SCHWEDEN

Per G. SWARTLING

- ehemaliger Arzt für Allgemeinmedizin
- Ärztlicher Direktor des National Board of Health and Welfare [Nationaler Rat für Gesundheit und Wohlfahrt]

Psychiatrische Probleme bei Aussteigern aus der Glaubensbewegung "Wort des Lebens"

Einleitung

Das Wort des Lebens entstand vor etwa 20 Jahren in Uppsala, Schweden, und hat etwa 2000 aktive Mitglieder. Beträchtlich mehr Leute sind daran interessiert und die regulären Konferenzen versammeln oft mehr als 5000 Personen. Die Kinder der Mitglieder besuchen statt normalen Schulen die Privatschulen des Wort des Lebens. Viele Leute aus dem ganzen Land, wo es Filialgemeinden gibt, besuchen die Bibelschule der Bewegung während ein oder zwei Jahren.

Leute, welche die Glaubensbewegung - in Schweden durch das Wort des Lebens vertreten - verlassen oder an den Doktrinen zu zweifeln beginnen, leiden manchmal an ernsten und langdauernden psychiatrischen Problemen, die Kontakt mit einem Arzt erfordern. Im Jahr 1991 veröffentlichten meine Frau und ich eine Interviewstudie mit ehemaligen Bibelschulstudenten in der Zeitschrift der Schwedischen Ärztevereinigung. Der Artikel wurde dann 1992 im Cultic Studies Journal veröffentlicht. Die Studie kann als ein wenig alt angesehen werden, aber in Schweden wurde keine weitere Studie veröffentlicht, obwohl unsere Studie von der Bewegung und ihren Unterstützern heftig angegriffen wurde.

Einige Lehren des Wort des Lebens

Um die Gruppe von ehemaligen Bibelschulstudenten in unserer Studie zu verstehen, ist es wesentlich, einige Charakteristiken der Doktrinen des Wort des Lebens zu kennen. Diese Doktrinen werden von den Leitern (und den Gläubigen) bei Kontakten mit Leuten außerhalb der Bewegung stets geleugnet. Einige der spektakuläreren und für normale Leute anstößigen Manifestationen, z.B. Exorzismus, waren weniger gebräuchlich, im Bemühen, die Akzeptanz als eine gewöhnliche Pfingstkirche zu erreichen. Bei unseren Kontakten mit Ex-Mitgliedern, welche die Bewegung vor kurzem verließen, ist es offensichtlich, daß die Hauptdoktrinen immer noch gelten. Das Wort des Lebens wurde in der ökumenischen Zusammenarbeit in Uppsala, Schweden, noch nicht akzeptiert.

Was sind also nun die Doktrinen?

In der Unterweisung wird ständig daran erinnert, das es Gott selbst ist, der hinter dem steht, was in der Bewegung gesagt und getan wird. Wer das Wort des Lebens oder seine Leitung kritisiert, wendet sich deshalb gegen Gott. Es werden Beispiele angeführt, die zeigen, wie schlecht es jemandem ergehen kann, der die Bewegung kritisiert, oder Mitgliedern, die sie verlassen: Sie stehen außerhalb des göttlichen Schutzes und können von Krankheit, Unglück, Unfällen, plötzlichem Tod getroffen werden oder mißgebildete Kinder bekommen. Jeder, der die Lehre ernst nimmt, bleibt in einem selbstkontrollierenden Griff stecken, aus dem es sehr schwer zu entkommen sein kann. Die Furcht davor, über das Wort des Lebens negativ zu sprechen, kann noch lange Zeit nach dem Austritt aus der Bewegung bestehen bleiben. Die Verantwortung dafür, den Teufel und die bösen Geister oder Dämonen fernzuhalten, obliegt dem Wort des Lebens zufolge allein dem Glaubenden selbst. Diese Aufgabe wird nach der Regel durch strenges gegen die Dämonen gerichtetes Ansprechen vollbracht. Es gibt z.B. Dämonen der Krankheit, der Kritik und der sexuellen Lust. Mißglückt dem Glaubenden die Abweisung der dämonischen Attacken, so legt der Einzelne die Schuld auf sich selbst und kann keine Hilfe erhoffen. Er kann glauben, daß es nicht möglich ist, den Teufel aufzuhalten, und leidet deshalb unter Angst und Qualen. Ein anderer Lehrsatz besagt, daß man das bekommt, was man sagt, d.h. daß die Worte, die man ausspricht, die Kraft haben, die Wirklichkeit zu verwandeln. Sagt man, daß man krank sei oder daß es einem schlecht gehe, dann gehe es einem der Lehre gemäß noch schlechter; das sei negatives Bekenntnis. Dies macht es für ein Mitglied schwierig, bei z. B. einer Depression mit Suizidgedanken Hilfe zu suchen, denn wenn man über seine Gedanken spricht, könnten sie verwirklicht werden. Dies würde es auch sehr schwierig oder unmöglich machen, ehrliche Antworten zu bekommen, wenn man versuchte, Gläubige über mögliche psychiatrische Probleme zu interviewen.

Um seine von der Lehre versprochene Gesundheit zu erlangen, muß man so handeln, als ob man sie bereits hätte. Ist man deprimiert, dann soll man froh und gesund aussehen. Einige Leute können so trainiert sein, ein unbeschwertes Angesicht zu zeigen und die Depressionsgedanken zu verleugnen, daß es schwierig sein kann, ihren Zustand z. B. bei einem kurzen Arztbesuch zu beurteilen.

Interviewstudie mit 43 ehemaligen Bibelschulstudenten

Während der späten Achtzigerjahre hatten meine Frau und ich persönlichen und in vielen Fällen eingehenden Kontakt mit über 100 ehemaligen Anhängern der Glaubensbewegung in ganz Schweden; die meisten von ihnen waren aus Uppsala. Sie wandten sich an uns, meist an meine Frau, weil sie sich nicht wohl fühlten und Hilfe benötigten. 70 Personen hatten die Bibelschule der Glaubensbewegung während ein oder zwei Jahren besucht, die Mehrzahl in Uppsala mit Lehrern des Wort des Lebens. Sechs Personen lehnten die Teilnahme ab oder waren zur Bewegung zurückgekehrt, 21 konnten nicht erreicht werden oder waren für ein Interview psychologisch nicht geeignet. 43 ehemalige Bibelschulstudenten konnten interviewt werden.

In der Interviewgruppe von 43 Personen war die Geschlechterverteilung gleichmäßig und die jüngere Altersgruppe mit 80% unter 25 Jahren herrschte vor. Die interviewte Gruppe war insofern einheitlich, als alle an der systematischen Unterweisung in der Bibelschule teilgenommen hatten. Das Interview war halbstrukturiert, d.h. allen wurden die gleichen Fragen gestellt, aber es gab Raum für Erweiterungen und Vertiefungen. Das Ergebnis ist eine Kombination von Interviewantworten und persönlichen Beobachtungen. Die Interviews wurden von meiner Frau Gudrun durchgeführt, einer Berufstherapeutin. Sie hat viele Jahre lang mit psychotischen Patienten gearbeitet, was für die Beurteilung psychiatrischer Symptome wertvoll war.

Frühere soziale Kontakte werden gebrochen

Eine Verschlechterung des Kontaktes mit Verwandten und Freunden nach dem Beitritt zur Bewegung wurde von 85 Prozent der Interviewten angegeben. Viele hatten auch in hohem Maß aufgehört, sich durch Radio, Fernsehen und Tageszeitungen auf dem Laufenden zu halten, und hatten ihre früheren Interessen aufgegeben. Ihre wirtschaftliche Situation hatte sich oft verschlechtert, manchmal drastisch. Dies beruhte auf den reichlichen Spenden für die Kollekten des Wort des Lebens, zusätzlich zum Zehent, der die Abgabe eines Zehntels des Einkommens an die Bewegung bedeutet.

Psychiatrische Symptome

Die Interviewten wurden bezüglich Symptomen gefragt, welche sie nach dem Kontakt mit der Bewegung hatten und die früher kein Problem darstellten. Die neu hinzugekommenen Beschwerden sind in Tabelle 1 dargestellt. Bei 60 Prozent der Fälle hatten andere Leute, z.B. die Eltern, nach dem Eintritt in die Bewegung eine Veränderung des Aussehens bemerkt. Die Körperhaltung wurde angespannt, der Gesichtsausdruck wurde starr. Der Blick konnte starrend, abwesend oder ausweichend werden. Bei 35 Prozent der Fälle stellte man eine Regression fest.

Fast alle litten unter Angst und besonders unter Panikattacken. Albträume, Angst, den Verstand zu verlieren, und Leeregefühl waren auch sehr häufig. Drei von vier Studenten hatten Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, und dies konnte sich noch lange nach dem Austritt fortsetzen. Sechs Studenten von zehn berichteten über ein Gefühl verlorener Identität Fast jeder klagte über Schwierigkeiten, mit Emotionen fertig zu werden.

Die Mehrzahl der Studeten fand es schwierig, Entscheidungen zu fällen. Nach dem Verlassen der Bewegung mußten sie selbst entscheiden und konnten nicht mehr die Bewegung oder den Pastor über die richtige Antwort befragen. Fast jeder hatte Schuldgefühle. Viele hatten Schwierigkeiten bei sozialen Kontakten, nicht zuletzt mit dem anderen Geschlecht.

Psychosomatische Beschwerden waren während der Zeit an der Bibelschule und der Zeit unmittelbar danach häufig. Von den Befragten gaben 63 Prozent an, sie hätten Magenschmerzen, Herzklopfen, Kopfschmerzen und Schwindel, die sie früher nicht gehabt hatten. Zwei von drei Studenten hatten Selbstmordgedanken und einer von vier hatte einen ernstlichen Selbstmordversuch unternommen. Damals wußten wir von 16 Selbstmordfällen in Schweden, bei denen Verwandte und Freunde den Kontakt der verstorbenen Person mit der Bewegung für die entscheidende Ursache für den Selbstmord hielten.

Diese Schlußfolgerung wurde durch vorhergehende Gespräche oder hinterlassene Briefe gestützt. Währen der folgenden Jahre erfuhren wir, daß aus dem selben Grund eine Reihe weiterer Selbstmorde erfolgte. Psychoseähnliche Symptome wurden beinahe von der Hälfte der Studenten berichtet. Diese Symptome waren der Verlust des Wirklichkeitssinnes, pathologische Schuldannahmen (zusätzlich zu den fast obligaten Schuldgefühlen, etwas Falsches getan zu haben) und Gehör- sowie visuelle Haluzinationen.

Psychiatrische Behandlung

Das Ausmaß der psychiatrischen Behandlung geht aus Tabelle 2 hervor. Vor der Bibelschule hatten sieben Schüler (16%) Kontakt mit einem Psychiater gehabt, in vier Fällen nur kurzzeitig in Zusammenhang mit einer akuten Krise (bei einem war die Spitalsbehandlung nach drei Tagen abgeschlossen).

Nach dem Austritt aus der Bewegung hatten 27 ehemalige Schüler (63%) wegen Problemen, die sie dem Kontakt mit dem Wort des Lebens zuschrieben, einen Psychiater aufgesucht, sechs von diesen hatten auch vor ihrer Zugehörigkeit zur Bewegung psychiatrische Hilfe benötigt. In 16 Fällen wurden diese Patienten ambulant behandelt. Elf ehemalige Studenten erhielten stationäre psychiatrische Behandlung. Sechs von diesen mußten sich gemäß schwedischen Gesetzen einer psychiatrischen Zwangsbehandlung unterziehen.

Die Länge des Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik wird in Tabelle 3 gezeigt. Vier Studenten blieben eine bis vier Wochen im Krankenhaus, zwei zwischen einem und drei Monaten und vier länger als drei Monate.

Psychopharmaka, meist Benzodiazepin und Antidepressiva, wurden für 28 der Interviewten (43 Personen) verschrieben, Neuroleptika wurden in zehn Fällen angewandt, nach Meinung der Interviewten ohne offenbare Wirkung.

Krankschreibung im Zusammenhang mit dem Kontakt mit der Bewegung erfolgte bei 24 Personen (56%), siehe Tabelle 4. Bei zwei Drittel der Fälle war die Zeit des Krankenstandes länger als zwei Monate, für vier Patienten dauerte er mehrere Jahre.

Diskussion

Viele Personen in der befragten Gruppe, welche das Wort des Lebens verlassen hatten, litten an schweren und bisweilen langdauernden psychischen Störungen. Ähnliche Probleme wurden bei ehemaligen Mitgliedern anderer Sekten wie der Vereinigungskirche, Hare Krishna und der Scientology-Kirche beobachtet.

Unsere Untersuchung zeigte nicht, wie verbreitet psychische Beschwerden in der Gruppe der Bibelschulstudenten insgesamt sind. Befragungen aktiver Mitglieder des Wort des Lebens wären nicht sachdienlich, da diese der Lehre entsprechend nicht zugeben dürfen, daß sie an Depressionen oder anderen Krankheitssymptomen leiden. In der Bewegung werden psychische Beschwerden wie Angst und fehlender Lebenswille statt dessen als Attacken des Teufels oder als Einwirkung von Dämonen erklärt oder beschrieben. Gemäß der Doktrin dürfen psychiatrische Störungen nicht als Warnsignal gesehen werden, sondern eher als ein Zeichen, daß man für Gott arbeitet und deshalb Angriffen ausgesetzt ist.

Für Ärzte ohne Erfahrung mit Sekten oder Kenntnis von ihnen ist es schwierig, Patienten mit psychischen Problemen, die einen Zusammenhang mit dem Wort des Lebens (und anderen ähnlichen Kulten) haben können, zu beurteilen. Der starke Einfluß der Lehre und der Leitung auf die Mitglieder kann sehr schwere Störungen mit manchmal schizophrenen Symptomen und manchmal langdauernder psychischer Schwäche hervorrufen. Es besteht die Gefahr, daß diese Patienten hauptsächlich mit Medikamenten behandelt werden, die für Psychosen geeignet sind, z.B. Neuroleptika, und keine Gelegenheit bekommen, über alle die schwierigen Probleme zu reden, die mit dem Kult zu tun haben. Das Risiko für langdauernde Krankenstände ist bei diesen Individuen groß (15 von 43 Personen der interviewten Gruppe hatten einen Krankenstand von mehr als zwei Monaten).

Kenntnisse der Bewegung und deren Lehren ist wesentlich, um die Krisen und Symptome dieser Patienten zu verstehen. Vor allem haben ehemalige Mitglieder auf Grund ihrer eigenen Erlebnisse die benötigte Einsicht, um die Dogmen und Regeln zu entlarven, welche die Personen an die Gruppe binden und Zweifel am eigenen Urteilsvermögen verursachen.
Den Interviewten gemäß ist der Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern unschätzbar und wird oft als entscheidend für die Rückkehr ins normale Leben angesehen. Selbstverständlich benötigt man auch den Einsatz der Krankenpfleger, wie z.B. als Überwachung im Krankenhaus während Krisen mit dem Risiko eines Suizid.

In den späten Achtzigerjahren gab es kein Zentrum gesammelter Kompetenz in Schweden, in dem Ex-Mitglieder aus Kulten Beratung und Rehabilitation und in dem Psychiater Ratschläge bei der akuten Behandlung von Ex-Mitgliedern bekommen hätten können. Etwa 15 Ex-Mitglieder aus verschiedenen Sekten, hauptsächlich aus dem Wort des Lebens, wurden zur Rehabilitation nach Wellspring in den USA geschickt. Zu Beginn der Neunzigerjahre stellte eine Parlamentsabgeordnete, Frau Professor Barbro Westerholm, den Antrag auf eine Untersuchung, wie man Leute mit Gesundheitsproblemen in Verbindung mit bestimmten neuen religiösen Bewegungen unterstützen und ihnen helfen könnte. Die Untersuchungen sollten auch zu einem Vorschlag führen, wie man diese Gesundheitsprobleme vermeiden und wie man spirituelle und mentale Verletzungen bestrafen könnte. Die Diskussion im Parlament zeigte, wie "belastet" das Thema ist. Besonders christliche Parlamentsabgeordnete sprachen über die Wichtigkeit des Schutzes religiöser Freiheit und wollten die neuen religiösen Bewegungen nicht auslöschen. Die Untersucher wurden auch intensiv von Vertretern der verschiedenen Bewegungen kontaktiert. Ein Einbrecher aus einer Bewegung stahl Dokumente aus Barbro Westerholms Büro im Parlament.

Das Ergebnis der Untersuchung war 1998 ein Vorschlag an die Regierung, ein Kompetenzzentrum nach dem Konzept von Leben und Glaube einzurichten. Die Aufgabe des Zentrums sollte sein, einen Dialog zwischen den religiösen Bewegungen und der übrigen Gesellschaft zu fördern und Personal zu schulen. Von seiten der Regierung geschah überhaupt nichts. Der Vorschlag war ohnehin eine große Enttäuschung. Wir wünschten ein Zentrum, das Kenntnisse darüber entwickeln konnte, Personen mit kultbedingten schweren psychiatrischen Problemen zu helfen und kein Zentrum für einen Dialog mit Kulten und für Forschung an religiösen Bewegungen.

Im Januar dieses Jahres wurde Schweden durch einen Mord geschockt, der von einem Mitglied einer sehr geschlossenen Sekte in einem kleinen Dorf, Knutby, einige Meilen von Uppsala entfernt, begangen wurde. Die Sekte betrachtete sich selbst als Pfingstgemeinde. Eine junge Frau hatte zugegeben, daß sie auf die Frau des Hauptpastors der Sekte geschossen und sie getötet habe. Sie schoß auch auf einen Mann aus der Sekte und verwundete ihn schwer. Sie hat noch kein Motiv für den Mord angegeben. Es wurde bekannt, daß der Pastor und die Frau des Mannes, auf den geschossen wurde, eine Liebesbeziehung hatten, und das Mordmotiv wird noch untersucht. Der Verdacht besteht, daß der Pastor in den Mord verwickelt sein könnte und die Mörderin unter seinem Einfluß stand. Gemäß der Lehre der Sekte ist Scheidung nicht erlaubt. Alle Mitglieder der Sekte glaubten zu Beginn, der Pastor sei unschuldig und die Geschichte von der Liebesbeziehung eine Lüge. Die Frau des Mannes, auf den geschossen wurde, hat nun zugegeben, daß sie und der Pastor eine Liebesbeziehung hatten. Die Sekte hat nun den Pastor verurteilt und seines Amtes enthoben. Die Lehren der Sekte in Knutby sind denen des Wort des Lebens sehr ähnlich und zumindest zwei der Pastoren haben die Bibelschule des Wort des Lebens besucht. In der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Frau, welche den Mord gestanden hatte, sind die Psychiater verschiedener Meinung, ob sie an einer psychiatrischen Krankheit leidet oder nicht. Wir wissen das Ergebnis noch nicht. 1

Schlußfolgerung

Schwere und oft langdauernde psychiatrische Probleme wurden bei ehemaligen Studenten der Bibelschule des Wort des Lebens festgestellt. Fast die Hälfte der 43 interviewten Personen hatten an psychoseähnlichen Symptomen gelitten und eine von vier hatte versucht, sich zu töten. In Schweden herrscht Bedarf an einem Kompetenzzentrum, in dem die Erfahrungen mit Sektenproblemen mit normaler psychiatrischer Behandlung kombiniert werden können. Diesem Zentrum sollte eine Rehabilitationseinheit ähnlich der von Wellspring in den USA angeschlossen werden.

Wir brauchen auch eine neue Gesetzgebung, welche den Bedarf und die Behandlung der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt und uns die Möglichkeit gibt, Kinder vor ungesundem Einfluß manipulativer Gruppen zu schützen. Auf diese Weise wäre es auch möglich, Leute gerichtlich zu belangen, die Mitgliedern in einem destruktiven Kult schwere psychologische Leiden zugefügt haben.

Tabelle 1

Neue psychiatrische Symptome bei ehemaligen Bibelschulstudenten (N = 43)

 

Anzahl / Prozent

Angst, insbesondere Panikattacken

40 (93 %)

Albträume, Schlafstörungen

37 (86 %)

Gefühl, den Verstand zu verlieren

33 (77 %)

Gefühl der Leere

38 (88 %)

Konzentrationsschwierigkeiten

32 (75 %)

Gefühl des Identitätsverlusts

26 (60 %)

Schwierigkeit, Gefühle zu handhaben

39 (91 %)

Schwierigkeit, Entscheidungen zu fällen

32 (74 %)

Schuldgefühle

40 (93 %)

Schwierigkeiten bei sozialen Kontakten

31 (72 %)

Regression

15 (35 %)

Psychosomatische Symptome

27 (63 %)

Selbstmordgedanken

27 (63 %)

Selbstmordversuche

10 (23 %)

Psychoseähnliche Symptome

20 (47 %)

Tabelle 2

Psychiatrische Behandlung ehemaliger Bibelschulstudenten (N = 43)

 

Vor der Bibelschule

Nach der Bibelschule

 

Anzahl / Prozent

Anzahl / Prozent

Kontakt mit einem Psychiater

7 (16 %)

27 (63 %)

Behandlung in psychiatrischer Klinik oder mentalem Krankenhaus

1 (2 %)

11 (26 %)

Tabelle 3

Länge des Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik (Krankenhaus) ehemaliger Bibelschulstudenten (11 Studenten erhielten Behandlung)

Länge des Aufenthalts

Anzahl

Weniger als eine Woche

1

1 4 Wochen

4

1 3 Monate

2

Mehr als drei Monate

4

Tabelle 4

Krankschreibung wegen Sektenproblemen ehemaliger Bibelschulstudenten
(24 von 43 Interviewten (56 %) benötigten Krankschreibung)

Dauer des Krankenstands

Anzahl

Weniger als zwei Monate

9

2 6 Monate

7

6 12 Monate

3

Mehr als 12 Monate

5

Marseille, März 2004

Anmerkung:

1 Im Zuge des Gerichtsverfahrens stellte sich heraus, daß der Pastor die psychisch gestörte junge Frau massiv beeinflußt und ihr den Befehl zum Töten gegeben hatte. Außerdem wurde er verdächtigt, schon 1999 am Tod seiner ersten Frau mitbeteiligt gewesen zu sein, was das Gericht jedoch nicht als gesichert ansah. Er wurde am 30. August 2004 zu lebenslänglicher Strafe verurteilt, die Mörderin in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen. Das Urteil war zunächst nicht rechtskräftig, da beide Seiten berufen haben: Der Verteidiger des Pastors, weil das Urteil hauptsächlich auf den Aussagen einer psychisch Kranken beruhe, die Staatsanwältin wegen der Nichtberücksichtigung von Umständen beim Tod der ersten Frau. Erst am 12. November 2004 wurde des ursprüngliche Urteil vom Berufungsgericht bestätigt.