhaupt keine Änderungen außer vielleicht besseren und aggressiveren Public Relations. Und solange diese Gruppen weiterhin die grundlegenden Rechte ihrer Mitglieder verletzen, können wir nicht erwarten, dass sie in unserer Gesellschaft eine auch nur annähernd positive Rolle spielen.



[1] Gemeinschaft unabhängiger Staaten