ABSTRACT

VEREINIGTES KÖNIGREICH

Edzard ERNST

- Professor, Inhaber des Lehrstuhls für komplementäre Medizin an der Peninsula Medical School,
- Universitäten von Exeter und Plymouth.

Inwiefern ist komplementäre Medizin sektiererisch ?

Wenn die komplementäre Medizin (KM) so unumgänglich geworden ist, dann ist es wohl ihrer Popularität zu verdanken. In den hoch entwickelten Ländern nimmt 25 bis 75 % der Gesamtbevölkerung irgendeine Form der KM in Anspruch. Sie lässt sich definieren als

"eine Diagnose, eine Behandlung und/oder eine Prävention, die einen Zusatz zur konventionellen Medizin bildet, indem sie zu einem gemeinsamen Ganzen beiträgt, einer durch die konventionelle Medizin nicht befriedigten Nachfrage entspricht, oder außerdem die noch die konzeptuellen Rahmen der Medizin diversifiziert "1.

Alle statistische Daten stimmen miteinander darin überein, dass die meisten Personen, die die KM in Anspruch nehmen, wohlhabende und diplomierte Frauen mittleren Alters sind. Das Gebiet der KM ist in gewisser Hinsicht mit dem verbunden, was man als Sektierertum betrachten könnte. Sie unterscheidet sich von der konventionellen Medizin auf mehrere Weisen, vor allem dadurch, dass sie die Wissenschaft als Werkzeug für die Abschätzung ihrer Eingriffe ablehnt. Ihre Verachtung für wichtige Konzepte der Pathophysiologie und ihre Zustimmung für eine spezifische Menge von Unterricht und Praktiken lassen sie ketzerisch erscheinen. Sie kann auch als geistlich qualifiziert werden: sie versucht nämlich Kenntnis durch Glauben zu ersetzen, indem sie durchaus verschiedenen Doktrinen den Vorrang gibt, die nicht in Richtung der konventionellen Medizin gehen. Bestimmte Zweige der KM, die kleinkarierte und parteiische Meinungen vertreten, entsprechen ganz genau der Definition einer Sekte. In bestimmten Gebieten (wie z.B. Chiropraktik) haben diese Haltungen in den letzten Jahren allem Anschein nach an Boden gewonnen. In anderen Bereichen (wie zum Beispiel Pflanzenheilkunde) gehen sie zurück und machen den Weg frei für die sachbezogene Medizin, die im Prinzip auf die komplementäre Medizin 2 angewandt werden kann.

Literaturhinweise.
1 Ernst E. et al. Complementary medicine - a definition. Br J Gen Pract 1995; 45: 506.
2 Ernst E., Pittler M.H., Stevinson C., White A.R. The desktop guide to complementary and alternative medicine. Edinburgh; Mosby. 2001.